Ernst-Günther Tietze:
"
Mein Herz, ich will Dich fragen", Leseproben

© Copyright 2012 Ernst-Günther Tietze





Friedrich Halm hat in einem romantischen Gedicht die Liebe beschrieben: 

 Mein Herz, ich will Dich fragen:

Was ist die Liebe? sag’!

Zwei Seelen, ein Gedanke,

Zwei Herzen und ein Schlag!

Und sprich, woher kommt Liebe?

Sie kommt nicht, sie ist da!

Und sag‘ wie schwindet Liebe?

Die war’s nicht, der’s geschah!

Und was ist reine Liebe?

Die ihrer selbst vergisst!

Und wann ist Lieb‘ am tiefsten?

Wenn sie am stillsten ist!

Und wann ist Lieb‘ am reichsten?

Reich ist sie, wenn sie gibt!

Und sag wie redet Liebe?

Sie redet nicht, sie liebt!  

 Dieses Buch untersucht an Hand von Beispielen die Wahrheit hinter diesen Versen.

 

 

Aus Kapitel "Mein Herz, ich will dich fragen, was ist die Liebe sag"      Literaturverzeichnis

Hier geht es um die erotisch gefärbte Liebe zwischen Mann und Frau. Im Tierreich ist sie rein sexuell bestimmt und dient nur der Erhaltung der Art. Erst die Menschen haben das tiefe seelische Erleben der Liebe als ein wundervolles Geschenk entwickelt. Wer hat es noch nicht gefühlt, das innige hingezogen sein zu einem anderen Menschen, die Schmetterlinge im Bauch, wenn man nur an ihn denkt, und erst recht, wenn eine Begegnung mit ihm bevor steht?

Das Hohelied Salomos sagt: „Liebe ist stark wie der Tod, ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, dass auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken.“

Nur in dieser erotischen Liebe (griechisch eros) finden Männer und Frauen zueinander und wissen zuerst oft gar nicht, was ihnen geschieht. Nach der griechischen Mythologie hat sie der Liebesgott Eros, den die Römer später Amor genannt haben, mit seinem Pfeil getroffen. Heute ist bekannt, dass der Pfeil des Eros aus einem Hormoncocktail besteht, der beim Anblick einer die Sinne reizenden Person ausgeschüttet wird. Daneben übermitteln Pheromone in der gesamten Tierwelt, also auch beim Menschen, sexuell anregende Signale.

Doch das ist nur die erste Phase der Liebe, zwar die aufregendste, doch noch keine richtige Liebe, sondern nur „verliebt sein“. Man glaubt schon, sich vollständig zu kennen, den Partner fürs Leben gefunden zu haben. Aber man kennt sich noch lange nicht und sollte deshalb mit der ganz innigen körperlichen Vereinigung sehr zurückhaltend sein.

Wenn der Sturm der ersten Leidenschaft sich gelegt hat, beginnt die zweite Phase, der Übergang vom „verliebt sein“ zur richtigen Liebe. Das ist ein langer Prozess der Prüfung, auch Selbstprüfung mit Fragen, kritischen Betrachtungen und Zweifeln. Hier muss man absolut ehrlich sein, vor allem mit sich selbst, auch auf die Gefahr hin, dass der Kopf das Gefühl nicht bestätigt. Eine glückliche Gemeinschaft bekommt man nicht zum Nulltarif auf dem Silbertablett serviert. Erst wenn man ganz sicher ist, dass der geliebte Mensch für eine lebenslange Gemeinschaft genau der Richtige ist, darf man „ja“ zu der Partnerschaft mit ihm sagen, sich die Liebe, auch die körperliche, gestatten.

Danach kann die dritte, schwierigste Phase beginnen, das miteinander leben, wo die Liebe die Probleme des Alltags überwinden muss. Die Gemeinschaft wird fester, sie umfasst Leib, Seele und Geist. Man lernt sich immer besser kennen und nicht nur die Gemeinsamkeiten werden deutlicher, sondern auch die Unterschiede. Da gilt es, nicht zu resignieren, sondern zu kämpfen im guten Sinne. Sich verständigen, aber nicht klein beigeben oder auf dem Eigenen beharren. Das ist nicht einfach. Es entstehen Missverständnisse, unbeabsichtigte Kränkungen, auch das Gefühl von unverstanden sein. Nur tiefe Liebe kann das alles überwinden, und verzeihen ist ein Muss in der Gemeinschaft.

Aus Kapitel "Und sprich, woher kommt Liebe? Sie kommt nicht, sie ist da!"

David hat sich eine Geschichte ausgedacht, dass seine Scheckkarte manchmal nicht funktioniert. Sonja lässt sich die Karte geben und steckt sie in den Leser, dann gibt sie ihm das Gerät zur Pin-Eingabe. Problemlos kann sie seine Daten aufrufen. Als sie ihn anblickt, blitzt ein Schalk in ihrem Gesicht auf. „Kann es sein, dass Ihre Karte gar nicht das Problem ist, sondern ich? Sie haben mich doch vorhin in der Bahn mit Ihren Blicken fast verschlungen und sind mir dann bis hierher gefolgt“, fragt sie freundlich lächelnd. David schießt das Blut ins Gesicht, er bekommt kein Wort heraus und würde am liebsten fort laufen.

„Das ist doch nicht schlimm, ich finde Sie ja auch ganz ok“, sagt Sonja beruhigend. Da findet David seine Sprache wieder: „Sie haben Recht“, stottert er zuerst noch etwas, dann hat er sich gefangen. „Ja, Sie haben mich in der Bahn derart beeindruckt, dass ich glaube, ich habe mich in Sie verliebt. Ich würde Sie gerne wieder sehen. Können wir uns vielleicht heute Abend irgendwo treffen?“ „Mit dem Begriff ‚verlieben’ sollte man etwas vorsichtig sein“, meint Sonja, „was halten Sie denn von dem Coffeeshop da drüben?“ „Kommt drauf an, wann“, antwortet David, „ich habe erst um 18 Uhr Feierabend.“ „Kein Problem, heute am Donnerstag arbeiten wir ebenso lange. Können Sie gegen 18:15 dort sein?“ „Ja gerne, bis dann, ich freue mich“, ruft David fast, dann muss er sehen, dass er wieder zur Arbeit kommt.

