Ernst-Günther Tietze: "Die unendliche Kostbarkeit der Frauen", Leseproben

©
Copyright 1996 Ernst-Günther Tietze

Prolog                                           Literaturverzeichnis

Jede Frau ist unendlich kostbar:
als Tochter für ihre Eltern;
später als Frau für den Mann, der sie liebt; ihm ist sie kostbarer als irgend etwas anderes auf der Welt.

Doch auch für die Menschheit sind die Frauen kostbar:
Sie gebären die Kinder und ziehen sie auf. Sie bewahren das Heim für die ganze Familie.
Frauen treffen die wesentlichen Entscheidungen in der Liebe und im Leben. Viele von ihnen haben die Geschichte geprägt.

Der Roman erzählt von einer Zeit, als durch äußere Ereignisse kaum Mädchen geboren wurden.
Die Ökonomen würden sagen, sie waren ein knappes Gut geworden.
Dadurch wurden die Frauen nur noch kostbarer.

Aus Kapitel 1 "Das Problem"                       

Als die ersten Nachrichten durchsickerten, glaubten die meisten an einen böswilligen Scherz. So unwahrscheinlich schien die Information, dass selbst die Boulevardblätter nicht wagten, auch nur eine Schlagzeile daran zu geben. Doch als am Abend des 17. August 1992 der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in einer eilig einberufenen Pressekonferenz die Zahlen des Gesundheitsministeriums bekannt gab, war kein Zweifel mehr möglich: Eine heimtückische Gefahr griff auf die Welt zu.

Anke Baumeister hatte die Nachricht schon vor zwei Tagen von ihrer Chefin Jennifer Chun erfahren: „Die Firmenleitung hat mir eben vertraulich mitgeteilt, dass seit einer Woche weltweit die Früh- und Totgeburten mit einem Alter von etwa vier Monaten nur noch männlich sind“, informierte Jennifer aufgeregt ihre Mitarbeiterin und Freundin. „Daraufhin durchgeführte Geschlechtsuntersuchungen an abgetriebenen Föten zeigen das Anhalten der Tendenz. Irgendein Ereignis verhindert seit April dieses Jahres die Zeugung von Mädchen. Ich weiß noch nicht, was das bedeutet, aber ich sehe eine Menge Arbeit auf uns zu kommen.“

Als Anke „April“ hörte, erinnerte sie sich, dass ihr das Problem schon bei ihrer Dissertation über die DNA der Drosophila aufgefallen war: Für kurze Zeit waren kaum noch weibliche Fliegen entstanden. Nur zwei Stämme hatten sich normal fortgepflanzt: Bei einem war es vor der Geschlechtsreife nicht gelungen, die männlichen und weiblichen Exemplare zu trennen. Der zweite Stamm lebte in einer Helium-Sauerstoff-Atmosphäre, um die Möglichkeiten für Weltraumexperimente zu testen.

Die Hoffnung trog, dass das Problem auf eine kurze Zeitspanne begrenzt sein könnte. Alle weiteren Untersuchungen zeigten dasselbe Bild. Auch bei allen Tierarten hatte es einen Rückgang der weiblichen Tiere gegeben. Am stärksten war er bei monogam lebenden Arten und nirgends waren die Relationen so dramatisch wie bei den Menschen. Die Statistiker berechneten das Risiko: Die Menschen würden zwar nicht völlig aussterben, doch für die nächsten 15 bis 20 Jahre würde die Zahl der neugeborenen Mädchen auf etwa 1% zurück gehen und damit auch die Zahl der Menschen in der folgenden Generation. Die Tierwelt zeigte allerdings, dass diese Generation wieder Mädchen zeugen könne. Einige Politiker begrüßten diese Entwicklung, weil sie die rasante Vermehrung der Menschheit beenden könnte.

Anke vermutete einen Zusammenhang zwischen ihrer damaligen Beobachtung und dem „Problem“, doch um dafür Beweise zu finden, musste sie wieder mit den kleinen Fliegen arbeiten. Dabei fiel ihr das Tagebuch ihrer Dissertation in die Hände. Anhand der Eintragungen konnte sie den Termin bestimmen, an dem bei den meisten Stämmen die weiblichen Nachkommen ausgeblieben waren: Es war der 5 April. In ihrem kurz darauf in der Zeitschrift BIOS veröffentlichten Bericht über die Spermienerkennung bei Fruchtfliegen erwähnte sie dies Datum und beschrieb ihre Beobachtung: „Damit dürfte einwandfrei bewiesen sein, dass – unter Berücksichtigung der Reifezeit der Drosophila Malenogaster – das auslösende Ereignis des ,Problems’ am 01. 04. 1992 eingetreten sein muss.“ Im Gegensatz zu anderen Forschern war sie überzeugt, die DNA der Drosophila als Hilfsmittel zur Unterscheidung der Spermien zu benutzen. Und in der Tat gelang es ihrer Arbeitsgruppe schon nach vier Wochen, den entscheidenden Abschnitt im Kern der Keimzellen zu isolieren. Nachdem sie aus dem Zellkern feststellen konnten, ob ein Spermium weibliche oder männliche Nachkommen erzeugen würde, fanden sie äußere Unterscheidungsmerkmale, um die beiden Spermienarten lebend zu selektieren,. Sie konnten jetzt weibliche oder männliche Drosophila nach Wunsch erzeugen.

