Ernst-Günther Tietze: "Ein dunkles Geheimnis", Leseproben 

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                                                    Aus Kapitel 1 „Gregor“                      Literaturverzeichnis

„Schau mal, da liegt ja jemand auf der Erde!“, rief Sandra und lief zu dem Mann, der neben der zweistufigen Treppe am Hauseingang lag. Als sie sich zu dem Liegenden niederbeugte, sah sie Blut an seinem Kopf und einen seltsam abgewinkelten Arm. Ihr Freund Marco war ihr gefolgt und wählte schon auf seinem Smartphone die Feuerwehr 112.
„Rentzelstraße 51 ein Schwerverletzter“, rief er in den Apparat und gab auf die Nachfrage seinen Namen an. Dann kniete er sich neben den Verletzten und fühlte am Hals den Puls. „Der Mann ist tot“, sagte er langsam, „dem kann kein Arzt mehr helfen.“ Er schaute auf seine Uhr und rief: „Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät zur Versammlung!“ „Das geht doch nicht“, antwortete Sandra, „wir müssen wenigstens den Unfallwagen abwarten.“ 
Nach fünf Minuten war der Unfallwagen mit dem Notarzt da, der ebenfalls nur den Tod feststellen konnte. Kurz danach traf ein Streifenwagen der Polizei ein. Der Notarzt informierte die Beamten über den Tod des Mannes und seine Vermutung, dass er durch keinen normalen Unfall gestorben, sondern ermordet worden sei. Die Wunde an seinem Kopf deute klar auf einen tödlichen Schlag hin, und wahrscheinlich sei er danach die Treppe hinunter gefallen oder gestoßen worden. Die Beamten informierten die Kripo, nahmen die Personalien von Sandra und Marco auf und baten die beiden, bis zum Eintreffen der Mordkommission zu bleiben. Dann sahen sie den Toten genauer an. Er war geschmackvoll leger gekleidet, etwa Mitte 30, groß gewachsen mit einer dunkelblonden Stoppelfrisur und einem Dreitagebart, ein leichter Bauchansatz zeigte, dass er gerne aß. 
In diesem Moment trafen Oberkommissarin Svenja Helmer und der junge Kommissar Ulrich Markowski von der Mordkommission ein. Die Oberkommissarin war eine schlanke Frau von 33 Jahren mit einem hellen Lockenkopf, der dunkelblonde Kommissar hatte gerade sein Studium abgeschlossen und war seit zwei Monaten im aktiven Dienst. Etwas später traf ein Rechtsmediziner ein, der den Toten flüchtig untersuchte und entschied, seine Verletzungen rührten von dem Treppensturz her, eine Obduktion im Institut sei nicht nötig. Der Tod sei um Mitternacht plus minus eine Stunde eingetreten. Der Polizeimeister wies ihn darauf hin, dass der Notarzt ein Verbrechen vermutet habe, doch verächtlich bügelte der Mediziner ihn mit der Bemerkung ab, er sei der Facharzt für die Verbrechensaufklärung. „Ich werde auf jeden Fall die Aussage des Notarztes im Protokoll vermerken“, antwortete der Streifenführer verärgert und die Oberkommissarin wies den Pathologen an, auf jeden Fall den Toten in der Rechtsmedizin zu untersuchen. Der fuhr wütend ab.
Vorsichtig schlossen sie die Tür in der zweiten Etage auf und betraten mit gezogenen Pistolen die Wohnung, es war eine gut eingerichtete Dreizimmerwohnung mit Küche und Bad, in der sich kein Mensch befand. Das größere Zimmer war der Wohnraum mit Esstisch, gemütlicher Couchecke, einem schwach gefüllten Bücherregal und einem großen Fernseher. Das Schlafzimmer enthielt zwei breite Betten mit Nachttischen, einen Kleiderschrank mit wenig Herren- und Damenbekleidung und eine gut bestückte Frisierkommode. Der kleinste Raum war das Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch, darauf einem Laptop und einem kleinen Drucker. Auf einem Schränkchen stand das große Bild einer Frau mit langen dunklen Haaren, das die Kommissarin fotografierte, daneben lagen Akten von Siemens. In der ganzen Wohnung fand sich kein Festnetztelefon. "Anscheinend hatte der Mann mit Siemens zu tun", meinte die Oberkommissarin, "da müssen wir am Montag gleich mal nachhaken.
Im Münchener Telefonverzeichnis fanden sie über die Festnetznummer den vollen Namen und die Adresse von Nazemîn, ihr Familienname war Schawais. Frau Helmer rief sie an und die Frau beantwortete die Frage, ob sie einen Gregor Sommer kenne, mit der Gegenfrage, was mit ihm sei. Doch die Oberkommissarin fragte ohne Antwort nach ihrem Verhältnis zu dem Mann. „Er ist mein Chef in einem Forschungsteam bei Siemens in Hamburg, warum wollen Sie das wissen und was ist mit ihm?“, rief die Frau erregt, doch Frau Helmer antwortete wieder nicht, sondern fragte, wann sie den Mann zum letzten Mal gesehen habe. „Gestern Abend haben wir uns am Hamburger Flughafen verabschiedet, und jetzt sagen Sie mir endlich, was mit ihm ist“, schrie die Frau in den Apparat. „Er wurde heute früh tot aufgefunden“, antwortete die Oberkommissarin ruhig, ohne zunächst eine Antwort zu bekommen. Erst nach einer Weile fragte Frau Schawais leise, wodurch er denn gestorben sei. „Er ist vor dem Haus gestürzt aufgefunden worden und wir wissen noch nicht, ob es ein Unfall oder Fremdeinwirkung war“, antwortete Frau Helmer und fragte, wann und wohin die Dame geflogen sei. „Um 20 Uhr mit der Lufthansa hierher nach München, und seitdem bin ich hier in meiner Wohnung“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. 
„Ich möchte noch etwas von Ihnen wissen“, fragte die Kriminalistin weiter. „Nach Ihren vielen Telefonaten mit Herrn Sommer, einem großen Bild in seinem Arbeitszimmer und den Aussagen der Nachbarin, dass Sie oft die Nacht bei ihm verbracht haben, nehmen wir an, dass zwischen Ihnen beiden mehr bestanden hat, als nur eine dienstliche Zusammenarbeit. Was können Sie dazu sagen?“ „Das ist ganz einfach“, war die Antwort. „Da ich für die Koordination des Projektes verantwortlich bin, haben wir in seiner Wohnung oft noch bis in die Nacht gearbeitet und er hat mir dann die Couch im Wohnzimmer zum Schlafen angeboten, damit ich nicht so spät zum Hotel fahren musste. Das war rein dienstlich, persönlich ist nicht das Geringste zwischen uns gewesen, denn er ist ja in Berlin verheiratet.“ 
"Der hat also ein dickes Geheimnis vor seiner Frau, das sieht immer mehr nach einer Romanze mit der Münchnerin aus", resümierte Kommissar Markowski. In dem Moment brachte ein Beamter den Laptop des Verunglückten von der KTU, mit dem Vornamen seiner Frau war es gelungen, das Passwort zu knacken. "Ich sehe mir mal den Mailverkehr an", meinte der Kommissar und rief bald: "Siehe da, jede Menge Liebesbezeugungen mit der Münchnerin in beiden Richtungen. Hör' zu, was sie letzten Sonntag geschrieben hat: ‚Hallo mein Liebling, in zwei Stunden kannst Du mich am Airport abholen, ich freue mich wahnsinnig darauf, die ganze Woche mit Dir zusammen zu sein.' Und seine Antwort: ‚Geliebtes Betthäschen, Dank für Deinen lieben Gruß. Ich kann es gar nicht erwarten, Dich gleich in die Arme zu nehmen und zu küssen. Wir werden herrliche Tage und wilde Nächte miteinander haben, wenn wir auch leider noch etwas arbeiten müssen.' So viel zu dem rein dienstlichen Verhältnis zwischen den beiden, von dem seine Frau nicht mal wusste, wo es stattfindet." 
"Das werde ich jetzt mal der Geliebten um die Ohren hauen und sie für Montag herbestellen", sagte Frau Helmer und rief nochmal in München an, doch es meldete sich nur der Anrufbeantworter, auf dem sie um Rückruf bat. Inzwischen knurrte den beiden Beamten der Magen und sie bekamen in der Kantine gerade noch ein paar Reste zu essen. Danach prüften sie die Meldelisten. Gregor Sommer war in Berlin-Zehlendorf mit Frau und Sohn gemeldet und seit einem Jahr in Hamburg mit einer Zweitwohnung an der Rentzelstraße. "So lange betrügt er also seine Frau schon", schimpfte die Oberkommissarin, "sie weiß doch gar nichts von der Hamburger Tätigkeit!" "Hast du schon mal was von einem treuen Ehemann gehört; den gibt es doch nur im Märchen", lachte Markowski, worauf die Kollegin seufzte, er könne Recht haben.
In diesem Moment rief Frau Sommer aus Thailand zurück. "Ich habe jetzt meine Gedanken wieder unter Kontrolle, entschuldigen Sie bitte, das war vorhin einfach zu viel für mich", begann sie. "Wenn mein Mann eine komfortable Wohnung in Hamburg hat, vermute ich, dass er sie nicht alleine bewohnt, sondern mit einer Frau geteilt hat. Wissen Sie etwas darüber?" "Eigentlich darf ich Ihnen diese Frage nicht am Telefon beantworten", meinte Frau Helmer mit schlechtem Gewissen, "nur so viel: Eine Kollegin aus München, mit der er hier an einem Projekt zusammen gearbeitet hat, war häufig bei ihm. Es wäre gut, wenn Sie möglichst bald nach Hamburg kommen könnten, dann können Sie alles direkt am Ort sehen." "Das habe ich schon organisiert", antwortete die Ehefrau, "wir brechen den Urlaub ab und fliegen morgen früh nach Berlin. Ich bringe meinen Sohn bei Freunden unter und kann Montagvormittag bei Ihnen sein. Wo finde ich Sie?" "Im Polizeipräsidium, Mordkommission 2", gab die Oberkommissarin Auskunft und Frau Sommer fragte nur noch, ob man etwas über die Todesursache ihres Mannes wisse. Als die Oberkommissarin das verneinte, beendete sie das Gespräch mit den Worten: "Dann bis übermorgen."
Dann war die Frau am Apparat und fragte erregt, warum man sie von der Polizei suchen lasse. "Sie haben uns in mehrfacher Hinsicht belogen, deshalb stehen Sie in Verdacht, zumindest etwas über den Tod von Herrn Sommer zu wissen. Ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen, Genaueres müssen wir hier vor Ort klären." "Wieso belogen?", schrie die Frau in den Apparat." "Sie hatten ein intimes Verhältnis mit Herrn Sommer und haben Hamburg nicht gestern Abend, sondern erst heute früh verlassen", antwortete die Oberkommissarin ruhig. "Sie waren also zum Zeitpunkt seines Todes noch hier, und wir erwarten Sie spätestens Montagvormittag zu einer Befragung hier im Kommissariat. Wenn Sie nicht kommen, lassen wir sie festnehmen und hierher überstellen."

Aus Kapitel 2 „Nazemîn“

Nach dem Anruf von der Hamburger Kripo kam Nazemîn Schawais der gestrige Abend noch einmal in seiner furchtbaren Dimension in Erinnerung. Zwar hatte Gregor ihr deutlich erklärt, dass er sich von ihr trennen und nur noch seiner Frau zuwenden wolle, die er über alles liebe, doch sie hatte es als Reaktion auf ihren Vorschlag am Montag angesehenes und einfach nicht geglaubt. Und dann war er tot gewesen.
Wegen ihrer guten Leistungen wurde sie 2016 in die in Hamburg neu gebildete Arbeitsgruppe für neue Technologien berufen und traf dort auf Gregor Sommer, den Leiter der Gruppe, der sie bald in seine Wohnung einlud. "Ich denke, Sie wohnen in Berlin", fragte sie erstaunt, worauf er ihr erklärte, er brauche ein gemütliches Umfeld, wenn er wochenlang in dieser Stadt an einem anstrengenden Projekt arbeiten müsse. Ganz anders als sie es von ihrem Vater gewohnt war, führte er sie fürsorglich in die komplizierte Materie der Arbeitsgruppe ein, doch nicht nur damit beeindruckte er sie, denn er sah in seiner lockeren Männlichkeit verführerisch gut aus. Schnell funkte es zwischen ihnen, und dieses erste Liebesgefühl in ihrem Leben zu einem Mann überwältigte sie völlig. So war es für sie nur natürlich, sich ihm hinzugeben, und sie erlebte zum ersten Mal überwältigt das Wunder der innigen Begegnung. Sie war überzeugt, dass nur dieser Mann ihr dieses Erlebnis so wundervoll schenken konnte. Bald ließ sie sich die Pille verschreiben, so dass sie jedes Treffen in Hamburg für ihre Liebe nutzen konnten.
Sie hatte den Ehering an seiner rechten Hand gesehen, mochte aber nicht fragen und erst nach einer Weile berichtete Gregor beiläufig, dass er in Berlin verheiratet sei, sagte aber nichts über den Wert dieser Ehe. Deshalb nahm sie an, dass er unglücklich sei und sich deshalb mit ihr verbunden hatte, von ihrer Erziehung her konnte sie sich nicht vorstellen, dass ein Mann zwei Frauen gleichzeitig lieben kann. Ein ganzes Jahr lang schwelgten die beiden in dieser innigen Gemeinschaft, doch es wurde ihr immer schwerer, die Beziehung vor den Eltern zu verheimlichen. Weil sie den Wunsch nach einer festeren Bindung nicht mehr zurückhalten konnte, fragte sie Gregor am letzten Montag beim Frühstück, ob er sich von seiner Frau trennen und sie heiraten würde. Merkwürdig still wurde er, ohne die Frage zu beantworten, und mied an den nächsten Tagen jede außerdienstliche Begegnung mit ihr.

Freitagabend fuhr er sie zum Flughafen, da bat sie ihn ins Café, weil sie es nicht mehr aushielt. "Du hast am Montag meine Frage nicht beantwortet, ich muss aber wissen, wie du zu mir stehst", bat sie ihn. "Du hast in unserer Verbindung viel mehr gesehen als ich, und deine Frage zeigt mir, dass du noch mehr willst", antwortete er. "Aber ich liebe nur meine Frau und werde mich nie von ihr trennen. Sicherlich habe ich auch die Liebe mit dir genossen, es durfte aber keine Verpflichtung daraus werden. deshalb müssen wir uns jetzt trennen. wir sehen uns nur noch im Projekt." Mit Tränen in den Augen stand sie auf und verschwand in der Sicherheitsschleuse, ohne sich noch einmal umzusehen. Nachdem sie sich beruhigt hatte, beschloss sie, jetzt nicht nach München zu fliegen und noch einmal ein Treffen mit ihm zu versuchen. So liebevoll, wie sie ihn über das ganze letzte Jahr erlebt hatte, konnte es doch nicht sein, dass sie ihm überhaupt nichts bedeutete. Sie verzichtete auf das Boarding und buchte stattdessen einen Flug um 6:30 am nächsten Morgen.
Da sie wusste, dass er sich im Café SternChance mit zwei Kollegen treffen wollte, fuhr sie dorthin. Zuerst scheute sie sich, ihn im Beisein der Kollegen anzusprechen, doch dann wurde ihr die Zeit zu lang und sie ging hinein zu dem Tisch, wo er mit den beiden vor einem Schwung Getränke saß. "Was willst du noch?", fuhr er sie lallend an, "hau ab, ich habe nichts mehr mit dir zu tun." Bestürzt verließ sie das Lokal und wartete draußen auf einer Bank, bis er kurz vor zwölf das Café auf unsicheren Füßen verließ. Sie wollte ihn etwas später in seiner Wohnung noch einmal ansprechen, vielleicht könnte sie ihn in diesem Zustand sogar verführen. Deshalb erhob sie sich nach einer Weile und ging zu seinem Wohnhaus, wo sie einen furchtbaren Schreck bekam: Der Mann, den sie unendlich geliebt hatte, lag mit einer blutigen Wunde am Kopf neben der Eingangstreppe auf dem Boden.
Im ersten Augenblick wollte sie einen Krankenwagen rufen, doch weil er so merkwürdig leblos aussah, prüfte sie Atmung und Herzschlag und stellte entsetzt fest, dass er tot war. Schnell wurde ihr klar, dass sie nach dem Streit verdächtigt werden könnte, an seinem Tode schuldig zu sein, deshalb unterließ sie den Ruf zum Krankenwagen. Zum Abschied drückte sie ihm einen Kuss auf die Lippen, die sie so gerne geküsst hatte, und lief zum Dammtorbahnhof, um schnell wieder zum Flughafen zu kommen. Nach einer Weile bekam sie eine S-Bahn, musste am Hauptbahnhof umsteigen und erreichte nach ein Uhr den Flughafen, wo sie die fünf Stunden bis zum Boarding verbrachte. Schlafen konnte sie nicht, ständig wirbelten ihr die Scherben ihrer ersten großen Liebe durch den Kopf und tränenüberströmt war sie sich ganz sicher: Nie wieder würde sie einen Mann so sehr lieben können wie Gregor.
Sie musste ohne jede Hilfe von außen selber zu einer Entscheidung kommen. Zunächst buchte sie einen Flug nach Hamburg Sonntag früh um 8:21 und mailte der Kriminalistin die Ankunftszeit. Dann merkte sie, dass sie den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte und briet sich zwei Eier. Als die Müdigkeit sie wieder überfiel, legte sie sich lang und war sofort eingeschlafen. Trotz der wilden Träume, die sie immer wieder quälten, schlief sie recht gut, bis sie gegen Mitternacht mit der Frage aufwachte, wieviel sie in Hamburg von ihren gestrigen Erlebnissen zugeben sollte. Da sie nicht wusste, ob die Kriminalisten inzwischen noch mehr heraus bekommen hatte, entschied sie sich, die ganze Wahrheit zu gestehen, dann schlief sie ruhig weiter, bis der Wecker sie um halb sechs aus dem Schlaf riss.
"Sie haben uns auch bei der zweiten Befragung belogen", erklärte Die Hauptkommissarin, "denn Sie sind nach der Absage des Fluges nicht im Flughafen geblieben, sondern zu Herrn Sommer gefahren. Ab 21 Uhr waren Sie beim Café SternChance unmittelbar in seiner Nähe und gegen Mitternacht direkt bei seiner Wohnung. Etwa um diese Zeit ist er zu Tode gekommen und wir gehen inzwischen davon aus, dass er im Hausflur durch einen Schlag auf den Kopf umgebracht und dann vor die Tür geworfen wurde. Da Sie zu dieser Zeit dort waren, sind Sie unsere Hauptverdächtige. Damit wir uns ein Bild von Ihnen beiden machen können, sagen Sie uns bitte alles über Ihre Beziehung zu Herrn Sommer.
Sie holte tief Luft und begann: "Wir haben uns vor einem Jahr in der Arbeitsgruppe für das Siemens-Projekt ‚Neue Technologien' in Hamburg kennen gelernt und uns schnell ineinander verliebt. Ich komme aus einer kurdischen Familie, die 1988 aus dem Irak geflohen ist, und wurde äußerst restriktiv erzogen. Erst als ich nach dem Studium selbstständig arbeitete, konnte ich mich aus dieser Erziehung befreien und Gregor fand eine offene Tür bei mir. Wir hatten ein herrliches Jahr zusammen, immer wenn wir uns in Hamburg trafen. Doch diese sporadische Liebe genügte mir auf die Dauer nicht mehr und so innig wie er mich liebte, nahm ich an, dass ihm seine Ehe in Berlin nicht mehr viel bedeutete. Auch dass seine Frau mit dem Sohn ohne ihn in Thailand Urlaub machte, schien mir darauf hin zu deuten.
Weil ich unser Verhältnis nicht länger vor meinen Eltern verheimlichen wollte, sprach ich ihn am letzten Montag an, ob er sich nicht von seiner Frau trennen und mich heiraten wolle. Das Ergebnis traf mich wie ein Schlag. Zuerst sprach er an den nächsten Tagen kein Wort mit mir und Freitagnachmittag machte er mir unmissverständlich klar, dass unsere Beziehung keinen ernsthaften Hintergrund habe und er keinerlei dauerhafte Bindung mit mir wolle, weil er nur seine Frau liebe. Für mich brach eine Welt zusammen, denn ich hatte ihn unendlich geliebt und das auch von ihm angenommen, so liebevoll er mir immer begegnet war.
In der Hoffnung, ihn noch einmal umstimmen zu können, verzichtete ich auf das Boarding um 20 Uhr und buchte einen Flug am nächsten Morgen um 6:30. Da ich wusste, dass er zwei Kollegen im Café SternChance treffen wollte, fuhr ich dorthin, wurde aber von ihm mit bösen Worten abgefertigt. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass er nichts von mir wissen wollte und glaubte, ihn vielleicht in seiner Wohnung verführen zu können, weil er stark betrunken war. So wartete ich eine Weile, nachdem er das Café verlassen hatte und ging dann zu seinem Haus. Furchtbar erschrocken sah ich ihn neben der Treppe liegen und musste feststellen, dass er tot war. Um nicht in Verdacht zu kommen, ließ ich ihn liegen, ohne die Polizei zu benachrichtigen und fuhr zum Flughafen, wo ich die Nacht bis zum Abflug in einer unbeschreiblichen Verfassung verbrachte. In München schlief ich sofort ein, bis Ihr Anruf mich weckte. Es tut mir leid, dass ich Sie zunächst belogen habe, doch ich fürchtete, als schuldig an seinem Tod verdächtigt zu werden, wenn ich die Wahrheit sage."
Ob sie irgendjemand wüsste, mit dem Herr Sommer Streit gehabt habe. Man konnte sehen, dass die Frau überlegte, dann antwortete sie leise: "Eigentlich darf ich Ihnen nichts darüber sagen, aber in der vorigen Woche hat Herr Sommer herausgefunden, dass ein Mitarbeiter der Gruppe geheime Informationen über das Projekt nach außen gegeben hat, und ihn deshalb aus der Gruppe entfernt. Es gab einen fürchterlichen Krach und der Mann hat Herrn Sommer angedroht, er würde nicht mehr lange leben." Auf Nachfrage gab sie den Namen des Mannes mit Julian Prochnow an, seine Adresse wusste sie nicht.
"Anscheinend hat Frau Schawais wirklich die Wahrheit gesagt", fasste die Hauptkommissarin das Ergebnis der Befragung zusammen. "Sie ist erst eine Weile nach ihrem Freund zu seiner Wohnung gegangen und inzwischen hatte der Mörder genügend Zeit, ihn umzubringen. Was machen wir jetzt mit ihr, ist sie noch verdächtig?" "Wir sollten sie hier behalten, bis die Spusi noch einmal das Haus durchsucht hat und ihre DNA und Fingerabdrücke nehmen, damit sie mit den Funden dort verglichen werden", schlug die Oberkommissarin vor und die Chefin stimmte zu. Sie informierten Frau Schawais und ließen ihr die biometrischen Daten abnehmen. Der Vergleich mit den in der Wohnung gefundenen Spuren ergab, dass sie mit Herrn Sommer getrunken und geschlafen hatte, aber es im Hausflur keinerlei Spuren von ihr gab.
Kurz danach meldete die Spurensicherung sich noch einmal: Unter einem Treppenabsatz im Hausflur hatten sie einen abgesägten Ast gefunden, der an einem Ende Blutspuren aufwies, während am anderen zwei Fingerabdrücke sichergestellt werden konnten. Die wurden sofort bei der KTU untersucht und konnten keiner bekannte Person zugeordnet werden, vor allem nicht Frau Schawais. "Damit ist sie aus dem Schneider, wir müssen sie zurück fliegen lassen", bedauerte die Hauptkommissarin, "Jetzt geht die Suche nach dem unbekannten Mörder erst richtig los."