„Der Junge ist wirklich nicht schlecht“, denkt Sonja, als sie zum Mittag geht, „obwohl ich ihm den Begriff ausgeredet habe, bin ich vielleicht auch schon ein bisschen verliebt.“

Nach ihrem Feierabend sitzen die beiden fast eine Stunde im Coffeeshop bei Kaffee und Kuchen und erzählen sich, wie sie leben und was sie tun. David hat nach dem Abitur eine Goldschmiedelehre beendet und Julia, die nur ein Jahr jünger ist, eine Ausbildung zur Bankkauffrau. Er wohnt noch bei den Eltern, sie hat schon eine kleine Wohnung. Sonja ist beeindruckt von Davids Beruf als Goldschmied und dass er einen Meisterkurs besuchen will. David findet es gut, dass Sonja aufgrund ihrer guten Ausbildungsergebnisse schon verantwortlich für das Kundengeschäft ist. Sie bittet um Davids Telefonnummer und gibt ihm auch ihre. Als sie die Rechnung fordern, legt Sonja Wert darauf, für sich selber zu zahlen. Sie verabreden, am Wochenende in der Diskothek „Bolero“ tanzen zu gehen und gehen gemeinsam zur U-Bahn. David hätte Sonja gerne geküsst, als er aussteigen muss, will sie aber nicht verschrecken. So gibt er ihr nur die Hand, doch sie legt die linke noch dazu und drückte seine Hand kräftig. „Es ist nett mit dir“, sagt sie leise, und drückt ihm einen Schmatz auf die Wange, bisher waren sie beim „Sie“ geblieben. „Ich mag dich auch“, kann David nur antworten, dann schließen sich die Türen.

Beide können lange nicht einschlafen und denken über diese Romanze nach, die so plötzlich in ihr Leben getreten ist. So ganz anders als die bisherigen Kontakte mit dem anderen Geschlecht ist diese Begegnung beiden erschienen. Sonja hat noch nie einen derart zurück haltenden Jungen getroffen und David kein Mädchen, das zu stolz ist, sich beim ersten Treffen einladen zu lassen. Aber beide wissen, dass sie diesen Kontakt bewahren und ausbauen wollen.

Samstag treffen sie sich im „Bolero“ und tanzen ausdauernd miteinander. Beide stellen erfreut fest, dass der andere ein guter Tänzer ist. Mit dem Alkohol sind sie vorsichtig, nur zur Begrüßung trinken sie eine Cola mit Rum, danach nur noch Bionade. Gegen Mitternacht fühlt Sonja sich müde und David ordert die Rechnung. Jetzt ist Sonja einverstanden, dass er zahlt, besteht aber darauf, beim nächsten Treffen dran zu sein. David bringt sie nach Hause und als er ihr vor der Haustür die Hand gibt, sieht er, dass sie auf seinen Mund blickt. Diese Botschaft kennt er, nimmt sie in den Arm und drückt den Mund auf ihre weichen Lippen. Sonja genießt diese Berührung offensichtlich, doch nun will David mehr und streichelt ihre Lippen mit der Zungenspitze, bis sie sie öffnet. Sie nimmt das Spiel auf und die Zungen erkunden sich gegenseitig, während sie sich eng aneinander drücken. Sonja atmet immer heftiger, bis sie zwischen ihren Körpern auch seine Erregung fühlt. Da kommt sie zur Besinnung und verschwindet mit dem Ausruf: „Wir sind ja verrückt!“, im Haus.

David denkt er auf dem Heimweg, es sei eigentlich ganz gut gelaufen und beschließt, Sonja erst mal näher kennen zu lernen. Deshalb schickt er ihr am nächsten Tag eine SMS, in der er ihr für den netten Abend dankt und bittet, sie einmal wieder treffen zu können. Sie antwortet, er solle sie doch am nächsten Donnerstag nach Feierabend von der Bank abholen.

So ähnlich beginnen alle Liebesbegegnungen zwischen kultivierten jungen Menschen. Folgt man der Verszeile über diesem Kapitel, ist die Liebe einfach da. Doch ist das schon Liebe? Obwohl die beiden davon überzeugt sind, haben sie bei der ersten Begegnung in der Bank nur den Begriff verliebt benutzt. Das Suchen nach einem liebenswerten Menschen, das Werben um ihn, wenn er unseren Weg kreuzt, ist eine aufregende Zeit, die das Gefühlsleben völlig durcheinander bringt. Was die beiden erleben, ist aber noch lange keine echte Liebe, sondern nur eine momentane Verliebtheit, aus der nicht immer Liebe werden muss. In dieser Phase ist es noch möglich, den Verstand einzusetzen und zu prüfen, das Objekt der Verliebtheit ein wertvolles Objekt für die Liebe ist. Dabei besteht die Gefahr, dass man es durch die rosarote Brille betrachtet, es so sieht, wie man es sehen möchte und nicht, wie es wirklich ist. Selbst Tiere nutzen so etwas wie den Verstand bei der Partnerwahl. Betrachtet man den Aufwand, den ein Vogelmännchen treiben muss, um die Gunst der Angebeteten zu erwerben, ist ganz klar, dass sie bei der Wahl des Partners den Verstand einsetzt.

Sonja war bei den leidenschaftlichen Küssen noch so weit bei Sinnen, dass sie im letzten Augenblick ihren Verstand gebrauchen konnte, denn ihr wurde klar, dass der nächste Schritt in ihr Bett führen würde. Für diesen Schritt war ihr David noch viel zu fremd. Sie hatte schon erfahren, dass One-night-stands keine gute Grundlage für eine tiefe und andauernde Liebe sind, eher das Gegenteil. Diesen Schritt wollte sie aber erst gehen, wenn auch ihr Verstand „ja“ zu einer engen und langen Gemeinschaft mit diesem jungen Mann sagen würde. Natürlich hat jede innige Verliebtheit das Ziel, in eine tiefe Liebe zu münden, denn jedes Lebewesen möchte nicht allein sein, es sucht das zweite Ich, mit dem es sich bedingungslos verbinden kann. Doch dafür ist es nötig, den Partner gut zu kennen und ihm zu vertrauen. Das will sie langsam mit ihm aufbauen.

David haben die leidenschaftlichen Küsse so sehr erregt, dass er ihr in ihre Wohnung gefolgt wäre, obwohl er noch gar nicht darauf aus war, mit ihr zu schlafen. Auch er braucht eigentlich eine längere Zeit des kennen Lernens, ehe er mit einer Frau intim werden kann. Deshalb ist er ihr für ihre Besonnenheit dankbar und schickt ihr am nächsten Tag die SMS, die das weitere kennen lernen ermöglicht.