„Was bringt eigentlich die Spermien dazu, zur Eizelle zu wandern und nicht irgendwohin?“, fragte Heinz von Gassner, ihr Professor. „Es muss ein Botenstoff sein, eine Art Pheromon“, antwortete Anke, „die Verstärkung des Botenstoffes sollte die Geschwindigkeit erhöhen, und den Stoff selbst werden wir aus der Drosophila-DNA heraus finden.“ Verbissen arbeitete sie mit ihrem Team daran, den Botenstoff der Fruchtfliege zu isolieren. Nach vielen Tag- und Nachtschichten waren sie erfolgreich. Wie Anke vorausgesagt hatte, ließ sich mit der Konzentration des Stoffes die Geschwindigkeit der Spermien regeln. Der Abstand zwischen beiden Arten ließ sich so gut einstellen, dass eine Trennung in großem Umfang eindeutig möglich wurde.

Trotz der offenen Frage nach dem eigentlichen Grund der Sperre brachte der nächste Bericht in BIOS, in dem Anke die DNA-Sequenz, den Botenstoff und das Beschleunigungsenzym vorstellte, weltweite Anerkennung. Dank ihren aufsehenerregenden Erfolgen und ihren Verbindungen zu amerikanischen Genetikern beauftragte die Bundesregierung sie mit der Koordination der deutschen und internationalen Forschergruppen zur Lösung des „Problems“. Zunächst zögerte sie, diesen Auftrag anzunehmen, weil sie ahnte, dass sie damit die praxisbezogene Arbeit aufgeben musste, die ihr so viel Spaß machte. Andererseits war sie sich des Einflusses bewusst, den sie haben würde und sagte nach kurzer Bedenkzeit zu.

                 Aus Kapitel 2  "München"                   

Eine Woche nach ihrer Ernennung übernachtete Anke während einer Tagung bei ihrem Bruder Sven in München. Nach langer Zeit saßen die Geschwister abends bei einem Glas Wein zusammen. „Jetzt bist du wieder an mir vorbeigezogen, und im Gegensatz zu unserer Kinderzeit freue ich mich darüber.“ sinnierte Sven. „Damals merkte ich plötzlich, dass du außer einer Intelligenzbestie auch ein schönes Mädchen mit weiblichen Reizen warst, und bald eine Frau sein würdest. Ich wollte dich für mich gewinnen und musste deshalb lieb zu dir sein, und wenn du nicht meine Schwester wärst, hätte ich längst um dich geworben.“ Anke nahm im Scherz den Faden auf: „Ich versuche gerade, mir vorzustellen, es gäbe nicht die Inzestschranke und wir dürften heiraten – oder zumindest miteinander schlafen – und Kinder bekommen. Also, meine Phantasie reicht dafür nicht aus.“ Beide lachten. „So weit bin ich sogar in meinen kühnsten Träumen nicht gegangen“, antwortete Sven, „aber es wäre sicherlich reizvoll, dich grenzenlos zu lieben, denn du bist eine attraktive und bestimmt auch leidenschaftliche Frau.“ „Ich empfinde es als große Ehre für mich, dass ich überhaupt noch einen Mann erregen kann und dann sogar den eigenen Bruder“, antwortete Anke. „Ich überlege gerade, welche Eigenschaften unsere gemeinsamen Kinder, wenn wir denn welche hätten, von uns vererbt bekämen.“

Nach einem Moment stockte sie und starrte Sven an. „Was ist los?“, fragte er. „Seit Monaten suche ich einen Schlüssel zur Lösung des ‚Problems’ und eben habe ich ihn gefunden“, stieß sie aufgeregt hervor. „Jetzt ist mir bei diesen beiden Stämmen klar, die das Ereignis unbeschadet überstanden haben, warum sie normal fortpflanzungsfähig geblieben sind: Die Fliegen in der Heliumatmosphäre konnten nicht mit dem auslösenden Element in Berührung kommen, das offenbar über die Luft die ganze Erde verseucht hat. Doch bei dem anderen Stamm ist mir eben klargeworden, dass es sich nur um unkontrollierte Geschwisterzeugung handeln kann. Jetzt begreife ich, warum weltweit die monogamen Tierarten größere Probleme hatten, wieder eine normale Population aufzubauen, als die polygamen, bei denen Geschwisterzeugung häufiger vorkommt.“ „Das hieße also“, nahm Sven nachdenklich den Faden auf, „dass die obskure Sperre zwischen Geschwistern nicht besteht.“

„Genau das meine ich.“ Anke dachte bereits über die Konsequenzen ihrer Erkenntnis nach. Keinesfalls durfte vorläufig von dieser Vermutung, die für sie schon eine Gewissheit war, etwas an die Öffentlichkeit dringen. Zunächst mussten hieb- und stichfeste Beweise gefunden werden, und das ging nur durch Befruchtungsversuche zwischen Keimzellen von Geschwistern. Aber wenn diese Versuche erfolgreich wären, stünde sie irgendwann in gar nicht so ferner Zukunft vor der Aufgabe, das Ergebnis zu veröffentlichen. Sie ahnte, was ihr dabei bevor stand, denn in aller Regel wird der Bote geprügelt, wenn die Botschaft nicht genehm ist. „Ich muss es tun“, stieß sie schließlich hervor, „selbst wenn sie mich dafür als Hexe verbrennen. Wenn mein Wissen erst einmal verifiziert ist, darf ich es den Menschen nicht vorenthalten.“ Sven setzte sich neben seine Schwester und legte ihr ehrfürchtig den Arm um den Nacken. „Ich habe dich schon immer bewundert“, sagte er zärtlich und strich ihr über das Haar, „aber jetzt weiß ich, dass du eine Heilige bist. Ich verspreche dir: Was ich tun kann, um dir zu helfen, das will ich tun. Du kannst dich immer auf mich verlassen.“ Anke war bewegt von seinen Worten. „Ich danke dir sehr“, sagte sie leise, „ich werde deine Hilfe brauchen.“ Die halbe Nacht saßen die Geschwister und überlegten, wie Anke jetzt am besten vorgehen sollte. Nur wenn die Veröffentlichung auf viele Schultern verteilt würde, ließ sich vermeiden, dass Anke allein in der Schusslinie stünde. Mit Hilfe von Svens Erfahrungen in der Strategieplanung entwickelten sie ein mehrstufiges Programm mit Einschluss einer Reihe renommierter Institute in der ganzen Welt.