Aus Kapitel 3 „Jessica“           

Nach dem Anruf der Oberkommissarin war Jessica Sommer am Boden zerstört und versprach, zurückzurufen. "Mama, was hast du?", fragte der siebenjährige Wilfried, der ihren abrupten Stimmungswechsel bemerkt hatte. "Lass' mich einen Moment", bat sie und er war ruhig, beobachtete sie aber ängstlich. "Gregor fährt schon seit einem Jahr heimlich nach Hamburg statt nach Erlangen und hat dort eine gute eingerichtete Wohnung. Einer Kollegin hat er erzählt, dass wir in Thailand sind. Das sieht ja ziemlich nach einem Liebesverhältnis aus und ich habe nicht das Geringste davon gemerkt", dachte sie verbittert. Ihrem Sohn wollte sie zunächst noch nichts von ihrem Verdacht sagen. Wen konnte sie um Rat fragen, was sie jetzt tun sollte? Gregors Freund Jan Heinemann fiel ihr ein, der auch Wilfrieds Taufpate war. Sie rief ihn an und berichtete, was die Kriminalbeamtin ihr erzählt hatte. "Bist du sicher, dass das stimmt?", fragte der Freund ungläubig, doch nachdem Jessica ihm die Hamburger Kripo als Quelle genannt hatte, glaubte er es allmählich. "Ich begreife einfach nicht, warum Gregor uns belogen hat, denn ich hatte auch geglaubt, dass er in Erlangen arbeitet. Und eine Geliebte habe ich ihm erst recht nicht zugetraut, ich dachte immer, ihr liebt euch innig."
"Dachte ich bisher auch", antwortete Jessica, "aber was mache ich jetzt?" "Du musst so schnell wie möglich nach Hamburg", riet Jan ihr. "Brecht euren Urlaub ab und sieh' zu, dass ihr schon morgen fliegen könnt. Du musst Gregors Beerdigung veranlassen, diese Wohnung in Hamburg auflösen und dich noch um vieles andere kümmern, das durch seinen Tod notwendig geworden ist. Selbstverständlich helfe ich dir in jeder Beziehung, sag' mir, wenn du mich brauchst. Und wenn ihr in Berlin ankommt, hole ich euch vom Flughafen ab. Informiere mich, wenn du mehr weißt."

Auf dem Flug von Bangkok nach Berlin hatte Jessica Zeit, sich an die acht schönen Jahre mit Gregor zu erinnern. Im Juli 2008 hatte sie ihr Studium in Kommunikationstechnik erfolgreich abgeschlossen und wollte auch ihr Verhältnis mit einem Kommilitonen beenden, weil er ihr Leben immer stärker bestimmte. Dann begegnete sie Gregor in einer Disco und die beiden verliebten sich sofort ineinander. Noch in derselben Nacht fanden sie ganz zueinander und sie fühlte sich von ihrem bisherigen Freund befreit. Auch Gregor hatte in einer losen Partnerschaft gelebt, aber es fiel ihm nicht schwer, seine Partnerin zu verlassen und nur noch für Jessica da zu sein. Während seine Freundin sich sofort von ihm trennte, als er ihr die Nacht mit Jessica gestand, konnte Jessicas Partner die Trennung nicht verwinden und belästigte sie noch jahrelang, bis sie eine Abstandsverfügung gegen ihn erwirkte.
Als sie Gregor kennen lernte, war er seit einem halben Jahr bei Siemens angestellt, während sie gerade eine Stelle in einer Werbeagentur angetreten hatte. Da er eine Wohnung in Zehlendorf hatte, konnten sie ein halbes Jahr später heiraten. Nach einem Jahr wurde Wilfried geboren und sie gab zunächst ihre Stellung auf, um sich ganz dem Kind widmen zu können. Natürlich konnte sie sich eine Weile nach der Geburt Gregor nicht völlig hingeben, aber sie wusste, wie sie ihm trotzdem Freude bereiten konnte. Gemeinsam hatten sie Elternzeit beantragt, Gregor allerdings nur für vier Monate. Nachdem Wilfried zwei Monate alt war, hatten sie immer wieder sehr schön zueinander gefunden und Jessica hatte nie das Gefühl gehabt, dass Gregor etwas in der Begegnung vermisste. Er hatte Praktiken gefunden, die ihnen beiden noch größere Lust bereiteten. Und als sie nach fünf Jahren Art Direktrice in der Agentur geworden war, verehrte er sie regelrecht.
Ohne eine Lösung zu finden, warum ihr Mann eine andere Frau gebraucht hatte, fielen ihr nach der kargen Flugzeugmahlzeit die Augen zu, doch plötzlich schreckte sie auf: Auf dem Sitz neben ihr saß Gregor und legte ihr den Arm um die Schulter. "Es ist nicht so, wie du denkst", sagte er leise, "ich liebe dich noch immer über alles, nur dich ganz allein." Dann küsste er sie leicht und war verschwunden. Erschrocken kam sie zu sich und sah wieder Wilfried neben sich mit den Spielsachen beschäftigt, die die Stewardess ihm gegeben hatte. "Er liebt mich also immer noch über alles trotz der Kollegin in Hamburg", wunderte sie sich, bevor sie beruhigt wieder einschlief und erst kurz vor der Landung in Tegel aufwachte.
"Das ist ja fast so schön wie bei uns", staunte Wilfried, als die Oberkommissarin die Hamburger Wohnung aufschloss, "wer wohnt denn hier?" "Hier hat Papa mindestens ein Jahr lang mit einer anderen Frau gewohnt und uns nichts davon gesagt"; antwortete seine Mutter ärgerlich. "Hat er die Frau denn auch ganz richtig lieb gehabt wie dich?" fragte der Junge irritiert weiter. "Ich fürchte, er hat das, schau, das ist sie", rief Jessica mit Tränen in den Augen und zeigte auf das Bild, das sie auf dem Schränkchen entdeckt hatte. "Das ist gemein von Papa und ich hätte es ihm nie zugetraut", erwiderte der Junge und nahm die Mutter in den Arm, die nur noch schluchzend "Ich auch nicht", antworten konnte. "Aber Papa hat doch immer gesagt, man darf nur eine Frau lieben", dachte Wilfried weiter laut nach, worauf die Kriminalbeamtin dachte: "Das ist mal wieder der Unterschied zwischen Theorie und Praxis, ich habe da ja auch meine Erfahrungen." Dann überwand sie sich und sagte zu dem Jungen: "Dein Papa ist doch tot, da solltest du ihm den Fehler verzeihen."
"Uns hat er immer erzählt, er arbeitet in Erlangen", schimpfte Jessica, "wahrscheinlich hat er sich hier mit Bedacht ein Liebesnest eingerichtet und die jüngere Frau kam ihm gerade recht!" "Das scheint mir auch so, ich bin schließlich selbst eine Frau und weiß, wie Männer ticken", lächelte die Beamtin, "aber ich will noch den Rest berichten: Zwei Kollegen, mit denen Ihr Mann in der Nähe der Wohnung bis in die Nacht schwer gezecht hat - er hatte 1,85 Promille im Blut - bestätigten, dass Frau Schawais zum Zeitpunkt seines Todes noch bei der Bar war. Außerdem haben wir den Ast gefunden, mit dem Ihr Mann erschlagen wurde, daran sind keine Fingerspuren der Frau, wohl aber von zwei anderen Personen, so dass wir sie nicht für die Mörderin halten, obwohl sie wegen seiner Zurückweisung ein plausibles Motiv hätte.
"Möglicherweise hat ihn ihre Unberührtheit gereizt, denn sie wurde von ihrem Vater von allen Kontakten ferngehalten und er konnte sich ihr gegenüber als Lehrmeister beweisen", erklärte die Oberkommissarin, dann fuhr sie fort: "Bis wann hat Ihr früherer Freund Sie verfolgt?" "Sie meinen, er könnte der Täter sein?", dachte Jessica nach. "Ich fand gestern im Briefkasten eine Nachricht von ihm, die Zeit sei jetzt reif, dass ich zu ihm zurückkehre. Das klingt doch sehr verdächtig." "Bitte nennen Sie seinen Namen und wo er zu erreichen ist", bat die Kriminalistin und Jessica fischte ihr Notizbuch aus der Handtasche.
Weil sie aus Berlin wusste, dass Gregor alle Codewörter geschützt in seinem Laptop hinterlegte, suchte sie den Explorer durch und stieß auf eine Excel-Datei mit dem Namen "Codes", die passwortgeschützt war. "Wenn er meinen Vornamen als Passwort für den Rechner benutzt, öffnet der vielleicht auch diese Datei", dachte sie, wurde aber abgewiesen. Doch als sie Wilfrieds Vornamen eingab, bekam sie eine Liste mit allen Passwörtern und PIN. Dabei war auch der Zugriff auf ein Finanzprogramm mit seinen Giro-, Kreditkarten- und Wertpapierkonten.
Jessica startete das Programm und gab die PIN aus der Liste ein. Das Berliner Konto kannte sie, aber überrascht sah sie die Bewegungen im Hamburger Konto. Von Siemens wurde monatlich ein geringer Betrag überwiesen, jedoch wurden weder Miete noch Energie- und Kommunikationskosten abgebucht. Barauszahlungen sowie Einkäufe von Damenbekleidung und Restaurantrechnungen wurden mit der EC-Karte bezahlt. Zurzeit waren 1.345,- Euro auf dem Konto. "Da hat der Kerl also einen Teil seines Gehaltes hierher überweisen lassen und mit seiner Geliebten verprasst, was eigentlich uns gehörte", dachte sie erbost. Ihr Ärger wurde noch größer, als sie die Maildaten öffnete und die schmalzigen Liebesbeteuerungen las, die er mit Nazemîn ausgetauscht hatte. "Solche Mails hat er mir noch nie geschrieben", dachte sie wehmütig.
Kurz vor dem Abendbrot meldete Jan sich aus Berlin: "Ich habe die Beisetzung für Freitag um 14 Uhr auf dem Waldfriedhof organisiert mit anschließendem Umtrunk im Fansiplan Restaurant. Du musst noch sagen, wie viele Trauergäste kommen. Auch die Abholung aus Hamburg ist bestellt, da brauche ich die Adresse. Falls du Gregors Utensilien nicht im Wagen mitnehmen kannst, brauchst du eine Speditionsfirma, sag' mir doch bitte Bescheid. Ich komme Donnerstagabend nach Zehlendorf und freue mich, euch zu sehen, da können wir alles weiter besprechen." Jessica dankte dem Freund und versprach, sich morgen zu melden.
Gleich nach dem Abendbrot gingen beide müde ins Bett, die letzten Nächte waren kurz gewesen. Der Gedanke, dass Gregor in diesem Bett eine andere Frau geliebt hatte, ließ Jessica nicht gleich einschlafen, doch plötzlich sah sie ihren Mann, den sie bisher alleine zu lieben geglaubt hatte, neben sich im Bett und er war mit keiner andern Frau zusammen, sondern beugte sich über sie und küsste sie herzlich. "Vertrau' mir, ich habe immer nur dich geliebt", flüsterte er und küsste sie wieder, dann hörte sie nur noch Wilfried neben sich ruhig atmen. "Ich würde ja gerne die andere Frau kennen lernen, um heraus zu finden, womit sie Gregor gewonnen hat", dachte sie noch, bevor sie einschlief.

