Ernst-Günther Tietze: "Eine Begegnung in der Türkei", Leseproben 

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                                                    Aus Kapitel 1 „Begegnung“                      Literaturverzeichnis

Solche Blicke hatte keiner von beiden jemals erlebt, weder Johanna noch Kerim. Plötzlich wussten sie, dass sie zueinander gehörten, obwohl sie sich überhaupt nicht kannten. Es war am Eingang des à la carte-Restaurants, wo Kerim Johanna und ihren Freund Arnim mit einem Glas Sekt begrüßte. Johanna fühlte sie sich wie vom Blitz getroffen und hätte den Mann am liebsten umarmt. Immer wieder musste sie zu ihm schauen. Auch Kerim konnte den Blick nicht von ihr lassen. Arnim bemerkte er das heimliche Einverständnis zwischen seiner Gefährtin und dem Mann am Eingang nicht. Dabei war Johanna mit ihm an die türkische Riviera gefahren, um die immer bedrohlicher werdenden Risse in ihrer Gemeinschaft zu kitten.

Kerim Zeykan wollte mehr über diese Frau wissen, deren Blick ihn so fasziniert hatte. Johanna vom Stein war ein schöner Name, und in Facebook fand er etwas über sie, ihr Bild und das Geburtsdatum 8. 7. 1982, ihr Studienabschluss als promovierte Ärztin, die Fachausbildung in der Kinderheilkunde und ihre jetzige Stellung im Klinikum Meiningen. Die Seite des Mannes war viel umfangreicher, er arbeitete als Ingenieur im Ausbesserungswerk für alte Lokomotiven in Meiningen und war technischer Vorsitzender des Dampflok-Vereins.

Am Abend vor diesem Essen hatte Johanna Arnim gesagt, dass sie sich genauso einsam fühle, wie vor ihrer Begegnung, weil er nur noch die Eisenbahn im Kopf habe. „Macht es dir denn überhaupt keine Freude mehr, mit mir zusammen zu sein? Bin ich dir inzwischen weniger wert als die Eisenbahn?“ Arnim musste einen Moment überlegen: „Natürlich liebe ich dich, aber das kann man doch gar nicht vergleichen. Mit dir lebe ich zusammen, du bist der ruhige Pol in meinem Leben, gibst mir Liebe und Rückhalt. Aber der berauschende Kick ist für mich die Eisenbahn, davon will ich nicht lassen.“ Johanna biss sich auf die Zunge weil sie wusste, dass ihn jede mögliche Antwort verletzen würde.

Am nächsten Morgen erwachte sie vom Gesang des Muezzins und als sie über die Differenz dieser Töne zur vertrauten Musik nachdachte, wurde ihr klar, dass der Unterschied zwischen Arnim und ihr ebenso groß geworden war wie der zwischen der arabischen und europäischen Musik. Nach dem, was Arnim gestern Abend gesagt hatte, würde es wohl keine Gemeinsamkeit mehr mit ihm geben. Das Herz tat ihr weh, als sie an die wahrscheinliche Trennung dachte, aber ihr war klar geworden, dass sie auf Dauer in dieser Beziehung kaputt gehen würde. Sie beschloss, eine günstige Gelegenheit abzuwarten, um mit ihm über die Trennung zu sprechen.

An der Rezeption zeigte sie Kerims Karte und ein Boy führte sie zu einem Zimmer. Auf ihr Klopfen hörte sie einen Ruf und sah Kerim hinter dem Schreibtisch sitzen, doch als er sie erblickte, sprang er auf und schloss die Tür hinter ihr, wobei ihr das Handtuch vom Körper rutschte. Sie wollte „Guten Tag“ sagen, doch er zog sie an sich und drückte die Wange gegen ihre. Johanna war erschrocken. Zwar hatte sie sich die Begegnung mit diesem Mann gewünscht, aber eher an ein freundschaftliches Gespräch gedacht, da ging ihr diese Vertraulichkeit entschieden zu weit. Sie raffte das Handtuch auf und verließ fluchtartig den Raum. Schnell war sie am Strand, warf ihr Tuch und ihre Sandalen auf eine freie Liege und sprang in die Wellen. Nach langem Schwimmen legte sie sich auf einer Liege in die Sonne.

Kerim hätte sich ohrfeigen können. Diese Frau war eine Persönlichkeit, der man respektvoll gegenüber treten musste, und nicht so, wie er es getan hatte. Wahrscheinlich wollte sie nur mit ihm sprechen und er hatte sich plump vertraulich an sie heran gemacht. „Was kann ich jetzt tun?“, dachte er verzweifelt, „ich habe alles kaputt gemacht. Wird sie überhaupt noch an mir interessiert sein?“ Als erstes müsste er sie wohl um Entschuldigung bitten, doch dafür musste er sie finden. Und ob sie seine Entschuldigung annehmen würde, war höchst unsicher, aber er musste es auf jeden Fall versuchen. Sie war in Badesachen zu ihm gekommen, war also wahrscheinlich irgendwo am Wasser.

Als er sie sah, ging er langsam voller Bangen zu ihr und sprach sie leise an: „Ich glaube kaum, dass Sie mir meinen Überfall vorhin verzeihen können, denn ich habe mich unmöglich benommen. Falls sie mir dennoch einige Worte gestatten wollen, würde ich Sie gerne zu einem kleinen Spazierhang einladen, denn hier haben wir zu viele Zuhörer.“ „Ich nehme Ihre Entschuldigung gerne an“, erwiderte Johanna, „denn ich habe Sie ja mit meinem Outfit provoziert. Wo wollen Sie denn mit mir hingehen?“ „Nur ein paar Schritte, wo wir ungestört miteinander reden können.“

Kerim führte sie zu einem Weg ein, der an einem etwa 10 Meter breiten Bach endete. Er setzte sich ans Ufer und bot Johanna den Platz neben sich an. Sie wartete gespannt, bis er sich überwand: „Ich muss Ihnen gestehen, dass Sie mich gestern Abend unwahrscheinlich beeindruckt haben. Seit meine Freundin mich vor einiger Zeit verlassen hat, ist keine Frau so tief in mein Inneres gedrungen wie Sie, und ich habe ein wenig den Eindruck dass es ihnen ähnlich gegangen ist. Deshalb schäme ich mich sehr für meinen Überfall vorhin und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie ihn schnell und vollkommen vergessen könnten. Denn ich mag Sie und hoffe, dass auf unserer Begegnung die Chance einer dauerhaften Freundschaft liegt.“

Johanna freute sich über seine Worte, und weil sie keine Lust hatte, ihm ihr Verzeihen mit wohlgesetzten Worten deutlich zu machen, küsste sie ihn. Er erwiderte den Kuss so herzhaft, dass sie sich Erst trennten als sie völlig außer Atem waren. „Du bist ein wundervoller Mann“, flüsterte Johanna, als sie wieder ruhig atmen konnte. „Und du eine außergewöhnlich liebevolle Frau“, gab Kerim zurück, worauf Johanna ihn noch einmal küsste. „Leider müssen wir unsere schöne Begegnung jetzt beenden“, sagte Kerim. „Ich habe in zehn Minuten einen Termin. Warte um 14 Uhr vor der Auffahrt auf mich.“ Gespannt stand Johanna pünktlich an der Auffahrt, ein kleiner Honda hielt vor ihr und sie schlüpfte hinein, worauf er sofort losfuhr.

„Was hast du denn mit mir vor?“, fragte Johanna gespannt. „Wir haben ja eine ganze Menge miteinander zu reden“, antwortete er und fuhr los, „dafür würde ich mich am liebsten mit dir in eine kleine Teestube setzen. Wir können auch in meine Wohnung fahren, ich weiß aber nicht, ob du dazu bereit bist.“ Johanna dachte einen Moment nach. Zur Wohnung war sie noch nicht bereit, das hatte er mit seinem Feingefühl erraten. „Wenn du eine ruhige Teestube kennst, lass uns dahin fahren“, entschied sie.

In der Teestube fragte Johanna: „Erzähl mir doch ein bisschen von deiner schmerzhaften Trennung.“ Nach einem Schluck Raki begann Kerim zu sprechen: „Vor drei Jahren habe ich Ayşe kennen gelernt, sie studierte in Antalya, wohnte aber bei ihren Eltern hier in Side. Zwischen uns entstand eine tiefe Liebe, wenn sie auch für den letzten Schritt noch nicht bereit war. Vor vier Monaten kam sie in langem Rock und Kopftuch zu mir und erklärte, ihr Vater habe ihre Heirat mit einem Verwandten arrangiert, sie finde schon in zwei Wochen statt. Dabei schossen ihr Tränen in die Augen, die sie sich von mir nicht abwischen ließ. Ich beobachtete die Feier und sah, dass der Bräutigam ein viel älterer glatzköpfiger Fettwanst war, den ich schon auf einem Plakat der AKP vor der letzten Wahl gesehen hatte. Er ist Bezirksvorsitzender der Partei und außerdem ein reicher Geschäftsmann. Du siehst, auch ich musste eine Liebe aufgeben.“ Mit dem Rest Raki spülte er seine Trauer hinunter.

Aus Kapitel 2 „Entscheidungen“

Am nächsten Morgen sprach Johanna Arnim an: „Bei unserm Gespräch neulich abends wurde mir klar, dass ich auf Dauer bei dir kaputt gehen werde. Zwar liebe ich dich, aber Liebe ist doch die umfassende Einigkeit und Zuwendung in allen Lebensbereichen. Weil mir das bei deiner Eisenbahnleidenschaft fehlt, werde ich mich von dir trennen. Du sollst wissen“, fuhr sie fort, „dass ich gestern einem Türken begegnet bin, der mich beeindruckt hat. Den Trennungsbeschluss habe ich schon einen Tag vor dieser Begegnung gefasst, er ist nicht schuld daran. Ich werde die nächsten Nächte in seiner Wohnung schlafen, weil ich dir nicht mehr nahe sein will, ihm bin ich aber noch in keiner Weise nahe gekommen.“

„Ich bin sprachlos“, schimpfte Arnim „dass du dir gleich einen anderen Mann gesucht hast, und dazu noch einen Türken.“ Er stand auf und ging zum Lift. Johanna rief Kerim an. „Guten Morgen, mein Lieber“, sagte sie, „kann ich dich kurz besuchen?“ Er umarmte Johanna und küsste sie, was sie gerne erwiderte. „Du hast mir gefehlt“, sagte er, als sie wieder zu Atem gekommen waren. „Meinst du, du mir nicht“, antwortete Johanna lachend. „Jetzt bin ich vor allem interessiert, wie du mit deinem Freund klar gekommen bist“, fuhr Kerim fort.

„Ich glaube, er wird bei Eisenbahn bleiben, antwortete Johanna. „Ehrlicherweise habe ich ihm auch erzählt, dass ich mich mit einem Türken angefreundet habe, das fand er überhaupt nicht lustig. Dieser Vorwurf brachte mich dazu, ernsthaft über unsere Beziehung nachzudenken. Wir haben uns ineinander verliebt, aber wir sind doch erwachsene, verantwortungsvolle Menschen und ich will keine einwöchige Urlaubsliebe, sondern eine lange liebevolle Gemeinschaft. Wenn du das auch willst, müssen wir möglichst bald anfangen, uns über die Einzelheiten klar zu werden.“

„Ich freue mich, dass du deinem Freund deine Trennungsabsicht klar verkündet hast“, antwortete Kerim. „Ich habe mich vollkommen in dich verliebt und möchte mit dir zusammen leben. Das kannst du als heiliges Versprechen ansehen. Sei bitte um 14 Uhr mit deinen Nachtsachen an derselben Ecke wie gestern.“ Nach dem Mittag wartete Johanna an der Auffahrt, wo Kerim sie 5 Minuten später aufnahm.

In seiner Wohnung küssten die beiden sich wild, doch Kerim sagte traurig: „Leider muss ich bald wieder weg, ich wollte dich ja nur mit deinen Nachtsachen herfahren. Willst du hier bleiben oder soll ich dich wieder mitnehmen?“ „Ich will mich hier ein bisschen umschauen“, erwiderte Johanna, „wann kommst du denn heute Abend?“ „Ich denke, gegen 19 Uhr kann ich hier sein, dann essen wir zusammen zu Abend“, meinte er, hier hast du einen Schlüssel.“

Johanna sah sich in der Wohnung um und fand einen schmalen zusammengehefteten Band mit Gedichten, die sie beeindruckten. Das erste war überschrieben mit „wunderschön“:

Es ist so wunderschön  
deine Worte zu hören,  
deine Lippen zu sehen,  
wenn sie von Liebe sprechen.  

Es ist so wunderschön,  
bei dir zu sein,  
dich im Arm zu haben  
und dich zu küssen.  

Es ist so wunderschön  
deinen Körper zu fühlen,  
deine Wärme und Weichheit  
und deine Zärtlichkeit.  

Es ist so wunderschön  
dich vollkommen zu erleben,  
wenn keine Scheu dich hemmt,  
dich mir hinzugeben.

Johanna fühlte sich wie erschlagen. Sie hatte Kerim, als zart fühlenden Menschen kennen gelernt, hier hatte sie jetzt den Beweis dafür vor Augen Das war ein intimer Blick in seine Seele, und sie war glücklich darüber, jetzt kannte sie ihn wieder ein Stück besser. Weil es ihr peinlich, in Kerims Sachen zu stöbern, ging sie vor die Tür. Unterwegs kaufte sie einen Strauß aus roten Tulpen und weißen Lilien, die sie im Wohnzimmer hübsch drapierte. Als sie hörte, wie er die Tür aufschloss, lief sie ihm entgegen und küsste ihn herzlich. Er sah die Blumen und dankte ihr überschwänglich.