Aus Kapitel "Zwei Seelen, ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag"

Der Student Stephan Hewel ist Freitag nach Braunlage zum Ski laufen gefahren. Über das Internet hat er bis Sonntag ein Zimmer gemietet und ist angenehm überrascht, als die Tochter der Wirtin ihn empfängt. „Ich heiße Barbara Schüssler, herzlich willkommen bei uns, meine Mutter kommt erst am Abend“, sagt sie mit warmer Stimme und zeigt ihm sein Zimmer. Verstohlen mustert Stephan die junge Frau, die etwa in seinem Alter sein muss. Sie hat lange blonde Haare mit einem Pferdeschwanz und ein hübsches Gesicht. 

Nachdem beide am nächsten Abend lange miteinander getanzt haben, schreibt Stephan ihr von zu Hause einen Brief:

Hamburg, den 27. 4. 2011,  Geliebte,
ich weiß gar nicht, wie ich Dir für diese wundervollen Tage danken soll. Du hast mir Deine Liebe geschenkt und ich bin sehr glücklich darüber.
Das ist für mich – und vielleicht auch für Dich – der schöne neue Anfang, den Du schon in Deinem ersten Brief verheißen hast. Und ich habe geantwortet, es möge zwischen uns eine Liebe wachsen, die das Leben überdauert. Jetzt fühle ich, dass diese Liebe schon ein großes Stück gewachsen ist, fühlst Du es auch?
Du hast am Freitag gesagt, Du könntest Dir ein gemeinsames Leben mit mir durchaus vorstellen, wenn. wir Vertrauen zueinander haben und uns dieses gemeinsame Leben ernsthaft versprechen. Ich vertraue Dir in jeder Beziehung und möchte gerne gemeinsam mit Dir leben. Was hältst Du davon, wenn wir Pfingsten unsere Verlobung bekannt geben? Sicherlich überfalle ich Dich mit dieser Idee; wenn es Dir noch zu früh ist, kann ich Dich vollkommen verstehen. Aber seit ich Dich im Januar gefunden habe, sehe ich eine strahlende Perspektive für mein Leben. So wie der Bursche in dem Gedicht wünsche ich mir Dein Wort „Nimm beide Augen und das Mädchen!“ Ich grüße Dich voller Liebe, Dein Stephan

Sind die Kirschen reif geworden, rot und reif die Kirschen worden. 
Niemand darf die Kirschen nehmen, als ein Bursche, als ein Mädchen.

Sagt der Bursche, sagt dem Mädchen,
Antlitz tief in Scham errötet:
„Deine Augen sind wie Sterne, ach, ein Leuchten deiner Augen!“

Sagt das Mädchen, sagt dem Burschen:
„Warum willst du nur das Leuchten?
Nimm die Augen, nimm sie beide, beide Augen und das Mädchen.“

Braunlage, den 1. 5. 2011,  Geliebter!
Voller Freude erwidere ich Deine Anrede, denn ich fühle Dich als ganz geliebten Menschen. Und danken musst Du mir doch nicht, denn Du hast mir doch genau so viel gegeben, wofür ich Dir von ganzem Herzen dankbar bin. Ich glaube, wenn wir danken, sollten wir es auch Gott gegenüber tun, der uns zusammen geführt hat.
Dank auch für Dein süßes Gedicht. Ich habe alle Gedichte aufbewahrt, du suchst sie immer so lieb aus. Ja, sage ich Dir von ganzem Herzen „Nimm meine beiden Augen und das Mädchen“, das ja, wie Du weißt, schon eine erfahrene Frau ist, wenn auch die Erfahrung schlimm war. Und weil ich sicher bin, dass wir zusammen gehören, freue ich mich über Deinen Vorschlag, zu Pfingsten unsere Verlobung bekannt zu geben. Ich habe mit meiner Mutter gesprochen, sie will eine kleine Feier für uns ausrichten.
Ich habe heute lange geschlafen, denn gestern haben wir die Walpurgisnacht gefeiert. Wir Frauen waren alle als Hexen verkleidet, leider waren unsere Besen nicht flugtauglich, so dass wir zum Tanzplatz laufen mussten. Mit den als Teufel verkleideten Männern haben wir an einem großen Feuer bis in den Morgen getanzt, aber ich habe mich von keinem küssen lassen, was einige gar nicht lustig fanden. Sie mussten’s halt leiden, denn Du bist doch der Einzige, der mich jetzt noch küssen darf.
So mein Lieber, der Abend ist schon wieder zu Ende, tags musste ich im Haus helfen, deshalb schließe ich erst mal. In tiefer Liebe grüße ich Dich von Herzen, Deine Barbara.

Wieder gehen viele Briefe und Mails zwischen den beiden Liebenden hin und her, bis Stephan am Freitag vor Pfingsten in Braunlage ankommt. Barbara holt ihn vom Bus ab und sie küssen sich, als ob sie sich viele Jahre nicht gesehen hätten.
Am Sonntag gibt die Mutter Barbara für den Tag frei. „An deinem Verlobungstag musst du nicht arbeiten“, sagt sie schmunzelnd. Da das Wetter gut ist, schlägt Barbara vor, noch vor dem Mittag im Oderstausee zu baden. Sie fahren mit Rädern am See entlang, bis sie eine einsame Stelle finden. „Ich glaube, hier können wir nackend baden“, meint Barbara, „das ist mir viel lieber.“ Stephan freut sich, jetzt kann er die Geliebte zum ersten Mal so sehen, wie Gott sie geschaffen hat. „Weißt du, dass du eine schöne Frau bist?“, sagt er bewundernd, worauf sie ganz verlegen ist, doch dann meint sie lachend: „Du siehst aber auch nicht schlecht aus“, und küsst ihn. Nach dem Bad umarmen sie sich beim Küssen, dann müssen sie sich beeilen, um nicht zu spät zum Essen zu kommen.
Nachmittags kommen schon ein paar Kollegen und Nachbarn zum Kaffee, Stephans Vater ist leider auf einer Dienstreise, doch er schickt ein hübsches Schmucktelegramm. Abends ist das Zimmer voll mit weiteren Gästen. „Wir sind hier halt in einem Dorf, wo jeder jeden kennt“, entschuldigt sich die Mutter. Bei einem Glas Sekt versprechen die beiden sich ein Leben miteinander. Heiraten wollen sie nach Stephans Diplom in etwa anderthalb Jahren. Als sie sich gegenseitig die Ringe aufsetzen, küssen sie sich herzlich und die Gäste klatschen begeistert Beifall. Die Feier geht bis in die Nacht weiter und als Stephan sich vor seinem Schlafraum von Barbara verabschieden will, drängt sie ihn hinein. „Heute am See habe ich deinen schönen Körper gefühlt, jetzt möchte ich noch ein bisschen mehr davon haben“, flüstert sie. Stephan denkt: „Eigentlich ist es noch ein bisschen früh, um miteinander zu schlafen, aber ich hätte nichts dagegen“, und antwortet erfreut: „Das geht mir doch ebenso.“ Doch Barbara will ihm nur ein wenig Liebe geben und schmiegt im Bett ihren warmen weichen Körper an ihn. Stephan genießt diese Berührung sehr, dabei fühlt er eine immer stärkere Erregung. Doch es ist so schön, dass er nicht aufhören kann. Als er Barbaras Brustspitzen küsst, ist sie von seiner Zärtlichkeit so sehr erfüllt, dass sie ihn behutsam streichelt, bis ihr sein Beben und Stöhnen sein Erleben zeigt. Stephan ist überwältigt von ihrem Liebesbeweis und legt seinen Kopf auf ihre Brust, wo er das Herz schlagen hört. So etwas hat er noch nie gehört, und nun ihr Herz, von dem er weiß, dass sie ihn darin bewahrt! Er hat das Gefühl, dass sein Herz im gleichen Takt schlägt. Mit vielen Küssen trennen sie sich nach langer Zeit.
Als die beiden sich am Montag am Bus verabschieden, sind die Abschiedsküsse kurz, sie haben genügend in anderer Weise getauscht.