                                                    Aus Kapitel 4 „Fragen“           Literaturverzeichnis        

Jessica erfuhr, dass Gregors Leichnam morgen früh freigegeben werde, und informierte gleich Jan Heinemann. Sie war gerade wieder mit Frau Helmer im Kommissariat, um das Protokoll ihrer gestrigen Befragung zu unterschreiben, als Nazemîn Schawais herein kam. "Hallo, Frau Schawais", rief die Hauptkommissarin erstaunt, "ich denke Sie sind in München!" "Das dachte ich bis gestern auch", antwortete die Frau, "aber dann bin ich für heute hier zu Siemens bestellt worden und wurde eben zur Nachfolgerin von Herrn Sommer ernannt. Jetzt wollte ich nur fragen, ob es etwas Neues in der Mordsache gibt." Zornbebend ging Jessica auf die Frau los und schrie sie an: "Da haben Sie ja erreicht, was Sie mit dem Mord an meinem Mann planten: Erst verführen Sie ihn und dann bringen Sie ihn um, um Sie seine Stelle zu übernehmen. Sie sollten längst hinter Gittern sein!"
Mühsam beruhigte Frau Helmer die Erregte und sagte langsam: "Wir sind uns sicher und haben es Ihnen auch erklärt, dass Frau Schawais keine Schuld am Tode Ihres Mannes trägt, und über seinen Ehebruch richten wir hier nicht. Bitte setzen Sie sich wieder." Erstaunt fragte Nazemîn: "Sie sind Gregors Frau?" Als Jessica trotzig nickte, fiel sie vor ihr auf die Knie und flüsterte: "Ich möchte Sie ganz herzlich um Vergebung bitten, dass ich mit Ihrem Mann ein Verhältnis begonnen habe. Ich weiß, ich habe damit eine große Schuld auf mich geladen, aber er hat mir erst viel später gestanden, dass er verheiratet ist, da war ich schon so rettungslos in ihn verliebt, dass mein Verstand ausgesetzt hat. Er war doch die erste Liebe in meinem Leben überhaupt und sie ist wie ein Orkan über mich gekommen, vorher hat mein Vater mich von allen Kontakten mit Männern ferngehalten. Ich kann Ihnen sagen, dass er nie schlecht über Sie gesprochen hat, und als ich ihn Freitag um eine engere Bindung bat, sagte er, dass er nur Sie über alles liebt. Gestern habe ich meiner Mutter die Liaison mit Gregor gestanden, da hat sie mir die Augen über meine Schuld geöffnet. Wenn Sie sie mir nicht vergeben können, muss ich sie mein ganzes Leben mit mir tragen."
Verwundert hörte Jessica diese Worte, die sie von einer Rivalin überhaupt nicht erwartet hatte. Und plötzlich sah sie Gregor neben der Frau stehen und ihr über die Haare streichen. "Sie hat Recht, auch sie hat doch ihre große Liebe verloren", hörte sie ihn leise sagen, "bitte vergib ihr, dann kommt ihr beide zur Ruhe." Langsam begriff Jessica, dass auch diese Frau in tiefer Liebe mit Gregor verbunden gewesen war und jetzt um ihn trauerte. Sie zog sie hoch und schaute sie zum ersten Mal richtig an. "Sie sind eine außerordentlich schöne Frau", sagte sie nachdenklich, "ich kann es Gregor nicht verübeln, dass er sich in Sie verliebt hat. Und da ich seit acht Jahren weiß, wie wundervoll die Liebe mit ihm ist, will ich Ihnen Ihre Romanze vergeben, wenn es mir zuerst auch schwer gefallen ist. Sie trauern ja ebenso um ihn wie ich, deshalb würde ich gerne mit Ihnen in Kontakt bleiben. Falls Sie heute Abend Zeit haben, kommen Sie doch um 19 Uhr zu einem Glas Wein in die Wohnung, denn ich möchte von Ihnen mehr über die Zeit mit Gregor erfahren."
Abends öffnete Jessica eine Flasche Rotwein und schenkte zwei Gläser voll, da klingelte es schon. "Ich habe zwar noch einen Schlüssel, wollte ihn aber nicht mehr benutzen, hier ist er", meinte Nazemîn schuldbewusst, und tätschelte die Hündin, die sie freundlich beschnupperte. Jessica bat sie an den Couchtisch und suchte einen Moment nach den richtigen Worten, dann erhob sie ihr Glas: "Wir beide haben Gregor geliebt und sind ihm ganz innig nahe gekommen, womit er uns als Frauen großes Glück beschert hat, wir haben ihn auch in der höchsten Ekstase erlebt, wo er außerhalb seiner selbst stand. So sind wir Schwestern in seiner Liebe geworden und ich meine, wir sollten Freundinnen werden, ich heiße Jessica." Überrascht hob Frau Schawais ihr Glas und stieß mit Jessica an. "Mein Name ist Nazemîn und ich bin dir dankbar für dein Angebot, das ich niemals erwartete, nach dem, was ich dir angetan habe." Die beiden Frauen stießen miteinander an und küssten sich auf die Wangen, da sah Jessica plötzlich wieder Gregor mit am Tisch stehen. "Danke", sagte er leise, dann war er verschwunden.
"Unser Freund hat Gregors Beerdigung für Freitag um 14 Uhr auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf organisiert und ich würde mich freuen, wenn du dazu kommst. Wir fahren Donnerstagnachmittag mit dem Wagen nach Berlin und können dich mitnehmen, und wenn du willst, kannst du auch bei uns übernachten." "Vielen Dank für die Einladung", freute sich Nazemîn, "ich will Gregor gerne das letzte Geleit geben."
"Wie hast du denn die Liebesgemeinschaft mit Gregor empfunden", fragte Jessica die Besucherin. "Zwar war ich schon 27 Jahre alt, aber ein dummes kleines Mädchen, als ich ihm begegnete", dachte Nazemîn nach. "Ich wusste zwar, dass es zwischen Männern und Frauen Liebe gibt, konnte mir aber überhaupt nichts darunter vorstellen, denn meine Eltern hatten mich vollkommen steril aufgezogen. Wie ein Wunder kam da Gregor mit seiner behutsamen und warmherzigen Zärtlichkeit über mich und schon seine ersten leichten Küsse waren eine Offenbarung. Bei den innigen Küssen am nächsten Tag glaubte ich zu vergehen und er ließ mir viel Zeit, bis er nach mehreren Tagen vorsichtig begann, mich zu entkleiden. Ich brauchte eine Weile, das zuzulassen, denn in unserer Kultur wird der Körper als heilig und Nacktheit als unmoralisch angesehen.
Ich hatte ja in der Schule und von anderen jungen Frauen gehört, dass zur ganz tiefen Liebe die körperliche Hingabe gehört und Gregor hat mich mit seiner Zärtlichkeit dazu bereit gemacht. Ich fühlte mich verzaubert, wie tief mich die erste innige Begegnung mit ihm getroffen hat, ich war mir sicher, dass nur er mir dies wundervolle Erleben schenken könne. Heute weiß ich, dass es mein erster Orgasmus war, den ich in diesem überwältigenden Augenblick erlebte, damals war ich noch ganz unwissend. Doch es war nicht nur der Sex, mit dem Gregor mich gewonnen hat, er war ein außerordentlich aufmerksamer und fürsorglicher Gefährte. Behutsam führte er mich in die Hamburger Kulturszene ein mit Theater- und Konzertbesuchen, er schenkte mir anspruchsvolle Bücher und wir fuhren zu besonderen Ereignissen in die Umgebung. Erst Gregor hat aus mir eine erwachsene Frau gemacht und dafür werde ich ihm ewig dankbar sei, auch wenn er mich zuletzt abrupt verstoßen hat."
"Ja, er konnte ein Zauberer sein", stimmte Jessica nachdenklich zu, "ich habe ihn selber so erlebt, als wir uns vor acht Jahren begegneten, obwohl ich schon Erfahrungen mit einem Mann hatte. Ich habe nur den Fehler gemacht zu glauben, dass ein Mann nur einer Frau treu sein kann, und war deshalb enttäuscht, als ich von dir hörte. Doch dann dachte ich daran, dass er mich nie vernachlässigt und mir wundervolle Begegnungen geschenkt hat, wenn er zum Wochenende nach Hause kam, da musste ich ihm und auch dir eure Romanze vergeben. Und wenn er dich zur Frau gemacht hat, wie du sagst, bin ich sogar ein wenig stolz auf ihn. Er wird mir jetzt genauso fehlen wie dir, wir müssen beide mit seinem Verlust klar kommen und trotzdem weiter leben. Ich freue mich für dich, dass du seine Nachfolge in der Arbeitsgruppe antreten kannst und wünsche dir, dass du noch einmal einen Mann finden kannst, der dich ebenso liebt wie er."
Am Mittwoch wollten die Kommissare Julian Prochnow verhören, den Frau Schawais als Datendieb bei Siemens genannt hatte. Sie hatten bei der Firma schon einige Erkenntnisse über ihn gesammelt. Er galt als ausgekochter Informatiker und auch mit umfassender Erfahrung als Hacker, deshalb war er in den Arbeitskreis aufgenommen worden, den er mit seinen Kenntnissen positiv beeinflusste. Allerdings gab es immer wieder Ärger mit ihm, weil er sich nicht recht in die Gruppe einfügen konnte und oft eigene Wege ging. Herr Sommer beobachtete ihn deshalb genauer und erwischte ihn schließlich dabei, wie er etwas in eine fremde Webseite eingab. Bevor Prochnow den Kontakt abbrechen konnte, zog der Chef ihn mit dem Rollenstuhl zurück und fror den Bildschirm ein. Die Webseite gehörte zu einem amerikanischen DV-Unternehmen, stellte er fest. Herr Sommer meldete die Angelegenheit dem Sicherheitsdienst, der den Mann durchsuchte und einen Stick voller geheimer Daten bei ihm fand. Er wurde von der Siemens-Geschäftsleitung fristlos entlassen und der Kriminalpolizei gemeldet. Die besorgte einen Durchsuchungsbescheid für seine Wohnung, wo auf seinem Rechner weitere geheime Daten und ein umfangreicher Mailverkehr mit der amerikanischen Firma gefunden wurden.
"Was wollen Sie von mir?", fragte Prochnow ärgerlich, worauf der Kommissar sagte: "Sie sind hinreichend verdächtig, Herrn Sommer getötet zu haben, deshalb nehmen wir Sie zunächst fest und untersuchen Ihr Umfeld weiter." Der Verdächtige staunte über den Tod seines verflossenen Chefs und behauptete, er sei daran nicht schuld, konnte aber nicht verhindern, nach Hamburg mitgenommen zu werden. Im Kommissariat kam er als Erstes zum Erkennungsdienst, wo ihm Fingerabdrücke und DNA abgenommen wurden. "Wussten Sie, wo Herr Sommer wohnte?", fragte die Hauptkommissarin und der Verdächtige verneinte es. "Sie lügen", war die Antwort, "alle Mitarbeiter der Gruppe hatten ein Adressverzeichnis, Sie kannten also durchaus seine Anschrift. Wo waren Sie letzten Samstag früh zwischen 0 und 1 Uhr?" "Natürlich zu Hause im Bett!", schoss es aus dem Mann heraus. "Und wer kann das bezeugen?", bohrte Frau Marcks weiter. "Niemand, da meine Vermieterin nicht zu Hause war", war die Antwort.
Dann fragten die Kommissare ihn nach den Daten, die er in der geheimen Arbeitsgruppe gestohlen hatte. "Das hat dieser blöde Sommer behauptet, um mich aus der Gruppe heraus zu ekeln!", schimpfte der Mann. "Ich habe stets loyal mitgearbeitet, aber er hatte mich von vornherein auf dem Kieker, ich habe nie begriffen, was er gegen mich hatte." "Die Firma Siemens sieht das anders", entgegnete der Kommissar, "aber deshalb sind Sie nicht hier. Als Herr Sommer Ihre illegalen Aktivitäten aufdeckte und Sie aus der Gruppe entfernte, drohten Sie ihm an, er würde nicht mehr lange leben, dafür gibt es Zeugen. Und wir nehmen an, dass Sie ihn umgebracht haben und deshalb geflüchtet sind, als wir zu Ihnen kamen." "Das habe ich nur im Ärger über diese ungerechte Behandlung gesagt, sowas darf man doch nicht ernst nehmen", versuchte der Mann, sich zu rechtfertigen. Zur Enttäuschung der Beamten ergab der Vergleich seiner Fingerabdrücke mit den auf dem Ast gefundenen keine Übereinstimmung, so dass sie den Mann einstweilen laufen lassen mussten.
"Wer kann denn noch ein Interesse gehabt haben, Sommer umzubringen?", fragte Hauptkommissarin Marcks die Kollegen. "Wir haben noch Frau Sommers Stalker in Berlin", erinnerte sich Frau Helmer. "Was ist das für ein Mann?", wollte die Hauptkommissarin wissen. "Er war Kommilitone von Jessica Sommer, als sie noch Parker hieß und hat mit ihr das Studium abgeschlossen. Auch er hat in einer Werbeagentur angefangen, sich aber schon nach zwei Jahren selbstständig gemacht. Doch es läuft nicht so gut, er schlittert dauernd am Rand der Pleite herum. Mehr wissen wir zurzeit nicht." "Kann es sein, dass er Frau Sommer hier in Hamburg nachsteigt?", kam der Oberkommissarin eine Idee. "Das ist durchaus möglich!", rief Frau Marcks, "wir sollten das Haus überwachen, übernimm du das fürs Erste", wies sie den Kommissar an, der sich sofort auf den Weg machte.
Jessica öffnete die Tür, es war wirklich Nikolaj Marjanovi?. "Schön, dich mal wieder zu sehen", sagte er, trat ein und versuchte, sie zu umarmen, doch sie stieß ihn zurück. "Sei doch nicht so biestig", bat er, "jetzt wo dein Mann tot ist, kann es doch wieder schön mit uns werden." "Woher weißt du denn, dass er tot ist?", fragte Jessica. "Es stand am Montag in der Zeitung", antwortete der Mann ganz unbefangen. "Da wollte ich dich in Berlin besuchen, und als ich dich nicht fand, wurde mir klar, dass du bei ihm bist. Ich habe recherchiert und diese Wohnung hier in Hamburg herausgefunden und jetzt bin ich hier und will dich zurückholen."
"Du weißt, dass die Abstandsverfügung immer noch gilt und du dich in diesem Moment strafbar machst?", fragte Jessica, worauf der Mann lachend meinte: "Das galt doch nur, als du verheiratet warst. Jetzt bist du frei und wir können unsere Liebe fortsetzen. Bitte komm' zu mir zurück, ich liebe dich doch immer noch" "Du hast anscheinend nie begriffen, warum ich dich vor acht Jahren verlassen habe", erwiderte Jessica erregt. "Erst Gregor hat mir gezeigt, dass Liebe viel mehr ist als bloßer Sex, wie du ihn mir immer geboten hast. Hast du ihn umgebracht?"
"Ich hätte es schon vor acht Jahren gerne getan und nun hat mir ein lieber Mensch die Arbeit abgenommen", antwortete Nikolaj lachend. "Du bist ein Scheusal", schrie Jessica ihn an, "Ich will von dir nichts mehr wissen und fordere dich auf, diese Wohnung schnellstens zu verlassen, sonst rufe ich die Polizei." Mit den Worten: "Das kannst du gar nicht, denn ich werde dich jetzt mitnehmen, ob du willst oder nicht", fasste der Mann Jessica am Arm und wollte sie aus der Wohnung ziehen, doch der Kommissar stand schon mit gezogener Pistole hinter ihm und schrie ihn an, die Frau loszulassen. "Ich bin Kommissar Markowski von der Hamburger Mordkommission, und nehme Sie jetzt fest, weil Sie hinreichend verdächtig sind, Herrn Sommer umgebracht zu haben", sagte der Kommissar, legte dem Mann Handschellen an und fuhr mit ihm zum Kommissariat, nachdem er sich von Jessica verabschiedet hatte. 
Im Kommissariat wurde der Festgenommene erkennungsdienstlich behandelt und befragt, wo er in der Nacht von Freitag zu Samstag gewesen sei. "Da habe ich in meiner Wohnung in Berlin tief und fest geschlafen", war seine Antwort und auf die Frage nach Zeugen fuhr er fort: "Da ich noch immer in Jessica verliebt bin, habe ich keine Freundin und muss leider alleine schlafen. Falls sie mich des Mordes verdächtigen, kann ich Ihnen sagen, dass ich mir die Adresse der Hamburger Wohnung erst am Montag beschafft habe, als ich den Tod von Herrn Sommer in der Zeitung gelesen habe und hoffte, Jessica würde sich mir wieder zuwenden. Hier ist meine Fahrkarte, ich bin erst heute früh hier angekommen."

Aus Kapitel 5 „Erkenntnisse“  

"Ist euch denn in der Nacht eine Idee gekommen, wie wir in der Mordsache Sommer zu einem Erfolg kommen können?", fragte Hauptkommissarin Marcks ihre Mitarbeiter am Donnerstag bei der morgendlichen Begrüßung, und Svenja Helmer zählte auf, was sie wussten: "Wir haben zwei Verdächtige, deren Fingerabdrücke nicht mit denen auf dem Ast übereinstimmen. Vielleicht haben diese Abdrücke einen ganz anderen Hintergrund und der Mörder ist doch einer von den beiden und hat Handschuhe getragen. Immerhin haben beide niemanden, der ihren nächtlichen Aufenthalt bestätigen kann, sie bleiben also weiterhin in unserem Visier und wir müssen bei ihnen noch genauer suchen."
Die Nachbarin wies den Kommissar auf den Hausmeisterservice hin, der einmal wöchentlich nach dem Rechten sieht und die Mülltonnen rausstellt. Willig ließ er sich die Fingerabdrücke abnehmen, die erwartungsgemäß nicht zu den auf dem Ast gefundenen passten. Doch als die Kommissare ihm erklärten, wonach sie suchten, hatte er eine Idee. "Vor zwei Wochen hat eine Gärtnerfirma den Baum beschnitten, vielleicht haben die den Ast dabei angefasst." Er nannte die Daten der Firma und durfte gehen. Kommissar Markowski rief die Firma an und bat um einen baldigen Besuch durch den Gärtner, der vor zwei Wochen den bewussten Baum bearbeitet hatte.
Nach einer guten Stunde meldete sich der Gärtner im Kommissariat und bestätigte, vor zwei Wochen den Baum beschnitten zu haben. Warum er den Ast liegen gelassen habe, wollten die Kommissare wissen. "Ja, eigentlich hätte ich ihn mitnehmen müssen, aber als ich ihn abgesägt hatte, bekam ich einen Anruf, ich solle ganz schnell zu einem anderen Kunden kommen, der Probleme mit einem umgestürzten Baum habe, und danach habe ich den Ast einfach vergessen." Die Fingerabdrücke des Gärtners stimmten exakt mit den auf dem Ast gefundenen überein, doch da den Kommissaren klar war, dass er mit Herrn Sommers Tod nichts zu tun hatte, blieb nur noch ein unbekannter, halb verwischter Abdruck übrig. 
Nach dem Mittagessen hatte Ulrich Markowski eine Idee: "Die Fingerabdrücke unser beiden Verdächtigen konnten zwar auf dem Ast nicht nachgewiesen werden, doch wenn einer von ihnen der Mörder ist, könnte er Handschuhe getragen haben. Beide haben kein stichhaltiges Alibi und behaupten, mit dem Mord nichts zu tun zu haben, aber vielleicht können wir sie am Bahnhof Dammtor finden. Marjanovi? ist Mittwoch mit der Bahn aus Berlin gekommen und Prochnow braucht aus Ohlsdorf und aus Elmshorn die S-Bahn. Falls einer von ihnen schon Freitagabend zu Herrn Sommer wollte, wird er dort ausgestiegen sein und wir könnten ihn über die Überwachungsaufnahmen am Bahnhof finden. Sicherlich ist das ein Mordsaufwand, aber wenn wir die Zeit auf den Abend und den Anfang der Nacht begrenzen, sollte es gut möglich sein." "Ulrich, das ist ein glänzende Idee", lobte die Hauptkommissarin. "Fahr gleich mal zur Bahn und sieh' zu, dass du die Bänder kriegst." "OK, mach' ich", war die Antwort.
Bei der Deutschen Bahn dauerte es eine Weile, bis der Kommissar die zuständigen Beamten überzeugt hatte, ihm die Überwachungsbänder vom letzten Freitag auszuhändigen, und dann saßen die drei bis in den Abend vor den Bildschirmen. Der Kommissar hatte sich die Bänder an den Treppen von beiden Bahnsteigen und der Ausgangshalle zwischen 20 und 1 Uhr geben lassen, die sie jetzt auf die Gesichter der beiden Verdächtigen prüften. Plötzlich rief er: "Hier ist der Berliner!" Um 21:13 war Marjanovi? am Fernbahnhof auf der Treppe nach unten und kurz danach am Ausgang mit einem kleinen Koffer zu sehen. "Er war also zur Tatzeit in der Gegend, schade, dass wir ihn nach Berlin zurück geschickt haben", bedauerte die Hauptkommissarin. "Können wir die Suche beenden?", fragte Markowski. "Nein", meinte Frau Helmer, "vielleicht ist er ja wieder abgefahren. Lasst uns die restlichen Bänder anschauen." Der Kommissar murrte, doch die Chefin gab der Kollegin Recht. Und wirklich fand der Kommissar kurz vor Mitternacht auch den Hamburger Verdächtigen, diesmal um 23:23 auf der Treppe vom S-Bahnhof und kurz danach am Hallenausgang. Um 0:15 war er zurückgekommen und zur S-Bahn hochgestiegen. Der Berliner war im untersuchten Zeitraum nicht mehr zu sehen. "Verdammte Scheiße" rief die Chefin, "jetzt haben wir sie plötzlich wieder beide auf dem Schirm. Ein einziger wäre mir lieber gewesen, Aber ich glaube, das langt jetzt erstmal, heute kriegen wir nichts weiter hin.
Freitag früh rief die Hauptkommissarin als erstes Nikolaj Marjanovi? in Berlin an, doch er meldete sich nicht. darauf bat sie die Berliner Polizei, ihn zu suchen. Nachdem die Kriminalisten eine Weile gewartet hatten, meldete sich die Berliner Polizei, sie hätten Nikolaj Marjanovi? aufgespürt und bei sich ins Kommissariat gebracht, was sie mit ihm machen sollten. "Er ist eines Mordes verdächtig", antwortete die Hauptkommissarin, "können wir ihn bei Ihnen mit einer Konferenzschaltung verhören?" Die Berliner wollten ihre Techniker darum bitten und sich wieder melden. 
Kurz danach brachte eine Streife Julian Prochnow ins Kommissariat. "Wenigstens etwas", freute sich Lea Marcks und die drei nahmen den Gesuchten ins Verhör. "Sie haben uns wieder belogen", empfing die Chefin ihn. "Die Kameras am Bahnhof Dammtor zeigen eindeutig, dass Sie statt Freitagabend in Ohlsdorf im Bett zu liegen, mit der S-Bahn zum Dammtor gefahren und dort um 23:23 angekommen sind. Um 0:15 sind Sie wieder abgefahren und in der Zwischenzeit haben Sie Herrn Sommer mit einem Ast erschlagen. Was können Sie zu ihrer Anwesenheit dort sagen?" Der Verdächtige war zunächst sprachlos, erst nach einer Weile fand er eine Antwort: "Ja, ich gebe zu, dass ich um diese Zeit in der Gegend war. Ich wollte mich bei Herrn Sommer für den Datendiebstahl entschuldigen, ihm unbedingte Loyalität versprechen und ihn bitten, mich wieder in die Arbeitsgruppe aufzunehmen. Gewiss ist diese Tageszeit ungewöhnlich, doch weil ich dachte, er würde Samstag früh nach Berlin fahren, wollte ich ihn vorher noch treffen. Sie können sich mein Entsetzen vorstellen, als ich ihn tot vor der Haustür liegen sah und mir wurde sofort klar, dass man mich für den Mörder halten würde. Deshalb ging ich möglichst unauffällig zum Bahnhof zurück und fuhr nach Hause, wo mich das Entsetzen lange nicht einschlafen ließ. Sie können mir glauben oder es bleiben lassen, etwas anderes kann ich ihnen nicht sagen."
"Was machen wir mit ihm, sagt er die Wahrheit?", fragte Frau Marcks ihre Kollegen, die sie aus dem Verhörraum heraus gebeten hatte. "Es scheint so", meinte die Oberkommissarin nachdenklich, "und leider können wir ihm nicht das Gegenteil beweisen. Bei dieser Lage wird uns kein Haftrichter die Untersuchungshaft genehmigen. Wir müssen ihn mit der Auflage freigeben, sich täglich bei uns zu melden." "OK, sag' ihm das und lass' ihn laufen", entschied die Chefin und Frau Helmer gab dem Mann Bescheid.