Notwendig waren als nächstes streng geheime Befruchtungsversuche zwischen Keimzellen von Geschwistern in vitro mit einem möglichst kleinen Kreis von Eingeweihten. Anke wusste, dass sie Heinz von Gassner und seinen engsten Mitarbeitern blind vertrauen konnte. Schwierig war es, Keimzellen eines Geschwisterpaares zu bekommen, ohne den Grund zu erklären. Sven sah seine Schwester an. „Es ist doch nicht das erste Mal, dass Forscher Selbstversuche machen. Ich weiß zwar nicht, wie man an deine Eizellen kommt, aber meine Spermien habe ich schnell bei der Hand.“ „Ja, machst du denn auch mit?“, fragte Anke, doch dann fiel ihr ein, dass er ihr bedingungslose Hilfe versprochen hatte. Da beschloss sie, ihm ihre Dankbarkeit auf ganz besondere Weise zu zeigen und besorgte aus einem nahen Krankenhaus eine Kühlbox. Wieder zurück, goss sie die Gläser noch einmal voll und sie stießen auf das Gelingen des Planes an. Dann legte sie die Hand in Svens Schoß und sagte leise, weil es ihr nun doch etwas peinlich war: „Du hast vorhin gesagt, dass du deine Spermien schnell bei der Hand hast. Ich denke, es ist schöner für dich, wenn ich die Sache in meine Hände nehme.“ Ehe Sven antworten konnte, öffnete sie seine Hose und streichelte ihn zärtlich, bis er aufstöhnte und der warme Strahl in den Behälter zuckte. Erst als seine Erregung nachließ, löste sie sich von ihm und strich ihm über die Haare. Sven konnte kein Wort sagen. Er hatte erkannt, dass Anke ganz genau wusste, was sie tat, und es war unsagbar schön für ihn. Er nahm sie in den Arm und küsste sie. „Du bist ein wunderbarer Mensch“, stammelte er schließlich. „Wärst du doch nur nicht meine Schwester.“ Auch Anke war tief bewegt. Sie wusste, dass sie den Abend und Svens Worte nie vergessen würde.

                            Aus Kapitel 3 "Forschung"                                                                

Nach zwei Tagen saßen Anke und ihre Kollegen vor dem riesigen Bildschirm, auf dem die mikroskopischen Vorgänge beobachtet werden konnten. Ein Raunen ging durch den Kreis, sie sah ein Spermium in die Eizelle eindringen, die ihre Hülle in der charakteristischen Weise veränderte. Als dann die Teilung so weit fortgeschritten war, dass die DNA untersucht werden konnte, fühlte Anke einen großen Widerstand in sich gegen das, was nun getan werden musste. Es war doch ihr eigenes Kind und das ihres Bruders, das jetzt zerschnitten werden sollte! Sie dachte gar nicht daran, dass der Embryo nicht lebensfähig war. Sie presste die Hand auf den Mund und dachte „Mit dieser Hand habe ich ihn gestreichelt und mit diesem Mund geküsst und nun muss ich sie aufeinander pressen, um nicht laut aufzuschreien.“ Im Innersten wusste sie, dass sie diesen Schnitt durch ihr gemeinsames Kind irgendwann wieder gut machen würde. Schließlich lag das Ergebnis vor: Der Embryo war weiblich.

Nun war es an der Zeit, Farbe zu bekennen. Nachdem Anke die Kollegen um strengstes Stillschweigen gebeten hatte, berichtete sie über ihre kürzlich entstandene Vermutung, dass Geschwisterzeugung das „Problem“ lösen könne, und gab die Herkunft der Keimzellen preis, deren erfolgreiche Verschmelzung sie soeben beobachtet hatten. „Anke“, sagte der Professor feierlich, „ich bin stolz, dass ich Ihr Lehrer sein durfte. Mit Ihrem Selbstversuch haben Sie dem Institut große Ehre gemacht. Wir sind uns alle darüber klar, dass Ihre Entdeckung nicht leicht weiter zu geben sein wird. Aber Sie sollen wissen: Wir werden alles zu Ihrer Unterstützung tun, was uns möglich ist.“ Die anderen stimmten begeistert zu.

Anke informierte die ausgewählten internationalen Forschungsgruppen, deren Ergebnisse dann teilweise noch besser waren. Bis auf eine Ausnahme bei der INGENETIC in Rochester konnten die Experimente geheim abgewickelt werden, und hier gelang es Jennifer Chun, den jungen Reporter mit der schlagfertigen Bemerkung abzuspeisen, in einem solchen Notfall, wie ihn das „Problem“ darstelle, müssten halt auch die abwegigsten Möglichkeiten geprüft werden. Anke beschloss, dem jungen Mann ein Exklusivinterview zu geben. Er hatte die Chance seines Lebens gehabt und sie mussten sie ihm durch eine Lüge verderben.