„Hier gibt es eine kleine Lokanta mit guten türkischen Gerichten, hast du Lust?“ Sie wurde nicht enttäuscht. Beim Anstoßen sagte Kerim feierlich „Auf unsere Liebe“, was Johanna gerührt bestätigte. Nach den Vorspeisen wurde im Ofen gebackener Barsch serviert, den der Ober am Tisch filetierte, so dass sie kaum Gräten auf dem Teller hatten, dazu gab es verschiedene Salate.

Kerim wollte sich das Bett auf dem Sofa im Wohnzimmer richten, doch Johanna rief: „Du glaubst doch wohl nicht, dass ich vor dir Angst habe, ich möchte dich gerne hier neben mir wissen.“ Unbekümmert zog sie sich aus und genoss Kerims Blicke auf ihrem Körper. „Weiß Gott, du bist eine schöne Frau“, flüsterte er verzückt. „Ich hoffe, du bist auch nicht hässlich“, antwortete Johanna lachend, „aber du gibst mir ja keine Gelegenheit, das zu prüfen.“ „Ach, entschuldige, ich bin ein miserabler Liebhaber“, lachte Kerim nun auch und warf seine Kleidung ab. Johanna umarmte ihn und zog ihn aufs Bett, wo sie ihn zärtlich küsste.

Zuerst hielt Kerim sich noch zurück, aber das steigerte Johannas Lust ins Unendliche, bis sie schließlich in einem gemeinsamen Aufwallen einen Höhepunkt erlebte, der für sie in dieser Intensität vollkommen neu war. Diese glühende Empfindung, der keine andere auf Erden gleicht, hatte sie noch nie erlebt. Vom Glück überwältigt drückte sie sich an den Geliebten. Auch Kerim war glücklich. „Diese innige Gemeinschaft habe ich lange vermisst, hab‘ Dank mein Liebling“, sagte er leise.

„Heute habe ich meinen freien Tag“ meinte Kerim beim Frühstück, da habe ich etwas mit dir vor.“ Sie fuhren 10 Minuten bis zur Altstadt von Side und Kerim führte Johanna zu einem Teppichgeschäft, wo er den Inhaber Johanna als seinen Vater vorstellte. Hinter dem Laden gab es einen gemütlichen Wohnraum, in dem sie auf eine Ottomane gebeten wurden. Als der Vater ihnen Apfeltee anbot, kam die Mutter dazu, eine etwas füllige Türkin mit einem freundlichen Gesicht. Sie umarmte den Sohn und gab Johanna vorsichtig die Hand.

Vor dem Essen erhob sich der Vater mit seinem Glas und sah Johanna an. „Wenn ich meinen Sohn richtig verstehe, sind Sie die Frau, mit der er sein weiteres Leben führen möchte. Ich war zuerst dagegen und habe ihn für verrückt erklärt, sich mit einer Deutschen zu verbinden, aber da er wild entschlossen scheint, mit Ihnen zusammen zu leben, spielen unsere Bedenken keine Rolle, er ist selber für sein Leben verantwortlich. Deshalb frage ich Sie jetzt mit vollem Ernst: Sind Sie einverstanden, ein wichtiges Mitglied unserer Familie zu werden?“ Johanna stand ebenfalls auf und sagte mit fester Stimme: „Ja, das möchte ich gerne, ich liebe Kerim sehr und sehe es als hohe Ehre an, in Ihre Familie aufgenommen zu werden.“

Nach der Rückkehr hatte Johanna ein langes Telefonat mit ihren Eltern, der Vater war vehement gegen ihre Verbindung mit einem Türken. „Hast du jetzt vollkommen den Verstand verloren, der ist doch ein Muslim und die wollen sich auf der ganzen Welt breit machen“, schimpfte er. Johanna fragte, ob er jetzt unter die Neonazis gegangen sei, schilderte Kerim mit sein er Ausbildung und der liebevollen Aufnahme in seine Familie und versuchte dem Vater klar zu machen, dass sie ihn über alles liebe, doch der blieb bei seiner Meinung. Fünf Minuten später rief ihre Mutter zurück: „Ich stehe auf deiner Seite, denn ich weiß, wie verantwortungsvoll du handelst“, sagte sie leise, „und Vater überzeugen wir auch noch.“

Bewegt dankte Johanna ihr und schickte vor dem Einschlafen eine kurze Mail an Kerim:

Meiningen, 19. 6. 2014 Geliebter,

mein Herz ist noch immer voll von den herrlichen Tagen mit Dir und ich bin traurig, nicht neben Dir aufwachen zu können. Was wir miteinander erlebt haben, müssen wir uns bewahren, bis wir ganz beieinander sein können, hoffentlich bald.

Mein Vater ist von unserer Verbindung noch nicht überzeugt, ich denke aber, es wird letztlich gehen wie bei dir zu Hause. Grüß bitte Deine Eltern von mir und sei Du ganz herzlich geküsst von Deiner Johanna, ich denke ständig an Dich

Aus Kapitel 3 „Neubeginn“           

Als Kerim abends nach Hause kam, fand er Johannas Mail, die ihn an die schönen Tage mit ihr erinnerte. Sein Leben hatte wieder eine Perspektive und er wollte sofort antworten.

Side, 19. 6. 2014 Geliebte,

hab‘ vielen herzlichen Dank für Deine Mail, die ich gleich noch beantworten will, bevor ich ins Bett gehe, leider ohne Dich. Ich kann es immer noch nicht begreifen, wieder eine Frau lieben zu dürfen und von ihr geliebt zu werden, das ist das reine Wunder für mich.

Ich werde mir im Internet die Hotels in Deiner Umgebung ansehen, ob etwas Geeignetes für mich dabei ist, denn ich will mit allen Kräften versuchen, ab dem 1. September bei Dir zu sein. Das möchtest Du doch auch, nicht wahr?

Nun hoffe ich, dass Dir die Arbeit heute am ersten Tag nicht über den Kopf wächst.

Ich küsse Dich in tiefer Liebe, Dein Kerim

Montag Abend kam Johanna in ihr Haus, sie hatte drei Nächte in der Klinik geschlafen, um Arnim nicht zu treffen. Er hatte alle seine Sachen abtransportiert und den Schlüssel auf den Couchtisch gelegt. Dienstag stand ihre Mutter vor der Tür. „Ich habe gehört, dass du heute frei hast, da dachte ich mir dass du Hilfe brauchen kannst“, sagte sie, nachdem sie die Tochter umarmt hatte, „am dringendsten brauchst du etwas in der Küche“. Im Sozialkaufhaus kauften sie eine gebrauchte Einrichtung mit Spüle, E-Herd, Mikrowelle, und Kühl-/Gefrierkombination. Johannas Bericht über das Entstehen ihrer Liebe zu Kerim nahm sie mit leichtem Zweifel auf, aber das Bild mit Kerim sie. „Schließlich bist du ein erwachsener Mensch und hast bisher immer gewusst, was du tust“. meinte sie. Ich hoffe, dass ich deinem Vater die Angelegenheit richtig beibringen kann, er war zuerst entsetzt, dass du dich mit einem Türken eingelassen hast.“

Kerim war an seinem freien Tag wieder bei den Eltern, als ein Kommilitone seiner Schwester Yasmine aus Istanbul anrief, sie sei gestern verhaftet worden. Sein Bruder Özbay machte sich sofort auf den Weg. Am nächsten Tag erschienen zwei Kriminalpolizisten in seinem Büro, die ihm eine strafbare Handlung vorwarfen. In der Wohnung seiner Schwester habe man eine Anleitung von ihm gefunden, wie sie in das gesperrte Netzwerk Twitter gelangen könne. Dort habe sie einen Aufruf gepostet, Erdoğans Wahl zum Staatspräsidenten zu verhindern, weil er in eine Korruptionsaffäre verwickelt sei. Das sei illegal und deshalb sei sie verhaftet worden und erwarte einen Prozess. Auch Kerim habe mit einer Anklage zu rechnen. Er solle sie zu seiner Wohnung begleiten, denn sein Laptop werde beschlagnahmt.

Kurz danach wurde Kerim zum Präsidenten der Deniz-Resort-Kette gerufen. Sein gesetzwidriges Handeln könne nicht akzeptiert werden, die Gesellschaft lege Wert auf eine gute Beziehung zur Regierung. Außerdem habe er gegen die Regeln eine Beziehung mit einem weiblichen Gast begonnen. Er bekam eine strenge Verwarnung, das war für ihn eine gute Gelegenheit, seine Kündigung zum 31 August zu verkünden, was den Präsidenten überraschte. Als er seinen Vater informierte, empfahl der ihm einen befreundeten Anwalt in Side.

Der stand schon bereit, ihn zur Polizei zu begleiten. „Die Beschlagnahme Ihres Laptops ist rechtswidrig, weil keine richterliche Beschlagnahmeverfügung vorlag. Zehn Minuten später bekam er von dem verlegen grinsenden Beamten das Gerät zurück. Dann fuhr er mit dem Anwalt zu seinem Vater, wo sie Özbay und den von ihm kontaktierten Anwalt in Istanbul anriefen. Der beantragte Yasmines sofortige Haftentlassung unter Hinweis auf die vom Verfassungsgericht beschlossene Freigabe von Twitter. Sie hatte ein blaues Auge und blaue Flecken an den Handgelenken. Diese Argumente und die Bilder ihrer Misshandlungsspuren überzeugten einen freisinnigen Untersuchungsrichter, ihre sofortige Freilassung anzuordnen mit der Auflage, das Land einstweilen nicht zu verlassen.

Kerim berichtete Johanna in einer Mail diese Ereignisse und ihre Mutter meinte: „Wenn es für die Schwester deines Freundes notwendig ist, hol‘ sie doch erst mal zu uns nach Jena, dass sie Ruhe vor den Anfeindungen findet.“ Johanna dankte ihr für den Vorschlag, der ihr zeigte, wie weit sie sich schon mit ihrer Verbindung in die Türkei identifiziert hatte und schrieb vor dem Schlafengehen Kerim den Vorschlag in einer kurzen Mail.

Von der Arbeit fuhr Kerim zu seinen Eltern, wo nach einer Stunde die beiden Geschwister eintrafen. Als er Yasmines lädiertes Gesicht sah, stieg die Wut in ihm hoch, und als er Johannas Vorschlag nannte, war sie durchaus davon angetan. „Ich habe keine Lust, unter diesen Bedingungen noch länger in Istanbul zu bleiben“, sagte sie mit Entschiedenheit. „Wenn ich das Land verlassen darf, würde ich gerne nach Deutschland gehen, da hilft es mir, dass deine Freundin Ärztin ist.“ Vor vier Wochen habe sie ein deutsches Visum zur Studienbewerbung bekommen. Der Vater fragte den Anwalt in Side um Rat und der hatte eine Idee: Da Yasmines Hauptwohnsitz in Side sei, sei das hiesige Gericht zuständig. Er wolle morgen früh einen ihm wohl gesonnenen Richter um die Aufhebung der Ausreisesperre bitten. Kerim suchte im Internet Flüge nach Deutschland. Ein Flug am Freitag um 16:10 sollte um 18:50 MESZ Berlin-Tegel erreichen. Vom Berliner Hauptbahnhof gab es um 20:52 eine Verbindung Richtung Meiningen, mit der sie nach zweimaligem Umsteigen um 1:34 dort wäre. Nun mussten sie abwarten, wie erfolgreich der Anwalt sein würde.

Freitag Mittag rief der Vater ihn an, der Anwalt habe erreicht, dass Yasmines Ausreisesperre aufgehoben wurde, sie fliege schon am Nachmittag. Zum Mailen war jetzt keine Zeit mehr, deshalb informierte Kerim Johanna telefonisch. Mit dem schriftlichen Beschluss des Gerichts brachte Özbay Yasmine zum Flughafen und beobachtete die Passkontrolle seiner Schwester. „Sie dürfen das Land nicht verlassen“, sagte der Beamte nach einem Blick auf den Monitor, worauf Yasmine ihm den schriftlichen Beschluss des Gerichts vor die Nase hielt. „Na, dann muss ich Sie wohl durchlassen“, meinte der Beamte väterlich, „unsere Datenübermittlung ist nicht die Schnellste. Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Studium in Deutschland!“

Abends fuhr Kerim zu seinen Eltern und sie feierten mit Özbay die gelungene Flucht. Um 19:30 Uhr MESZ rief Yasmine an, sie sei in Tegel problemlos durch die Passkontrolle gekommen und warte jetzt auf ihr Gepäck. Sie solle sich von unterwegs mal melden, sagte Kerim, damit er Johanna informiere. Kurz danach standen drei Polizisten mit einem Haftbefehl für Yasmine vor der Tür, ihre Freilassung in Istanbul sei zu Unrecht erfolgt. Der Vater sagte, Yasmine sei nicht im Hause, er wisse auch nicht, wo sie sei. Die Polizisten durchsuchten das ganze Haus und zogen bedeppert wieder ab. Lachend saß die Familie um den Tisch und trank noch einen Cognac. „Wie gut, dass wir Yasmine gleich außer Landes geschafft haben“, sagte der Vater, „ich habe das schon befürchtet.“

Pünktlich um 1:30 nachts war Johanna am Bahnhof in Meiningen und begrüßte Yasmine, die sehr müde war. Trotz der späten Stunde rief sie Kerim an und bestätigte ihm die gute Ankunft seiner Schwester. Samstag früh fragte sie ihren Gast: „Wie stellst du dir denn deine Zukunft hier vor?“ „Ich möchte gerne mein Medizinstudium abschließen, in Istanbul stand ich kurz vor dem zweiten Examen“, war Yasmines entschiedene Antwort. „Dann solltest du in Jena studieren, ich habe es dort auch getan und weiß, dass die Uni gut ist. Meine Eltern haben zugesagt, dich aufzunehmen. Mein Vater ist Anwalt, er kann dich am bei der Flüchtlingsangelegenheit unterstützen.“ Als Yasmine zustimmte, rief Johanna die Eltern an und schilderte ihnen den Fall. Die Mutter freute sich, die junge Frau aufzunehmen und der Vater erklärte sich bereit, sie juristisch zu unterstützen. „Wenn ihr morgen zu uns kommt, kann ich gleich loslegen“, meinte er und sie vereinbarten, dass Johanna sie Sonntag früh in Jena abliefern und zum Mittag bleiben sollte.