Die Berliner Kripomeldete sich , sie seien zu einer Videokonferenz bereit und bald konnten die Hamburger auf dem großen Schirm den Verhörraum in Berlin mit zwei Beamten und Nikolaj Marjanovi? sehen. "Hallo, Herr Marjanovi?, können Sie uns sehen und hören?", fragte Frau Marcks, worauf der Gefragte ärgerlich antwortete: "Ja, ich kann Sie gut sehen und hören und jetzt will ich ganz schnell wissen, warum Sie mich wie schon wieder einen Verbrecher festnehmen lassen und verhören." "Das ist ganz einfach", meinte die Hauptkommissarin lächelnd, "weil sie uns belogen haben. Wir haben festgestellt, dass Sie entgegen Ihrer Aussage auch schon am Freitagabend in Hamburg waren, Sie sind um 21:13 Uhr am Bahnhof Hamburg-Dammtor aus dem Berliner Zug ausgestiegen, waren also zum Todeszeitpunkt von Herrn Sommer in seiner Nähe. Deshalb verdächtigen wir Sie, ihn ermordet zu haben, um wieder an seine Frau heran zu kommen. Was können Sie uns dazu zu sagen?"
Wie aus der Pistole geschossen antwortete der Gefragte: "Ja, ich war Freitag in Hamburg. Ich wollte Jessica in der letzten Woche aufsuchen, aber sie war nicht in Berlin. Schon früher hatte ich mich in Herrn Sommers Computer gehackt und wusste, dass er in Hamburg eine Wohnung hat, wo ich Jessica vermutete und möglichst treffen wollte. Deshalb bin ich Freitagabend nach Hamburg gefahren, habe mich ganz in der Nähe der Wohnung im Mercure-Hotel eingemietet und wollte Samstagvormittag versuchen, Jessica zu treffen. Als ich gegen 9 Uhr zum Haus kam, sah ich den Mann neben der Treppe liegen und Polizei am Ort. Da wusste ich, dass Jessica frei ist, ich ihr aber Zeit lassen musste. Deshalb bin ich mit dem nächsten Zug nach Berlin zurück gefahren und habe ihr einen Zettel in den Kasten geworfen, die Zeit sei jetzt reif, dass sie zu mir zurückkehrt. Da sie nicht nach Berlin kam, bin ich am Mittwoch noch mal nach Hamburg gefahren und habe sie dort besucht, wo Sie mich festnahmen. Wie am Freitagabend habe ich mich wieder im Hotel Mercure einquartiert, Sie können dort nachfragen."
Um den Tag nicht vollkommen ergebnislos abzuschließen, fragte Frau Marcks die Kollegen: "Habt ihr vielleicht noch eine Idee, wer ein Interesse an Herrn Sommers Tod haben könnte", worauf der Oberkommissarin eine Möglichkeit einfiel: "Frau Schawais hat doch berichtet, dass ihr Vater jeden Kontakt mit Jungen und Männern kategorisch unterbunden hat, weil er sie mit irgendwelchen älteren Kurden verheiraten wollte und sie dafür unbedingt jungfräulich sein musste. Obwohl sie allmählich zu einer selbstständigen Frau wurde, hat der sie wahrscheinlich weiterhin überwachen lassen, weil er die Idee nie aufgegeben hat, durch solche Heirat rein kurdische Enkel zu bekommen. Als sie dann nach zwei Jahren in Herrn Sommers geheime Arbeitsgruppe in Hamburg kam und mit ihm die erste Liebe ihres Lebens fand, könnte der Vater diese für seine Absichten unmögliche Liaison trotz der Geheimhaltung heraus bekommen haben und Herrn Sommer deshalb umbringen lassen. Wir sollten auch diese Richtung weiter verfolgen."
"Etwas weit hergeholt, aber nicht unmöglich", beurteilte die Chefin die Idee. "Wie kommen wir dem Schawais auf die Spur?" "Ich denke, wir müssen darüber zuerst mit seiner Tochter sprechen. Die kennt ihren Vater am besten und ist nicht besonders gut auf ihn zu sprechen", schlug Frau Helmer vor und wollte Frau Schawais im Büro anrufen, erfuhr aber, sie sei nicht im Dienst, sondern schon gestern nach Berlin gefahren, um an der Beisetzung von Herrn Sommer teilzunehmen. Darauf rief sie ihr Handy an, das war aber ausgeschaltet und sie konnte nur auf der Mailbox eine Bitte um Rückruf hinterlassen.

Aus Kapitel 6 „Abschied“

Donnerstagnachmittag hatte Jessica Sommer alle wesentlichen Vorhaben auf ihrer Liste erledigt und übergab die Wohnung an den Beauftragten von Siemens. Nachdem sie Gregors persönliche Gegenstände im Wagen verstaut hatte, fuhr sie mit Wilfried zu Siemens, um Nazemîn Schawais abzuholen. Freitag früh besuchte der Pastor Jessica, um Informationen für seine Predigt zu gewinnen. Er war derselbe, der Gregor und sie vor acht Jahren getraut hatte, und erinnerte sich noch gut daran. Jessica hatte sich entschlossen, Gregors außereheliches Verhältnis weder seinen Eltern noch dem Pfarrer zu offenbaren. Das ging nur sie und Nazemîn etwas an und zusätzlich wussten es Jan und Wilfried, die sie zum Schweigen angehalten hatte. So berichtete sie dem Geistlichen ausführlich über ihre harmonische Ehe, die sie ja bis letzten Samstag auch immer so empfunden hatte. Als Gregors Eltern zum Mittagessen eintrafen, sprachen sie Jessica ihr Beileid aus, was sie mit den Worten zurückgab, sie hätten doch auch einen geliebten Menschen verloren. Was Gregor in Hamburg gemacht habe, wollten sie wissen und Jessica berichtete stolz, er habe dort eine wichtige Arbeitsgruppe geleitet. Die Frage nach der Todesursache konnte sie nur mit den Worten beantworten, er sei erschlagen worden und die Hamburger Kripo habe den Mörder noch nicht gefunden.
Nazemîn hatte ihr Smartphone wegen der Trauerfeier ausgeschaltet und als sie es nach dem Abendessen wieder in Betrieb nahm, fand sie Frau Helmers Bitte um Rückruf. "Ich bin mit Frau Sommer nach Berlin zur Beisetzung ihres Mannes gefahren, worum geht es denn?" meldete sie sich. Darauf schilderte ihr die Oberkommissarin die Überlegungen über ihren Vater, ob er unter Umständen ihre Liaison mit Herrn Sommer heraus bekommen habe und ihn deshalb umbringen ließ, weil er sie ja unbedingt mit einem Kurden verheiraten wollte. "Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht, kann es aber nicht ausschließen", antwortete sie nachdenklich, "aber viel mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Ich werde morgen darüber nachdenken, heute hatten wir die Beisetzung und jetzt sind wir gerade mit dem Abendessen fertig. Spätestens Montag melde mich ich wieder."
Samstag war Jan mit beim Frühstück und mit einem Mal sagte Nazemîn nachdenklich: "Ich habe ein Problem und ihr könnt mir vielleicht einen Rat geben", dann schilderte sie den Verdacht der Hamburger Kripo gegen ihren Vater. "Wie haben Sie ihn denn in Erinnerung?" fragte Jan, "trauen Sie ihm solche Tat zu?" "Na ja, er ist kein Engel", suchte die junge Frau nach Worten. "In seinem kurdischen Umfeld gibt es finstere Gestalten, denen ich nachts nicht begegnen möchte. Daneben hat er einen Freundeskreis gleichaltriger Kurden, mit denen oder ihren Söhnen er mich schon längst verheiraten wollte, und ich denke, für dieses Ziel ist ihm keine Maßnahme zu schmutzig, nur meine Mutter hat das bisher verhindert. Wenn er meine Verbindung mit Gregor heraus bekommen hat, wird ihn das fürchterlich geärgert haben, weil es seine Pläne durchkreuzte. So hart und kompromisslos, wie ich ihn jahrelang kennen gelernt habe, traue ich ihm durchaus zu, den Mord in Auftrag gegeben zu haben, nur würde er sich nie die Hände selbst schmutzig machen."
"Denken Sie doch bitte nach, ob Ihnen noch etwas Besonderes zu ihm einfällt", bat Jan, worauf Jessica sich einschaltete: "Ich bin mit dir und auch mit Nazemîn gut befreundet, da möchte ich, dass ihr auch Freunde werdet, was haltet ihr davon?" Nazemîn stimmte sofort zu, aber Jan hatte Bedenken: "Wenn ich daran denke, dass Gregor dich mit ihr betrogen hat, fällt mir diese Freundschaft nicht leicht", sagte er langsam, doch Jessica nahm ihm die Bedenken mit den Worten: "Sie hat Gregor ebenso geliebt wie ich und mich um Vergebung gebeten, dadurch ist sie mir zur Freundin gewonnen, da solltest du auch nicht so hart sein." "Nun gut, dann hol' mal was, womit wir auf unsere Freundschaft anstoßen können." Jessica sprang auf und kehrte mit einer Flasche Weinbrand und Gläsern sowie Saft für Wilfried zurück, die vier tranken und küssten sich auf die Wangen.
"In meiner Erinnerung taucht etwas auf, das mich damals nachdenklich gemacht hat", begann Nazemîn. "Es war eine Weile nach meinem Studium, als ich meine Eltern besuchte und ohne anzuklopfen das Arbeitszimmer meines Vaters betrat, um ihn zu begrüßen. Er saß dort mit ein paar wild aussehenden Männern, von denen einer gerade das Wort ‚Öcalan' sagte. Mein Vater schrie mich an: ‚Raus, du störst uns', und ich verließ fluchtartig den Raum. Hinterher dachte ich nach, wo ich dieses Wort gehört hatte, und fand im Internet, dass er der Führer der Terrororganisation PKK ist, die für kurdische Selbstständigkeit in der Türkei kämpft. Er wurde 1999 vom türkischen Geheimdienst in Nigeria gekidnappt und in der Türkei zum Tode verurteilt, das Urteil wurde jedoch auf europäischen Druck in eine lebenslange Haft umgewandelt. Er gilt weiterhin als geistiger Führer nicht nur der PKK, sondern aller Kurden, auch bei Demonstrationen wird sein Bild gezeigt. Aus dieser Erinnerung schließe ich, dass mein Vater insgeheim Verbindungen zur PKK unterhält und sie wahrscheinlich finanziell unterstützt. Da diese Terrororganisation in Deutschland verboten ist, macht er sich strafbar." "Heute ist zwar Samstag, aber ich halte das für wichtig genug, dass du nicht bis Montag wartest, sondern sofort die Hamburger Kripo informierst", schlug Jan vor, worauf Nazemîn die Oberkommissarin anrief und ihre Erkenntnisse berichtete.
"Ich bin zwar nicht im Dienst, halte aber diese Angelegenheit so wichtig, dass wir sofort drauf los gehen werden, herzlichen Dank für Ihre Information", meinte Frau Helmer. Sie überlegte kurz, dann rief sie die Chefin an und berichtete ihr Frau Schawais' Informationen. "Das ist ein heißes Ding, das wahrscheinlich das Bundeskriminalamt an sich ziehen wird, weil die PKK eine in der ganzen Bundesrepublik vertretene internationale Terrororganisation ist", rief die Hauptkommissarin in den Apparat, "wir treffen uns im Büro." Nachdem sie eingetroffen war, rief sie das Bayerische Landeskriminalamt an und bezog sich auf den Anruf vom Donnerstag. "Wir haben inzwischen von der Tochter des Dogan Schawais erfahren, dass der Mann Verbindungen zur PKK unterhält und unsere Mordsache möglicherweise damit zu tun hat. Ich denke, das ist etwas für das BKA", erklärte sie dem Beamten auf der Gegenseite, worauf der sofort antwortete, sie habe Recht, er würde dem BKA alle Erkenntnisse über den Mann berichten und die würden sich wahrscheinlich bei den Hamburgern melden.
Es dauerte nicht lange, bis das BKA sich meldete. Die Oberkommissarin Hofmeister von der Abteilung "Organisierte Kriminalität" fragte nach allen Einzelheiten, die mit Nazemîn Schawais in Zusammenhang stünden, worauf Frau Marcks von dem Mord an Gregor Sommer, seinem Verhältnis mit Schawais' Tochter und ihren bisher ergebnislosen Ermittlungen berichtete. "Aus den Aussagen der Tochter vermuten wir eine Verwicklung von Schawais in den Mordfall und haben deshalb die Münchener informiert, die die Sache an Sie weiter gegeben haben", erklärte die Hauptkommissarin. "Ja, München hat uns schon umfassend informiert, aber wissen Sie, wo wir die Tochter finden können?", wollte die BKA-Beamtin wissen. "Bei Ihnen vor der Tür", lachte Frau Marcks. "Sie ist gerade bei der Witwe des Ermordeten, weil sie gestern an seiner Beisetzung teilgenommen hat. Zwischen den Frauen ist eine Freundschaft entstanden, nachdem sich die Geliebte bei der Ehefrau entschuldigt hat."
Nach einer halben Stunde klingelte Oberkommissarin Ina Hofmeister vom BKA an der Tür und wollte von Nazemîn alles über die Verbindungen ihres Vaters zur PKK wissen, worauf diese berichtete, wie sie bei einem Treffen mit wild aussehenden Männern das Wort ‚Öcalan' gehört habe. "Haben Sie noch mehr in dieser Richtung festgestellt?", wollte die Beamtin wissen, doch Nazemîn konnte nur sagen, dass sie öfter gesehen hatte, wie solche Männer sich bei ihrem Vater trafen, er habe diese Treffen aber stets akribisch abgeschirmt und sie habe nie wieder irgendein Wort davon gehört. "Was hat denn Ihre Freund mit der Sache zu tun?", fragte Frau Hofmeister weiter, worauf Nazemîn berichtete, dass sie Gregor von ihrem Verdacht erzählt habe und er sich möglicherweise darum gekümmert hat. "Ich weiß nicht, ob er wirklich etwas unternommen hat, wenn ja, kann ich nicht ausschließen, dass die PKK das mitbekommen und ihn ermordet hat." "Trauen Sie Ihrem Vater so eine Tat zu", fragte die BKA-Beamtin, worauf Nazemîn nach einigem Überlegen leise antwortete: "Er ist ein fanatischer Mensch und hasst alle, die gegen die Kurden sind. Das habe ich oft von ihm selbst gehört. Falls Herr Sommer in irgendeiner Weise dieser Organisation gefährlich geworden sein sollte, kann ich nicht ausschließen, dass mein Vater ihn aus dem Weg geschafft hat."
Die BKA-Beamtin machte sich noch einige Notizen auf ihrem Tablet, dann sagte sie zu Nazemîn "Ich danke Ihnen für diese umfassende Information, es kann sein, dass wir noch einmal auf Sie zukommen." "Hier in Berlin werden Sie mich kaum noch finden, ich war nur zur Beisetzung meines Kollegen hier. Ich gebe Ihnen meine Münchener Adresse, aber in der Woche bin ich meist im Novum Style Hotel am Steindamm in Hamburg." Mit den Worten "Die weiteren Ermittlungen in der Mordsache Ihres Mannes übernehmen wir, jetzt erst mal auf Wiedersehen", wandte sich die Oberkommissarin an Jessica, die sie zur Tür begleitete.
"Nimm dir doch mal Gregors Laptop vor, ob du noch irgendwas Besonderes findest", bat Jessica Jan Heinemann. "Ich habe dem Gerät zwar in Hamburg schon allerlei Geheimnisse entlockt, aber vielleicht findest du noch irgendwas, das ich übersehen habe." Jan meinte, das könne er besser bei sich zu Hause und nahm das Gerät mit.Beim BKA rief Frau Hofmeister einen Gesprächskreis zusammen, um das weitere Vorgehen abzustimmen. "Wir brauchen Einblick in Schawais' Konten, eine Liste seiner Telefonate und Rechneraktivitäten, außerdem sollten wir versuchen, Bildaufnahmen von den verschiedenen Kurdentreffen in Deutschland zu bekommen, ob er dabei ist. Seine Festnetznummer kriegen wir sicherlich, wie ist es mit dem Handy?" "Ich lasse mir die Nummer von der Tochter geben", erklärte Frau Hofmeister sich bereit." "Wenn Sie sie haben, gehe ich zum Staatsanwalt und beantrage die Gesprächslisten und die Kontenprüfung", bestimmte der Chef. Die Oberkommissarin fragte Nazemîn telefonisch nach der Mobilfunknummer ihres Vaters und sie gab sie ihr durch, wies aber darauf hin, dass er möglicherweise noch andere Nummern habe.
Überraschend schnell bekamen sie die Genehmigung zur Einsicht in die Kontaktdaten und Konten, nur mit den Aufnahmen der Kameras mussten sie bis morgen warten. Die Durchsicht der Telefonverbindungen über das Festnetz ergab eine Unmenge geschäftlicher Telefonate zu Kunden und Lieferanten für Reinigungsmaterial, aber keinerlei private Verbindungen. Eine Reihe von Gesprächen waren auch zum Mobilphon geführt worden. Bei der genauen Prüfung fiel Frau Hofmeister eine Mobilfunknummer auf, die zwar selten aber immer wieder vom Festnetzanschluss kontaktiert worden war. Als sie auch für diese Nummer die Freigabe bekamen, gingen ihnen die Augen auf: Der Besitzer hieß Milas Schawais und sie bekamen aus den Meldedaten schnell heraus, dass Milas der zweite Vorname von Nazemîns Vater war. Doch viel interessanter waren die vielen Gespräche in den Irak und die Türkei, sowie zu einer ganzen Reihe deutscher Mobilfunkanschlüsse. Die meisten hatten nur Prepaidkarten, aber bei einigen fanden sie orientalische Namen.
Dann nahmen sie sich die Konten des Verdächtigen vor. Das Geschäftskonto diente offensichtlich nur geschäftlichen Transaktionen wie Einzahlungen von Kunden und Auszahlungen an Mitarbeiter, Firmen für Reinigungsmaterial, das Finanzamt und das Privatkonto. Dieses war interessanter. Neben Zahlungen per EC-Karte in Lebensmittelmärkten, Kleidungsgeschäften und an Tankstellen gab es immer wieder umfangreiche Zahlungen an eine Bank auf den Caymaninseln und die Barauszahlung größerer Beträge.
"Da haben wir hier also ein umfangreiches kurdisches Netzwerk aufgedeckt", sagte der Chef erschüttert, "was machen wir damit?" "Ich denke, wir brauchen einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnung und die Geschäftsräume und müssen die Münchener dafür um Hilfe bitten", schlug die Oberkommissarin vor. "Auf jeden Fall hat der Verdacht der Tochter ins Schwarze getroffen, dass der Vater aktiv mit der PKK zusammen arbeitet." Am Nachmittag hatten sie den Durchsuchungsbeschluss und schickten die Münchener Spezialisten mit dem Auftrag zu Schawais' Wohnung, Computer und andere Unterlagen mit Adressen und Mails, sowie vielleicht auch Dateien mit kurdischem Hintergrund zu suchen. Falls sie dabei den Namen Gregor Sommer fänden, wüssten sie, dass der Vater die Verbindung seiner Tochter zu diesem Mann kannte und könnten ihn verdächtigen, mit seinem Tod etwas zu tun zu haben. Bei hinreichendem Verdacht sollten sie ihn vorläufig festnehmen.
In einem verschlossenen Fach seines Schreibtisches fanden sie viele Fotografien eines Mädchens mit Datum, das dann zur jungen Frau wurde. Die Aufnahmen begleiteten ihr Studium und ihre Zeit im Beruf, bis sie auf den letzten Bildern in enger Umarmung mit einem Mann abgebildet war. Sie übertrugen diese Bilder nach Berlin und erfuhren, das seien Nazemîn Schawais und Gregor Sommer. "Sie wussten also von der Verbindung Ihrer Tochter mit Herrn Sommer", warfen die Beamten dem Vater vor, "und stehen unter Verdacht, deshalb seinen Tod in Auftrag gegeben zu haben. Außerdem wurden bei Ihnen Verbindungen zur verbotenen PKK festgestellt, und wegen dieser beiden Punkte verhaften wir Sie jetzt. Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden." Dem Mann wurden Handschellen angelegt und er wurde in die Haftanstalt des Bayerischen LKA gebracht. Da keine weiteren Unterlagen gefunden wurden, nahmen die Beamten nur den Laptop mit. Auch die Durchsuchung der Geschäftsräume ergab keine zusätzlichen Beweismittel. Im Büro versuchten die Beamten, in den Laptop zu gelangen. doch er war durch ein Passwort geschützt. Deshalb gaben sie ihn an die IT-Spezialisten und machten Feierabend, da es ziemlich spät geworden war.
Den IT-Leuten war es nach einer halben Nacht gelungen, das komplizierte Passwort des Laptops zu knacken. Am Sonntagmorgen stellten sie eine Datenverbindung nach Berlin her, über die die BKA-Beamten den Inhalt besichtigen konnten. Als erstes interessierten sie die E-Mails, in denen sie eine ganze Menge Briefverkehr zu Empfängern in Deutschland und wiederum im Irak und der Türkei fanden. Die meisten Texte waren auf Kurdisch und sie ließen eine Dolmetscherin kommen, um sie zu übersetzen. Auch die übrigen Dateien waren meist in kurdischer Sprache. Interessant waren jährliche Excel-Dateien mit Spalten für Einnahmen und Ausgaben, die anscheinend das Konto auf den Caymaninseln betrafen. Die Einnahmen waren meist Überweisungen vom Privatkonto und bei den Ausgaben standen kurdisch klingende Namen. "Diese Tabellen befassen sich anscheinend nur mit der PKK", meinte die Oberkommissarin nachdenklich, "wir sollten mal versuchen, aus den Namen die Adressen der Empfänger heraus zu bekommen, dann haben wir wohl die halbe PKK beisammen." "OK, machen Sie das", entschied der Chef, ich beantrage inzwischen U-Haft für den Mann und dann lassen wir ihn zu uns bringen."
Jan Heinemann rief aufgeregt bei Jessica an: "Ich habe auf Gregors Laptop eine umfangreiche versteckte Worddatei mit Namen ‚diary' gefunden, die ich nicht öffnen kann, weil sie passwortgeschützt ist. Dem Namen nach könnte es sich um ein Tagebuch handeln, hast du vielleicht eine Ahnung über das Passwort?" ""Anscheinend handelt es sich dabei um sehr persönliche Dinge und ich meine immer noch, er schützt sie mit persönlichen Daten", meinte Jessica und gab "Gregor170782" ein. "Das ist sein Name und Geburtsdatum", erklärte sie, als sich die Datei unter der Überschrift "Mein Tagebuch" öffnete. Es war ein riesiges Word-Dokument mit über 700 Seiten, das sie gleich zu lesen begannen. Der erste Eintrag war im Juli 1997 datiert:

                                                     Aus Kapitel 7 „Schwerin“             Literaturverzeichnis      

17. 7. 1997

Zum Geburtstag habe ich heute einen Laptop bekommen, den ich mir schon lange wünsche. Er hat den neuen Intel Pentium Prozessor, 64 MB Hauptspeicher, eine 2-GB-Platte, das Betriebssystem Windows 95 und ein Modem. Dazu kommt ein ausgemusterter Drucker aus Vatis Geschäft. Ich übe ja schon lange an seinem Abrechnungs- und Materialcomputer, einer fünf Jahre alten Kiste mit Windows 3.1, so dass ich mit dem Laptop gleich loslegen kann. Über das Modem kann ich im Netz surfen und Vati bezahlt mir einen E-Mail-Account. Ich will sehen, ob Mitschüler schon sowas haben und ich mit ihnen korrespondieren kann. Als mein geheimes Tagebuch lege ich diese versteckte und besonders geschützte diary-Datei an, wo ich alles notieren will, was ich erlebe, ohne dass es ein anderer findet.
Doch zunächst will ich etwas zurück schauen. Ich wurde noch in der verflossenen DDR geboren und kam im Sommer 1989 zur Schule, wo wir als erstes das FDJ-Lied lernten und mit den Errungenschaften des Arbeiter- und Bauernstaates vertraut gemacht wurden. Angefangen hatte das schon im Kindergarten. Persönlich ging es uns recht gut, denn mein Opa konnte sein Elektrogeschäft mit der Werkstatt weitgehend ohne Einmischung der Behörden betreiben, er musste dafür noch nicht mal Parteimitglied sein. Weil er keine Angestellten beschäftigen durfte, halfen Vater und Mutter im Geschäft. Die alten Elektroinstallationen in den Häusern und der Bedarf an schwer erhältlichen Elektrogeräten verschafften uns ein erträgliches Leben. Wir wohnten zusammen mit Opa über dem Laden in einer kleinen Wohnung, die Oma war noch vor meiner Geburt gestorben.
Bei der Wende war ich gerade vier Monate zur Schule gegangen und plötzlich änderte sich alles. Die stramm sozialistischen Lehrer wurden entlassen und aus dem Westen kamen Nachfolger, die nicht besser waren. Nur allmählich lernten wir wieder etwas Nützliches und ich war in allen Fächern ziemlich gut. Der Großvater bekam schnell die Verfügungsgewalt über das Geschäft und Haus zurück, in dem wir wohnten. Da die Zwangsmieter auszogen, hatten wir genug Platz und ich bekam ein eigenes Zimmer. Leider setzten die notwendigen Verhandlungen Opa so zu, dass er noch vor der Deutschen Einheit mit 68 Jahren starb, und meine Eltern übernahmen das Geschäft. Weil der Bedarf an neuen Elektrogeräten und Hausinstallationen groß war, stellten sie Mitarbeiter ein und verdienten gut.
Mit 10 Jahren kam ich aufs Gymnasium und konnte den guten Stand der Grundschule halten. Allerdings war ich der Kleinste und Schwächste in der Klasse. Das nutzte ein Schlägertyp aus, der nur schlechte Leistungen brachte, und verprügelte mich bei jeder Gelegenheit. An ein Ereignis erinnere ich mich noch genau: Wir hatten einen Englisch-Test geschrieben und da das mein Spezialfach war, erwartete ich ein gutes Ergebnis. Der Lehrer verteilte die Blätter in aufsteigender Nummerierung und ich wunderte mich, bei den zweien nicht dabei zu sein. Dann kamen die dreien, vieren und fünfen und zuletzt eine sechs für den Schlägertyp. Mir war das Herz in die Hose gerutscht, ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, so schlecht abgeschnitten zu haben. Und ich hatte Recht: "Was ist denn das?", rief der Lehrer erstaunt, "Sommer null Fehler, eins!" Ich war froh, aber der Schlägertyp nahm mir die Demütigung übel und verprügelte mich bei der nächsten Gelegenheit. Zum Glück schaffte er die Versetzung in die sechste Klasse nicht und ich hatte fortan Ruhe.
Letzte Ostern bin ich konfirmiert worden. Die Eltern haben mir dazu geraten und ich habe zwar nicht viel mit der Kirche am Hut, finde aber den Christlichen Glauben nicht schlecht, in dem ich aufgewachsen bin. Die Konfirmation ist auf jeden Fall besser und geht viel tiefer als die gesichtslose Jugendweihe. Im Konfirmandenunterricht ließ uns der junge Pastor neben anderen Texten das Hohelied Salomos lesen und obwohl ich mit Mädchen noch nichts anfangen kann, fand ich es schön, dass die ernste Bibel solche zarten Liebesverse enthält. In der Klassengemeinschaft fühle ich mich inzwischen ganz wohl, ich bin ziemlich gewachsen und kräftiger geworden. In drei Jahren will ich das Abitur machen, womit ich jetzt in der Gegenwart angekommen bin.

"Was meinst du, sollten wir Nazemîn das mit lesen lassen, schließlich hat sie Gregor doch auch sehr gut gekannt", meinte Jessica und als Jan zustimmte, holten sie sie dazu und erklärten ihr, worum es ging, dann lasen sie gemeinsam weiter.

22. 7. 1997
Gestern habe ich in der Klasse nach E-Mail-Teilnehmern gefragt und die meisten staunten, dass ich einen Laptop habe. Nur Jan Heinemann hat auch einen, mit dem er mailen kann. Nachmittags habe ich gleich mit ihm korrespondiert, das macht Spaß. Heute hat er mich eingeladen, mit meinem Laptop zu ihm zu kommen, um Erfahrungen auszutauschen, er weiß eine ganze Menge mehr als ich. Vor allem hat er mich mit dem neuen und besonders sicheren Betriebssystem Windows NT vertraut gemacht, das für kommerzielle Anwendungen konzipiert worden ist. Ich habe es gleich runter geladen und installiert. Word war ja schon auf meinem Laptop und Excel konnte ich von ihm kopieren. Jetzt will ich Vati überzeugen, sich für das Geschäft einen neuen schnellen Computer mit diesem Betriebssystem zuzulegen.


"Bist du dieser Jan?" fragte Jessica, "Gregor hat erzählt, dass eure Freundschaft schon lange besteht." Jan bestätigte, dass ihre Freundschaft da begonnen habe und sie seitdem immer in Kontakt geblieben seien.

14. 2. 1998
Die Eltern haben mich zur Tanzstunde angemeldet und gestern war der erste Übungsabend. Erfreut stellte ich fest, dass Astrid Reimann auch dabei ist. Aber als ich sie zum ersten Tanz auffordern wollte, bekam ich vor Aufregung feuchte Hände und kaum ein Wort heraus, denn ich spürte eine natürliche Würde an ihr, die mir in der Klasse nie aufgefallen ist. Mit ihren langen blonden Haaren erschien sie mir so unnahbar wie eine Göttin. Doch ihre dunkelblauen Augen blickten mich mit einer herzlichen Wärme an, da verflog meine Scheu. Sie ließ sich gerne von mir in die Arme nehmen und ich roch einen wundervollen Duft, wie nach frischen Blumen. Ich tanzte hauptsächlich mit ihr und hätte sie am liebsten nicht mehr losgelassen, aber leider musste sie auch mit anderen Jungen tanzen. Da sie in der Nähe wohnt, gingen wir zusammen nach Hause. Beim Abschied konnte ich nicht anders, als meine Lippen auf ihren weichen Mund zu drücken. Zärtlich strich sie mir mit der Hand über die Wange, bevor sie im Haus verschwand. Ich war sagenhaft glücklich, zum ersten Mal in meinem Leben habe ich ein Mädchen geküsst!

21. 2. 1998
In der zweiten Tanzstunde tanzte ich fast nur mit Astrid und genoss wieder ihren Blumenduft, aber vor allem die wilden Drehungen mit ihr, die uns einen Tadel des Tanzlehrers einbrachten. Nach den Übungen brachte ich sie natürlich wieder nach Hause. Ich hätte sie gerne wieder geküsst, aber wollte sie das auch? Als ich sie verlegen anschaute, drückte sie ihre Wange an meine, und ich fühlte ihre weiche Haut. Das schien mir ein Zeichen, dass sie mich mag, und ich wagte es, meinen Mund wieder auf ihre Lippen zu drücken. Da streichelte sie plötzlich mit der Zunge meine Lippen. Überrascht öffnete ich sie und wie von selber spielten unsere Zungen miteinander. Süß kam mir ihr Mund vor und ich musste an das Hohelied denken: "Deine Lippen sind Honigseim; Honig und Milch ist unter deiner Zunge." Ich war glücklich, diesem Mädchen so nahe gekommen zu sein und wir genossen lange dies wundervolle Spiel.

7. 3. 1998

Nachdem Astrid mich vorige Woche zu sich eingeladen hat, war es jetzt an mir, sie einzuladen und meinen Eltern vorzustellen. Deshalb bat ich sie gestern bei den Abschiedsküssen nach der Tanzstunde, mich heute Nachmittag zu besuchen und bat meine Eltern um Kaffee und Kuchen für meine Freundin. 
Als Astrid kam, wurde sie gleich zum Kaffee eingeladen, dann konnten wir uns endlich in mein Zimmer verziehen. Wie vorige Woche lagen wir auf dem Bett und küssten uns, doch in mir war eine Sehnsucht, ihre Brust anzuschauen, die ich vor einer Woche unter der Bluse gefühlt hatte. Weil ich mich nicht traute, ihr das zu sagen, führte ich nur behutsam eine Hand an den Ausschnitt der Bluse und schaute dabei in ihr Gesicht. Lächelnd nickte sie und ich durfte ihr Bluse und BH abstreifen, dann konnte ich die zierlichen Kugeln mit den roten Kreisflächen und den Himbeerspitzen in der Mitte bewundern. Ich habe ja oft die Brust meiner Mutter gesehen, aber Astrids ist schöner und ganz fest. 
„Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden“, zitierte ich ergriffen das Hohelied Salomos, und ein Anflug von Röte lief über das Gesicht meiner Liebsten, dann küsste sie mich lächelnd. Ich streichele die Kugeln und staunte über ihre zarte Weichheit, dann setzte ich auf jede Himbeere einen sanften Kuss. Das Ganze war ein unwahrscheinlich schönes Erlebnis für mich und ich dankte meiner Liebsten, dass sie es mir gewährt hatte.
„Ich möchte auch etwas mehr von dir sehen“, meinte Astrid darauf lächelnd, legte die Hand auf den Reißverschluss meiner Jeans und schaute mich fragend an. Als ich erfreut nickte, öffnete sie den Verschluss und zog die Jeans herunter. Beim Slip zögerte sie einen Moment, bis sie ihn entschlossen über meine aufgerichtete Männlichkeit hievte. „Das habe ich noch nie in Natur gesehen, ich finde es schön“, flüsterte sie und umfasste „ihn“ vorsichtig mit der Hand. 
Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich die wundervolle Berührung einer anderen Hand an meinem intimsten Organ. In der Hoffnung auf ihre Liebe bewegte ich die Hand auf und ab und sie begriff schnell. Unsere Zungen tanzten wild miteinander und während wir uns küssten, atmete ich immer heftiger, bis ich mich stöhnend hin und her warf. Das war für sie wohl ganz unerwartet, sie küsste mich leidenschaftlich und umarmte mich fest, dann flüsterte sie: „Jetzt liebe ich dich noch mehr, wo ich dich so erlebt habe.“ Wir waren uns wieder ein gutes Stück näher gekommen.

15. 3. 1998
Am nächsten Samstag war ich wieder bei Astrid. Nach dem obligaten Kaffee und Kuchen lagen wir in ihrem Zimmer auf dem Bett und küssten uns, dann sagte sie lachend: "Meine Mutter hat mir gute Ratschläge für den Umgang mit dir gegeben: ‚Ihr müsst unbedingt ein Kondom benutzen, wenn ihr miteinander schlaft', hat sie gesagt, worauf ich antwortete, daran dächten wir überhaupt noch nicht, und sie entschuldigte sich. Da kannst du sehen, was die Erwachsenen uns schon zutrauen." "Mein Vater hat vor deinem Besuch letzte Woche ähnliche Bedenken geäußert, allerdings nicht so deutlich, und meine Mutter hat ihn zurecht gewiesen, wir würden uns sicherlich damit noch viel Zeit lassen. Sie ist eine kluge Frau und ich war ihr dankbar", erklärte ich.
Doch Astrid wurde ernst und sagte leise: "Ich habe dir neulich gesagt, dass ich mir auch Lust verschaffen kann, und da du ehrlich warst, will mich dir auch öffnen. Ich zeige dir, wie es geht und du mir dabei helfen kannst, lass' uns dafür die Kleidung ablegen." Ganz unbefangen begann sie, sich auszuziehen, es war aufregend für mich, nun auch ihr letztes Geheimnis schauen zu dürfen. Zum ersten Mal konnte ich ihre makellose Schönheit vollkommen bewundern, ihren schlanken Körper mit den herrlichen Brüsten und die zarten blonden Locken zwischen den Schenkeln. Mir war, als sähe ich ein Opfer an, das sie unserer Liebe brachte. Ich saß einfach auf dem Bett und staunte. "Du musst dich auch ausziehen", mahnte Astrid lächelnd und ich erwachte aus meiner Bewunderung. "Entschuldige bitte, du bist so wunderschön, dass ich es völlig vergessen habe", antwortete ich und legte auch meine Sachen ab.
"Jetzt leg' dich bitte neben mich", bat die Geliebte und es war herrlich, die zarte Haut ihres blühenden Körpers an meinem zu fühlen und ihren Duft zu genießen. Dann griff sie meine Hand und führte sie zwischen ihre Schenkel, wo ich zum ersten Mal in Natur fühlte, was mich nach der Abbildung im Biologieunterricht zum Spiel mit mir selbst angeregt hatte. Doch Astrid führte meine Finger weiter an eine Stelle, bei deren Berührung sie zusammenzuckte. Ich streichelte diese Stelle und ihr leises Stöhnen war ganz neu und unbekannt für mich, ich wusste ja noch nichts von den Geheimnissen der Frauen. Schließlich konnte sie nicht mehr still liegen, sie bebte und stöhnte leise, bis sie sich schließlich eng an mich drückte und heftig atmete, dann wühlte ihre Zunge tief in meinen Mund.
Das war wohl ein Orgasmus und für mich so phänomenal, dass es mir von selbst kam, denn meine Erregung war während der Aktion immer mehr angestiegen. Nachdem Astrid mich letzte Woche liebevoll gestreichelt hatte, erlebte ich jetzt zum ersten Mal ihren Höhepunkt nicht nur mit, sondern habe ihn sogar selbst ausgelöst wie sie auch bei mir, und ich empfand ihn beeindruckend. Ich habe ja nicht gewusst, dass Frauen auch einen Orgasmus haben, dies Gefühl hat uns die Bio-Lehrerin verschwiegen. Eng umschlungen küssten wir uns, bis unsere Erregung abgeklungen war. Dann legte ich den Kopf auf ihre Brust und hörte ihr Herz schlagen. So etwas hatte ich noch nie gehört, und nun ihr Herz, von dem ich weiß, dass sie mich darin bewahrt, das war überwältigend!

"Was Gregor hier erfahren hat, habe ich auch erst bei ihm gelernt, denn bei Marjanovi? bin ich nie zu einem Orgasmus gekommen, ich wusste gar nicht, dass ein Mann mich dazu bringen kann", schwärmte Jessica. "Manchmal haben Gregor und ich uns erst gegenseitig gestreichelt, um uns für die völlige Vereinigung genügend zu erregen. Die wurde dann für mich zu einem unwahrscheinlichen Genuss, weil es bei ihm länger dauerte. Solch vollendeten Liebhaber werde ich wohl in meinem Leben kaum wieder finden" "Entschuldige bitte, dass ich das Gleiche sage", fügte Nazemîn leise hinzu, "er hat mich ja überhaupt erst in die körperliche Liebe eingeführt und erst eben habe ich gelernt, dass ich mir auch selber diese Freude bereiten kann."

                                                                Aus Kapitel 8 „Ostsee“        

7. 6. 1998
In mir ist der Wunsch aufgekommen, in den Ferien mit Astrid zelten zu gehen, damit ich mich nicht jeden Abend von ihr trennen muss. Ich würde sie so gerne zur Nacht küssen und ihren Schlaf bewachen, bis wir uns morgens wieder finden. Natürlich denke ich auch ein Stück weiter, aber das muss sie entscheiden. Ich habe mich kundig gemacht, wo wir ein paar Wochen zelten können und kam auf Gral-Müritz, wo es auf einem Campingplatz ein spezielles Jugendcamp für Zelte direkt am Meer gibt. Nachdem wir uns bei mir wieder liebevoll gestreichelt haben, schlug ich ihr meine Idee vor. "Ich muss mir darüber klar werden, ob ich das schon will", sagte sie langsam, "lass' mir bitte etwas Zeit." Da bleibt mir nichts anderes übrig, als auf ihre - hoffentlich positive - Entscheidung zu warten.

"Da hat das kluge Mädchen genau gemerkt, worauf das gemeinsame Zelten hinaus laufen wird, als Frau verstehe ich sie gut, dass sie diese Entscheidung sorgfältig abwägen will", lachte Jessica, "sie war mit ihren sechzehn Jahren viel reifer als ich mit dreiundzwanzig."

21. 6. 1998
Letztes Wochenende hatte Astrid keine Zeit und bat mich, sie heute zu besuchen. Nachdem sie mich innig geküsst hatte, sagte sie langsam und betonte jedes Wort: "Du hast mir neulich vorgeschlagen, in den Ferien zusammen zu zelten. Da werden wir auch die Nächte gemeinsam verbringen und wir wissen beide, was daraus werden kann. Ich brauchte Zeit zum Überlegen, ob ich das schon will und sage dir jetzt mit vollem Ernst: Ja, ich will mit dir zelten und freue mich drauf." Ich war überwältigt von ihrem Ernst und konnte nur "Danke" stammeln, als ich sie umarmte und herzlich küsste. Schnell hatten wir uns ausgezogen, um uns Gutes zu tun. Doch zunächst küsste meine Geliebte die Spitze meines Gliedes und sagte versonnen zu ihm: "Bald werde ich dich noch inniger kennen lernen als bisher, aber ich gebe dir schon einen Vorschuss", dann liebkoste sie es wundervoll zärtlich.
Nach dem Erfolg dachte ich: "Das kann ich auch", legte ich mich zwischen ihre Beine und küsste sie, wobei ich erstaunt feststellte, dass die weichen Schamlippen genauso blauviolett sind wie meine Eichel unter der Vorhaut. Mit einem Mal kam mir die Idee, ich könnte sie doch auch mit der Zunge reizen, was sie mit "ah" und "oh" genoss, bis sie am ganzen Körper bebte und schließlich wieder heftig atmete. Als sie zur Ruhe gekommen war, flüsterte sie: "Das hast du wunderschön gemacht." Noch lange streichelten wir uns, wir hatten wieder etwas Neues entdeckt.


"Ja", unterbrach Jessica versonnen die Lesung, "ich weiß, wovon er schreibt, auf diesem Gebiet war Gregor ein Meister." "Auch ich kenne das sehr gut", fügte Nazemîn versonnen hinzu, dann lasen sie weiter.