Im Gegensatz zum ersten Beispiel haben Barbara und Stephan den Kick plötzlicher Verliebtheit weniger stark erlebt. Weil Stephan etwas für Barbara fühlte, als sie ihm in die Augen schaute, schrieb er ihr. Dann lernten sich die beiden in einem längeren Prozess mit vielen Briefen immer besser kennen und kamen sich näher, wobei der Verstand eine wesentliche Rolle gespielt hat. Als sie rückhaltlos zueinander „ja“ sagen konnten, waren sie in der Liebe angekommen.  
Liebende stellen immer wieder fest, dass sie zur selben Zeit das Gleiche denken. „Zwei Seelen, ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag!“ erlebten auch diese beiden, wenn sie das Gleiche dachten, und auch als sie fühlten, wie ihre Herzen im Gleichtakt schlugen.

Aus Kapitel "Und sag, wie redet Liebe? Sie redet nicht, sie liebt!"                 
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Literaturverzeichnis           

Zwischen Liebenden gibt es immer wieder Momente des stillen Verstehens, in denen jedes Wort zu viel wäre und die Verszeile stimmt „Liebe redet nicht, sie liebt“:

-       Wenn der frisch Verliebte sich nicht traut, die Freundin zu küssen und sie ihm auf den Mund blickt, um ihm zu bedeuten, dass sie es auch möchte.
-       Im Kuss ist jedes Wort nicht nur überflüssig, sondern schlichtweg unmöglich.
-       Wenn ein Partner Kummer hat und der andere ihn in den Arm nimmt und ihm über das Haar streicht.
-       Wenn im Moment der innigsten Einheit aus den beiden Liebenden ein Körper und ein Gefühl wird.
-       Wenn beide Eltern glücklich ihr neu geborenes Kind anschauen.

Doch in jeder Liebe sind Worte unverzichtbar, um die Liebe zu bestätigen. Erst mit dem Geständnis: „Ich liebe dich“, beginnt doch eine Liebesbeziehung und diese Worte sind die wichtigste Rede, mit denen sie immer wieder untermauert werden sollte. Die Liebe zwischen Stephan und Barbara im vorigen Kapitel wäre ohne stetige mündliche und schriftliche Kommunikation gar nicht zustande gekommen.

Für das nächste Szenario gibt es mehrere mögliche Lösungen:

-     Problem:

Andreas und Claudia Hanselmann sind seit 15 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder. Andreas hat die zweite Führungsebene einer Bank erreicht, Claudia ist nach der Geburt des ersten Kindes zu Hause geblieben und besorgt den Haushalt in ihrem komfortablen Einfamilienhaus. Mit Frauen aus der Nachbarschaft trifft sie sich regelmäßig zu Kaffeenachmittagen und Geburtstagsfeiern, zweimal in der Woche spielt sie Tennis. Im Theater oder Konzert waren die Eheleute schon seit Jahren nicht mehr. Da Andreas eine Chance sieht, in den Vorstand aufzurücken, arbeitet er noch lange nach Feierabend. Dazu kommt, dass Claudia ihn mit den Erzählungen aus der Nachbarschaft langweilt, wenn sie sich gelegentlich am späten Abend zu Hause sehen. Doch meist schläft sie schon, wenn er kommt. Abschied und Begrüßung sind schon lange auf einen Pflichtkuss reduziert, wenn sie sich überhaupt sehen. Ihr Liebesleben ist ziemlich ausgetrocknet, kaum einmal im Monat finden sie am Wochenende zueinander, wobei die Initiative stets von Claudia ausgeht. Sie hat Ihren Mann im Verdacht, sie zu betrügen, dabei ist er nur ein Workaholic ohne andere Interessen als seine Karriere. Nur über den Erfolg der Kinder in der Schule sprechen sie manchmal, wenn es nötig ist. Claudia ist im Elternrat.

-     Lösung 1:

Claudia sieht ihren Mann als den stärkeren Partner in der Ehe an und traut sich nicht, ihm ihr Problem zu sagen. Ihre Lebensumstände sind ja recht ordentlich, nur in der Sexualität fühlt sie sich in keiner Weise erfüllt. Sie freundet sich mit ihrem Tennislehrer an und schläft regelmäßig mit ihm. Zu Hause spielt sie weiter die treu sorgende Ehefrau, wenn Andreas mal da ist. Nur im Urlaub erfüllt sie manchmal noch ihre ehelichen Pflichten und denkt dabei an den Tennislehrer. Irgendwann genügt ihr auch dieses Leben nicht mehr und als die Kinder das Abitur haben, reicht sie die Scheidung ein, sie ist ja auch danach nicht schlecht versorgt.