                Aus Kapitel 4 „Fehltritt“               Seitenanfang           Literaturverzeichnis        

Als Kerim verschlafen die Tür öffnete, drängte Ayşe in die Wohnung. Entsetzt sah er schlimme Verletzungen in ihrem Gesicht, doch sie machte den Oberkörper frei, um ihm die blauen Flecken auf Brust und Bauch zu zeigen. „Mein Mann hat mich immer wieder verprügelt, weil ich seine obszönen sexuellen Praktiken ablehnte. Heute war es ganz schlimm und als er volltrunken eingeschlafen ist, bin ich gegangen. Ich werde mich scheiden lassen. Kann ich nicht bei dir bleiben, vielleicht können wir ja jetzt doch noch zusammen finden.“ Dabei küsste sie ihn leidenschaftlich und drückte ihre Brust an seinen nackten Oberkörper. Das erregte ihn, dass er ohne weiter nachzudenken in ihr war.

Erst nach einem großartigen gemeinsamen Höhepunkt kam er zur Besinnung und ihm wurde brennend klar, dass er seine Liebe zu Johanna verraten und den Verrat auch noch genossen hatte! Er musste sofort reinen Tisch schaffen. „Entschuldige bitte“, sagte er mühsam, „das eben hätte nie geschehen dürfen, denn ich bin mit einer deutschen Frau verlobt, zu der ich noch in diesem Jahr ziehen und sie heiraten will, wir lieben uns sehr. Ich habe lange gebraucht, um deinen Abschied und die Heirat mit diesem Kerl zu verarbeiten, und gerade, wo diese wundervolle Frau mir gezeigt hat, dass ich noch einen andern Menschen lieben kann, verführst du mich.“

„Ich habe doch nichts davon gewusst“, schluchzte Ayşe, „aber ich liebe dich noch immer und dachte, dir geht es genauso. „Vier Monate habe ich keine Frau angesehen, weil du noch in meiner Seele warst“, antwortete Kerim. „Vor zwei Wochen habe ich endlich eine wundervolle Frau gefunden, die mir sanft geholfen hat, die Enttäuschung zu verarbeiten. Auch wenn wir eben – zum ersten Mal – richtig zusammen gewesen sind kann ich Dich nicht mehr lieben.“ Ayşe brauchte eine Weile zur Antwort: „Ich weiß jetzt nicht mehr weiter, kannst mir irgendwie helfen?“ „Ich bringe dich jetzt zu meinem Vater, da bist du sicherer als bei mir.“

Johanna und Yasmine fuhren nach Jena zu Johannas Eltern, die sie herzlich begrüßten. Der Vater sagte, wenn er Yasmine helfen solle, müsse sie sich jetzt einer intensiven Befragung stellen. „Und auch über dein Studium muss ich alles wissen, um die bei der Immatrikulation und der Fächerwahl helfen zu können“, fügte Ursula hinzu. Eine Stunde verhörten die beiden die junge Frau nach Strich und Faden, bis sie seufzte, sie fühle sich bis aufs Hemd ausgezogen. Darauf bat die Mutter um eine Pause, weil sie sich um das vorbereitete Essen kümmern musste. Nach dem Essen fuhr Johanna nach Utendorf zurück.

Inzwischen bastelte Kerim verzweifelt an einer Mail, um Johanna seinen Fehltritt zu beichten.

Side, 29. 6. 2014 Liebe? Johanna,

ich weiß nicht, ob ich Dich noch so ansprechen darf, denn ich habe einen furchtbaren Fehler begangen, für den ich mich unendlich schäme. Nur mit Deiner Vergebung könnte ich glücklich weiter leben.

Gestern in der Nacht stand Ayşe plötzlich vor meiner Tür, noch schlimmer zugerichtet als Yasmine, ihr glatzköpfiger Fettwanst hatte sie immer wieder im Suff verprügelt, weil sie gewisse sexuelle Praktiken ablehnte. Als sie mich innig küsste und sich eng an mich drückte, erregte mich das. Ich sah plötzlich ich die Erfüllung eines Begehrens vor mir, das ich drei Jahre lang verdrängt habe. Sie glaubte, es könne einfach weiter gehen wie früher und zog mich förmlich in sich hinein. Ich wusste nicht mehr, was ich tat und machte einfach mit, wobei ich nicht verhehlen kann, dass ich es in diesem Augenblick genoss. Erst als wir zur Ruhe kamen, wurde mir bewusst, dass ich meine Liebe zu Dir verraten habe. Natürlich sagte ich ihr gleich, dass ich das nie hätte tun dürfen, erzählte von Dir, dass ich Dich über alles liebe, wir verlobt sind und heiraten wollen. Doch sie antwortete, dass sie das nicht wissen konnte, als sie über mich herfiel. Ich habe sie noch in der Nacht zu meinem Vater gebracht. ...

Liebe? Johanna, ich kann Dich nur ganz herzlich um Vergebung bitten. Ich weiß, dass ich mich auch unter diesen Umständen nicht hätte verführen lassen dürfen. Wenn Du mir nicht vergeben kannst, muss ich damit leben. Zu Ayşe wird mich nichts mehr hinziehen, denn immer noch steht ihr enttäuschender Abschied vor vier Monaten vor mir und zu stark fühle ich meine Liebe zu Dir, die ich nicht einfach aus meinem Herzen reißen kann. ...

Ich verstehe, wenn Du Zeit brauchst, um Dir nach diesem Verrat über mich klar zu werden. Ich liebe Dich noch immer über alles, Du bist das Licht in meinem Leben. Ich denke ständig an Dich. und bete, dass Du mir verzeihen kannst. Herzlich, Dein? Kerim

Am Nachmittag las Johanna wie betäubt Kerims Mail. „Die Männer sind doch alle gleich, kaum lässt man sie alleine, gehen sie schon mit einer anderen ins Bett“, dachte sie erbost und erst nach mehrmaligem Lesen wurden ihr die Zwischentöne bewusst. Kerim hatte sich von seiner früheren Freundin zu etwas verführen lassen, was er lange begehrt hatte, und dass er gestand, es genossen zu haben, zeigte seine tiefe Ehrlichkeit. Wäre das ein Grund, ihn aufzugeben? Dann müsste sie ja auf ihn verzichten, die Liebe zu ihm aus ihrem Herzen reißen. Sie musste ihm zwar ihr Missfallen ausdrücken, aber ihm eindeutig den Fehltritt vergeben und ihm sagen, dass sie ihn trotzdem unverbrüchlich liebte:

Utendorf, 29. 6. 2014 Hallo mein reumütiger Geliebter,

fünf Minuten lang war ich wütend über Deine Mail, doch nachdem ich sie mehrmals gelesen hatte, begriff ich die große Liebe, die klar aus Deinen Zeilen spricht. .Ja, Du hast mit Deiner früheren Freundin vollzogen, wonach Du Dich in Eurer Beziehung lange gesehnt hast, Du hast sie endlich vollkommen als Frau erkannt. Dass Du mir gestehst, es genossen zu haben, zeigt mir Deine tiefe Ehrlichkeit. ...

Du bittest mich um Vergebung, aber da gibt es gar nichts zu vergeben. Die Fragezeichen in Deiner Mail kannst Du getrost löschen. So, wie Du mir die Umstände Deines „Fehltritts“ geschildert hast, weiß ich ganz sicher, dass Du mich unverbrüchlich liebst. Ich freue mich immer mehr darauf, Dich in bald in die Arme schließen zu können, Du fehlst mir sehr!!!!!

Ich bin gerade aus Jena zurückgekommen, weil ich Deine Schwester zu meinen Eltern gebracht habe, die sie aufnehmen wollen. Mein Vater ist Anwalt und will sich um alle juristischen Fragen um ihre Einbürgerung kümmern. Und meine Mutter kennt sich in der Uni und der Klinik aus und wird sie bei der Immatrikulation und der Fächerwahl unterstützen. ...

So, mein Geliebter, jetzt mache ich erst mal Schluss, damit Du nicht so lange auf meine Absolution warten musst. Ich liebe Dich tief und innig und würde Dich so gerne küssen und Dir meine Vergebung praktisch beweisen. Sei herzlich gegrüßt von Deiner Johanna

Kerim jubelte laut, als er Johannas Antwort endlich auf dem Bildschirm lesen konnte. Tiefe Dankbarkeit durchströmte ihn, er wusste wieder, dass er endlich die richtige Frau gefunden hatte. Irgendwie wollte er ihr seinen Dank auf besondere Weise zeigen. Als er noch darüber nachdachte, fiel sein Blick auf die Blumen, die eine große Gärtnerei im Hotel pflegte. „Haben Sie eine Verbindung nach Deutschland, die in einer kleinen Stadt jetzt gleich einen großen Blumenstrauß zustellen kann?“, fragte er und gab er den Auftrag, unverzüglich einen Strauß mit zwanzig langen roten Rosen bei Johannas Adresse in Utendorf abzugeben.

Nach einer guten Stunde klingelte ein Bote mit dem Strauß an Johannas Tür. Sie fand die Karte, als sie die Blumen in einen Krug stellte, nur das Wort „Danke“ stand drauf, aber sie wusste genau, woher sie kamen und rief glücklich Kerims Handy an. „Du bist ein wundervoller Mensch“, flüsterte sie, weil sie vor Rührung kaum sprechen konnte. „Ich weiß doch, wie sehr du mich liebst und bin dir dankbar für deine ehrliche Mail.“ „Was meinst du, wie dankbar ich dir für dein Verständnis bin“, antwortete Kerim.

Montag früh sprangen Kerim von einigen Zeitungen die Schlagzeile in die Augen: „AKP-Chef misshandelt seine Frau!“ Darunter wurden die Bilder gezeigt, die Kerim von Ayşe gemacht hatte. Ayşe wurde zitiert, ihr Mann schlage sie regelmäßig, wenn sie seine abartigen sexuellen Wünsche nicht erfülle. Schmunzelnd kaufte Kerim eine Zeitung, doch das Schmunzeln verging ihm, als er zum Präsidenten gerufen wurde, vorsichtshalber nahm er die Zeitung mit.

„Sie haben mit der Frau eines einflussreichen Politikers Ehebruch getrieben. Was haben Sie dazu zu sagen?“ Kerim legte dem Mann die Zeitung auf den Tisch, die er überrascht las. „Sie werden von uns hören, gehen Sie an ihre Arbeit“, knurrte der Präsident und Kerim war entlassen. Nach einer Stunde wurde er wieder gerufen. „Nach dem Rücktritt des Parteichefs wird Ihr Handeln in einem etwas anderen Licht gesehen, trotzdem sind Sie zu einer Belastung für unser Haus geworden. Weil Sie ja ohnehin Ende August gehen wollen, können Sie uns schon Ende Juli verlassen und in dieser Zeit einen Nachfolger einarbeiten, der morgen kommt. Kerim war glücklich. „Schreib‘ mir doch bitte ein ordentliches Zeugnis über die vier Jahre hier im Haus“, bat er seinen Freund, den General Manager Lâçin. Dann schrieb er schnell an Johanna:

Side, 30. 6. 2014 Meine ganz süße Geliebte,

ich kann schon in vier Wochen zu Dir kommen. Heute musste ich zum Präsidenten, der mich beschimpfte, die Frau eines einflussreichen Politikers missbraucht zu haben und mir fristlos kündigen wollte. Zum Glück hatte unser Anwalt die Bilder, die ich von Ayşe gemacht habe, an die Presse gegeben, was den Präsidenten völlig überraschte. Als dann noch der Politiker von allen Parteiämtern zurücktrat, hatte ich gewonnen. Da sie mich immer noch loswerden wollen, einigten wir uns, dass ich einen Nachfolger einarbeite und Ende Juli. ausscheide. Ist das nicht wunderbar? ...

Mein Liebling, das musste ich Dir ganz schnell mitteilen. Ich freue mich, Dich schon bald in die Arme schließen und küssen zu können, vielleicht auch mehr. In tiefer Liebe, Dein Kerim

Dienstag kam Lâçin mit einem älteren Herrn zu Kerim. „Herr Koşköl ist dein Nachfolger“, sagte er. Kerim begrüßte den Mann und bot ihm einen Platz am Schreibtisch an. Lâçin drückte Kerim einen verschlossenen Umschlag in die Hand und sagte lächelnd: „Ich glaube, du kannst zufrieden sein.“ „Wie ich sehe, sind Sie ja hier gut eingeführt. Warum wollen Sie denn Ihre Stelle aufgeben?“, wollte Herr Koşköl wissen. „Ich habe eine deutsche Frau kennen gelernt, zu der ich ziehen und sie heiraten will. Dann habe ich die Frau eines einflussreichen Politikers getröstet, nachdem ihr Mann sie brutal misshandelt hat. Da das den guten Ruf des Hotels beschädigt, verlasse ich den Laden schon Ende dieses Monats.

 „Dann sind Sie also Schuld am Rücktritt unseres Bezirksvorsitzenden?“, rief der Mann erbost. „Auch wenn Sie die AKP lieben, halten Sie ihn doch wohl nicht mehr für politisch tragbar, nachdem er seine Frau im Suff grün und blau geprügelt hat, weil sie seine abartigen sexuellen Praktiken nicht mitmachen wollte?“, antwortete Kerim ebenso laut.