"Ich muss dir noch etwas berichten", sagte Astrid leise, "ich habe meine Mutter um Erlaubnis gebeten, mit dir drei Wochen zelten zu gehen, da hat sie mich eine Weile angesehen, dann sagte sie: ‚Du wirst zur Frau werden, wenn du mit diesem Jungen zelten gehst. Aber weil du in diesen Ferien 16 wirst, bist du alt genug dafür, du musst dich nur schützen. Ich mache dir einen Termin beim Frauenarzt, er wird dich untersuchen, ob alles in Ordnung ist, und dir die Pille verschrieben, die du dann regelmäßig nehmen musst. Ich wünsche dir viel Freude bei dieser neuen Erfahrung, die jede Frau einmal machen muss.' Ich bin meiner Mutter um den Hals gefallen und habe ihr herzlich gedankt. Du siehst also: Ich bin bereit für unser großes Abenteuer."
Ich habe die Geliebte umarmt und zu ihr gesagt: "Ich will alles dafür tun, dass dieses Abenteuer auch für dich schön wird." Nachdem ich ihr im Internet das Camp in Gral-Müritz gezeigt habe und wir uns einig waren, gleich am ersten Ferientag, dem 9 Juli für drei Wochen zu fahren, haben wir den Platz telefonisch reserviert. Nächsten Samstag wollen wir das nötige Zeltzeug kaufen. Als Astrid gegangen war, konnte ich mein Glück kaum fassen: Wir werden drei Wochen zusammen sein und mein Traum wird wahr, mit ihr ganz zueinander zu finden!

9. 7. 1998
Nachdem wir gestern problemlos unsere Versetzungszeugnisse in die elfte Klasse bekamen und Astrid mich dankbar küsste, hat Vati uns heute mit dem Zeltzeug nach Gral-Müritz kutschiert. Das Jugendcamp liegt direkt am Wasser und als wir das Zelt aufgebaut und eingeräumt hatten, rief Astrid ihre Mutter über mein Handy an, danach gingen wir schwimmen und im Restaurant Mittag essen. Anschließend kauften wir in dem kleinen Supermarkt für das Frühstück und Abendbrot ein, frische Brötchen gibt es dort jeden Morgen. Um uns zurecht zu finden, erkundeten wir den ganzen Platz und waren froh, dass die Wohnwagen weit entfernt von unserem Zelt stehen.
Nachdem wir noch einmal geschwommen waren, setzte ich mich mit dem Laptop vors Zelt, um den Tag im Tagebuch zu vermerken. Natürlich wollte Astrid wissen, was ich tat und ich zeigte ihr das Tagebuch, das sie gleich lesen wollte. Es war mir nun doch peinlich, was ich alles über uns geschrieben habe, aber um keine Geheimnisse vor ihr zu haben, gestattete ich es ihr. Nach einer Stunde war sie durch und merkwürdig still. Hatte ich sie mit meinen intimen Notizen über uns verschreckt? Zum Glück nein! Sie sah mich lange an, bevor sie leise sagte: "Ich glaubte, dich zu kennen, aber erst jetzt weiß ich, was für ein wertvoller Mensch du bist. Es ist einzigartig, wie du es verstehst, unsere innersten Gefühle auszudrücken. Hab Dank, dass ich das lesen durfte, es darf aber auf keinen Fall jemand anders sehen." Ich versicherte ihr, dass die Datei versteckt und zusätzlich geschützt ist, da war sie zufrieden.

10. 7. 1989
Zum Abendbrot tranken
wir gestern ein kleines Glas Rotwein, dann krochen wir nach dem Waschen ins Zelt. Ich konnte meine Aufregung kaum verbergen. Wir wussten beide, dass jetzt die letzte Schranke zwischen uns fallen und wir zu einem einzigen Körper verschmelzen würden. Behutsam zogen wir uns aus und streichelten uns liebevoll. "Liebste, wenn du es auch willst, können wir uns ganz finden", flüsterte ich, "du weißt, ich werde dir nie etwas gegen deinen Willen tun." Astrid tat einen kleinen Seufzer und antwortete lächelnd: "Ich will es doch auch schon lange."
Zum ersten Mal spürte ich, wie ihre wunderbare Wärme mich umfing und blieb ich eine Weile ruhig, doch meine Spannung stieg immer mehr an und bald konnte ich mich nicht mehr zurück halten. Als Astrid meine Ekstase spürte, drückte sie mich ganz fest an sich und küsste mich wie unersättlich.
Seit ihrer Zustimmung hatten wir kein Wort mehr gesprochen. Wenn zwei sich ganz nahe sind in großer Liebe, bedarf es keiner Worte. Denn sie und ich fühlten beide das Gleiche, weil wir nicht mehr zwei Wesen waren, sondern eines. Kein Dichter hat das Wunder der körperlichen Gemeinschaft Liebender so wunderbar beschrieben wie Jesus: "Und sie werden sein ein Fleisch". Glücklich schliefen wir nach einer Weile miteinander ein, denn nun merkten wir, dass der anstrengende Tag uns ermüdet hat.
Als ich heute früh aufwachte, war mir, als hätte ich einen wunderschönen Traum gehabt. War diese Nacht wirklich wahr gewesen? Hatte Astrid mir das Größte und Wertvollste geschenkt, das eine Frau nur einmal verschenken kann, ihre Unberührtheit? Ich wusste, ich hatte um sie geworben, aber ohne ihre Zustimmung, dies feine, nur wertvollen Frauen eigene Entgegenkommen wäre ich nie so weit gegangen. Vorsichtig fragte ich sie. Doch statt einer Antwort küsste sie mich zärtlich, dann sang sie leise:
   "Guten Morgen, guten Morgen,
   guten Morgen, Sonnenschein!
   Diese Nacht blieb dir verborgen,
   doch du musst nicht traurig sein!"
Unendlich groß ist ihre Liebe! Würde ich ihr jemals genug danken können für die Größe ihres Herzens? Es war wunderschön gewesen, viel schöner, als ich es mir jemals hatte vorstellen können. Ich war glücklich, dass sie es auch gewollt hatte. Jetzt bin ich ein richtiger Mann und sie eine richtige Frau, wie ihre Mutter gesagt hat. Ich wusste, dass ich diese großartige Nacht nie vergessen werde.

"Ich staune immer wieder, wie zartfühlend Gregor diese Begegnungen beschreibt; bevor ich ihn traf, habe ich nie gedacht, dass ein Mann ebenso viel Gefühl dabei entwickelt wie wir Frauen", meinte Nazemîn versonnen, "damit hat er mich sofort gewonnen." "Ja, du hast Recht", fügte Jessica hinzu, "bei mir war es doch ebenso, deshalb hat er mich sofort bezaubert. Schauen wir, wie es weiter geht."

11. 7. 1998
Neben uns zeltet ein Pärchen aus Rostock, der Junge heißt Kolja und ist etwas älter als ich, das Mädchen Alina so alt wie wir. Dass sie ebenso verliebt sind wie wir, hatten wir in der Nacht schon geräuschvoll mitbekommen. Wir verabredeten für den Abend ein kleines Lagerfeuer, wofür wir eine Genehmigung der Verwaltung bekamen. Kolja hatte eine Gitarre dabei und leise, um die anderen nicht zu stören, sangen wir alle möglichen Lieder. Ein paar andere junge Leute kamen für eine Weile dazu und sangen mit, aber zuletzt waren wir wieder zu viert und saßen noch lange bis nach Mitternacht am Feuer.
"Wer kommt mit ins Wasser?", fragte Kolja und wir waren alle dafür. Ohne sich zu genieren, streifte er seine Sachen ab und lief in die Wellen, und als Alina es ihm nachtat, folgten auch wir ihrem Beispiel. Bewundernd schaute ich das Mädchen an, sie ist ebenso schön wie meine Astrid, nur ist ihre Brust etwas größer und ihre Haare sind dunkel. Es war herrlich, im Mondschein nackt zu schwimmen, ich freute mich, dass Astrid das ebenso genoss wie ich. Nach einer Weile verließen wir das Wasser und die Rostocker umarmten und küssten sich ungeniert am Strand. Doch dabei blieb es nicht, sie legten sich auf den Sand und waren bald intensiv miteinander beschäftigt. Ich schaute fasziniert zu, das hatte ich noch nie gesehen und es erregte mich natürlich, doch als ich Astrid umarmen wollte, zog sie mich schnell ins Zelt. "Das gehört uns ganz alleine" flüsterte sie und drückte sich an mich, wodurch wir sofort zueinander fanden und bald einschliefen.

14. 7. 1998
Gestern feierten wir Astrids 16. Geburtstag und ich gratulierte ihr schon im Zelt herzlich. Als Geschenk hatte ich einen hübschen Anhänger mitgenommen, über den sie sich freute. Natürlich fanden wir vor dem Aufstehen erst mal innig zusammen. Zum Mittag luden wir die Rostocker ins Camp-Restaurant ein, und meine Geliebte bestellte zur Feier des Tages eine Flasche Sekt. Die gebratenen Flundern, die uns die Wirtin offerierte, schmeckten vorzüglich, nachdem Kolja uns gezeigt hatte, wie wir mit den Gräten fertig werden konnten.
Abends hatten wir wieder ein Feuer und badeten anschließend nackt. Als unsere Freunde sich danach wieder am Strand liebten und ich erregt ins Zelt kriechen wollte, sagte Astrid plötzlich "Komm!", und zog mich neben die beiden. Ich staunte über sie, freute mich aber auf das Erlebnis. Die Reaktionen der beiden hautnah mit zu bekommen, machte unsere Begegnung noch intensiver als bisher. Als sie fertig waren, beobachteten sie uns interessiert und wiederholten ihr Spiel nach kurzer Zeit, worauf es uns dann ebenso ging. Ich war Astrid dankbar, dass sie uns dieses Erlebnis ermöglicht hatte. Als wir danach alle erschöpft nebeneinander lagen, sagte Alina lachend: "Willkommen im Club, die Liebe ist etwas so wundervolles, dass man sie nicht vor Freunden verbergen sollte, gemeinsam ist es doch viel aufregender." Wir konnten ihr nur zustimmen, denn wir hatten das Miteinander-Erleben schön gefunden.

"Ich wusste gar nicht, dass Gregor sich daran erfreuen kann, denn wir hatten nie die Gelegenheit, es mit anderen zu tun, aber ich kann es mir gut vorstellen, soviel Freude wie er immer am Sex hatte", lachte Jessica.

31. 7. 1998
Heute ist der letzte Tag im Camp. Es war einfach herrlich, das Schlafen neben der Geliebten und unsere innigen Begegnungen im Zelt, das Schwimmen gleich morgens im Meer, das tägliche Surfen mit den Rostocker Freunden, bei dem wir immer sicherer wurden, das Mittagkochen auf dem kleinen Campingkocher, jeden Abend das Singen am Feuer und das anschließende Nacktbaden, dazu in der letzten Zeit die völlig neue Erfahrung der gemeinsamen Liebe am Strand. Astrids Fuß ist recht schnell geheilt, so dass sie nach einer Woche frei laufen und schwimmen konnte. Nur zu Surfen traute sie sich noch nicht, aber nicht, weil sie Angst hatte, sondern um den Fuß zu schonen. Gestern Abend haben wir mit den Rostocker Freunden zu einem Abschiedstrunk zusammen gesessen, bevor wir zum letzten Mal nackend badeten und anschließend die Liebe am Strand genossen. Die beiden wollen noch eine Woche hier bleiben.
In einer Stunde holt Vati uns ab, wir haben das Zelt abgebaut und alles zusammengepackt. Ich überlege, ob ich Jan berichten soll, dass ich jetzt kein Spätentwickler mehr bin, denn ich glaube nicht, dass er schon mit einem Mädchen geschlafen hat. Doch dann wurde mir klar, dass diese innige Begegnung Astrids und mein Geheimnis bleiben muss, das niemand anderen etwas angeht, auch den Blutsbruder nicht. Soll Jan ruhig glauben, dass er weiter ist als ich.

"Gregor hat es mir zwar nicht direkt berichtet, aber ich wusste es trotzdem", sagte Jan lachend. "Wenn ein Junge in diesem Alter drei Wochen mit einem Mädchen zelten geht, liegt es doch auf der Hand, dass sie zueinander finden. Wirklich war er mir dadurch ein Stück voraus, ich habe ihn aber noch im selben Jahr eingeholt." "Gratuliere", lachte Jessica, "bei uns beiden Frauen hat es erheblich länger gedauert.

14. 7. 2001
In der ersten Zeit meines Wehrdienstes haben Astrid und ich uns ein paar Mal in der Woche gemailt und uns versichert, wie sehr wir uns lieben und einander vermissen, ich habe die Mails ins Tagebuch kopiert. Meine wenigen Urlaubstage feierten wir ausgiebig mit allen Fasern unserer Körper. Auch der Geist kam nicht zu kurz, wir besuchten Vorstellungen im Theater. Doch mit der Zeit wurden die Mails seltener, denn meine Tauchausbildung ließ mir wenig Zeit und Astrid war durch den Schichtdienst ausgefüllt, im letzten Monat lief überhaupt nichts mehr. Vorgestern schrieb ich ihr eine herzliche Mail zum Geburtstag, in der ich meine Freude sagte, ab Ende Juli Zeit für sie zu haben. Doch heute bekam ich eine Antwort, die mich zu Boden schlug:
"Lieber Gregor, Dank für Deine Geburtstagsgrüße, die mir ein schlechtes Gewissen verursachen. Denn was ich Dir jetzt mitteilen muss, hätte ich längst schreiben sollen: Ich habe mich in einen anderen Mann verliebt. Seit April ist ein junger Assistenzarzt bei uns, der mich von Anfang an ziemlich beeindruckt hat. Er ist stets freundlich, unheimlich kompetent und immer um das Wohl der Patienten besorgt, was lange nicht bei allen der Fall ist. Allmählich begann er, sich um mich zu bemühen und ich habe nichts dagegen getan, denn er war mir sympathisch. Gelegentlich haben wir uns schon heimlich geküsst. Gestern an meinem Geburtstag sagte er mir, dass er mich sehr liebe, und ich antwortete, mir gehe es schon lange ebenso, da fanden wir uns zu einer innigen Begegnung in einem leeren Krankenzimmer.
Ich weiß, dass ich Dir mit dieser Mitteilung Schmerzen bereite, doch um der Ehrlichkeit willen muss ich es Dir sagen. Wisse aber bitte noch eines: Die Zeit mit Dir war wunderschön, ich möchte keinen Tag davon in meiner Erinnerung missen. Doch die Welt dreht sich weiter. Ich hoffe, dass Du über meinen Abschied hinweg kommst und wünsche Dir zum nahen Geburtstag viel Glück und Freude im neuen Lebensjahr, und dass Du wieder eine würdige und liebevolle Partnerin findest."
Das ist ein Hammer, aber ich hätte es merken müssen, dass unser Mailwechsel immer flauer wurde. Auf der einen Seite bin ich traurig, doch ich freue mich auch für sie. Ein weiser Mann hat mal geschrieben: "Wenn etwas Schönes vorbei ist, klage nicht über das Ende, sondern erinnere dich dankbar, so viel Schönes erlebt zu haben." Daran will ich mich halten, ich antwortete Astrid mit Worten des Dankes für die schöne Zeit mit ihr und fügte aus vollem Herzen die besten Wünsche für ihre neue Liebe an.

"Ich bewundere Gregor, wie liebevoll er auf die Trennung durch die Freundin reagiert hat, die doch seine erste große Liebe war", meinte Jessica, "aber er war immer ein sehr großzügiger Mensch." "Ja, das war er auf jeden Fall", antwortete Nazemîn: "Aber ich würde jetzt gerne erst mal wissen, was Gregor über die Zeit mit mir geschrieben hat, lasst uns diese Zeit suchen." Bevor sie weiter lesen konnten kam Wilfried dazu und verkündete, er habe Hunger. Überrascht schaute Jessica auf die Uhr und rief: "Wir haben die Zeit völlig vergessen, es ist ja schon halb drei. Ich haue schnell ein paar Eier in die Pfanne und danach lesen wir die Zeit mit dir, damit du noch rechtzeitig nach Hamburg kommst."
Nach dem Essen gab Jessica "Hamburg" in die Suchleiste ein, worauf sie zum Jahr 2016 kamen.

Aus Kapitel 9 „Hamburg“    

15. 2. 2016
Nachdem ich vor zwei Wochen den Auftrag zur Bildung der geheimen Arbeitsgruppe für neue Technologien bekommen habe, beginne ich heute, mich hier in Hamburg zu etablieren. Die Gruppe ist so geheim, dass nicht mal ihr Ort bekannt sein darf. Offiziell arbeite ich in Erlangen und leider muss ich Jessica belügen.  Siemens hat mir von eine möblierte Dreizimmerwohnung in Eimsbüttel vermittelt, deren Einrichtung ich in Grenzen mitbestimmen kann; leider muss ich auch das vor Jessica geheim halten. Jetzt fange ich schon damit an, Lebensläufe und Beurteilungen potenzieller Mitarbeiter durchzusehen, aus denen ich die Gruppe zusammenbauen will. Einige gute Angebote habe ich schon, aber das genügt mir noch nicht für ein schlagkräftiges Team.
Weil ich jetzt immer wieder tagelang von Jessi getrennt sein werde, hatte ich das Bedürfnis, ihr meine Liebe zu versichern, denn ich bin nicht sicher, ob ich ihr stets treu bleiben kann. Eines Abends, nachdem wir uns innig geliebt haben, sagte ich sehr ernst zu ihr: "Ich werde niemals einen anderen Menschen so sehr lieben wie dich und dich niemals verlassen." Als sie fragte, wie ich plötzlich zu dieser Aussage komme, überlegte ich einen Moment, dann erklärte ich ihr das Bedürfnis der Männer nach vielen Kontakten gegen den nötigen Willen zur Treue. "Ich hoffe, solchen Versuchungen widerstehen zu können, wenn ich wochenlang nicht bei dir bin, aber wenn es mir mal nicht gelingen sollte, werde ich dich trotzdem stets mehr lieben als eine kurze Versuchung", versprach ich ihr, worauf sie mich herzlich küsste.

"Jetzt bin ich richtig glücklich zu wissen, warum Gregor mir seinen Aufenthalt in Hamburg verschwiegen hat, Siemens hat ihn dazu verdonnert. Und an diese Liebeserklärung kann ich mich noch gut erinnern", freute Jessica sich, "aber wir wollen dich ja suchen", fuhr sie fort und gab "Nazemîn" in die Suchleiste ein.

11. 4. 2016
 Gestern kam mir eine interessante Personalakte auf den Tisch: Eine Frau Nazemîn Schawais ist seit knapp zwei Jahren bei der Firma und ihre Mitarbeit an Entwicklungsaufgaben wird hervorragend beurteilt. Heute habe ich sie zu einem Vorstellungsgespräch geladen und war überrascht, als sie vor mir saß. Sie ist 27 Jahre alt und außergewöhnlich schön mit langen, tiefschwarzen Haaren und Augen wie Kohlenstücken, schlank und etwas kleiner als die deutschen Frauen, aber in einem weinroten Kostüm perfekt gekleidet. Um den Hals trug sie eine wertvolle orientalische Kette. Ich fragte sie nach ihrer Herkunft und sie berichtete, ihre Eltern seien Kurden, 1988 aus dem Irak geflohen, aber sie sei in Deutschland geboren und voll als Deutsche aufgewachsen.
Da ich die Gruppe aber nicht nach Schönheit, sondern nach Können aufbauen will, fragte ich sie intensiv aus und stellte fest, dass die Beurteilungen voll ins Schwarze treffen. Diesen Wissensumfang und die Klarheit des Denkens habe ich einer so jungen Frau nie zugetraut. Ich bin froh, sie gefunden zu haben, sie wird die Gruppe bereichern. Da sie bat, eine laufende Tätigkeit in ihrem Bereich erst noch beenden zu dürfen, wird sie erst Anfang Juni bei uns anfangen.

"Donnerwetter!", rief Nazemîn, "ich habe ja überhaupt nicht gewusst, was für einen Eindruck ich da auf Gregor gemacht habe, jetzt wird mir einiges klar. Aber lasst uns im Juni weiter lesen, wenn ich ihm in Hamburg wieder begegne und wir zueinander finden."