Die Information für die Regierungen, die die Namen der zwölf Forschungsgruppen und von Anke trug, hatte Sven entworfen:

 „Sehr geehrte(r) Frau / Herr Präsident(in) / Ministerpräsident(in),

wir, die unterzeichneten Wissenschaftler aus zwölf Ländern der Erde haben einen Weg gefunden, wie das weltweite ‚Problem’ der stark verringerten Mädchengeburten zumindest teilweise gelöst werden kann, allerdings unter Verletzung einer anerkannten ethischen Norm. Deshalb können wir die Nutzung dieser Erkenntnis nicht von uns aus empfehlen. Wir halten es jedoch für unsere Pflicht, Sie über unser Wissen zu informieren, damit Sie, die die Verantwortung für Ihr Volk tragen, die notwendigen Entscheidungen herbeiführen können.

Die aus bisher unbekannter Ursache entstandene Sperre, die das Eindringen feminogener Spermien in weibliche Eizellen verhindert, ist weiterhin nicht entschlüsselt. Durch Zufall wurde jedoch entdeckt, dass die Sperre zwischen Keimzellen von Geschwistern nicht wirkt. Diese Erkenntnis kann als eindeutig angesehen werden, denn sie wurde in mehr als hundert Befruchtungsversuchen in vitro auf der ganzen Erde mit Keimzellen aller Rassen nachgewiesen. ---

Wir sind uns darüber klar, dass sexuelle Beziehungen zwischen Geschwistern bei nahezu allen Völkern der Erde ein uraltes und außerordentlich starkes Tabu darstellen und in vielen Ländern strafbar sind. --- Trotz dieser ethischen Bedenken sehen wir Wissenschaftler es als unsere Pflicht an, Sie über unsere Entdeckung unverzüglich zu informieren, denn sie bietet eine Möglichkeit, das biologische ‚Problem’ der ausbleibenden Mädchengeburten in diesem frühen Stadium zu mildern. Da eine Entscheidung – ob sie nun für die Menschheitsentwicklung oder für das Tabu ausfällt – nur auf der politischen Ebene getroffen werden kann, sehen wir im Augenblick davon ab, eine Empfehlung zu geben. Wir sind aber selbstverständlich bereit, den Gremien, die diese Entscheidung zu treffen haben, jederzeit Information und Rat zukommen zu lassen.

Dieses Schreiben liegt zu gleicher Zeit den Regierungschefs aller in den Vereinten Nationen vertretenen Staaten und der Schweiz sowie dem UN-Generalsekretär und den Leitern aller großen Religionsgemeinschaften vor. Nähere Informationen können Sie der beiliegenden Veröffentlichung entnehmen, die morgen früh gleichzeitig in sechs renommierten Fachzeitschriften erscheinen wird. Eine gekürzte Fassung dieses Schreibens werden wir in einer Stunde an alle bedeutenden Medien der Erde weiter leiten. Wir wissen, dass wir mit dieser Information eine schwere Last auf Ihre Schultern gelegt haben. Möge Ihr Gott Ihnen helfen, sie zu tragen.“

Am 31. 3. um 12:00 Uhr UTC setzten sich an zwölf Orten der Erde die Telefaxgeräte in Bewegung. Jedes Institut hatte das Informationsschreiben an knapp zwanzig Stellen zu übermitteln und eine Stunde später die Pressenotiz an ausgewählte Medien zu geben. Die Notiz enthielt die Anmerkung, dass die unterzeichneten Wissenschaftler am folgenden Donnerstag, dem 1. April, genau ein Jahr nach dem auslösenden Ereignis, um 15:00 Uhr MESZ im Audimax der Freien Universität Berlin auf einer Pressekonferenz für Fragen zur Verfügung stehen würden.

 Aus Kapitel 4 "Pressekonferenz"

Anke Baumeister ließ dem Reporter François Yuconda aus Toronto, den das Team in Rochester mit falschen Informationen abspeisen musste, eine Nachricht zukommen, dass sie ihm ein persönliches Interview in Berlin geben wolle. Als er Ankes Herzklopfen bemerkte, das sie angesichts des bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaals befiel, sagte er freundlich: „Nichts ist heute so uninteressant wie die Zeitung, die wir gestern brandneu heraus gegeben haben.“ Nicht nur diese Worte beruhigten Anke, sondern seine natürliche Art, er strahlte eine unwahrscheinliche Gelassenheit aus.  