In der Mittagspause öffnete er den Umschlag und war dem Freund dankbar: Seine Tätigkeiten im Haus waren positiv beschrieben und seine Fähigkeiten klar genannt. Damit würde er in Deutschland punkten können. Im Internet fand er das Viersterne-Romantik-Hotel „Thüringer Hof“ in Meiningen, dessen Webseite und pdf-Prospekt einen guten Eindruck machten. Doch zunächst brauchte er ein Visum, deshalb fuhr er nach Antalya zum deutschen Konsulat. „Sie haben ja ein Bachelordiplom und sind auch hier gut eingestiegen. Meinen Sie, Sie können in Deutschland mehr verdienen?“ fragte die Konsulin. Lachend berichtete Kerim seine Verlobung mit einer deutschen Ärztin in Meiningen, die er demnächst heiraten wolle. „Das erleichtert die Sache“, meinte die Konsulin. „Wir brauchen von ihrer Verlobten eine beglaubigte Erklärung, dass sie für Ihren Lebensunterhalt in Deutschland aufkommt.“ Kerim rief Johannas Handy an und bat sie um die Erklärung. Johanna ging zu einem Notar, der die Erklärung gleich mit seinem Briefkopf nach Antalya faxte. Anderthalb Stunden später hatte Kerim das Visum zur Arbeitsplatzsuche im Pass.

Sonntag erkundete Johanna den Thüringer Hof. Um etwas über die Personalsituation des Hauses heraus zu bekommen, beschloss sie, den Hotelier direkt zu fragen. Nachdem das Essen gelobt hatte, fragte sie offen, ob vielleicht eine Stelle für einen gut ausgebildeten Hotelfachmann frei wäre und schilderte Kerims seine Absicht, Anfang August nach Deutschland zu kommen, um sie zu heiraten. Der Hotelier wiegte den Kopf und meinte, der Mann könne ihm ja mal seine Unterlagen schicken. Als sie Montag Kerims Unterlagen abgegeben hatte, rief der Hotelier sie an, der junge Mann interessiere ihn, er solle sich auf jeden Fall bei ihm melden, sobald er in Meiningen sei.

Als Kerim Donnerstag Abend zu seinem Wagen ging, fühlte er sich plötzlich von drei Männern mit schwarzen Bärten eingekreist. „Wo ist Ayşe Jekül?“, fragte einer. „Ich habe sie zu meinem Vater gebracht, mehr weiß ich nicht“, antwortete er. Der Mann wollte ihm ins Gesicht schlagen, aber Kerim griff und verdrehte seinen Arm, sodass er schreiend zu Boden ging. Doch gleich darauf hatte er die Faust des zweiten im Gesicht und fühlte sich vom dritten von hinten umklammert. Plötzlich stand Lâçin mit einer Pistole neben ihm und schrie die Männer an: „Lasst den Mann zufrieden und verschwindet ganz schnell!“ Kerim rappelte sich auf und dankte dem Freund. „Erst mal bringe ich dich zu einem Arzt, du siehst ja schlimm aus“, bestimmte der Freund und fuhr ihn zum Krankenhaus. Freitag früh rief er an, er habe wegen der Verletzung Kerims Freistellung schon zum 15. 8. mit dem Präsidenten vereinbart. Kerim schrieb gleich an Johanna:

Side, 11. 7. 2014 Meine geliebte Frau,

... Ich bin zusammengeschlagen worden, weil man unbedingt den Aufenthalt von Ayşe haben wollte, um sie von ihrem Scheidungsbegehren abzubringen. Zum Glück kam mein Freund Lâçin dazu und hat mich einigermaßen heil gerettet. Er nahm den Überfall zum Anlass, dem Präsidenten mein Ausscheiden schon in einer Woche vorzuschlagen, und der hat zugestimmt. ... Ich freue mich auf Dich. Ganz herzlich, Dein Kerim

Am nächsten Tag beobachtete er Ayşes Scheidungsprozess. Der Richter fragte sie nach ihrem Begehren und als sie unmissverständlich die Scheidung forderte, wollte er die Gründe wissen. Ihr Mann habe sie immer wieder geschlagen, wenn er betrunken war und sie seine abartigen sexuellen Praktiken ablehnte, berichtete sie. Zum Beweis legte ihr Anwalt Kerims Fotografien vor. Die Ehe wurde mit dem heutigen Tag geschieden, Ayşe hatte Anspruch auf die Hälfte des Vermögens ihres Mannes. Nach der Verhandlung umarmte sie Kerim und dankte ihm für seine Unterstützung. „Unseren gemeinsamen Ehebruch vor zwei Wochen sollten wir schnell vergessen“, flüsterte sie ihm bei einem Wangenkuss ins Ohr und Kerim gab den Kuss gerne zurück, wobei er ebenso leise antwortete, es sei für ihn herrlich gewesen, sie wenigstens einmal richtig kennen zu lernen. Die Frau wurde rot und wandte sich ab.

Kerim hatte seine Abreise nach Deutschland für den 18. Juli geplant, ihm blieben nur noch wenige Tage, um seine Sachen zu sortieren und die Wohnung aufzulösen. Die wertvollen und wichtigen Gegenstände packte er zusammen und schickte sie als Luftfracht nach Deutschland.

Aus Kapitel 5 „Meiningen“  

Am 18. Juli brachte Kerims Bruder ihn zum Flughafen und pünktlich um 10:10 landete er in Leipzig-Halle. Um 16:14 erreichte er Meiningen, wo er Johanna einen Kuss auf den Mund und den Rosenstrauß in die Hand drückte. In ihrem Haus versorgte sie nur die Blumen, dann umarmte sie den Mann, den sie liebte wie noch nie jemanden zuvor. „Herzlich willkommen in meinem und nun auch deinem Heim“, sagte sie gerührt und Kerim wollte antworten, doch Johannas wilde Küsse erstickten jedes Wort. sie riss ihm die Kleider vom Leib und er tat dasselbe bei ihr, dann versanken sie ineinander. Es war herrlich wie beim ersten Mal und sie konnten sich nicht trennen, bis sie noch einmal einander verfielen. „So sehr habe ich mich nach dir gesehnt und jetzt ist alles gut“, flüsterte Johanna und küsste den Geliebten am ganzen Körper. „Mir geht es doch schon lange ebenso“, antwortete Kerim, als er jetzt das Küssen ihres Körpers übernahm.

Nach dem Abendbrot wollte Johanna wissen, wie es dem Geliebten in der Zwischenzeit ergangen war. Sie hatte den Kopf in seinem Schoß und hörte ihm glücklich zu, während er ihr Gesicht und den Hals streichelte. Er hatte ja eine ganze Menge zu berichten und immer wieder seufzte Johanna auf, wenn er die Gefahren nannte, die er überstehen musste. Schließlich waren sie müde und gingen ins Bett, aber natürlich war an Schlaf noch nicht zu denken, beide waren wie ausgehungert. Erst kurz vor Mitternacht schliefen sie eng umschlungen ein.

Als sie aus dem Bett fanden, war es halb zehn. Während sie frühstückten, überreichte Kerim der Freundin eine kleine Schachtel. „Das ist mein nachträgliches Geburtstagsgeschenk“, sagte er leise. „Der ist ja wundervoll“, rief Johanna überrascht, als sie den Brillantring sah und steckte ihn gleich an den linken Ringfinger. „Und wie ist es mit dir“, fragte sie. „Ich bin auch versorgt, wir müssen doch unsere Verlobung dokumentieren“, antwortete Kerim lächelnd und steckte sich einen gleichartigen Ring ohne Brillant an den Finger. „Was denkst du, wie der Tag weiter gehen sollte?“, fragte sie dann. „Das überlasse ich völlig dir, denn du kennst dich hier aus“, antwortete Kerim, „ich würde nur gerne die Stadt etwas kennen lernen und vielleicht können wir auch schon mal beim Thüringer Hof vorbei schauen.

Johanna parkte den Wagen beim Thüringer Hof und reservierte einen Tisch zum Mittagessen. Dann führte sie Kerim durch den Ort und um 12 Uhr waren sie wieder beim Hotel. Kerim sagte leise: „Gestern Abend hast du mich feierlich begrüßt, heute will ich dir danken und bitte dich, mein Gast zu sein.“ Er bestellte zwei Gläser Champagner, mit denen sie noch einmal auf ihre Liebe anstießen. Während sie nach dem Essen den Espresso genossen, stand plötzlich Herr Glaser neben ihrem Tisch. „Guten Tag, gnädige Frau“, sagte er freundlich, „schön, dass Sie uns mal wieder besuchen. Sie sind also der hoffnungsvolle türkische Anwärter auf eine Stelle in einem deutschen Hotel?“ meinte er zu Kerim und der berichtete über seine Ausbildung in Heidelberg und an deutschen Hotels. „Sie interessieren mich und ich will schauen, ob ich etwas für Sie tun kann“, sagte der Chef dann.

Sonntag fuhren sie nach Jena, wo Kerim seine Schwester umarmte, bevor Johanna ihn den Eltern vorstellen konnte. Ursula holte eine Flasche Sekt und füllte fünf Gläser. „Mein lieber Junge, da du der Verlobte unserer Tochter bist, wollen wir dir das ‚Du‘ anbieten, herzlich willkommen in unserer Familie“, sagte sie bewegt. Der Vater entschuldigte sich bei seiner Tochter für seine anfänglichen Vorbehalte gegen den Islam und gab Kerim Hinweise für seine Anmeldung bei den Behörden.

Montag früh war Kerim beim Ausländeramt und bekam einen Meldeschein, den Johanna als Wohnungsinhabern unterschreiben musste, danach hatte er die Meldebescheinigung mit einer Steuer- und einer Versicherungsnummer und eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, die er zum Hotel brachte. „Ich habe Ihre Qualitäten in Ihren Zeugnissen gelesen“, meinte der Hotelier, „zunächst möchte ich Ihnen ein wenig auf den Zahn fühlen und werde Sie als meinen Assistenten ohne feste Aufgabe einstellen. Wann können Sie anfangen?“ Um nicht aufdringlich zu erscheinen, schlug Kerim den nächsten Montag vor und der Chef war einverstanden. „Ich lasse den Arbeitsvertrag schreiben, aber bevor ich ihn Ihnen aushändigen kann, brauchen Sie noch eine amtliche Gesundheitsbescheinigung. Jetzt lade ich sie erst mal zum Essen ein“, sagte der Chef zufrieden und führte Kerim in die Poststube.

„Ich habe mich vorgestern gewundert, dass der Wartburgsalon nicht wenigstens an den Wochenenden zum Mittag geöffnet ist“, sagte Kerim beim Essen, „ich denke, samstags und sonntags würde es sich lohnen.“ „Sie könnten Recht haben“, meinte der Chef nachdenklich, „jetzt im Sommer wird es am besten sein. Trauen Sie sich zu, umgehend alles Nötige zusammen zu stellen, damit wir schon Samstag damit beginnen können? Da müssten Sie Ihre Stelle hier allerdings schon übermorgen antreten. Und damit Sie wissen, worum es geht, lade ich Sie und Ihre Verlobte für morgen Abend in den Wartburgsalon ein.“ Kerim war einverstanden und arbeitete zu Hause aus, was für eine Öffnung des Wartburgsalons am Wochenende berücksichtigt werden musste.

Als Kerim Johanna fragte, wo er eine amtliche Gesundheitsbescheinigung bekomme, sagte sie, die Klinik sei dafür zertifiziert. „Was hältst du davon, wenn wir außer dem Hygienecheck für das Hotel eine umfassende allgemeine Gesundheitsprüfung bei dir machen?“, fragte Johanna sie dann. „Bitte mach‘ mit, es kostet nichts und wir beide können beruhigt sein.“ Als er abends fertig war, klärte sie ihn auf: „Es ist gut, dass wir dich so intensiv untersucht haben, du weißt wahrscheinlich nicht, dass du nicht so gesund bist. Du hast einen Gallenstein und einen Herzklappenfehler, außerdem einen kleinen Spalt im dritten Lendenwirbel. Es könnte schlimmer werden, die Orthopäden denken darüber nach, ob man den Spalt schon jetzt schließen sollte.“ „Na, da hat diese Quälerei den Tag über ja doch was gebracht“, lachte Kerim, „ich habe immer geglaubt, dass ich vollständig gesund bin.“

Zu Hause zogen die beiden sich um, die Taxe zum Thüringer Hof wartete schon. Herr Glaser empfing sie in seinem Büro und geleitete sie zu einem reservierten Tisch im Wartburgsalon. „Ich habe den Eindruck, dass ich mit Ihrem Freund einen guten Griff getan habe“, sagte er zu Johanna bei einem Glas Champagner als Aperitif. „Er hat von vornherein einen sehr kompetenten Eindruck gemacht, vielen Dank, dass Sie ihn mir vermittelt haben. „Das war reines Eigeninteresse“, lachte Johanna, „ich will ihn doch bei mir haben.“

„Sie können wählen, was Sie mögen“, sagte der Chef, als er seinen Gästen die Speisekarten reichte. „Ich hätte gerne das Muschelduett als Vorspeise und die kleine Portion Lammkoteletts. Lamm wird in der Türkei viel gegessen und mich interessiert, wie Sie es bereiten“, antwortete Kerim. „Und Sie, Madam?“, wollte der Chef wissen. „Ja, ich möchte gerne zwar das Tomatencarpaccio als Vorspeise und eine kleine Portion Chiemseefelchen als Hauptgericht.“ „Gerne“, meinte Herr Glaser, „und was möchten Sie dazu trinken?“ „Ich glaube, das sollten wir Ihnen überlassen“, war Kerims Antwort, „Sie kennen Ihren Weinkeller am besten.“ „OK“, lachte der Chef und gab die Bestellung auf. Für Johanna bestellte er sächsischen Weißburgunder, den er auch Kerim zu seiner Vorspeise anbot und für ihn zum Hauptgericht französischen Beaujolais. Als Nachtisch wählten alle drei das Mirabellenragout und nach dem Espresso bestellte Herr Glaser einen echten Cognac. Er plauderte noch eine Weile mit seinen Gästen, dann verabschiedeten die beiden sich dankbar und er bezahlte die Taxe für sie. Es war spät geworden und die Untersuchungen im Krankenhaus hatten Kerim ermüdet. So gingen die beiden ins Bett, wo sie noch ein bisschen kuschelten und bald einschliefen.