-     Lösung 2:

Claudia sieht ihren Mann zwar als den stärkeren Partner in der Ehe an, ist aber mit dem Leben nicht glücklich. Eines Sontags beim Frühstück fasst sie sich ein Herz und fragt ihn: „Sag mal, ist es nicht schön für dich, bei mir zu sein?“ „Ja sicher, warum fragst du?“ „Weil du so wenig Zeit für mich hast. Du kommst jeden Abend sehr spät heim, sprichst kaum mit mir und bist an nichts interessiert. Liebst du mich nicht mehr, oder ist da noch eine andere Frau im Spiel?“
Andreas ist verärgert, weil Claudia ihm ein außereheliches Verhältnis zutraut. Wütend springt er auf und brüllt: Nein, da ist keine andere Frau! Du solltest endlich mal akzeptieren, dass ich für dich arbeite, um damit deinen aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Du brauchst ständig neue Sachen, du spielst Tennis, dir ist unsere Einrichtung immer noch nicht komfortabel genug, du willst teure Urlaubsreisen machen. Mit dem, was ich verdiene, kommen wir gerade über die Runden, denn die Kinder brauchen für ihre Hobbies auch viel Geld. Ich muss unbedingt in den Vorstand kommen, damit wir etwas zurück legen können.“
Claudia ist durch diesen Ausbruch so verängstigt, dass sie nichts weiter sagt. Doch die beiden leben sich noch weiter auseinander, als Andreas in den Vorstand gelangt, und streiten sich häufig. Keiner von beiden denkt an ein außereheliches Verhältnis, dazu sind sie zu moralisch erzogen. Auch eine Trennung kommt für keinen in Frage. Als die Kinder aus dem Hause sind, gibt es kaum noch eine Kommunikation zwischen ihnen. Erst als Andreas mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt, blüht Claudia auf und findet nach einer Weile einen liebevollen Partner.

-     Lösung 3:

Eines Sonntags früh nach einer sehr innigen Begegnung, die Claudia und anscheinend auch Andreas sehr genossen haben, fasst sie sich ein Herz und fragt ihn: „Sag mal, war das eben nicht schön für dich?“ „Ja sicher, warum fragst du?“
„Weil du so wenig Zeit für mich hast. Du kommst jeden Abend sehr spät heim, sprichst kaum mit mir, bist an nichts interessiert und selbst zu dem, was wir eben gemacht haben, muss ich dich verführen. Selten genug gelingt mir das. Liebst du mich nicht mehr, oder ist da außer mir noch eine andere Frau im Spiel?“ Andreas bekommt einen mächtigen Schreck. Ihm ist gar nicht klar, wie sehr er seine Frau vernachlässigt. „Ich arbeite doch für uns“, stottert er, „ich will doch in den Vorstand kommen, um besser zu verdienen und dir dann mehr bieten zu können.“ „Sag‘ mal, du hast wohl alle Maßstäbe verloren!“, ruft Claudia, dann besinnt sie sich und spricht normal weiter: „Wir haben ein großes schuldenfreies Haus und zwei Autos, die Kinder sind ganz ordentlich im Gymnasium und haben teure Hobbies, wir können uns gut kleiden und haben immer gut zu essen, ich kann zweimal die Woche Tennis spielen, wir fahren im Sommer und Winter komfortabel in Urlaub, was willst du denn noch mehr? Ich glaube, es ist viel mehr dein Ehrgeiz, der dich mit dem Vorstand liebäugeln lässt, und damit vernachlässigst du mich und unsere Gemeinschaft. Ich will nicht mehr haben, sondern dich zurück, weil ich dich liebe. Begreif‘ das doch bitte.“
Andreas springt aus dem Bett und geht im Bad unter die Dusche. Diese Worte muss er erst einmal verdauen. Nach einer ganzen Weile kommt er ins Bett zurück, in dem Claudia besorgt wartet. „Du könntest Recht haben“, sagt er dann nachdenklich, „ich habe nur noch die Karriere gesehen. Ich kann in dieser Position aber nicht plötzlich den Kurs um 180 Grad drehen. Deshalb werde ich mich nach einer andern Stelle umsehen, die mir mehr Zeit für dich und für euch lässt. Lass mir ein bisschen Zeit, aber pass auf, dass ich mich nicht wieder in der Arbeit verliere. Ich liebe dich doch auch immer noch, wenn es dir auch nicht so scheint.“ Nach drei Monaten hat Andreas eine leitende Position in einer kleineren Bank, die ihm mehr Zeit für die Familie lässt. Mit 60 Jahren lässt er sich unter Verzicht auf die volle Rente pensionieren, die Betriebspension kompensiert den Verlust. Gelegentlich arbeitet er ein paar Stunden freiberuflich in seinem alten Metier. Die beiden unternehmen gemeinsam lange und schöne Reisen. Als Andreas 15 Jahre später an einem Herzinfarkt stirbt, ist Claudia froh, dass er ihr noch diese lange Zeit miteinander geschenkt hat.

Drei verschiedene Lösungen zeigen, dass nur mit offenem Reden und geduldigem Zuhören Probleme zwischen Partnern in einer Weise gelöst werden können, die beide befriedigt. Zum Reden ist Mut notwendig. Bei Lösung 1 fehlt er, deshalb geht sie völlig schief. Doch der Mut muss auch das mögliche Scheitern des Gesprächs und das Verschlechtern der Beziehung vorsehen, wie in Lösung 2. Bei verständigen Partnern, die noch aufeinander hören, besteht aber immer die Möglichkeit einer Einigung wie in Lösung 3. Wo noch ein genügendes Maß an Liebe vorhanden ist, sollte die Hoffnung auf diese Lösung immer ein Gespräch zu einem geeigneten Zeitpunkt eröffnen. Liebe, die nicht redet, ist zum Scheitern verurteilt.

Aus Kapitel "Und wann ist Lieb' am reichsten? Reich ist sie, wenn sie gibt!"

Mitte Dezember hat Peter durch Leichtsinn einen Autounfall, bei dem sein linker Fuß eingeklemmt wird. Die Feuerwehr bringt ihn ins Krankenhaus. Auf dem Wagen vor dem Operationssaal wird ihm klar, dass er nie wieder richtig laufen kann. Wird Maria ihn als Krüppel akzeptieren? Eine furchtbare Ungewissheit kommt über ihn. Soll er auch dieses wunderbare Mädchen wieder verlieren? Verzweiflung übermannt ihn, er beginnt zu weinen. „Warum weinen Sie?“, fragt eine Schwester. Da kommt noch einmal die Entschlossenheit in ihm hoch: Niemand soll wissen, dass er an Marias Liebe zweifelt. „Nur so“, antwortet er und bittet sie, Maria über den Unfall und seinen Zustand zu informieren und um ihr Kommen zu bitten. Wenn sie noch wolle, könnten sie ja die Verlobung im Krankenhaus feiern. Noch am selben Abend informiert die Schwester in einer Mail Maria über seine Bitte.
Auch am nächsten Morgen quälen Peter schwere Vorwürfe über seinen Leichtsinn, mit dem er sein und auch Marias weiteres Leben so schwer gemacht hat. Auch ihr Leben? Wird sie ihn denn überhaupt noch wollen in diesem Zustand? Und was wird er tun, wenn sie sich von ihm abwendet? Nein, das kann er nicht glauben, so liebevoll, wie sie immer zu ihm gewesen ist. Ganz allmählich wird er etwas ruhiger und bittet Gott, nicht alles vorbei sein zu lassen. Heute hat er nicht die Kraft dazu, doch gleich morgen will er an Maria schreiben.
Und dann kommt mittags ein Telegramm. Als er es mit zitternden Händen aufreißt, geht in seinem Herzen die Sonne auf. Diese sechs Worte auf dem Tickerstreifen heben endgültig jenes andere, furchtbare Telegramm auf, das ihm vor zweieinhalb Jahren Dietlinds Tod verkündet hat:

= SEI TAPFER KOMME SONNABEND = KUSS MARIA +

Am nächsten Morgen bekommt er dann ihren Brief:

München, den 18. 12. 11,  Mein lieber Peter!
... Nun hattest Du schon bis Weihnachten alles geplant, Deine Arbeit eingeteilt und jetzt musst Du doch alles liegen lassen und abbrechen. Siehst Du, der Mensch denkt und Gott lenkt. Es fällt Dir sicher nicht leicht, ruhig dort zu liegen und nicht heraus zu können. Aber halte die Ohren steif und verzage nicht, es wird auch wieder anders werden. Ich halte immer zu Dir, das weißt Du doch, was auch kommt. Krankheit und Sorgen sollen unsere Liebe nicht beeinträchtigen, sondern festigen. Wenn wir nur füreinander da sein können, die Gewissheit gibt mir, genau wie Dir, unendlich viel. Freu‘ Dich auf Sonnabend, da komme ich zu Dir für zehn Tage, bis Neujahr. Unserer Verlobung steht auch kein Krankenhaus im Wege....
So, mein Guter, sei fein tapfer und behalte mich lieb. Es küsst Dich herzlichst Deine Maria

Statt Silvester in München in die Verlobung hinein zu feiern, bekommen die beiden Neujahr Vormittag einen eigenen Raum, in den Peters Bett geschoben wird. Die Eltern und viele Freunde sind gekommen und gratulieren herzlich, als die beiden sich ein Leben miteinander versprechen, gegenseitig die Ringe aufsetzen und sich herzlich küssen. Die in München geplante Feier hätte nicht schöner sein können.
Zwei Wochen später teilt der Arzt Peter nach genauer Untersuchung mit, dass die halbe verbliebene Schlagader seinen Fuß nicht versorge, er müsse amputiert werden. Das ist für sie beide eine so entscheidende Entwicklung, dass er Maria anruft, um sie zu informieren. Sie ist gar nicht schockiert, sondern tröstet ihn, das sei doch viel besser, als mit einem kaputten Fuß zu leben, der nie richtig zu gebrauchen sei. Ihre Worte beruhigen ihn ungemein, denn wieder sieht er: Was auch geschieht, sie wird ihn lieben und zu ihm stehen. Über das Wochenende kann Peter darüber nachdenken, und immer mehr findet er Marias Worte richtig. Mit ihrer Hilfe wird er das Leben auch mit einem Fuß meistern. Als Dank nimmt er sich fest vor, ihr nie damit zur Last zu fallen.
Montag ist es dann so weit. Als Peter nach der Operation wieder einigermaßen denken kann, kommt ihm wie ein Keulenschlag zum Bewusstsein, dass er jetzt endgültig ein Krüppel ist, Zeit seines Lebens auf Hilfsmittel angewiesen, um überhaupt laufen zu können. Maria tut ihm Leid, dass er ihr dieses Leben mit ihm zumutet und er ist ihr unendlich dankbar, wie tapfer sie trotz allem zu ihm hält. Als sie anruft, ist es unwahrscheinlich schön, ihre Stimme zu hören und ihre Sorge um ihn zu spüren.
Am Wochenende besucht Maria Peter im Krankenhaus und ihr fallen Steine vom Herzen, als er sie im Krankenzimmer stehend begrüßt und sogar auf Krücken mit ihr vor die Tür gehen kann. Sie haben ein langes Gespräch über ihre gemeinsame Zukunft, die ja durch Peters Leichtsinn (er findet es großartig, dass Maria nie ein Wort in dieser Richtung sagt) mit vielen Fragezeichen behaftet ist. Es ist ein großer Trost für ihn, dass Maria in keiner Weise an dieser Zukunft zweifelt. Vollkommen sicher macht sie Peter klar, dass sie ihm bei allen Schwierigkeiten, die er vielleicht haben würde, unbedingt zur Seite stehen will. Das ist fast zu groß für ihn, und immer wieder muss er sie küssen, um ihr zu danken. Als Maria sich verabschieden muss, weiß Peter sich in ihrer Liebe vollkommen geborgen.
Seine Amputationswunde verheilt schnell und gut und nach einem Monat kann er schon mit einer Prothese laufen. Nach dem Ende seines Studiums heiraten die beiden, bekommen drei Kinder und führen ein liebevolles Leben miteinander. Sie fahren gemeinsam Rad, laufen Ski, schwimmen viel und segeln im Urlaub. Wie Peter sich vorgenommen hat, fällt er Maria niemals mit seiner Behinderung zur Last. Doch er ist sicher, dass sie ihm auch beistehen würde, wenn er damit nicht so gut fertig würde.

Marias Liebe war reich, weil sie sich Peter im Moment der Verzweiflung voll gegeben hat, ohne Furcht, dass seine Behinderung auch Nachteile für sie mit sich bringen könnte. Nur durch ihre Liebe baute sie nach dem Unfall sein Selbstvertrauen wieder auf und schenkte ihm das Bewusstsein, mit der Behinderung ausreichend gut leben zu können.

Aus Kapitel "Und wann ist Lieb' am tiefsten? Wenn sie am stillsten ist!"

Karin Elsner und Wolfgang Faber haben sich vor einem Jahr kennen gelernt und allmählich ist eine tiefe Liebe zwischen ihnen gewachsen. In diesem Jahr machen sie zum ersten Mal gemeinsam Urlaub im Elsass, um dort zu wandern. Zuerst besuchen sie Neuwiller-les-Saverne, ein Dorf zwischen Berg und Rheinebene Sie wollen die interessante Kirche und die nahe Hünenburg besichtigen. Im Hôtel du Herrenstein verlangen sie zwei Einzelzimmer. Die Wirtin bietet ihnen ein Doppelzimmer, da sie nicht genug einzelne Betten habe. „Auch gut“, denkt Wolfgang. Als er Karin anschaut, sieht er ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie nickt zustimmend. Nach dem Abendessen schlendern die beiden noch ein wenig durch den Ort. Die Menschen sitzen auf den Stufen der Häuser beisammen und klönen. Das ganze Dorf ist wie von einem Summen erfüllt und atmet trotzdem tiefen Frieden.