Der Präsident der Freien Universität eröffnete die Konferenz. --- Nach einer Reihe von Fragen kam das Thema, auf das Anke sich vorbereitet hatte. Wie die Forscher überhaupt auf diesen Lösungsweg gekommen seien. „In meiner Arbeit in der Zeitschrift BIOS berichte ich, dass im April vorigen Jahres in den meisten Zuchtstämmen dieser Fliegen plötzlich für einige Tage die weiblichen Nachkommen ausblieben, damit konnte ich genau den Termin des auslösenden Ereignisses definieren. Vor einigen Wochen erinnerte ich mich an eine Beobachtung, die ich in jenen Tagen gemacht hatte: Bei einem Fliegenstamm gab es keinen signifikanten Mangel an weiblichen Nachkommen, weil ich die männlichen und weiblichen Exemplare nicht früh genug trennen konnte. Als einziger Unterschied zu den anderen Stämmen kristallisierte sich die Geschwisterzeugung heraus. Zur Absicherung der Ergebnisse haben wir weltweit elf renommierte Institute um Mitarbeit gebeten. Ich darf Ihnen ehrlich sagen, dass wir alle uns von Anfang an über die Brisanz unserer Entdeckung im klaren waren. Wir haben aber keine Sekunde gezögert, diese mögliche Lösung des ,Problems’ zu veröffentlichen. Es ist nicht unsere Aufgabe, über die Anwendung zu entscheiden, aber ich hätte keine Nacht mehr ruhig geschlafen bei dem Gedanken, den Menschen diese Erkenntnis vorzuenthalten.“ Beifall erhob sich, von der Mitte des Saales ausgehend. Instinktiv blickte Anke in die Richtung des ersten Klatschers und sah das schöne Gesicht von François Yuconda. „Dank dir, Junge, du bist ein feiner Kerl“, dachte sie.  

Doch so einfach machte ihnen der „feine Kerl“ die Sache nicht: „Ich glaube, die Menschen dieser Erde sind Frau Dr. Baumeister und den Wissenschaftlern Dank schuldig, die ohne Zögern die Experimente durchgeführt haben. Ich meine aber, die Wissenschaft macht es sich zu einfach, wenn sie den Menschen nur eine Erkenntnis auf den Tisch legt, ohne ihnen zu sagen, wie sie damit umgehen sollen. Ich darf in diesem Zusammenhang an Albert Einstein erinnern, der sehr wohl Präsident Roosevelt empfohlen hat, die Atombombe einsatzreif zu entwickeln, um damit den verheerenden Weltkrieg zu beenden.“

Darauf rief der Präsident Kwahme N’Akomi von der Ostafrikanischen Universität in Nairobi auf. „Ich darf den Herrn Journalisten zunächst daran erinnern, dass Albert Einstein seine Empfehlung schon nach kurzer Zeit bitter bereut hat, als ihm die furchtbaren Auswirkungen der Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki bekannt wurden“, begann er und hatte einige Lacher auf seiner Seite. „Aber bevor ich eine Stellungnahme abgebe, muss ich Sie darauf hinweisen, dass diese Angelegenheit wesentlich vielschichtiger ist, als es sich aus der Frage ,Geschwisterehe, ja oder nein?’ scheinbar ergibt. Ich bitte Sie, drei Dinge zu trennen, die nicht das geringste miteinander zu tun haben:

Erstens die Forschung: ---
Zweitens die Beratung: ---
Drittens unser persönlicher Bereich: ---

Anke hatte François Yuconda zum Abend in ihre Kleinmachnower Wohnung eingeladen, Sven, der bei ihr übernachtete, war bei dem Gespräch dabei. --- François’ kundige Fragen zeigten ihr, dass er sich seit Erhalt der Einladung intensiv mit ihrer Arbeit beschäftigt hatte. Doch François war noch an einem Detail interessiert, nämlich ihrem letzten Gedankenschluss, der zu diesem die ganze Menschheit in Zweifel stürzenden Ergebnis geführt hatte. Anke sah Sven an und seine Miene signalisierte verhaltene Zustimmung. François, mit der indianischen Beobachtungsgabe seines Vaters ausgestattet, beobachtete diese blitzschnelle Verständigung, ließ sich aber nichts anmerken. Und als Anke ihm dann erzählte, wie ihr in einem Gespräch mit ihrem Bruder über Eigenschaften von Geschwistern und die Berechtigung des Inzesttabus plötzlich ihre Fruchtfliegen eingefallen wären, wusste er, dass sie ihm einen wesentlichen Teil verschwiegen hatte.

Es war spät geworden und François bat, sich verabschieden zu dürfen. Anke bot ihm an, ihn zum Hotel zu begleiten, das eine knappe Viertelstunde von ihrer Wohnung entfernt war. Vor dem Hotel nahm François seinen ganzen Mut zusammen, schloss beide Hände um Ankes Rechte, die sie ihm zum Abschied reichte, und sagte leise und bewegt: „Anke, sie sind eine außergewöhnliche Frau.“ Dann beugte er sich nieder und küsste ihre Hand. In Ankes Kopf summte ein Bienenschwarm, als ihr bewusst wurde, dass er sie mit ihrem Vornamen angeredet hatte. Auch sie nahm die linke Hand dazu und so standen sie eine Weile, die Hände ineinandergelegt, beide wussten, dass der Abschied nicht für ewig war. In Gedanken versunken ging Anke nach Hause. Voller Angst hatte sie den Tag begonnen, doch dann war dieser Mann gekommen und hatte ihr nicht nur eine große innere Sicherheit geschenkt, sondern auch eine Saite zum Klingen gebracht, die seit Jahren in ihr verstummt war.

Aus Kapitel 5 "Begegnung"                  Seitenanfang               Literaturverzeichnis

Freitag früh flog Sven nach München zurück. --- Als er sich in Erding zufällig umblickte, traute er seinen Augen nicht. Ein paar Schritte hinter ihm ging Anke! Doch als er genau hinsah, bemerkte er den Irrtum: Die junge Frau sah zwar genauso aus wie seine Schwester ihre Figur, ihr rotgoldenes Haar, ihr Gang, alles war typisch für Anke. Nur die schulterlangen Locken unterschieden sie von ihr. Diese Frau interessierte ihn so sehr, dass er mehr über sie wissen wollte.