Aus Kapitel 6 „Thüringer Hof“

Herzlich willkommen im Thüringer Hof“, begrüßte Herr Glaser Kerim und schaute auf dessen Liste. „Das ist ja schon eine gute Arbeitsgrundlage“, lobte er, „doch bevor Sie an die Einzelheiten gehen, will ich Ihnen Ihren Platz zeigen und Sie den Mitarbeitern vorstellen.“ Er ging mit Kerim durch das Haus, zeigte ihm alle Räume und stellte ihn den Mitarbeitern vor. Danach füllte Kerim seine Tabelle mit terminierten Einzeltätigkeiten. Er stellte ein Inserat zusammen, suchte die infrage kommenden Zeitungen aus der Umgebung heraus und erfragte die Kosten. Auch die Druckkosten für die Flyer ermittelte er. Herr Glaser, dem er die Ergebnisse vorlegte, war sehr angetan davon.

Mit Excel stellte er eine Gewinn- und Verlustrechnung zusammen, in der er auf der Sollseite die bisher aufgelaufenen Kosten aufführte. Die Habenseite würde sich erst mit den Bezahlungen der Gäste füllen. Um sich schon mal über das Rechnernetz zu informieren, wollte er sich im Büro die Unterlagen geben lassen, doch er erfuhr, dass die Firma „Profi.net“ das Netz aufgebaut habe und betreue.

Samstag waren im Wartburgsalon nur noch zwei Tische nicht reserviert. Kerim hatte das aus den vielen Reservierungen voraus gesehen und den anliegenden Festsaal vorbereiten lassen. Als die meisten ihre Plätze eingenommen hatten, erschien Herr Glaser und sprach ein paar Worte der Freude, wie gut die Idee angenommen würde, an den Wochenenden mittags zu öffnen. Dann versprach er den Gästen ein aufregendes Menü. Kerim hatte sich im Hintergrund gehalten und freute sich, als der Chef zu ihm kam und ihn für die ausgezeichnete Vorbereitung lobte.

Montag früh nahm Kerim sich die Unterlagen über das Rechnernetz vor und stellte fest, dass 6 der 10 Rechner noch mit Windows XP liefen und der DSL-Zugang zu langsam war. Da war es ihm recht, dass Herr Glaser ihn zu sich rief. „Ich möchte mich noch einmal für die gute Idee und die exzellente Vorbereitung der Wochenendaktion bedanken“, sagte er gut gelaunt, doch Kerim wies ihn auf das unzureichende Rechnernetz hin. Dienstag kam Herr Datow, der Chef von Profi.net zu ihnen. Er habe schon vor einem Vierteljahr schriftlich auf das Ende der Sicherheitswartung für Windows XP hingewiesen und die Teilerneuerung des Systems zusammen mit einem Kostenanschlag angeboten, keine Antwort bekommen, sagte er. Der Chef bat ihn um ein neues Angebot und Kerim, es unverzüglich zu prüfen. Nach einer Stunde war das Fax da und Kerim stellte fest, dass es mit seinen Vorstellungen übereinstimmte. Mittwoch früh akzeptierte Herr Glaser das Angebot und Kerim fuhr nach Suhl, um die Umstellung mit Profi.net abzustimmen.

Samstag hatte Kerim frei, aber er frühstückte stand mit Johanna zu. Um 10 Uhr standen zwei Kriminalbeamte vor der Tür. Gegen ihn liege ein internationaler Haftbefehl aus der Türkei vor, er werde der Anstiftung zum Mord des türkischen Politikers Kemal Jekül beschuldigt. Kerim wies darauf hin, dass der Politiker bei seiner Abreise vor 15 Tagen seines Wissens noch am Leben gewesen sei und er seitdem in Meiningen lebe. Worauf sich denn diese Anschuldigung gründe? Verlegen antworteten die Beamten, sie wollten ja von ihm Näheres wissen. Wie es denn jetzt weiter gehe, fragte er. Sie empfahlen ihm, einen Anwalt zu nehmen und er nannte Johannas Vater.

Alexander vom Stein war nach anderthalb Stunden bei Kerim und ließ sich ausführlich die Ereignisse in der Türkei berichten. Kerim nannte den Vorwurf, seiner Schwester einen illegalen Zugang zu Twitter vermittelt zu haben und berichtete den Vorwurf, die Karriere von Kemal Jekül zerstört zu haben. Er erwähnte den Überfall auf ihn, um vor der Scheidungsverhandlung Ayşes Adresse zu erfahren. Anscheinend handle es sich hier um eine Rache der AKP, die einen Schuldigen brauche. Alexander stellte einen Eilantrag auf Haftprüfung wegen fehlender Verdunklungs- und Fluchtgefahr.

Nach zwei Stunden ordnete das Oberlandesgericht in Jena Kerims Entlassung an und Alexander fuhr ihn nach Utendorf. Als Johanna nach Hause kam, wunderte sie sich, ihren Vater vorzufinden. Besorgt hörte sie, was Kerim erlebt hatte, doch Alexander beruhigte sie. Kerim war froh, dass die Verhaftung am Samstag erfolgt war. Während seiner Arbeit im Hotel hätte er wohl Probleme gehabt. Sonntag rief Kerims Vater an. Die Polizei habe einen Auftragskiller aus dem Umfeld der AKP verhaftet, der den Mord an Jekül zugab.

Montag sah Kerim sich die Daten und Anwenderprogramme an und stellte fest, dass alle Daten ungeschützt jedem zugänglich waren,. Als er sich die Anwendungen anschaute, sah er, dass Buchhaltung und Personalverwaltung mit selbst gebastelten Tabellen ausgeführt wurden. Für Reservierung und Zimmerverwaltung gab es eine einfache Hotelsoftware ohne Verbindung zur Buchhaltung, während die Gästeliste ebenfalls von Hand geführt wurde. schlug Herrn Glaser passwortgeschützte Accounts mit jeweils begrenzten Berechtigungen vor und der stimmte zu. Dann nannte er die veralteten Anwenderprogramme. „Ich habe gesehen, dass wir noch sehr viel von Hand machen, was mit geeigneten Programmen einfacher und schneller geht.“ „Sie könnten Recht haben, dass wir unser System nicht professionell nutzen. Legen Sie mir geeignete Vorschläge mit Kostenaufwand vor.“

Dienstag fuhr Kerim nach Suhl und ließ sich geeignete Softwaremodule für das Hotel zeigen. „Ich habe von Ihrem Problem erfahren, ein geeignetes Gesamtpaket für Hotels zu finden“, sagte Herr Datow. „Und da ich meine, dass Ihr Haus nicht das einzige ist, das so etwas braucht, biete Ihnen ich an, die notwendigen Schnittstellen zwischen den einzelnen Anwendungen zu programmieren. Da ich sicher bin, diese Lösung auch anderweitig verkaufen zu können, werde ich Ihrem Haus nur 15 % der Kosten dafür berechnen. Wir werden Ihnen umgehend ein Angebot zustellen.“ Bis zum Abend hatte Kerim mit den Programmierern eine brauchbare Sammlung von Programmen zusammengestellt, die Profi.net dem Hotel anbieten wollte. Für die Schnittstellen hatte die Firma zehn Wochen vorgesehen.

Mittwoch früh rief Herr Glaser Kerim schon wieder zu sich. „Wir leben bisher ziemlich planlos in den Tag hinein. Ich möchte Sie bitten, bis zum Jahresende einen ungefähren Plan für unser Haus aufzustellen, der uns zeigt, was wir erwarten können.“ Kerim ließ sich seine Überraschung nicht anmerken, das war eine Aufgabe nach seinem Geschmack: „Können Sie mir bitte ein Stück Papier geben?“, bat er, „ich denke, die Planung sollte die folgenden Teilgebiete umfassen.“ Auf dem Blatt schrieb er nieder, was ihm spontan eingefallen war.

-       Wahrscheinliche Auslastung des Hotels und der Restaurants,

-       Eventuelle besondere Aktivitäten,

-       Personalplanung,

-       Finanzplanung,

-       Eventuelle Änderungen am Gebäude und der Einrichtung,

-       Beschaffungswesen für Lebensmittel, Getränke und Material.

 „Das finde ich ganz toll, ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht“, lobte der Chef.

Freitag traf das Softwareangebot von Profi.net ein und Kerim legte es Herrn Glaser vor. Nachdem er ihn überzeugt hatte, dass er die angebotenen Programme sorgfältig geprüft hatte, stimmte Herr Glaser zu und unterschrieb den Auftrag. Nachdem Kerim kaum Zeit für Johanna gehabt hatte, wollte an ihrem letzten freien Tag wenigstens den Abend mit ihr verbringen und fuhr nach Hause.

                                Aus Kapitel 7 „Unfall“        Seitenanfang          Literaturverzeichnis      

Auf dem Heimweg wurde Kerim auf seinem Moped von einem schwarzen Van überholt, der ihn von der Fahrbahn drängte. Er stürzte und fühlte dann bei jeder Bewegung einen stechenden Schmerz im Rücken. Mühsam fischte er sein Handy aus der Tasche und rief Johanna an. Nach fünf Minuten war sie zur Stelle und orderte einen Krankenwagen, als Kerim ihr seine Schmerzen nannte. Mit ihrem Wagen folgte sie in die Klinik und wies den Orthopäden auf den gespaltenen Lendenwirbel hin. Ein neues MRT zeigte, dass der Wirbel weiter aufgebrochen war.

Samstag früh erfuhr Johanna, Kerim werde in die Klinik für Unfallchirurgie und Wirbelsäulentherapie in Esslingen überführt, die auf die Behandlung derartiger Schäden spezialisiert sei. Anhand der übermittelten MRT-Bilder meine man dort, mit einer angepassten Operation den Schaden dauerhaft beheben zu können. Nachmittags rief Johanna in Esslingen an und fragte nach Kerim. Er schlafe schon, antwortete man ihr. Morgen werde er gründlich untersucht und Montag operiert. Weil sie mit dem Wagen nur drei Stunden nach Esslingen brauchen würde, bat sie ihren Chef um sieben Tage Urlaub.

Sonntag war ein normaler Arbeitstag für Johanna, Einer plötzlichen Idee folgend speicherte sie aus dem Kliniksystem die Daten von Kerims Generaluntersuchung auf ihren Stick und fuhr um 16 Uhr nach Esslingen. Dort stellte sie sich als Kollegin vor und bat, die Operation morgen beobachten zu dürfen. Sie solle schon um 7 Uhr in der Klinik sein, sagte der Arzt.

Um 7:30 bekam Kerim eine leichte Betäubungsspritze und wurde in den OP gefahren, Johanna stellte sich dem Chirurgen als Ärztin und Freundin des Patienten vor und bat, die Operation beobachten zu dürfen. Der Anästhesist gab eine kleine Menge Narkotikum in die Kanüle der Handvene, worauf ein Signal ertönte, Kerims Puls war bei 150 und stieg weiter. Der Blutdruck stieg auf 170/100. Bei 220 Schlägen kippte die Herzfrequenz und ging innerhalb von wenigen Sekunden bis auf 50 runter. Da erinnerte Johanna sich an Kerims Herzklappenfehler, sie steckte ihren Stick in einen Computer, wählte seine Herzaufnahme an und wies die Ärzte auf die Stenose der Aortenklappe hin. Nach einem Blick auf die Herzklappe wusste der Chirurg Bescheid: „Dies Narkotikum ist bei der schadhaften Aortenklappe Gift für den Patienten. Wir geben eine Plasmatransfusion mit einem kleinen Blutaustausch und können ihn dann hoffentlich mit einem starken Kreislaufmittel stabil halten.“

Dann wandte er sich an Johanna: „Danke, Frau Kollegin, für ihre schnelle Information. Ich bin froh, dass Sie bei uns waren. Da Ihr Freund jetzt anscheinend stabil ist, sollten wir mit Ihrem Stick zu unserem Kardiologen gehen.“ Johanna war einverstanden und als Kerims Puls wieder 60 Schläge erreicht hatte, gingen sie.

Der Kardiologe sah sich die Bilder von Kerims Herzen an und sagte: „Diese Deformation der Aortenklappe hätte schon viel früher operiert werden müssen. Ich fürchte, das hat sich inzwischen so verschlimmert, dass Ihr Freund bei dem falschen Narkotikum beinahe drauf gegangen wäre. Wahrscheinlich ist der Wirbel jetzt wichtiger, aber dabei müssen Sie das Herz so weit wie möglich schonen. Wenn Ihre Arbeit einigermaßen verheilt ist, sollten wir uns sofort die Klappe vornehmen. Vorsichtshalber machen wir heute noch eine Aufnahme des Herzens und entscheiden dann, ob Sie morgen operieren.“

Dienstag war Johanna wieder kurz vor 7 Uhr im Krankenhaus und kurz danach wurde Kerim in den OP gefahren. Der Chirurg informierte Kerim, dass er an zwei Stellen operiert werde. Aus seinem Oberschenkel werde ein kleiner Knochensplitter entnommen, um damit den Spalt im Wirbel zu verschließen. Erst dann werde ein kleiner Operationsschnitt beim Wirbel angelegt, der Splitter eingesetzt und eine Bandage aus selbst auflösendem Material darum befestigt. An beiden Stellen werde eine lokale Betäubung gespritzt, da sein Herz keine Vollnarkose zulasse. Die Operationen dauerten zwei Stunden und verliefen erstaunlich unkompliziert, Kerim fühlte nicht die geringsten Schmerzen.