Dann im Zimmer kann Wolfgang seine Aufregung kaum verbergen. Beide wissen, dass diese Nacht ihnen die Erfüllung ihrer langen Sehnsucht nach vollständiger Vereinigung bringen wird. Bisher haben sie zwar schon die Reaktionen ihrer Körper intensiv erkundet, sich das Letzte aber noch bewahrt. Karin ist viel ruhiger, als sie zu Wolfgang unter die Decke schlüpft, doch als sie ihn aktiv streicheln will, hält er ihre Hand zurück. „Liebste“, flüstert er und streicht zärtlich über ihre Scham, „du hast mir diese Liebe schon oft erwiesen, doch heute können wir uns ganz finden, wenn du es auch willst. Du weißt, ich werde dir nie etwas gegen deinen Willen tun.“ Sie tut einen kleinen Seufzer und antwortet lächelnd: „Ich will es doch auch schon lange!“. Dann fühlt er zum ersten Mal, wie ihre wunderbare Wärme ihn umfängt. Sie klammert sich fest an ihn. Einen derartigen Höhepunkt hat sie noch nie erlebt und ist dem Geliebten dankbar dafür. Danach streicheln und küssen sich wie unersättlich.

Seit Karins Zustimmung haben die beiden kein Wort mehr gesprochen. Wenn zwei sich ganz nahe sind in großer Liebe, bedarf es keiner Worte. Denn sie fühlten beide das Gleiche, weil sie nicht mehr zwei Wesen sind, sondern eines. Kein Dichter hat das Wunder der körperlichen Gemeinschaft Liebender so wunderbar beschrieben wie Jesus: „Und sie werden sein ein Fleisch“. Glücklich schlafen die beiden nach einer Weile miteinander ein, denn der Tag hat sie ermüdet.

Wenn auch Liebe normalerweise immer viel reden muss, um sie aufzubauen und aufrecht zu erhalten, gibt es doch einen Augenblick des tiefen Schweigens zwischen den Liebenden, wenn die höchste Erregung sie überwältigt. Wie eine alte Legende besagt, sind Mann und Frau zwei unvollständigen Wesen, die in diesem Augenblick zu einem einzigen verschmelzen. In der Bibel wird diese Vereinigung umschrieben: „Sie erkennen einander.“ Wenn sie nach diesem Erkennen wieder miteinander reden, hat sich das Verhältnis zwischen ihnen grundlegend geändert, ihre Herzen haben für einen Moment im gleichen Takt geschlagen. Falls sie sich doch einmal trennen sollten, wird jeder von ihnen Herzblut vergießen, weil er diese Stunde nie vergessen kann.

Aus Kapitel "Und was ist reine Liebe? Die ihrer selbst vergisst!"

Holger Meyns und Britta Ludwig leben seit zwei Jahren zusammen und lieben sich sehr. Holger hat sich beim Skilaufen das rechte Knie verletzt und hat einen Gips über das ganze Bein, so dass er nur mit Krücken laufen kann. Als sie abends am Kanal spazieren gehen, stolpert Britta und rutscht über die steile Böschung ins Wasser. Holger weiß, dass sie nicht schwimmen kann. Er möchte gerne hinterher springen und sie retten. Doch kann er mit dem Gipsbein schwimmen? Es ist sehr gut möglich, dass er untergeht, statt ihr zu helfen. Britta planscht wie wild im Wasser umher und schreit, Holger solle ihr helfen. Er ruft über sein Handy die Feuerwehr an und sieht in der Nähe einen Rettungsring. Den wirft er zu Britta hinunter und versucht, sie zu beruhigen, wenn sie manchmal mit dem Kopf aus dem Wasser kommt. Schließlich sieht sie den Ring und kann sich daran festhalten. Nach 10 Minuten ist die Feuerwehr da und zieht Britta aus dem Wasser. Britta beschimpft Holger, ob er sie ertrinken lassen wollte. Erst als die Feuerwehrleute ihr bestätigen, dass Holger mit dem Gipsbein unmöglich hätte schwimmen können und sie beide ertrunken wären, beruhigt sie sich und sieht ein, dass er das einzig Richtige getan hat. Die Feuerwehr bringt Britta wegen möglicher Unterkühlung ins Krankenhaus, Holger kann mitfahren. Doch die Ärzte stellen keinen Schaden fest und entlassen sie. Abends sprechen sie lange über den Unfall und Holger kann seine Gefährtin endlich überzeugen, dass sie schwimmen lernt.

Die Verszeile „Reine Liebe vergisst ihrer selbst“ ist gefährlich. Wer sich vor lauter Liebe für den geliebten Menschen vollkommen aufopfert und dabei zugrunde geht, tut ihm keinen Gefallen. Nicht umsonst sagt Jesus: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, das heißt mit anderen Worten, nicht mehr als sich selbst. Holger hat in dieser Situation genau das Richtige getan, sich nicht selbst vergessen, sondern das ihm Mögliche getan und so Brittas Leben gerettet. Es war nicht hundertprozentig sicher, dass Britta solange über Wasser bleiben würde, bis die Retter kamen, doch wenn er selbst ins Wasser gesprungen wäre, hätte das mit hoher Wahrscheinlichkeit beiden das Leben gekostet.

Aus Kapitel "Und sag, wie schwindet Liebe? Die war's nicht, der's geschah!"

Regina und Manfred Geyer sind seit 22 Jahren glücklich verheiratet und bewohnen mit ihren vier Kindern ein großes Einfamilienhaus in einem Vorort von Kassel. Manfred ist als erfolgreicher technischer Berater manchmal die ganze Woche unterwegs, Regina hat nach der Geburt des ersten Kindes den Beruf aufgegeben und versorgt das Haus und die Kinder. Daneben schreibt sie Geschichten für Kinder.

Auf einer seiner Reisen begegnet Manfred in Wuppertal in einem Restaurant seiner Jugendfreundin Jutta Mahler. Die beiden erzählen einander aus ihrem Leben, Jutta ist geschieden, weil ihr Mann sie ständig betrogen hat. Dieses Mädchen, mit dem er zwar viel getanzt, aber nie etwas für sie gefühlt hatte, jetzt als reife Frau wieder zu sehen, bewirkt in Manfred ein starkes Gefühl, beim Abschied nimmt er sie in die Arme und küsst sie herzhaft. Ohne zu zögern antwortet sie mit einer Leidenschaft, die er nicht erwartet hat. Lange spielen ihre Zungen miteinander und als sie sich trennen flüstert sie, „Komm morgen Abend zu mir zum Essen!“, und steckt ihm ihre Adresse zu.