Sven nahm seinen ganzen Mut zusammen und sprach sie an: „Entschuldigen Sie bitte meine Dreistigkeit und missverstehen Sie mich nicht. Sie sind mir heute früh auf dem Flughafen aufgefallen. Wahrscheinlich sind Sie sogar mit derselben Maschine aus Berlin gekommen wie ich. Sie haben eine derart verblüffende Ähnlichkeit mit meiner Schwester, dass ich eine unbekannte Verwandtschaft zwischen uns vermute.“ Jetzt schoss ihm doch die Röte ins Gesicht. Und weil er wusste, dass sie das bemerkte, fügte er schnell noch hinzu: „Darüber hinaus finde ich Sie derart faszinierend, dass ich Sie auch sonst gerne etwas näher kennen lernen würde, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Die Frau lachte das gleiche klingende Lachen wie Anke, als sie sagte: „Also deshalb haben Sie mich heute früh in der Bahn so mit Ihren Blicken verschlungen.“ Sven rutschte das Herz in die Hose. Doch sie fuhr fröhlich fort: „Das war eben die netteste Anmache, die ich je erlebt habe. Ich denke schon, dass wir gemeinsam unsere Familien erforschen können. Aber ich muss mir zunächst noch über etwas klar werden. Geben Sie mir Ihre Telefonnummer, ich verspreche Ihnen, von mir hören zu lassen.“ So schnell hatte Sven seine Karte noch nie zur Hand gehabt.

Aus Kapitel 6 "Bundesregierung"               

Der Innenminister, ein Law-and-Order-Mann, der neu im Kabinett war, suchte schon die ganze Zeit nach einem Kompromiss. In der Parteiarbeit groß geworden mit dem Zwang, verschiedene Richtungen zu arrangieren, hatte er Erfahrung darin. „Halten Sie eine Lösung für praktikabel, bei der selektierte feminogene Spermien benutzt werden, ohne dass es zu intimen Beziehungen zwischen den Geschwistern kommen muss?“, fragte er hoffnungsvoll.
In Anke kam die Wut hoch. Das war typisch Mann! Aus ihren Augen schossen blaue Blitze auf den Minister. Mit kaum verhaltenem Ärger in der Stimme antwortete sie, ohne sich mit dem Professor zu verständigen und ohne Rücksicht darauf, dass ihr Gehalt zur Zeit aus dem Etat des Innenministeriums kam:
„Es muss einmal ganz deutlich gesagt werden, dass die künstliche Befruchtung in großer Zahl weder praktikabel noch menschlich vertretbar ist. Man kann nicht Millionen von Frauen zumuten, sich einen Cocktail selektierter Spermien ihres Bruders in die Vagina schütten zu lassen. Vielleicht ist es Ihnen bisher nicht bewusst geworden, Herr Minister, aber auch wir Frauen sind Menschen und nicht nur Gebärmaschinen. Auch für uns gilt das Grundgesetz: ,Die Würde des Menschen ist unantastbar!’ Wenn die Bundesregierung den von uns experimentell nachgewiesenen Weg gehen will, dann muss sie die Liebe, die Ehe und den Geschlechtsverkehr zwischen Geschwistern nicht nur als eine völlig normale Beziehung legitimieren, sondern sogar dazu aufrufen. Die Furcht vor der Häufung negativer Mutationen war bisher der einzige Grund für das Tabu der Geschwisterliebe. Wenn Sie trotz unserer Darlegungen diese Furcht nicht ablegen können, dürfen Sie keine Geschwisterkinder entstehen lassen. Wenn Sie aber die von uns gefundene Lösung akzeptieren wollen, wäre es doch Heuchelei, nur aus Rücksicht auf den bisherigen ethischen Standard den normalen Weg dorthin zu verbieten aber den Nutzen durch die Hintertür erreichen zu wollen.“

Der sonst so forsche Innenminister war rot geworden ob dieser Zurechtweisung. Die Justizministerin sagte leise, aber verständlich: „Bravo!“ Dem Bundeskanzler war der Dissens zwischen den Regierungsmitgliedern peinlich und er beendete das Treffen mit einigen dankbaren Worten an die beiden Berliner.
„Sie haben ja ganz schön Dampf abgelassen. So zornig kenne ich Sie sonst gar nicht“, sagte Heinz von Gassner schmunzelnd während des Rückfluges nach Berlin.
„Wissen Sie, Heinz“, antwortete Anke und in ihr stieg noch einmal der Ärger auf. „Als Parteibonze kann er ja nichts dafür, dass er von Wissenschaft nichts versteht. Aber er hat mich als Frau beleidigt. Ich bin ja, weiß Gott, keine Emanze, doch aus rein taktischen Erwägungen den Frauen dieses Verfahren zuzumuten, das ist eine Würdelosigkeit ohnegleichen.“

                                                      Aus Kapitel 7 "Ausflug"                                                                                                                 

Dienstag rief eine Birgit Döhringer in Svens Büro an. „Guten Tag, Herr Baumeister.“ Sven erkannte die Stimme sofort und sein Herz fing wild zu klopfen an. „Ich hatte versprochen, mich zu melden, und nachdem ich meine Angelegenheiten geordnet habe, will ich mich gerne mit Ihnen treffen, wenn Sie dazu noch bereit sind.“ Sven stimmte begeistert zu. „Dann schlage ich angesichts des schönen Wetters vor, dass wir Samstag zusammen wandern. Wollen wir uns um acht Uhr auf dem Bahnhof Pasing treffen?“