Als Johanna Kerim Mittwoch besuchte, lag er schon in einem normalen Krankenzimmer und hatte nur noch leichte Wundschmerzen. Die Rückenschmerzen waren völlig verschwunden. „Jetzt wird auch bald dein Herzklappenfehler behandelt“, sagte sie, das hatte Kerim noch gar nicht mitbekommen. Aber er war froh, dass auch dieser Fehler behoben werden sollte.

Freitag früh wurde Kerim in den OP gebracht und kurz danach erschien der Kardiologe mit dem Chirurgen und dem Anästhesisten. Der Kardiologe informierte die Beteiligten, dass er die schadhafte Aortenklappe über einen Katheter in der Leistenarterie reinigen wolle. Dann begann der Anästhesist mit der Narkose durch ein neues Narkotikum. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste schob der Chirurg den Katheter in die Arterie bis zum Herzen und überließ dem Kardiologen das Feld. Fasziniert beobachtete Johanna die mikrometergenaue Arbeit am schlagenden Herzen. Sie hatte ja schon allerlei Operationserfahrungen, aber diese Präzision war ihr völlig neu. Nach vierzig Minuten war der Kardiologe zufrieden. „Schauen Sie, die Klappe sieht wie neu aus!“, rief er zufrieden, „wir können die Sache beenden.“

Um 17 Uhr war Johanna wieder bei Kerim, der wissen wollte, wie lange er noch hier bleiben müsse. „Ich wird sehen, ob du bald nach Meiningen verlegt werden kannst“, antwortete sie. „Die Idee ist nicht schlecht“, meinte der Chirurg, „aber bevor wir Ihren Freund verlegen, müssen wir sicher sein, dass alles gut verlaufen ist. Ich brauche noch ein MRT, um zu sehen, ob am Wirbel alles in Ordnung ist, und der Kardiologe will ihn aus demselben Grund nicht ohne CT des Herzens ziehen lassen.“ Die Untersuchungen ergaben, dass Kerim schon Montag nach Meiningen verlegt werden könne.

Sonntag war Johanna mittags in Meiningen und fuhr zum Essen in den Thüringer Hof, wo sie Herrn Glaser am Eingang der Poststube traf. „Kommen Sie, ich lade Sie in den Wartburgsalon ein“, sagte er, „und beim Essen können Sie mir berichten, wie es ihrem Freund geht.“ Gerne nahm Johanna die Einladung an berichtete von Kerims erfolgreichen Operationen und dass er wahrscheinlich in drei Wochen wieder arbeitsfähig sei. „Lassen Sie ihn bitte richtig ausheilen“, meinte der Chef und Johanna dankte ihm.

Montag informierte Johanna die Chefs der Orthopädie und Kardiologie über Kerims Operationen. Kurz vor dem Mittag wurde Kerim eingeliefert und sie begrüßte ihn herzlich. Abends hörte sie einen Wagen vor der Tür halten und sah überrascht Kerims Vater. „Ich muss doch mal nach meinem Sohn sehen, den du so mit Operationen gequält hast“, rief er lachend. „Kerim hat mich angerufen, dass er zurück kommt, da will ich mich von seinem Zustand überzeugen.“ Johanna berichtete von den Operationen und ihrem Besuch heute bei ihm. Dann rief sie ihre Eltern an und erzählte ihnen von Kerims Unfall, seinen Operationen in Esslingen und dass er jetzt wieder in Meiningen sei. Beim Bericht, dass sein Vater heute gekommen sei, schlug sie vor, dass die beiden mit Yasmine morgen nach Meiningen kämen, um Kerims Vater kennen zu lernen und ihm das Treffen mit seiner Tochter zu ermöglichen.

Dienstag war Johannas erster normaler Arbeitstag nach der Pause. Um 10 Uhr wartete sie vor der Tür auf Ercan und brachte ihn vor Kerims Zimmer. „Klopf‘ an und geh‘ rein“, sagte sie zu ihm. „Ich bleib‘ draußen, damit Ihr Euch ganz privat begrüßen könnt. Irgendwann später komme ich dazu.“ Um halb elf empfing sie ihre Eltern und Yasmine und brachte sie zu Kerims Krankenzimmer. Nachdem Vater und Sohn sich von der Überraschung erholt hatten, Yasmine zu sehen, machte Johanna ihre Eltern und Ercan miteinander bekannt und bald entstand ein intensives Gespräch zwischen ihnen.

Mittwoch früh besuchte Johanna als Erstes Kerim. Er war froh, Vater und Schwester gesehen zu haben und dankte Johanna für ihre Hilfe. Wie es weitergehe, wollte er dann wissen. „Du hast dich hier so gut erholt, dass du übermorgen für zwei Wochen in eine Fachklinik in Bad Liebenstein zur Reha kommst“. erklärte Johanna. „Sie sind dort spezialisiert auf orthopädische und kardiologische Probleme, also genau richtig für deine beiden Operationen. Und da der Ort nur eine halbe Stunde entfernt ist, kann ich dich oft besuchen.“ Ihr ging die Frage seines Vaters durch den Sinn, wann sie heiraten wollten und sie legten sie sich auf Mitte Oktober fest, das waren noch knapp acht Wochen.

Freitag wurde Kerim nach Bad Liebenstein überführt. Mittags rief er Johanna an, er habe ein schönes Zimmer und werde anscheinend gut betreut. Wann sie ihn denn besuchen käme. „Leider muss ich bis Montag noch arbeiten, aber dann habe ich drei Tage Zeit für dich. Frag‘ doch mal, ob sie in der Klinik ein Gastzimmer haben“, war ihre Antwort. Nach einer halben Stunde rief Kerim wieder an, es gebe Gästezimmer für Angehörige und er wolle gleich eines für Johanna reservieren. „Ich komme Dienstag früh und bleibe bis Donnerstag Abend, da haben wir beide fast drei Tage für uns. Reserviere das Zimmer bitte für zwei Nächte.“

Dienstag fuhr Johanna schon früh nach Bad Liebenstein. Kerim war gerade aufgestanden und die beiden begrüßten sich mit herzlichen Küssen. Doch er musste gleich zu einer Massage der Wirbelsäule. Danach schlug Johanna einen Spaziergang im Kurpark vor,  wobei sie alle paar Schritte blieben stehen, um sich ausgiebig zu. Zum Mittag waren sie wieder zurück. „Nach dem Essen muss ich gleich zwei Stunden ruhen und dann habe ich ein Krafttraining, um das Herz zu stärken“, sagte Kerim traurig. „Wir können uns also erst gegen 17 Uhr wieder sehen.“ Er stockte einen Moment, dann fragte er: „Was meinst du als Ärztin, kann ich dich nach dem Abendessen in deinem Zimmer besuchen? Ich habe solche Sehnsucht nach dir.“ „Wenn du mich als Ärztin fragst, müsste ich ‚nein‘ sagen“, schmunzelte Johanna, „frag mich doch mal als liebende Frau!“ Nun schmunzelte auch Kerim. „Aber gerne, was sagt denn die liebende Frau zu meiner Frage?“ „Zwei Seelen wohnen, ach,  in meiner Brust“, lachte Johanna, „die medizinisch ausgebildete Geliebte plädiert für einen Mittelweg, der uns beiden hilft und dich nicht übermäßig anstrengt. Ich denke, du verstehst, was ich meine.“ „Als Wiederbeginn nach fast drei Wochen finde ich das nicht schlecht“, meinte Kerim erfreut.

Um viertel neun klopfte er leise an Johannas Tür und als sie „Herein!“, rief, stand er mit einem Strauß roter Rosen vor ihr, umarmte und küsste sie herzlich, sie konnte gerade noch die Tür hinter ihm schließen. „Wie bist du denn zu den Blumen gekommen?“, fragte Johanna irritiert. „Vor der Klinik ist doch ein Blumenstand für Besucher, da bin ich gleich nach dem Mittagessen hingegangen“, antwortete er grinsend. Und dann lagen sie aneinander geschmiegt und liebkosten sich am ganzen Körper, bis Johanna sich niederbeugte und Kerims Phallus küsste, bis es aus ihm heraus strömte. „Danke, ich hatte schon befürchtet, dass das nicht mehr funktioniert“, meinte er, nachdem er zur Ruhe gekommen war, aber Johanna sagte lächelnd: „Ich habe doch schon bei den Küssen im Park gemerkt, dass da jemand Sehnsucht hat.“ „Ich denke, dir wird es nicht anders gehen“, flüsterte Kerim und küsste Johanna, bis sie aufstöhnte und ihn fest umarmte.

„Jetzt musst du unbedingt schlafen und dich erholen, möchtest du gleich gehen oder erst mal hier bleiben?“, überlegte Johanna. „Zu Befehl“, erwiderte Kerim lächelnd, „wenn Frau Doktor nichts dagegen haben, möchte ich gerne noch eine Weile bei meiner Geliebten bleiben, um den schönen Abend mit ihr ausklingen zu lassen.“ „OK“, meinte Johanna, „das ist mir auch am liebsten. Aber ums Schlafen kommst du nicht herum. Also mach‘ brav die Augen zu!“ Eng umschlungen schliefen sie bald ein, bis Johanna den Geliebten kurz vor fünf Uhr zärtlich weckte und in sein Zimmer schickte.

Der Mittwoch verlief ähnlich, Kerim musste allerlei Anwendungen mitmachen und nach dem Mittagessen schlafen und abends besuchte er seine Geliebte wieder. Donnerstag beim Essen meinte Kerim: „Du hast doch gesagt, es ist nur eine halbe Stunde von Meiningen hierher. Da kannst du doch mal abends kommen und wir haben eine ganze Nacht Zeit füreinander.“ „Ich kann versuchen, für Sonntagabend hier nochmal ein Zimmer zu bekommen. Wenn ich etwas früher loskomme, bin ich um 17 Uhr hier und muss dann Montag um 7 Uhr schon wieder weg.“ „Bis Sonntag werde ich wohl auch schon kräftiger sein“, grinste Kerim. „Das wird die Ärztin sorgfältig prüfen“ erwiderte Johanna lachend.

Sonntag konnte sie etwas eher gehen und sie unternahmen einen langen Spaziergang. Als er dabei Johanna an sich drückte, meinte sie lachend „Ich fühle, wie es dir geht, bei mir ist es doch ähnlich, leider müssen wir noch ein bisschen warten.“ „Das ist das Problem bei uns Männern, dass wir nichts verbergen können“, lachte Kerim ebenfalls. „Aber was sagt denn die Ärztin zum Tête-à-Tête heute Abend?“ „Das sieht anscheinend nicht schlecht aus, wie ich dich hier erlebe. Du hast dich prächtig erholt, so dass die Ärztin gegen eine kleine Anstrengung nachher wohl nichts einzuwenden hat. Die liebende Frau sehnt sich eh‘ schon lange danach.“

Beglückt genossen sie abends das innige Beieinander und nahmen sich erst danach die Zeit, einander am ganzen Körper zu liebkosen. „Jetzt weiß ich erst, wie lange ich deine innige Liebe vermisst habe“, flüsterte Johanna, wenn sie die Küsse einmal kurz unterbrachen, um Luft zu holen. „Das kann ich genauso sagen“ antwortete Kerim glücklich, „und ich hoffe, das war eben nicht unser letztes Miteinander.“ „Da solltest du vorher die Ärztin fragen“, sagte Johanna lachend, „jetzt verschreibt sie dir erst mal zwei Stunden Ruhe.“

Bad Liebenstein, 1. 9. 2014 Meine süße Geliebte,

die Nacht mit Dir war wundervoll und ich danke Dir von ganzem Herzen, dass Du zu mir gekommen bist und auch der Ärztin danke ich, dass sie ein Auge zugedrückt hat. ...

Ich küsse Dich in Gedanken, Dein Kerim

Die Nacht ist dunkel
und ich sehe dich nicht,
aber ich ahne dein Begehren.

Die Nacht ist dunkel,
doch ich fühle deine Nähe
und spüre dein Begehren.

Die Nacht ist dunkel
und du streichelst mich,
jetzt weiß ich dein Begehren.

Die Nacht ist dunkel,
jetzt kommst du über mich,
zu stillen dein Begehren.

Die Nacht ist dunkel,
du hast mich erlöst
und gestillt auch mein Begehren.

Bis Donnerstag mailten und telefonierten die beiden mehrmals täglich, versicherten einander ihre Liebe und freuten sich, bald wieder endgültig beieinander zu sein. Nach einer Stunde waren die Ärzte zufrieden und übergaben ihn ihr grinsend „zur weiteren Untersuchung“. Wie vor sieben Wochen waren die beiden kaum durch die Tür, als sie schon übereinander herfielen. Irgendwann bekamen sie Hunger und Johanna bereitete ein Fertiggericht, das sie schnell zu sich nahmen, bevor sie sich wieder einander hingaben. Doch dann wurde Kerim plötzlich müde und schlief ein. Mit etwas schlechtem Gewissen lag Johanna neben ihm und beobachtete seinen Schlaf. Doch als erfahrene Ärztin sah sie bald, dass ihm körperlich nichts fehlte, nur die innige Begegnung hatte ihn erschöpft.

Aus Kapitel 8 „Maike“

Samstag kam ein Brief an Kerim, er las und wurde blass, außer dem Text enthielt er das Bild eines kleinen Mädchens. Johanna schaute ihn fragend an, doch er war völlig in das Schreiben vertieft. „Das ist ja ein Hammer“, sagte er schließlich verwirrt, „seit vier Jahren habe ich eine Tochter und weiß es nicht. Hier, lies selber.“ Erstaunt las Johanna den Brief:

Stuttgart, 5. 9. 2014  Lieber Kerim!