Abends im Hotel denkt Manfred beunruhigt an seine Frau und allmählich wird ihm klar, dass die innigen Begegnungen mit Regina in den letzten Monaten immer schaler geworden sind, er hat es nur nicht bemerkt. Reizt ihn deshalb der Kontakt mit Jutta so sehr? Aber er liebt Regina doch unverändert über alles! Um einen Ausweg zu finden, bastelte er sich eine Theorie zusammen, dass ein Mann ruhig eine andere Frau lieben könne, wenn er nur die eigene weiterhin am meisten liebe. Doch jetzt fragt er sich: „Liebe ich Regina wirklich mehr als Jutta?“ Die Frage quält ihn, er kann sie im Moment nicht ehrlich beantworten. Erst spät schläft er ein.

Mit einem Rosenstrauß steht Manfred am nächsten Abend vor Juttas Tür, sie fallen sich in die Arme und küssen sich. Nach dem Essen küssen sie sich wieder leidenschaftlich und Jutta zieht ihn in ihr Schlafzimmer. Stück für Stück ziehen sie einander aus und sind ganz schnell innig verschmolzen. Doch Manfred ist so erregt, dass er sich nicht lange zurück halten kann. „Die Nacht ist noch lang“, tröstet Jutta ihn. Zärtlich küsst Manfred ihren ganzen Körper, dann drückt sie ihn sanft nieder und bewirkt nach einer Weile „die Auferstehung des Fleisches“. Da löst er sich sachte aus ihrem Mund und jetzt erleben sie den Höhepunkt gemeinsam. Noch lange liebkosen die beiden Liebenden einander und sind von einem unwahrscheinlichen Glücksgefühl erfüllt. „Sag’ Manfred, kann man das nun einfach zuklappen wie ein Buch?“ fragt Jutta leise. „Nein, das kann man nicht, ich hoffe im Gegenteil, dass wir noch viele Seiten aufschlagen.“ „Ich hatte es nie richtig geöffnet, aber seit gestern steht es weit offen. Eigentlich haben wir nur nachgeholt, was wir uns vor zwanzig Jahren nicht getraut haben.“ „Nun“, meint Manfred „wir waren damals einfach noch nicht so weit.“ Jutta küsst ihn zärtlich. Am Morgen finden sie noch einmal liebevoll zueinander, Manfred ist wie verzaubert von dieser wunderbaren Liebe. Am nächsten Abend besucht er Jutta noch einmal und bleibt wieder die ganze Nacht bei ihr. Nachdem er am Mittwoch gearbeitet hat, fährt er abends nach Hause. Doch Jutta ist noch in seinen Gedanken, als er Regina umarmt und herzlich küsst.

Kurz danach hat er wegen einer Lappalie einen fürchterlichen Krach mit Regina und sie meint, er sei plötzlich ganz anders, ob er etwas mit einer anderen Frau habe. Manfred zögert einen Moment, dann erkennt er die Chance zur Offenheit und erzählt ihr von Jutta, froh dass das Versteckspiel vorbei ist. Sie macht ihm keine Vorwürfe, sondern fragt nur traurig: „Warum?“ Man­fred versucht zu erklären, dass die körperliche Beziehung mit ihr in der letzten Zeit für ihn immer leerer geworden sei, so dass er neugierig war, wie eine andere Frau im Bett sei. Sie fragt, ob er Jutta liebe. Als er versichert, dass sie ihm trotz einiger schöner Nächte nicht mehr als früher bedeute, schaut sie ihn ungläubig an und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Tagelang gibt es zwischen ihnen kein anderes Thema. Manfred traut sich nicht mehr zu körperlicher Liebe mit Regina, er fürchtet, sie würde ihn abweisen. Aber nach zwei Wochen kommt sie in sein Bett und zeigt ihm, dass sie ihn noch immer liebt. Allmählich begreift Manfred, dass seine Theorie zwar für ihn zutreffen könnte, doch dass Regina nicht mehr geglaubt hat, geliebt zu werden. Er liebt sie viel zu sehr, als dass er sie seinetwegen leiden sehen kann. Zerknirscht bittet er sie um Vergebung und einen Neuanfang. Und ihre Liebe und Güte überwiegt: Ganz allmählich wird aus der tiefen Krise ihrer Gemeinschaft ein wundervoller Neubeginn. Manfred beschließt, von nun an jede andere Beziehung zu meiden, weil er gesehen hat, wie sehr seine Frau unter seiner Eskapade gelitten hat. Er liebt sie viel zu sehr, um ihr das noch einmal anzutun.

Vier Wochen später sind die beiden auf dem Weg in den Urlaub ein paar Tage in Paris in Paris. Und in dieser zauberhaften, verzaubernden Stadt erleben sie trotz (oder wegen?) der gerade überwundenen Krise die wundervollste, leidenschaftlichste Liebesnacht ihrer Ehe, obwohl sie dieses schöne Spiel schon seit Jahrzehnten oft und gerne treiben. Nach köstlichem Essen in einem kleinen Bistro schlendern sie eng umschlungen durch die Stadt und freuen sich über die vielen Paare, die das Gleiche tun. Auf der Pont Neuf kaufte Manfred seiner Frau rote Rosen, und immer leidenschaftlicher werden ihre Küsse, bis sie im Zimmer übereinander herfallen. Immer wieder lieben sie sich in dieser Nacht, unterbrochen von Phasen kurzen Schlafes. Und wenn einer wach wird und den anderen liebkost, ist dieser nur zu gerne bereit, das Spiel wieder aufzunehmen. Aus der tiefsten Krise ist ihre Liebe wie ein Phoenix aus der Asche wieder geboren worden, und Regina hat mit ihrem Verzeihen den größten Anteil daran. Dieses Erleben macht Manfred unendlich glücklich, jetzt weiß er, dass sie in der vollkommenen Gemeinschaft angekommen sind. Zeit und Raum zählen nicht mehr, sondern nur noch der Augenblick und der geliebte Mensch.

In dieser Geschichte hat ein frühzeitiges Gespräch und vollständige Offenheit das Schwinden der Liebe verhindert. Aber zwischen Regina und Manfred hat immer eine tiefe Liebe bestanden, die Manfred ja schon nach der ersten noch relativ harmlosen Begegnung mit Jutta zum Nachdenken gebracht hat. Natürlich ist seine Theorie unsinnig, denn jeder Mensch kann nur einen einzigen Menschen tief und ehrlich lieben. Und Reginas ungebrochene Liebe zu Manfred hat letztlich ihre liebevolle Ehe gerettet und beiden noch viele schöne Jahre miteinander gegeben. „Liebende leben von der Vergebung“ heißt ein Buchtitel von Manfred Hausmann.  

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