Birgit kam fünf Minuten nach ihm. „Hallo, da sind Sie ja schon!“, rief sie ihm fröhlich zu. „Dann kann uns nichts mehr dazwischenkommen.“ Als sie auf der Wanderung um den Wörthsee von sich zu erzählen begann, merkte Sven, dass ihre Vita nicht ohne Reiz war: Sie war im selben Jahr geboren wie Anke, auf Rügen, und hatte nach dem Abitur keinen Studienplatz bekommen, weil ihr Vater weder Arbeiter noch Bauer war. So hatte sie eine Lehre als Restaurateurin absolviert und durfte dann doch in Leipzig Kunstgeschichte studieren. Nach dem Diplom hatte sie eine Stelle am Berliner Pergamonmuseum bekommen, in der sie aber wegen ihrer deutlich gezeigten Abneigung gegen die Partei nicht so recht weiter kam. Als sie dann noch aktiv in der Kirche mitarbeitete, wurde ihr gekündigt und sie musste sich wieder als Restaurateurin durchschlagen. Nach der Wende bewarb sie sich sofort im Westen und bekam bald eine Vertrauensstellung in München..

Beim Essen brachte Sven das Gespräch auf die eventuellen verwandtschaftlichen Beziehungen. Wo sie geboren sei und welche Geburtsnamen ihre Eltern hätten, wollte er wissen. Als sie antwortete, sie sei in dem kleinen Fischerdorf Vitt geboren und ihre Mutter eine geborene Boldt, war die Sache für ihn klar: „Dort in Vitt gibt es die Boldts schon seit vielen Generationen“, ergänzte Sven. „Und ich weiß noch mehr: Ihr Urgroßvater hatte fünf Schwestern und zwölf Kinder.“ Birgit war fassungslos. „Sie haben Recht“, stammelte sie nach einer Weile. „Zwar sind nicht alle Kinder groß geworden, aber eines von ihnen war meine Großmutter. Woher, zum Teufel, wissen Sie das? Von welchem Geheimdienst sind Sie?“ Sie war aufgesprungen und einige Schritte zurückgetreten. Sven erschrak. „Verzeihen Sie, dass ich Ihnen mein Wissen so rücksichtslos um die Ohren geschlagen habe“, entschuldigte er sich und ging ruhig auf sie zu. „Es ist nur so, dass wir beide wirklich miteinander verwandt sind. Wir haben ein gemeinsames Ururgroßelternpaar, das vor rund einhundertdreißig Jahren in Vitt geheiratet hat, und einer von den Söhnen war mein Großvater.“ Er ergriff ihre Hände.

Ganz langsam lösten sich die verkrampften Fäuste und die Augen nahmen wieder die alte grünblaue Farbe an. „Liebe, tapfere Birgit“, sagte er leise, „was musst du durchgemacht haben.“ Sie atmete tief auf und lachte schon wieder. „Ich dachte einen Moment, du hättest mich irgendwie ausgespäht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mir diese Stasi noch in den Knochen steckt. Aber meine Anerkennung, dass du so etwas im Gedächtnis parat hast.“ Ehrlich gestand er ihr, dass er sich die Ahnentafeln seiner Eltern gründlich angesehen hatte. Nun gab es kein Halten mehr. Ausgelassen stießen die beiden auf ihre frisch entdeckte Verwandtschaft an. Und was Sven am meisten verblüffte: Birgit war am selben Tag geboren wie Anke.

„Was für ein wunderbarer Tag“, dachte Sven abends in der Bahn, „und wie schade, dass er schon zu Ende ist!“ Ganz klar, dass sie sich wiedersehen wollten. Beide zogen ihre Terminkalender zu Rate und stellten dabei überrascht fest, dass jeder von ihnen in vier Wochen in Paris zu tun hätte. Das mussten sie nutzen und beschlossen, das Wochenende dort gemeinsam zu verbringen. Auch kommenden Freitag und Samstag der übernächsten Woche würden sie beide in München sein, so dass sie diese Termine ebenfalls markierten. Am Marienplatz musste Birgit aussteigen. Als sie sich zum Abschied die Hand gaben, war mit einem Mal ein leichter Rosenduft um Sven: Sie hatte ihn auf die Stirn geküsst. Ehe er reagieren konnte, war sie schon aus der Tür.

Aus Kapitel 8 "Kanada"            

Als Anke François in dem großen Redaktionssaal sah, wurden ihr plötzlich die Knie weich. Sie wusste: diese zwanzig Schritte bis zu seinem Schreibtisch entschieden über ihr weiteres Leben. Ganz intensiv spürte sie diese Mischung aus Neugier und grenzenloser Verheißung, die zu Beginn einer Liebe in der Luft liegt. „Wenn es für mich überhaupt noch einen Neuanfang geben kann, dann mit ihm“, schoss es ihr durch den Kopf. Es waren nur Sekunden, bis sie sich wieder gefangen hatte, aber ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, bis sie durch das „ja“ zu diesem Mann die Furcht vor der neuen Bindung überwunden hatte. Sie war erfahren genug, um zu wissen, dass in den Dingen der Liebe meist die Frauen die letzten Entscheidungen treffen. François war nicht überrascht, als sie vor ihm stand, nahm sie in die Arme und sagte ruhig: „You are always in my mind. I knew, you would come“. --- Anke erzählte ihm von ihrem Urlaub und er schlug vor, dass er sich auch ein paar Tage frei nehmen und sie gemeinsam eine Kanuwanderung machen könnten.