Sicherlich wirst Du Dich über diesen Brief wundern, aber Gisela meint schon lange, Du solltest wissen, dass sie Deine Tochter ist. Durch meine Freundin Erika, die als Operationsschwester in der Klinik in Esslingen arbeitet, weiß ich, dass Du seit einer Weile in Memmingen mit einer Ärztin zusammen lebst, die Du in der Türkei kennen gelernt hast. Ja, das Mädchen auf dem Bild ist Deine Tochter. Vielleicht erinnerst Du Dich an unser letztes schönes Beisammensein zu Silvester kurz vor Deiner Abreise. Ich wollte daraus eine bleibende Erinnerung an Dich gewinnen und habe ganz bewusst die Pille abgesetzt. Es hat geklappt, aber ich wollte Dich nicht beunruhigen und habe Dir halt nie etwas darüber mitgeteilt, auch nicht als Gisela am 20. September 2010 geboren wurde. ...

Bitte bekomm‘ jetzt keinen Schreck, dass ich irgendwelche Forderungen an Dich stellen könnte. Schließlich habe ich Dich mit meinem Kinderwunsch hintergangen. Es geht mir nur darum, Giselas Wunsch zu erfüllen. Ich habe ihr von Dir erzählt und sie möchte halt wissen, wer ihr Vater ist. Mir ist klar, dass das vielleicht mit Deiner jetzigen Partnerin schwierig sein könnte, ich will sie auf keinen Fall beunruhigen. ...

Herzliche Grüße, Maike

„Puh“, sagte Johanna nach einer Weile, „das ist ja wirklich ein Hammer! Aber ich gratuliere dir zu deiner Vaterschaft, du hast eine hübsche Tochter, die dir sehr ähnlich sieht. Die Frau muss dich wirklich sehr geliebt haben, wenn sie sich mit einem Kind eine bleibende Erinnerung an dich bewahren wollte. Ich glaube auch, dass du ihr mit deiner Abreise wehgetan hast, wie lange wart ihr denn zusammen?“ „Ein gutes Jahr, aber wir waren nicht ständig zusammen, haben getrennt gewohnt und uns nur alle paar Tage gesehen. Nie habe ich geahnt, dass so etwas daraus werden könnte.“ „Ja, nun ist es geworden“, meinte Johanna nachdenklich, „und wir müssen überlegen, was wir tun, um deiner Tochter den Wunsch zu erfüllen. Was hältst du davon, wenn wir zu Giselas Geburtstag hinfahren?“

Utendorf, 6. 9. 2014  Liebe Maike,

das ist schon eine Überraschung, ich habe eine Tochter und das schon seit fast vier Jahren! Ich brauchte eine Weile, um diese wundervolle Botschaft zu begreifen. Meine Freundin, die Kinderärztin Johanna, die ich im nächsten Monat heiraten will, hat das viel schneller erkannt und mir dazu gratuliert. Deshalb ist sie auch mit mir einig, dass ich Gisela den Wunsch erfülle, mich kennen zu lernen, und sie will dabei sein. Was hältst Du davon, wenn wir Euch zu Giselas Geburtstag am 20. September besuchen?

Ich freue mich sehr darauf, meine Tochter kennen zu lernen und kann nicht verhehlen, dass ich Dich auch gerne wieder sehe. ... Vielleicht können wir mit Dir und Deinem Freund eine unverbindliche Freundschaft aufbauen, denn ich will den Kontakt mit Gisela auf jeden Fall aufrechterhalten.

Herzliche Grüß bis bald, Kerim

„Sag‘ mal, willst du deinen Eltern nicht mitteilen, dass sie Großeltern geworden sind“, fragte Johanna. „Mensch, du hast ja Recht“, rief Kerim und hatte ein langes Telefonat mit seinem Vater, der auch noch nicht wusste, dass Kerim als geheilt entlassen worden war.

Montag früh erwartete Herr Glaser Kerim schon. „Schön, Sie hier zu sehen“, rief er leutselig, „denn ich habe schon wieder eine Sonderaufgabe für Sie: In knapp zwei Wochen haben wir im Elephant in Weimar ein Treffen der Thüringer Hoteliers, bei dem neue Möglichkeiten der Betriebsführung und Werbung vorgestellt werden sollen. Stellen Sie doch bitte zusammen, was wir eventuell an interessanten Neuerungen präsentieren können. Auf jeden Fall will ich Sie dabei haben. Das Treffen beginnt am Abend des 20. September mit einem Menü, die Konferenz läuft dann bis Sonntag Nachmittag.“ Kerim erschrak, an dem Tag wollte er doch mit Johanna zu Giselas Geburtstag fahren. „Ich habe da ein Problem“, überwand er sich und erzählte dem Chef von seiner kürzlich aufgetauchten Tochter und ihrem Geburtstag. „Ich kann erst gegen 20 Uhr in Weimar sein. Meine Tochter hat sich so sehr auf das erste Treffen mit mir gefreut, dass ich sie auf keinen Fall enttäuschen möchte.“ „Einverstanden“, brummte der Chef, „dann überlegen Sie mal, womit wir glänzen können.“

Als Kerim ihm seine Vorschläge vorlegte, lachte er. „Außer Ihnen habe ich ausschließlich Leute aus der Umgebung eingestellt und teilweise angelernt. Ich fühle eine Verantwortung für Menschen meines Heimatgebiets, von denen noch viele ohne Arbeit sind. Obwohl ich sie nicht fürstlich bezahlen kann, sind sie mir dankbar und arbeiten hervorragend.“ Kerim war still geworden bei diesen Worten des Chefs. In der Tat musste er hier noch allerlei lernen.

Samstag fuhren Johanna und er nach Stuttgart. Auf der letzten Treppe lief ihnen ein Mädchen entgegen und fragte: „Bist du mein Papa?“, da nahm Kerim sie in den Arm und trug sie den Rest der Treppe hoch. In der Wohnungstür stand lächelnd eine junge Frau. „Nett, dass ihr schon so früh gekommen seid“, sagte sie, „lass dich mal begrüßen.“ Kerim wollte das Mädchen auf den Boden setzen, doch sie umklammerte ihn so fest, dass es nicht ging. Da strich sie Kerim nur über die Wange. Schließlich konnte er das Mädchen absetzten und drückte seine Wange an Maikes Gesicht. „Ja, so gefällt mir das auch besser“, antwortete sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Während Gisela mit Johanna das Geburtstagsgeschenk auspackte fragte Maike. „Erzähl doch mal, wie es dir seit deiner Abreise aus Heidelberg ergangen ist.“ Kerim berichtete, dass er nach einem Jahr Ayşe kennen gelernt und sich ein wenig in sie verliebt hatte. „Was heißt ‚ein wenig‘ wollte Maike wissen. „Nun ja, sie war eine gläubige Muslima und zum letzten Schritt noch nicht bereit.“ „Du hat also nie mit ihr geschlafen“, hakte Maike nach. Da erzählte er ihr von seinem Fehltritt. „Das ist ja eine heiße Sache“, lachte die Frau, „was hat denn Johanna dazu gesagt?“, worauf Kerim erzählte, wie sie ihm den Fehltritt verziehen hatte. „Ich glaube, sie ist eine großartige Frau und für dich gerade die Richtige“, staunte Maike. Nach vielen weiteren Gesprächen über die Vergangenheit und einem schwäbischen Spätzletopf verließen sie Maike und Gisela um 16 Uhr. Kerim setzte Johanna zu Hause ab und fuhr gleich weiter nach Weimar.

Am Sonntag zeigte er dort seine Präsentation, wobei Herr Glaser zur Personalsituation das Wort übernahm und belegte, dass er mit örtlichen Mitarbeitern viel besser wirtschaften könne als mit billigen Ausländern.

Montag früh rief er Kerim gleich wieder zu sich. „Ich habe schon wieder eine neue Aufgabe für Sie, nein eigentlich sogar zwei, die Sie aber nacheinander bearbeiten sollen. Als Erstes bitte ich Sie, sich unseren Einkauf mal gründlich anzusehen. Mich hat gestern der Vortrag des Kollegen vom Cäcilienhof in Weimar beeindruckt, der anscheinend eine gute Strategie für günstigen Einkauf entwickelt hat.“ Kerim hatte in seinem Kopf schon den nächsten Schritt geplant: „Um vernünftig verhandeln zu können, müssen wir erst mal den Bedarf über einen längeren Zeitraum ermitteln, das könnte ich anhand meiner Planung recht schnell machen.

„Sehr gut!“, lobte der Chef, „und nun zur zweiten Aufgabe. Bisher habe ich mich alleine um die Finanzen gekümmert, aber vier Augen sehen mehr als zwei. Wenn Sie mit dem Einkaufsproblem fertig sind, setzen wir uns mal zusammen und ich führe sie in unsere Finanzen ein. Einverstanden?“ „Ihr Vertrauen ehrt mich“, war Kerims höfliche Antwort.

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Mittags rief Johanna an. „Ich habe eben erfahren, dass die hiesige Kinderärztin Verena Schröck gestern in den Alpen tödlich abgestürzt ist. Es ist zwar makaber, jetzt schon daran zu denken, aber was hältst du davon, wenn ich versuche, ihre Praxis zu übernehmen? Du weißt ja, dass ich schon lange daran denke, mich selbstständig zu machen.“ „Das ist eine Idee, die du unbedingt verfolgen solltest. Ich werde mal versuchen, etwas über die Hintergründe der Frau und ihre Praxis heraus zu bekommen“, bestärkte Kerim sie.

Im Internet stellte Kerim fest, dass es in Meiningen vier praktizierende Kinderärztinnen gab, oder besser gegeben hatte, denn eine von ihnen war ja nicht mehr am Leben. Diese Frau war 48 Jahre alt, unverheiratet und hatte einen zwanzigjährigen Sohn, der in München studierte. Die Kassenärztliche Vereinigung gestattete nur vier Praxen in Meiningen. Kerim stellte eine Liste notwendiger Aktionen zusammen und schickte sie an Johanna, die für ihren freien Donnerstag ein Gespräch bei der KV in Weimar verabredete. „Als nächstes müssen wir den Sohn finden“, dachte Kerim beim Abendessen laut nach.

Dienstag legte Kerim Herrn Glaser seine Ideen für die Einkaufsüberwachung vor: Bis Ende Oktober sollten alle Ausgaben für das Hotel mit Zeitpunkt, Gegenstand, Preis, Qualität, Lieferant sowie möglichen Rabatten und Alternativquellen detailliert aufgelistet werden. Zusätzlich bat er Herrn Glaser, bei dem Weimarer Kollegen nachzufragen, ob er ihn am Donnerstag besuchen und Erfahrungen einholen dürfe. Der Chef war mit Kerims Vorschlägen zufrieden.

Donnerstag fuhren die beiden nach Weimar. Die Sachbearbeiterin bei der Kassenärztlichen Vereinigung bestätigte, bevor der jetzige Eigentümer die Praxis nicht zur Neubesetzung freigebe, könne keine Ausschreibung erfolgen. Immerhin erklärte sie sich bereit, Johanna aufgrund ihrer durch ein gutes Zeugnis belegten Tätigkeit im Meininger Klinikum vorsorglich als Bewerberin zu vermerken.

Der Besitzer des Romantikhotels „Cäcilienhof“ rief seinen für den Einkauf verantwortlichen Mitarbeiter dazu. Wie Kerim vermutet hatte, war die Grundlage der Einkaufsplanung eine laufend aktualisierte Bedarfsübersicht. „Wir müssen vorausschauend wissen, was wo und wie schnell gebraucht wird, um mit den Anbietern günstige Preise und eventuell Mengenrabatte auszuhandeln. Dabei wählen wir beileibe nicht immer den Billigsten, sondern orientieren uns sehr an der Qualität, das sind wir unseren Gästen schuldig, gerade, weil wir nicht in der Stadt liegen.“ Kerim zeigte sich beeindruckt und bat um eine Kopie der Planungsliste.

„Was machen wir nun mit dem angebrochenen Tag?“, fragte er Johanna, die dem Gespräch stumm zugehört hatte. „Da wir schon in Weimar sind“, antwortete sie nachdenklich, möchte ich gerne drei Orte sehen: die Anna-Amalia-Bibliothek, das Goethehaus und das KZ Buchenwald. Für die Bibliothek ist jetzt noch Zeit, dann sollten wir etwas essen und danach die beiden andern Stellen aufsuchen.“ „Hab‘ Dank, meine Liebling, dass du mir das gezeigt hast“, sagte Kerim im KZ-Museum. „Auch in der Türkei ist ja viel Schlimmes passiert, vor allem mit den Armeniern“, sagte er leise, „aber das hier ist unvorstellbar, davon habe ich nicht das Geringste gewusst.“

Freitag ging Johanna zur Trauerfeier für Frau D. Schröck. Nach der Beisetzung sprach sie dem Sohn ihr Beileid aus und stellte sie sich als Kollegin der Verstorbenen vor, worauf er sie für später in die Wohnung bat. „Mein Name ist Johanna vom Stein, ich arbeite als Kinderärztin im Klinikum und habe Ihre Mutter kennen gelernt, als sie mir persönlich einen kleinen Patienten ans Herz legte“, sagte sie zur Begrüßung „ Ich bin Gabriel Schröck und kann mir denken, was Sie von mir wollen“, antwortete er lachend, „Sie kommen mir gerade richtig. Heute Vormittag wurde das Testament eröffnet. Fast das ganze flüssige Vermögen geht an ihre Schwester, mit der meine Mutter immer eng verbunden war. Dies Haus mit der Praxis hat sie mir überschrieben mit der Auflage, mich um eine tüchtige und vertrauenswürdige Nachfolgerin für die Praxis zu bemühen. Allerdings weiß ich gar nicht, wie das geht, vielleicht können Sie mich aufklären.“

Johanna fiel ein Stein vom Herzen und sie informierte den Mann ausführlich über die Bedingungen und notwendigen Schritte bei der Kassenärztlichen Vereinigung, wobei sie ihn bat, sie als Nachfolgerin vorzuschlagen. „Ich werde mich umgehend um die Eigentumsübertragung bemühen und nach Weimar fahren“, sagte der Sohn.