13. 6. 2016
Heute hatten wir das erste Treffen der Gruppe in Hamburg, dabei fiel mir immer wieder Frau Schawais mit ihrer klar strukturierten Denkweise und den daraus resultierenden sinnvollen Vorschlägen auf, sie ist das Gehirn der Gruppe und ich will sie zu meiner Stellvertreterin machen.
Nach der Tagung lud ich die Leute zu einem Kennenlern-Menü im Café SternChance bei mir um die Ecke ein. Wir aßen vorzüglich und tranken guten Wein dazu. Ich begann, ein paar Kleinigkeiten aus meinem Leben zu erzählen und wirklich öffneten sich auch einige andere Mitglieder, so dass wir uns etwas näher kamen. Nur Frau Schawais, die heute ein rotes Kleid mit halblangen Ärmeln trug, schwieg seltsam still. Um sie aufzutauen, lud ich sie in meine Wohnung ein und bot ihr einen Cognac an, den sie gerne nahm. Da sie mich schon bei der ersten Begegnung fasziniert hatte, wollte ich mehr von ihr wissen und anscheinend löste ihr der Cognac die Zunge, denn sie berichtete von ihrer Kindheit und Jugend unter dem strengen kurdischen Vater, der sie nie unbeobachtet ließ. Ich sagte, wie sehr ich von der Qualität ihrer Mitarbeit in der Gruppe angetan sei, da schaute sie mich aus ihren kohlschwarzen Augen so dankbar und freundlich an, dass ich ihr einen sanften Kuss auf die Lippen drückte. Erschreckt zog sie den Kopf zurück und bat, gehen zu dürfen. Ich verabschiedete sie mit einem Händedruck und entschuldigte mich vielmals. Doch bevor ich einschlief, war diese aufregende Frau noch lange in meinen Gedanken, hatte ich sie verschreckt?

17. 6. 2016
Um die Einzelheiten ihrer Tätigkeit zu besprechen, lud ich Frau Schawais chabends wieder zum Essen in die SternChance und anschließend in meine Wohnung ein. Als wir vor den Unterlagen auf der Couch im Arbeitszimmer saßen, fragte sie, ob ich wieder so ein herrliches Getränk hätte wie am Montag, und ich holte schnell den Cognac. Wir stießen miteinander an, dabei schaute sie mir mit ihren schwarzen Augen ins Gesicht und dann auf den Mund. Kennt sie die geheimnisvolle Symbolik der Frauen?
Ich ließ mich jedenfalls nicht lange bitten, drückte meine Lippen auf ihre und streichelte sie mit der Zunge. Spontan öffnete sie die Lippen und unsere Zungen fanden sich, als ob sie nie etwas anderes getan hatten. Erst nach einer langen Weile ließ sie schwer atmend von mir ab. "Ich habe nie gewusst, dass man so herrlich küssen kann", flüsterte sie ergriffen, und auch mich hatten die innigen Küsse mit dieser aufregenden Frau begeistert. Da sie aber anscheinend völlig unerfahren war, wollte ich sie nicht verschrecken und strich ihr nur über die Haare. "Auch ich habe deine Küsse sehr genossen, du bist eine wundervolle Frau und sicherlich zu großer Liebe fähig", sagte ich leise, "wir sollten die Küsse oft wiederholen, aber in der Gruppe braucht niemand etwas davon zu wissen, dort bleiben wir beim ‚Sie'".
Lange konnte ich nicht einschlafen, weil diese Frau in meinen Gedanken war. Über das Wochenende will sie nach München und ich nach Berlin heimkehren, aber am Montag können wir uns vielleicht wieder etwas näher kommen, mir ist klar, dass ich sehr behutsam vorgehen muss. In Berlin wartet Jessica auf mich, der ich den Aufenthalt in Hamburg verschweigen muss. Wahrscheinlich werde ich sie mit Nazemîn betrügen, muss ich dabei ein schlechtes Gewissen haben? Nein, ich werde sie immer viel mehr lieben, als andere Frauen, das habe ich ihr vor Beginn der Reisen gesagt und es ist mir ein heiliges Versprechen.

22. 6. 2016
Gestern trug Nazemîn kein Kleid, sondern eine weiße Bluse mit hellblauem Blättermuster und einen dunkelblauen knielangen Rock. Nach der Gruppensitzung fragte sie, ob wir abends bei mir noch etwas zu arbeiten hätten und ich stimmte gerne zu. Bis zum Abendessen bereiteten wir ein paar Kleinigkeiten für die nächste Sitzung vor. Als wir danach wieder nebeneinander auf der Couch saßen, umarmte und küsste sie mich leidenschaftlich, dann flüsterte sie: "Entschuldige bitte meine Zurückhaltung gestern, es ist alles so neu und ungewohnt für mich, ich hatte ja noch nie eine Liebesbeziehung. Aber dir vertraue ich, dass du behutsam und liebevoll mit mir umgehst. Ich überlasse mich ganz dir."
Ich führte sie ins Schlafzimmer und zog ihr vorsichtig die Bluse und den BH aus, jetzt konnte ich ihre herrlichen Brüste vollkommen bewundern und die Spitzen küssen. Der Rock war einfach auszuziehen, aber die Strumpfhose bereitete mir Schwierigkeiten, so dass sie mir schließlich half. Als ich ihr dann den Slip herunter ziehen wollte, hielt sie meine Hände fest. Da wurde mir klar, dass ich noch voll bekleidet war und ich zog mich auch aus, legte mich neben sie und streichelte sie am ganzen Körper, was sie mit immer heftigerem Atmen zu genießen schien. Nun durfte ich ihr den Slip ausziehen, zog mir ein Kondom auf und bewegte mich sehr vorsichtig, bis sie immer lauter stöhnte, schließlich leise aufschrie und mich unersättlich küsste. Aneinander geschmiegt lagen wir lange und streichelten uns, wir hatten unsere Liebe gefunden.

"Gregor hat unsere erste Begegnung wundervoll zart beschrieben", schwärmte Nazemîn, "mich durchrieselt jetzt noch ein wohltuender Schauer, wenn ich daran zurückdenke. Ich habe mir dann sofort die Pille verschreiben lassen und ohne den Gummi war es noch viel schöner.

31. 7. 2017
Heute hat Nazemîn mich sehr überrascht, ich hätte ihr wohl von Anfang an klar machen müssen, dass ich mich niemals von meiner Familie trennen würde. Gestern Abend kam sie gleich vom Flughafen zu mir und wir hatten eine herrlich Nacht. Doch heute beim Frühstück fragte sie plötzlich: "Kannst du dich nicht von deiner Frau trennen und mich heiraten? Es wird mir immer schwerer, unsere Beziehung vor den Eltern zu verheimlichen, und der Wunsch nach einer festeren Bindung wird immer stärker in mir. Da du, obwohl du verheiratet bist, hier schon ein Jahr lang eine Liebesbeziehung mit mir hast, dürfte deine Ehe wohl nur noch auf dem Papier bestehen und sich leicht trennen lassen. Ich kann mir eine fantastische Ehegemeinschaft mit dir vorstellen." Ich war schockiert, nie hatte ich unsere Beziehung anders als eine reine Romanze gesehen, an der wir beide Freude haben und uns Erfüllung geben. Statt einer Antwort sagte ich nur: "Komm, es ist Zeit, zur Arbeit zu fahren", und wir verließen die Wohnung. Bis Ende der Woche muss ich ihr ganz klar sagen, dass ich nur Jessica über alles liebe, und wie ich über unser Verhältnis denke. Bis dahin nehme ich sie auf keinen Fall mit in die Wohnung.

4. 8. 2017
Wie immer brachte ich Nazemîn von der Arbeit zum Flughafen und weil wir bis zum Abflug noch etwas Zeit hatten, bat sie mich ins Café. Als ich noch überlegte, was ich ihr zu ihrem Vorschlag vom Montag sagen sollte, sprach sie selbst das Thema an: "Du hast am Montag meine Bitte nicht beantwortet, mit mir eine dauerhafte Verbindung einzugehen, für mich ist es aber lebenswichtig zu wissen, wie du darüber denkst. Du hast mich in die Liebe eingeführt und ich liebe dich so grenzenlos, dass ich mein ganzes Leben mit dir zusammen sein will. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles für dich nur ein Spiel war. Bitte, gib mir doch eine Antwort, die mir zeigt, dass du mich auch liebst."
Jetzt musste ich Farbe bekennen und wusste, dass ich ihr damit sehr wehtun würde. Langsam antwortete ich: "Leider hast du in unserer Verbindung mehr gesehen, als ich. Sicherlich hätte ich dir von Anfang an sagen müssen, dass ich nur meine Frau und meinen Sohn über alles liebe und mich nie von ihnen trennen werde. Es war meine Schuld, in dir falsche Hoffnungen geweckt zu haben, ich hätte bedenken müssen, dass du in der Liebe vollkommen unerfahren warst. Sicherlich habe ich auch die Liebe mit dir genossen, es durfte aber keine Verpflichtung daraus werden. Aus deiner Frage am Montag habe ich zum ersten Mal gesehen, dass dir das nicht genügt, deshalb müssen wir uns jetzt trennen."
Tränen stürzten Nazemîn aus den Augen, dann flüsterte sie mit erstickter Stimme: "Du hast mich tief erniedrigt, denn anscheinend hast du mich nie geliebt, sondern immer nur als Sexobjekt gesehen und nie an eine ernsthafte Verbindung gedacht, ich komme mir vor wie eine Hure." Traurig und meiner Schuld bewusst antwortete ich: "Du darfst nicht vergessen, dass ich überhaupt erst eine selbstständige Frau aus dir gemacht habe, denn bevor du mich trafst, warst du ein verklemmtes kleines Mädchen unter der Fuchtel deines Vaters. Bitte bedenke das und vergib mir meine Schuld." Sie sah mich starr an und wischte die Tränen aus dem Gesicht, dann stand sie wortlos auf, ging mit dem Koffer zum Check in und verschwand in der Sicherheitsschleuse, ohne sich noch einmal umzusehen.
Habe ich ihr falsche Hoffnungen bereitet? Aber wo sie jetzt Forderungen stellt, ist es an der Zeit, klare Verhältnisse zu schaffen. Schade, denn ich habe die Liebe mit ihr sehr genossen, aber dabei hätte es bleiben müssen. Sie war nicht nur eine fantastische Geliebte, sondern auch eine wertvolle Gefährtin in dieser Zeit. Ich muss nur verhindern, dass unsere Arbeit unter der Trennung leidet. Morgen früh fahre ich nach Hause und freue mich schon mächtig, mit Jessi zusammen zu sein. Sie ist mir doch die Liebste und ich weiß, dass ich sie immer am meisten geliebt habe. Nur Astrid habe ich ebenso innig geliebt, aber sie war damals meine erste Liebe und dies völlig neue Gefühl hat mich überfallen wie ein Orkan. Wenn sie sich nicht von mir getrennt hätte, wären wir sicherlich noch heute zusammen.

"Immerhin hat es ihm auch leidgetan, sich von mir zu trennen, das macht mir den Abschied erträglicher", sagte Nazemîn leise, dann fuhr sie fort: "Jessica, herzlichen Dank, dass ich das lesen durfte, aber ich würde gerne alles über meine Zeit mit Gregor lesen. Kannst du mir dieses Jahr auf meinen Stick kopieren?" "Gerne", antwortete Jessica, kopierte das letzte Jahr in eine neue Datei und diese auf den Stick. "Du bist wirklich ganz lieb, danke", meinte Nazemîn, "aber allmählich wird es Zeit für mich, nach Hamburg zu fahren, rufst du mir bitte eine Taxe?" "Ich will auch weg und kann dich zur Bahn fahren", bot Jan an und Nazemîn verabschiedete sich. "Was für eine Frau!", murmelte Jan beim Abschieds-Wangenkuss bei Jessica, "kein Wunder, dass Gregor sich in sie verliebt hat."
"‚Ich liebe nur meine Frau und meinen Sohn über alles und werde mich nie von ihnen trennen', hat Gregor der Frau ganz klar gesagt", dachte Jessica erleichtert, als die beiden gegangen waren, "es war also richtig, dass ich mir stets seiner Liebe sicher war. Trotzdem war es schäbig von ihm, mit Nazemîn ein Jahr lang intim zu werden, ohne sie zu lieben und sie nur als Weib anzusehen. So liebevoll und zärtlich wie er immer auf mich eingegangen ist, kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen und ich bin mir nicht sicher, ob er sie nicht auch ein bisschen geliebt und die Trennung nur provoziert hat, um mich nicht zu verlieren." Nach dem Abendbrot ging Wilfried ins Bett und weil Jessica noch lesen wollte, wie es Gregor in Berlin gegangen war, gab sie diesen Begriff ein:

                                                                Aus Kapitel 10 „Berlin“       Literaturverzeichnis

7. 9. 2008
Gestern habe ich die Frau für mein Leben gefunden! Da Alina in der letzten Zeit oft Anderes vorhatte, ging ich alleine in die Disco in der Nähe. An einem Tisch saß eine junge Frau alleine, die mich faszinierte. Sie schien etwas jünger zu sein als ich und sah blendend aus, dabei strahlte sie etwas aus, das ich vor zehn Jahren bei Astrid gefühlt hatte, aber lange nicht so intensiv wie jetzt bei dieser Frau: Es war eine Mischung aus weiblicher Herzlichkeit, neugieriger Sehnsucht, aber auch jugendlicher Unschuld. Ich fragte, ob ich mich zu ihr setzen dürfe und sie antwortete: "Ja, gerne, aber sehen Sie sich vor, mein Begleiter hockt dort an der Bar." Ich blickte hinüber und sah einen unordentlich gekleideten Mann. "Er lässt Sie alleine hier sitzen und säuft sich dort einen an?", fragte ich erstaunt, worauf sie flüsterte: "Ja, das ist seine Art, er hält nichts von Geselligkeit." "Ich glaube, Sie haben Besseres verdient", sagte ich entschieden und forderte sie zum Tanz auf. Sie tanzte wundervoll leicht, als hielte ich eine Feder im Arm und sie wusste genau, wohin die nächste Drehung gehen sollte. Schon lange hatte ich nicht so herrlich getanzt.
Nachdem wir mindestens 15 Minuten getanzt hatten, wurde meine Zuneigung zu dieser außergewöhnlichen Frau immer stärker und ich schlug ihr vor zu gehen. "Wir müssen vorsichtig sein, dass er es nicht merkt", flüsterte sie, doch der Mann war so in sein Schnapsglas vertieft, dass er uns nicht bemerkte. Ich hatte das Gefühl, mich erst mal in Ruhe mit dieser interessanten Frau unterhalten zu müssen und lud sie in ein kleines Café in der Nähe ein. Dort nannte ich meinen Namen und erzählte ihr ein bisschen von meiner Herkunft und meinem Job bei Siemens, worauf sie stolz berichtete, sie habe nach dem Studium seit zwei Monaten eine Stelle in einer Werbeagentur, wo sie sich in Werbemittel und digitale Medien einarbeiten muss, ihr Name ist Jessica Parker. Das klang auch interessant und ich fragte sie nach ihrem Begleiter, worauf sie traurig antwortete: "Diese Verbindung ist der größte Fehler meines Lebens, aber er war der erste Mann, den ich näher kennen lernte und begeisterte mich zuerst, wie er mich in die Liebe einführte. Doch seine Zuwendung war schnell vorbei. Sie haben ja sein Interesse an mir gesehen und ich habe schon lange vor, mich von ihm zu trennen. Die Begegnung mit Ihnen ist eine gute Gelegenheit dafür."
Das klang verheißungsvoll, ich hatte eine tiefe Sehnsucht, diese Frau zu küssen und sie ließ es sich nicht nur gerne gefallen, sondern küsste intensiv zurück, ich schmeckte wieder den Honigseim. Damit war der Bann gebrochen, und ohne weiter an Alina zu denken, lud ich sie ein, mit mir in meine nahe Wohnung zu kommen. Wir konnten gar nicht schnell genug die Sachen vom Leib kriegen, da waren wir schon zusammen. Erstaunt realisierte ich, was für eine zärtliche und auf meine Erfüllung bedachte Partnerin ich gewonnen hatte und nahm gerne ihr Angebot an, zusammen zu bleiben. Ich hoffe, dass Alina das nicht zu schwer nimmt. Jessica meinte, wie ich ja in der Disco sehen konnte, habe ihr Partner eh' kein Interesse mehr an ihr. Da ich genug Platz in der Wohnung habe, kann sie schon morgen bei mir einziehen und ich freue mich bannig, sie gewonnen zu haben. Ich bin sicher, sie wird mir eine fantastische Lebensgefährtin sein, die ich möglichst bald heiraten will, denn ich weiß, dass ich sie über alles liebe.

"Donnerwetter", dachte Jessica, "ich habe gar nicht gewusst, welchen Eindruck ich auf Gregor gemacht habe. Weibliche Herzlichkeit, neugierige Sehnsucht, und jugendliche Unschuld hat er in meinem Gesicht gesehen, unschuldig war ich ja nach dem Jahr mit Nikolaj nun wirklich nicht mehr, aber mir die körperliche Erfüllung zu schenken, ist erst ihm gelungen. Erst er hat mir liebevoll und zärtlich gezeigt, wie schön und erfüllend die Liebe sein kann. Zum ersten Mal im Leben habe ich einen wahnsinnigen Höhepunkt erlebt, ich hatte das Gefühl, in den Weltraum zu fliegen. Nie habe ich geahnt, dass es so etwas geben kann. Und danach liebkosten wir uns noch lange, das kannte ich überhaupt nicht. Deshalb beschloss ich, bei ihm zu bleiben, denn auch ich liebte ihn sofort innig."

6.4.2009
Wir warteten schon im Trauungssaal, als Jessis Eltern mit ihr kamen und der Vater sie neben mich setzte. Sie trug ein zauberhaftes Brautleid, ein knappes Oberteil mit einem langen, schlanken Rock, alles mit weißer Spitze abgesetzt. Auf einen Schleier hatte sie bewusst verzichtet: "Da denken die Leute ja, dass ich noch Jungfrau bin!" Für den Brautstrauß hatte ich weiße Rosen mit einem ganz leichten Gelbschimmer und ein paar rosa Rosen dazwischen gewählt. Die Standesbeamtin war sehr nett, erklärte alles genau und hielt eine akzeptable Rede. Sie bedauerte, dass wir hier keine Ringe tauschen wollten, und als wir uns küssen durften, küsste ich Jessi so herzhaft, dass die Beamtin sagte: "Aber Herr Sommer!", und alle lachten.
Dann fuhren wir alle zur Johanneskirche. Als wir eintraten, wurde Mendelssohns Hochzeitsmarsch gespielt, dann begrüßte der Pastor uns mit einem Bibelwort. Den Trauspruch hatte Jessica aus dem Hohelied Salomos ausgewählt, mit dem ich sie vertraut gemacht habe: "Denn Liebe ist stark wie der Tod und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gölte es alles nichts." Doch ich hatte noch um einen weiteren Text gebeten, das schöne Wort aus Saint Exupérys Kleinem Prinz: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." In der Predigt verband der Pastor diese beiden Worte sehr schön, indem er das Herz als Zentrum der Liebe definierte. "Erst wenn sich Herz zu Herzen findet, entsteht eine tiefe Liebe, die stärker ist als der Tod", sagte er, als er die Ringe segnete, die wir uns dann gegenseitig aufsteckten. Diesmal küsste ich meine frisch angetraute Frau sehr zivilisiert.
In der Fischerhütte war der Tisch festlich gedeckt und nach dem vorzüglichen Menü fuhren wir mit den Eltern und Jan in die Wohnung zum Kaffee trinken. Als Jessicas Torte verzehrt war, klönten wir noch etwas, bis die Gäste sich verabschiedeten und wir uns zum ersten Mal als Eheleute unsere ganze Liebe geben konnten. Morgen fahren wir für drei Tage nach Venedig.


6. 4. 2010
Spät abends klagte Jessi über Schmerzen. Ich beobachtete sie: die Schmerzen traten kurzzyklisch auf, das waren Wehen! Obwohl es noch zwei Wochen zu früh ist, trieb ich sie fast mit Gewalt aus dem Bett und fuhr sie zum Hubertus-Krankenhaus, wo sie angemeldet war Noch während der Fahrt platzte die Fruchtblase, zum Glück hatte sie ein Handtuch eingesteckt. Sie wurde sofort in den Kreißsaal gebracht und ich durfte sie begleiten. Man wies mir einen Platz neben dem Bett an, ich konnte nichts tun, als ihren Kopf streicheln, während sie immer wieder vor Schmerzen aufschrie. Zwanzig Minuten nach unserer Ankunft sah ich ein Köpfchen zwischen ihren Beinen erscheinen, dann erblickte unser Sohn vollständig das Licht der Welt und wurde ihr nach dem Abnabeln und einer kurzen Reinigung in den Arm gelegt. Das Wunder dieses Kindes bewegte mich zutiefst, wie aus zwei winzigen Zellen ein so wunderbarer, vollkommener Mensch geworden ist. Ich werde immer für ihn da sein, schwor ich mir, und mich gemeinsam mit der Mutter bemühen, seine Entwicklung zu einer erwachsenen Persönlichkeit begleiten. Ganz kurz durfte ich meine Jessi küssen und ihr für dieses wundervolle Geschenk danken, dann musste ich gehen.
Zu Hause dankte ich Gott von Herzen für unser Kind und seine wundervolle Mutter. Als sie das Baby im Arm hatte, bemerkte ich eine erstaunliche Veränderung an ihr, sie war viel reifer geworden als noch auf dem Weg zur Klinik. Aus ihr strahlte eine Mütterlichkeit, die ich noch nie an ihr beobachtet hatte, die mich aber an meine Mutter erinnerte. Es ist wohl so, dass die Natur in Frauen, die ein Kind geboren haben, diese Instinkte hervorruft, die ihr ganzes Wesen auf das neu geborene Kind ausrichten. Ich bin froh über diese Entdeckung und weiß, dass Jessi unserem Sohn eine wunderbare Mutter sein wird.

"Die Entbindung war so schlimm, dass ich glaubte, sterben zu müssen, da war es beruhigend, dass Gregor meine Hand hielt und mir immer wieder den Kopf streichelte, bis mir klar war, dass ich am Leben geblieben bin und das Baby in den Arm nehmen durfte", dachte Jessica wehmütig zurück. "Was er über meine frisch erwachte Mütterlichkeit schreibt, kam mir selbst erst nach einer Weile zum Bewusstsein, er hat es in seiner unendlichen Liebe sofort bemerkt. Und er war ein wundervoller Vater. Als ich aus der Klinik kam, war die Wohnung festlich geschmückt und er hat mir viel Arbeit abgenommen, das Kind gewaschen und gewindelt und mich getröstet, wenn es in der ersten Zeit auch nachts trinken wollte. Für mich war ja alles neu, doch langsam gewöhnte ich mich mit seiner Hilfe an die richtigen Handgriffe.
Wir waren beide sehr bemüht, alles richtig zu machen. So hockten wir uns mit einem Buch neben die Windel unseres Sohnes und verglichen, ob sein Stuhlgang die richtige Farbe hat. Es war eigenartig für Gregor, dass meine Brust, die er so gerne küsste, mit einem Mal Milch gab. Er trank gerne davon, bis ich lachend sagte: ‚Willst du deinen Sohn verhungern lassen?' Und er war äußerst rücksichtsvoll mit meinem Körper, was ich ihm mit zärtlichem Streicheln dankte, es erregte mich immer wieder, dabei seine Zuckungen zu fühlen. Zwei Monate nach der Entbindung fühlte ich mich fit genug, ihm wieder meine ganze Liebe zu schenken und es war herrlich für uns beide, uns wieder zu finden. Für Wilfried war er stets ein liebevoller Vater, der stets die Persönlichkeit des Jungen achtete, auch wenn er ihn manchmal überzeugen musste, dass dessen Meinung nicht die beste war. Auch für den Jungen hoffe und bete ich, noch einmal solche einen tollen Mann zu finden." Mit diesen Gedanken ging sie beruhigt ins Bett und fand noch etwas Schlaf.

Aus Kapitel 11 Untersuchungen"

Am Morgen fand Ina Hofmeister im Berliner BKA-Büro eine lange Liste mit entschlüsselten Mail-Partnern von Dogan Milas Schawais in ganz Deutschland, und auch die Telefonkontakte seines zweiten Smartphones waren aufgelistet. Der Verdächtige war nach Berlin überstellt worden und wartete auf seine Vernehmung, doch die Beamten wollten sich erst einen Überblick über sein wahrscheinlich kriminelles Umfeld verschaffen. Sie fanden bald heraus, dass viele Namen zu Mitgliedern der verbotenen PKK gehörten. Was sie trotz intensiver Suche nicht fanden, war eine Verbindung zum Mord an Gregor Sommer. Um vielleicht direkt von ihm etwas darüber zu erfahren, ließen sie ihn zum Verhör bringen.
"Sie haben heraus bekommen, dass Ihre Tochter mit einem deutschen Siemens-Ingenieur in wilder Ehe lebte", begann die Oberkommissarin das Verhör. "Das hat Sie in Ihrem Wunsch gestört, sie mit einem kurdischen Mann zu verheiraten, was Ihnen sicherlich geschäftliche Vorteile gebracht hätte. Haben Sie den Deutschen deshalb umbringen lassen oder ist er Ihren Verbindungen zur PKK auf die Schliche gekommen? Das sind zwei gute Gründe für den Mord, den wir ihnen wahrscheinlich nachweisen werden. Aber zunächst wollen wir mit Ihnen über Ihre vielfältigen Kontakte zur verbotenen PKK sprechen."
Die Hamburger Kollegen und wir sind weiterhin auf der Suche nach dem Mörder des Liebhabers Ihrer Tochter. Nach den Berichten Ihrer Tochter über Ihre restriktiven Erziehungsmethoden in Bezug auf Kontakte mit Männern stehen Sie in erheblichem Verdacht, für Herrn Sommers Tod verantwortlich zu sein, zumindest als Auftraggeber. Aus den bei Ihnen gefundenen Fotografien Ihrer Tochter in enger Umarmung mit ihm konnten wir sehen, dass Sie über das Verhältnis der beiden Bescheid wussten und dadurch Ihre kurdischen Heiratspläne wertlos wurden. Das genügte Ihnen, um ihn umbringen zu lassen."
"Natürlich, ich musste doch wissen, wie es Nazemîn geht und habe sie ständig beobachten lassen", antwortete der Verdächtige erregt. "Ich war maßlos verärgert, dass sie sich mit diesem Kerl eingelassen hat. Aber mit seinem Tod habe ich nichts zu tun. Ich war ja glücklich, als mein Beobachter mich informierte, dass der Deutsche sich von meiner Tochter trennen wollte, und ich hoffte, die Enttäuschung über diese Zurückweisung würde sie allmählich zur Vernunft bringen. Sein Tod ist viel schlimmer für meine Absichten, denn ich fürchte, sie wird noch lange um ihn trauern und sich nicht für einen anderen Mann interessieren.
Nazemîn rief Jessica aufgeregt aus Hamburg an: "Ich lese gerade Gregors letzte Tagebuchnotizen und da ist mir etwas Seltsames aufgefallen. nimm dir doch mal den 3. August vor." Erstaunt las Jessica den Eintrag dieses Tages:
3. 8. 2017
Heute habe ich etwas Seltsames mitbekommen. Um einen klaren Kopf zu bekommen, wie ich spätestens morgen das Problem mit Nazemîn lösen kann, ohne ihr zu sehr weh zu tun, ging ich in die kleine Grünanlage hinter dem Haus. Da hörte ich aus dem offenen Fenster der Hochparterrewohnung über dem Ausgang einen lauten Wortwechsel. "Du hast mir nicht gebracht, was ich bestellt habe, du bist ein Versager", schimpfte ein anscheinend älterer Mann. Ein jüngerer antwortete in gebrochenem Deutsch: "Ich habe genau getan, was du geschrieben hast: 10 Kilo Ware in kleinen Päckchen am Körper versteckt aus Diyarbak?r nach Deutschland bringen. Wenn mir deine Lieferanten statt weißem Heroin braunes mitgegeben haben, ist das nicht meine Schuld, die Ware war doch schon in den Päckchen. Das Problem musst du mit denen ausmachen. Ich habe mich dafür 4.000 Kilometer durch die Türkei und den Balkan geschlagen und hier als Flüchtling registrieren lassen, damit ich mich frei bewegen kann. Jetzt will ich auf jeden Fall meinen Botenlohn haben und das Geld, mit dem ich die Schlepper bezahlt habe."
"Gar nichts kriegst du!", schrie der Ältere, worauf der Jüngere ebenso laut zurückgab: "Dann nehme ich die Ware wieder mit!" Offenbar gab es dann eine Schlägerei, denn der Ältere schrie plötzlich laut auf. Ich versuchte noch, das Ganze einzuordnen, als ein schwarzhaariger Mann mit mongolischem Gesicht aus dem Fenster blickte und mich wütend ansah, dann schlug er das Fenster zu. Wenn der mich gesehen hat, muss er ahnen, dass ich den Streit mitbekommen habe, vielleicht hat er seinen Auftraggeber umgebracht und ich bin in Gefahr.
‚Soll ich jetzt die Polizei benachrichtigen und mich mit dem Drogenmilieu anlegen?', dachte ich, ‚dazu habe ich keine Lust, denn das kann gefährlich werden.' Auf jeden Fall verbarg ich mich so gut es ging und verließ die Anlage auf einem Umweg, um durch den Haupteingang wieder ins Haus zu kommen. Jetzt habe ich auch noch diese Sache am Hals, denn Nazemîn muss ich morgen ganz klar sagen, dass unsere Beziehung am Ende ist, weil ich ihre Forderungen nicht erfüllen kann. Es wird Zeit, dass ich mich am Wochenende zu Hause ausruhen und klare Gedanken fassen kann. Ich habe Sehnsucht nach Jessica, mit der ist das Leben so schön einfach. Leider muss ich sie immer noch belügen, dass ich in Erlangen bin.

"Das ist eine völlig neue Situation", sagte Jessica, "hat der Mann vielleicht Gregor erkannt und am nächsten Tag umgebracht?" "Eben deshalb rufe ich dich an, der Verdacht ist durchaus real. Willst du die Hamburger Kripo informieren oder soll ich das gleich hier machen", fragte Nazemîn. "Ich glaube, du bist näher dran und kannst ihnen den Text direkt zeigen, aber halt' mich bitte auf dem Laufenden", meinte Jessica. Nazemîn rief die Mordkommission an und bekam Frau Helmer an den Apparat, die sofort interessiert war, als sie ihr den Tagebucheintrag vorlas. "Vielen Dank, das könnte eine heiße Spur sein", sagte sie, "schicken Sie mir bitte den Text als Mailanhang, wir kümmern uns dann drum und informieren Sie."
Nachdem die Oberkommissarin kurz danach den Mailanhang gelesen hatte, fuhr sie mit Kommissar Markowski zur Rentzelstraße und ging durch den Hausflur und den Hinterausgang zur Grünfläche, um die betreffende Wohnung zu orten. Als sich dann an der Wohnungstür niemand auf ihr Klingeln meldete, ließen sie die Tür vom Schlüsseldienst öffnen und fanden im rückwärtigen Raum einen älteren Mann mit einem Messerstich in der Brust. "Da hat Herr Sommer also wirklich einen Mord gehört", sagte Frau Helmer erschüttert zu ihrem Kollegen, "und wir können nicht ausschließen, dass der Mörder dieses Mannes auch Herrn Sommer umgebracht hat." Der herbeigerufene Rechtsmediziner stellte fest, dass der Erstochene schon mindestens eine Woche tot war.
Im Kommissariat stellten die Beamten fest, dass es sich bei dem Toten um einen sechzigjährigen, wegen Drogenhandels vorbestraften, gebürtigen Ukrainer mit deutschem Pass handelte. Die Spurensicherung fand keine Tatwaffe, doch der Drogenhund führte sie zu einem gut versteckten Geheimfach, in dem sich eine geringe Menge Heroin und 87.365,- Euro fanden. Am Fenster wurden deutliche Fingerabdrücke gefunden, die aber in keiner Datei vermerkt waren. Markowski hatte schließlich eine Idee: "Die Spusi hat doch auf dem Ast noch einen anderen, verwischten Abdruck gefunden, den sollen sie mit denen am Fenster vergleichen. Er erfuhr bald , dass die gefundenen Abdrücke eine hohe Ähnlichkeit mit dem auf dem Ast gefundenen verwischten Abdruck aufwiesen, der Mann also sehr wahrscheinlich den Ast in der Hand gehabt und Herrn Sommer damit erschlagen hatte.
Sie starteten bei den Mobilfunkanbietern eine Abfrage nach dem Namen des Ermordeten. Interessanter waren seine Bankdaten, allerdings brachten sie auch keine neuen Erkenntnisse. Es zeigte häufige Barauszahlungen, außerdem bestand ein lebhafter Geldverkehr mit einem Konto auf den Cayman-Inseln, auf das sie keinen Zugriff hatten, und bei dem größere Beträge hin und her geschoben wurden. Dieses Konto war offensichtlich der eigentliche Verschiebebahnhof für seine internationalen Geldströme. "Auch wieder ein Schuss in den Ofen", klagte Frau Helmer.
Nach dem Mittagessen bekamen sie die erste positive Nachricht: Ein Mobilfunkbetreiber meldete eine Handynummer des Toten und lieferte gleich die Gesprächsliste mit. "Lass' eine Ortung vornehmen, vielleicht hat der Mörder das Handy eingeschaltet gelassen", wies die Chefin den jungen Kommissar an, der das sofort in die Wege leitete. Leider war das Gerät nicht eingeschaltet, doch er richtete einen Alarm bei Aktivierung ein. Die Gesprächsliste war hochinteressant. Neben vielen Verbindungen mit deutschen und europäischen Teilnehmern gingen immer wieder Gespräche nach Diyarbak?r im Osten der Türkei. "Sag' mal, das ist doch die heimliche Hauptstadt der Kurden in der Türkei. Anscheinend gibt es dort einen Umschlagplatz für Rauschgift, um die Finanzen der PKK zu unterstützen, und der Bote hat das Heroin dort abgeholt, das sollten wir dem BKA melden", meinte Hauptkommissarin Marcks.
Mittwoch früh meldete sich bei der Hamburger Mordkommission plötzlich das Handy des toten Drogendealers Kabakow aus Langenhorn und bewegte sich in Richtung Stadt, wurde aber bald wieder ausgeschaltet. Anscheinend hatte der Mörder es jetzt zum ersten Mal benutzt. "Schau doch mal nach der letzten Verbindung, vielleicht finden wir ihn da", schlug die Oberkommissarin vor und Markowski fand eine kürzlich angerufene Hamburger Festnetznummer mit einem türkischen Namen. In den Meldelisten fanden sie den Namen an der Ottensweide in Wilhelmsburg. "Versuchen wir mal, ob wir ihn da finden", rief die Oberkommissarin und machte sich mit Kommissar Markowski auf den Weg. Weil der Ortsteil Kirchdorf Süd in Wilhelmsburg als sozialer Brennpunkt mit vielen Immigranten gilt, beorderten sie die örtliche Polizei in die Nähe.
Als sie an der Adresse in der Ottensweide eintrafen, stand der Wagen des ermordeten Drogendealers vor der Tür des Hauses. "Na also", meinte die Oberkommissarin, "schaun wir mal und nehmen die Polizei mit hoch." Da die Wohnung im zehnten Stock lag, war eine Flucht durch das Fenster ausgeschlossen. Als sich auf ihr Klingeln niemand meldete, traten die Polizisten die Tür ein und stürmten mit gezogenen Pistolen in die Wohnung. Im Wohnzimmer saßen drei Männer, die überrascht die Hände hoben, und auf dem Tisch lagen kleine Päckchen. "Vertickern Sie jetzt die Ware, die Sie bei Herrn Kabakow nicht los geworden sind, an andere Kunden?", sprach die Oberkommissarin den Jüngsten an, in dem sie wegen der schwarzen Haaren und des mongolischen Gesichts den Mörder vermutete. Auf die Frage nach seinem Ausweis zeigte er einen Registrierungsbescheid vom BAMF auf den Namen Assadullah Rabbani, da wussten sie, dass er der Gesuchte war.
"Sie sind wegen doppelten Mordverdachts vorläufig festgenommen, und zusätzlich auch wegen Drogenhandels. Dieser Vorwurf gilt ebenso für die beiden anderen hier", teilte Frau Helmer den dreien mit. Bei der Durchsuchung des Mannes fanden sie den Autoschlüssel, die Zulassung und das Mobilphon von Wolodymyr Kabakow. Außerdem hatte er 2.575,- Euro in bar und ein Prepaidhandy mit leerem Akku bei sich. "Weil sein Akku leer war, musste er das gestohlene Mobilphon benutzen", freute sich der Kommissar. Die Polizisten legten den Männern Handschellen an und brachten sie in den Streifenwagen. Die Heroinpäckchen nahmen sie mit und Frau Helmer informierte die Drogenfahndung. Dann schickte sie die Spurensicherung mit einem Drogenhund in die Wohnung. Kommissar Markowski fuhr den gefundenen Mercedes auf den Sammelplatz der Polizei.
Beim BKA stellte man aufgrund der aus Hamburg erhaltenen Listen fest, dass nicht nur viele von Schawais' Telefon- und Mailkontakten mit den übermittelten Kontakten des ermordeten Drogendealers identisch waren, sondern auch zwischen seinem Konto auf den Caymaninseln und dem des Drogendealers bei derselben Bank immer wieder Zahlungen stattfanden. Also hatte Schawais nicht nur die PKK finanziell unterstützt, sondern war auch in ihre Heroin-Aktivitäten verwickelt, mit denen sie ihren Kampf finanziert. "Das bricht ihm endgültig das Genick, auch wenn er wohl mit dem Mord am Liebhaber seiner Tochter nichts zu tun hat", freute sich Frau Hofmeister.
Sie ließen Schawais kommen und legten ihm die Beweise vor: "Im Kandil-Gebirge im Nordirak lebt die PKK recht ungestört", erklärte er. "Um den Kampf gegen die türkischen Behörden zu finanzieren, wurden dort Labore eingerichtet, die Mohn aus Afghanistan zu Heroin destillieren. Kuriere bringen den Stoff auf geheimen Wegen in geschützte Verstecke in Diyarbak?r, der Hauptstadt der Kurden, von wo er in Europa verteilt wird. Ja, mir ist dieses Verfahren bekannt, aber ich habe noch nie mit Drogen gehandelt, sondern trage nur finanziell zu dem Unternehmen bei. Deshalb habe ich auch in Deutschland Kontakte zu türkischen Mittelsmännern des Unternehmens." "Immerhin reicht Ihr Geständnis, ihre Angelegenheit dem Staatsanwalt zu übergeben, der Sie wohl wegen Unterstützung der verbotenen PKK anklagen und bis zum Prozess weiter in Untersuchungshaft behalten wird", entschied Frau Hofmeister.
Nachdem Jessica an den nächsten Tagen alle Einträge im Tagebuch ihres Mannes gelesen hatte, wurde ihr noch klarer, welchen wertvollen Menschen sie verloren hatte, und sie überlegte, wie ihr und Wilfrieds Leben jetzt weiter gehen könnte: "Will ich denn meinen Sohn ohne männliche Bezugsperson aufwachsen lassen und will ich selbst ewig alleine bleiben?", fragte sie sich. "Mit meinen 32 Jahren bin ich noch jung genug, um mich nach einem neuen Partner umzusehen, aber der müsste ebenso liebevoll und zuvorkommend sein, wie Gregor war, und voll auf Wilfried eingehen. Solch Mann ist sicherlich nicht leicht zu finden.
Wäre es vielleicht mit Jan Heinemann denkbar?", setzte sie ihre Überlegungen fort, "der hat sich doch in den letzten Wochen so fürsorglich um mich und den Jungen gekümmert und uns in allen Problemen unterstützt. Auch als Gregor noch überwiegend in Berlin war, hatten wir ein sehr herzliches Verhältnis zu ihm, wie es oft zwischen alten Freunden besteht, und sind oft zusammen gewesen. Vor allem nach seiner Scheidung vor zwei Jahren hat er uns oft besucht und Gregor ihn getröstet. Ganz besonders habe ich es immer geschätzt, dass Jan mir nie in irgendeiner Weise zu nahe getreten ist, auch nicht nach Gregors Tod. Ich werde ihn mal einladen und sehen, wie er sich Wilfried und mir gegenüber verhält", beschloss sie und ging ins Bett, weil es wieder spät geworden war.
Mitten in der Nacht wachte sie auf und sofort waren diese Gedanken wieder in ihrem Kopf. "Einladen und sein Verhalten prüfen ist eine Sache", dachte sie, "aber wie geht es weiter, wenn die Prüfung positiv verläuft? Wäre ich in der Lage, mich ihm irgendwann vollkommen hinzugeben und vielleicht eine Gemeinschaft mit ihm aufzubauen? Im Moment bin ich ganz sicher noch nicht dazu bereit, dafür ist die Erinnerung an die wundervolle Liebe mit Gregor noch viel zu stark in mir, auch wenn er mich mit Nazemîn betrogen hat. Also werde ich Jan ab und zu einladen, ohne ihm irgendwelche Aussichten zu geben, aber ihn dabei näher kennen lernen und sehen, wie er sich verhält." Mit diesem Entschluss schlief sie schnell wieder ein.

                                                                                                                     Literaturverzeichnis