„Jetzt müssen wir uns als Nächstes um die Finanzierung kümmern“, meinte Kerim. „Wir wissen zwar nicht, was die Praxis kosten wird, aber was hältst du davon, mal mit deinen Eltern zu sprechen. „Lass‘ uns morgen zu ihnen fahren“, rief Johanna und schnell war der Besuch telefonisch vereinbart. „Ich nehme an, ihr seid wegen eurer Hochzeit gekommen“, sagte die Mutter am nächsten Tag. „Ja, das auch“, erwiderte Johanna, „aber daneben habe ich noch ein anderes Problem“, und berichtete über ihre Absicht, sich selbstständig zu machen. „Und dafür brauchst du Geld“, warf Alexander lachend ein. „Ihr wollt doch bald heiraten und ich denke schon eine ganze Weile über ein ordentliches Hochzeitsgeschenk für dich nach. Was hältst du davon, wenn ich dir 50.000 Euro zum Kauf der Praxis gebe?“ Wortlos fiel Johanna ihrem Vater um den Hals und erst nach einer Weile stammelte sie: „Du bist wundervoll!“

Montag aktualisierte Johanna ihre Unterlagen, als Gabriel Schröck anrief. „Ich sitze hier bei einem guten Essen und habe ebenso gute Nachrichten für Sie“, sagte er begeistert. „Die KV nimmt auf meinen Erbschein hin die Ausschreibung der Praxis in die nächste Veröffentlichung am 1. Oktober hinein.“ Glücklich bedankte Johanna sich bei dem jungen Mann.

Samstag sah sie sich mit Kerim die Praxis an und sie stellten fest, dass das Datensystem nur die Patientendatei enthielt. „Da brauche ich jede Menge medizinische Informationen“ klagte Johanna und Kerim schlug vor, die Struktur zu Hause auf seinem Notebook aufzubauen. Sie hatten gerade begonnen, als Johannas Chef anrief. „Ich habe eine Überraschung für Sie“, sagte er. „Am 9. und 10. Oktober findet in München ein Kongress über ‚Neue Erkenntnisse in der Sozialpädiatrie‘ statt, das sind die äußeren Einflüsse auf Gesundheit und Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Ich bin dazu, aber jetzt liege ich mit einer dicken Grippe im Bett. Haben Sie Lust, an meiner Stelle zu fahren?“ „Das ist ja schon in fünf Tagen und wirklich eine Überraschung“, sagte Johanna und schaute Kerim an. Als der nickte, sagte sie zu und sie holten die Unterlagen bei ihm ab. „Ich muss schon Mittwoch um 14:22 gleich von der Klinik aus fahren, immerhin hat er die 1. Klasse gebucht“, lachte Johanna.

„Zur besseren Übersicht schlage ich vor, die Finanzdaten als geschützte Dateien in das Rechnersystem hinein zu nehmen, für das wir ja ein Finanzprogramm geordert haben“, sagte Kerim Montag früh zu seinem Chef „Am meisten irritiert mich die fehlende Trennung zwischen Ihren privaten und den Geschäftsfinanzen. Üblich sind in Familienbetrieben ein Arbeitsvertrag des Besitzers mit dem Unternehmen und ein Festgehalt für ihn.“ „Was meinen Sie denn, welch Gehalt ich mir bewilligen kann?“ Kerim überlegte einen Moment, bevor er antwortete: „Sie sollten den Jahresgewinn in zwei Hälften teilen, eine davon ist mit Sicherheit Ihr Verdienst, die andere ist der Erfolg des Hauses. Ein Zwölftel Ihrer Hälfte wäre dann Ihr Monatsgehalt. Der Gewinn betrug in den beiden letzten Jahren rund 100.000,- Euro, 50 % davon ergeben für Sie ein Monatsgehalt von 4.000,- Euro brutto, das halte ich nicht für sehr hoch, aber im Vergleich mit Führungskräften in dieser Gegend für angemessen. Das müssen Sie versteuern, aber keine Sozialabgaben abführen, wenn Sie anderweitig für Krankheit und Alter vorsorgen.“

Aus Kapitel 10 Erfüllung"

Beim Frühstück im Münchener Hotel wurde Johanna von einem Mann begrüßt, auf dessen Namensschild „Dr. Horst Meißner, Esslingen“ stand. Er war der Chef der Esslinger Kinderklinik, den sie dort kennen gelernt hatte. Abends nach den Vorträgen stellten sie fest, dass ihre Zimmer nebeneinander lagen. Für das Festmenü hatte Johanna ein kurzes, festliches Kleid mit tiefem Ausschnitt eingepackt. Als sie in den Festsaal kam, sah sie, dass Dr. Meißner ihr zuwinkte, er hatte einen Platz neben sich für sie frei gehalten und lobte ihr bezauberndes Aussehen.

Nach dem Menü fragte er, ob sie Lust hätte, den Abend in der Bar zu beenden und sie stimmte gerne zu. Sie erzählten sich ihre Ausbildung, wobei Johanna nicht merkte, dass die Gläser immer wieder nachgefüllt wurden. Schließlich legte der Mann den Arm auf Johannas Schulter und weil er ihr sympathisch war, strich sie mit den Fingern über seine Wange. Da küsste er die Hand, dann zog er sie zu sich heran und drückte seine Lippen auf ihren Mund. Sie streichelte seine Lippen mit der Zunge, worauf er begeistert antwortete.

Weil die Leute um sie herum ihr peinlich waren, flüsterte sie: „Lass‘ uns gehen.“ Horst unterschrieb die Rechnung und schnell waren sie in seinem Zimmer, wo er nur sein Jackett abwarf, dann drückten sie auf dem Bett ihre Körper aneinander und küssten sich leidenschaftlich. Johanna fühlte keine Hemmungen mehr, sie kannte sein Begehren, als sie seine Erektion spürte, während er ihr Kleid bis zur Hüfte hochstreifte und beim Streicheln ihrer Oberschenkel ihren Schambereich berührte. Sie war genauso erregt und begann, seinen Gürtel zu öffnen. Im Gegenzug streifte er ihr das Kleid von den Schultern.

Doch als ihre Brustspitze küsste, wurde sie nüchtern. Das hatte bisher nur Kerims gedurft und dabei musste es auch bleiben! Sie nahm seine Hand von ihrer Brust und sagte leise: „Horst, der Abend war schön mit dir und ich habe deine Küsse genossen, aber diese Grenze möchte ich jetzt nicht überschreiten, denn ich werde in zwei Wochen heiraten. Hab‘ Dank für deine Einladung, ich werde diesen Abend nie vergessen.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Stirn, stand auf, zog das Kleid glatt und ging zur Tür. Sie war gerade noch in der Lage, sich auszuziehen, bevor sie ins Bett fiel und sofort einschlief.

Beim Frühstück sagte Horst leise: „Ich muss dir danken, dass du mich gestern Abend vor einem schlimmen Fehler bewahrt hast. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei prächtige Kinder, aber dein betörender Duft hat mich so fasziniert, dass mir alle Sicherungen durchgebrannt sind, verzeih mir bitte.“ „Wir sollten für diesen schönen Abend dankbar sein und die Erinnerung tief in uns bewahren“, erwiderte Johanna langsam.

Abends in Utendorf beichtete sie ihr Erlebnis: „Ich muss dir etwas sagen: Auf dem Kongress habe ich den Chefarzt der Esslinger Kinderklinik wieder getroffen, wir haben uns nett unterhalten und er lud nach dem Festessen in die Bar ein, wo ich mehr trank als gut war. In seinem Zimmer küssten wir uns heiß und als er begann, meine Beine zu streicheln, dachte ich für einen Moment daran, mich ihm hinzugeben. Aber als er dann meine Brust küsste, brachte mich der Gedanke an dich schnell zur Besinnung.“

Kerim schwieg lange, Johanna sah, wie es in ihm arbeitete. Dann sprach er ebenso langsam wie sie: „Ich danke dir für deine ehrlichen Worte. Selbst wenn du mit ihm geschlafen hättest, könnte ich dir keine Vorwürfe machen, denn im Gegensatz zu dir habe ich es ja mit Ayşe getan. Aber natürlich bin ich glücklich, dass du es nicht getan hast. Wenn du Freude an den Küssen hattest, so freue ich mich mit dir.“

Montag prüfte Kerim bei Thüri.net das fertige System für den Thüringer Hof auf Herz und Nieren. Einige kleine Änderungen waren noch nötig, sonst war er zufrieden und vereinbarte für Dienstag die Abnahme mit Herrn Glaser, die problemlos ablief. Ab Mittwoch beaufsichtige er die Umstellung der einzelnen Rechner auf das neue System. Da die Mitarbeiter vorher über die Verbesserungen informiert worden waren, gab es mit der Ausbildung kein Problem. Johanna fand in der Post eine Mitteilung der KV, dass sie die Praxis der Frau Dr. Schröck übernehmen dürfe. Mit dem Sohn vereinbarte sie einen Notartermin für Donnertag Vormittag.

Nachmittags trafen Kerims Eltern ein, sie hatten in Leipzig einen Mietwagen genommen. Nachdem sie sich frisch gemacht hatten, suchte Ercan mit einem umfangreichen Teppich-Prospekt Herrn Glaser auf und der bat Kerim zu dem Gespräch hinzu. Als Ercan dem Chef einen akzeptablen Gesamtpreis nannte, war er hoch zufrieden und unterschrieb den Kaufvertrag. Schon vor zwei Wochen hatte er zu Kerim gesagt: „Ich lade Sie ein, das Festmahl für Ihre Hochzeit bei uns im kleinen Saal einzunehmen“, und der hatte sich herzlich bedankt. In der Lobby traf er jetzt Johannas Eltern und Yasmine, die ihn stürmisch begrüßte, worauf er sie schnell zu seinen Eltern brachte und anschließend mit ihnen nach Utendorf fuhr. Kurz danach traf Johanna ein und bereitete mit den Frauen ein fürstliches Abendessen vor.

„Du hast doch nach der Hochzeit drei Tage frei. Wenn Kerim am Montag Urlaub nimmt, könntet ihr eine kleine Hochzeitsreise machen, wir würden sie euch bezahlen“, schlug der Vater beim Essen vor. „Fahrt nach Nürnberg, das ist die nach Dresden schönste Stadt Deutschlands und sie liegt recht nahe. Mit dem Auto seid ihr in zwei Stunden da. Ich kann euch das Garden Hotel empfehlen, es liegt mitten in der Altstadt.“

Und dann war der große Tag da. Vor dem Standesamt warteten die Gäste aus dem Thüringer Hof und kurz nach ihnen kam Maike mit Gisela. Ercan und Sidika belegten ihre Enkelin mit Beschlag und begrüßten auch die Mutter. Die Standesbeamtin erklärte alles genau und hielt eine nette Rede und als sie die beiden aufforderte, sich zu küssen, taten sie das so herzhaft, dass die Beamtin „Aber Herr Zeykan!“, sagte und alle lachten.

Herr Glaser begrüßte die Gäste mit einem Glas Champagner. Nach der Vorspeise erhob sich Alexander. „Liebe Johanna, wir sind glücklich, dass du solch guten Partner gefunden hast. Und über eine weitere Änderung in deinem Leben freuen wir uns auch, dass du dich im Neuen Jahr selbstständig machen kannst. Und nun lasst uns anstoßen auf die selbstständige Frau Dr. vom Stein-Zeykan und eine lange und glückliche Gemeinschaft mit ihrem lieben Kerim.“ Alle erhoben sich zum Toast. Auch Ercan gratulierte dem Hochzeitspaar herzlich. Nach dem Hauptgang erhob sich Maike. „Lieber Kerim, auch Gisela und ich wünschen dir viel Freude in der Ehe mit Johanna, die dir wohl eine viel bessere Frau sein wird, als ich es gekonnt hätte. Deine Tochter hat dir als Hochzeitsgeschenk ein Bild gemalt.“ Mit diesen Worten hielt sie eine kunstvolle kleine Tuschezeichnung hoch, auf der eine Blume zu sehen war, über der auf einem Zeig ein Vogel saß. Kerim staunte: „Du bist ja eine Künstlerin“, dann ging er zu ihr und küsste sie auf die Stirn. Strahlend umarmte das Mädchen ihren Vater.

Nach dem Abendessen in Utendorf stand Alexander auf. „Ich glaube, wir sollten jetzt gehen“, sagte er schmunzelnd, „denn wir haben hier ein jung verheiratetes Paar, das sich auf die Hochzeitsnacht freut, um sich endlich ganz innig kennen zu lernen.“ „Du bist unmöglich“, boxte Ursula ihn in die Seite und auch alle lachten, verabschiedeten sich dann aber bald.

„Solch Hochzeitsnacht habe ich mir schon als junges Mädchen gewünscht“, sagte Johanna leise, als sie Kerim im Bett umarmte. „Das sagt man nicht, das tut man“, erwiderte Kerim lächelnd und streichelte seine Frau liebevoll. Wie vor vielen Wochen schliefen sie immer nur kurze Zeit, denn wenn einer wach wurde, liebkoste er den anderen, und dieser war gerne bereit. So standen sie erst gegen 9 Uhr auf und machten sich nach einem gemütlichen Frühstück auf den Weg nach Nürnberg.

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