Am nächsten Morgen begann ihr Abenteuer. Ohne Hast fuhren sie den bewegten Northern Saskatchewan hinunter. Das gemeinsame Leben in der Wildnis machte sie immer vertrauter miteinander. Sie hatten drei Tage die Fahrt auf dem teilweise recht schwierigen Fluss genossen, als sie in eine mörderische Stromschnelle gerieten. „Halt‘ dich fest!“, hörte Anke den Freund noch rufen, dann stieß das Boot gegen einen Felsen, schlug um und sie wurde hinaus geschleudert. Als sie auftauchte, sah sie quirlende Strudel um sich herum und einige Meter flussab das umgeschlagene Boot treiben, aber von François war nichts zu sehen.

„Mein Gott“, dachte sie entsetzt, „nicht noch einmal das! Diesmal würde ich es nicht überleben.“ Doch sie fühlte sich von kräftigen Händen gepackt und kämpfte auch mit ihrer eigenen Kraft gegen das Wasser, bis sie Boden unter den Füßen spürte. Dann lagen sie beide unterhalb der Stromschnelle am Ufer, völlig außer Atem, die wasserdichte Tonne mit sämtlichem Gepäck war weg, sie besaßen nur noch, was sie am Leib gehabt hatten, und das trocknete auf den Büschen neben ihnen. „Gott, ich danke Dir so sehr, dass Du ihn mir bewahrt hast!“, stieg ein inbrünstiger Seufzer in Anke auf. Voller Liebe umarmte sie François und küsste ihn am ganzen Körper. Sie merkte, wie der Geliebte das Spiel aufnahm, spürte seine warmen Hände an ihren Hüften, dann seine Finger an ihrer Brust, bis sie schließlich ihre Scham berührten. Sie fühlte sich sachte hinuntergezogen auf seinen Schoß und spürte sein langsames Eindringen. So behutsam, wie er sie auf sich gezogen hatte, hob und senkte er sie jetzt weiter, bis ihre Erregung stark wurde und sie den Takt übernahm. Es war so wunderschön, ihn lieben zu können und von ihm geliebt zu werden.

Da sie außer dem Boot und François’ Messer nichts mehr hatten, mussten sie nach Buschläuferart leben und Anke lernte begierig, worauf es ankam, François kannte jede Beere und jeden Pilz. Bald sah sie ihn mit ein paar Hölzchen, kienigen Spänen und trockenen Flechten hantieren und in weniger als fünf Minuten brannte das Feuer vor ihrer Lagerstelle. Schließlich schnitt er ein paar starke Äste, versah sie mit tiefen Einschnitten an den Enden und zwängte flache Holzscheiben hinein. Die Paddel, die er auf diese Weise hergestellt hatte, hielten bis zum Ende der Reise.

François war gerade eingeschlafen, als er Anke im Schlaf den Namen ihres Bruders rufen hörte. „Was hast du denn so Schlimmes geträumt, dass du deinen Bruder um Hilfe rufen musstest?“, fragte er mit sanfter Stimme. Da kam ihr der Traum wieder in den Sinn und sie wusste, dass sie ihm jetzt die Wahrheit sagen konnte, die sie ihm im Interview verschwiegen hatte. Sie erzählte von den Gedankenspielen mit Sven über gemeinsame Kinder, und wie ihr dabei die Idee der Geschwisterzeugung bei ihrem Fliegenstamm gekommen war. Dann erzählte sie von ihrem gemeinsamen Entschluss, den ersten Versuch mit den eigenen Keimzellen zu wagen, von dem Augenblick, als sie die gelungene Befruchtung auf dem Monitor beobachten konnte und von dem elenden Gefühl, als ihr gemeinsamer Embryo zur Geschlechtsbestimmung geopfert werden musste. „Damals habe ich mir geschworen, dieses Opfer eines Tages wieder gut zu machen, indem ich ein Mädchen gebären werde“, schloss sie sehr ernst ihren Bericht. „Du weißt, das ist nur unter Geschwistern möglich. Mein erstes Kind werde ich nicht von dir, sondern aus dem Samen meines Bruders haben. Wenn du mich unter diesen Umständen nicht akzeptieren kannst, sollten wir uns möglichst bald trennen.“ „Du tapfere Frau“, flüsterte er ihr ins Ohr, „ich bewundere dich. Ich liebe dich jetzt wohl noch mehr als zuvor, falls das überhaupt möglich ist, und ich will dir mit aller Kraft helfen, dein Gelübde zu erfüllen.“

Sie waren übereingekommen, bald zu heiraten, wenn möglich, schon in etwa drei Wochen. François war bereit, nach Deutschland überzusiedeln, weil er anerkannte, dass Anke beruflich schon viel weiter war als er. Samstag feierten die beiden mit François‘ Eltern ihre Verlobung. Vorher führte François seine Braut zu einem indianischen Schmuckkünstler. Der webte aus Goldfäden und winzigen durchbohrten Edelsteinen ein Band mit einem indianischen Totemmuster um Ankes Handgelenk, ein wunderschönes Schmuckstück, wie sie es noch nie gesehen hatte. „Das wird unsere Liebe beschützen“, flüsterte sie François ins Ohr, als sie ihn dankbar umarmte. An ihrem letzten gemeinsamen Abend blitzte das Gold an ihrem Handgelenk im gedämpften Licht, als sie in François‘ Zimmern den Abschied ihrer Liebe feierten.

 

Aus Kapitel 9 "Besuch"              Seitenanfang         Literaturverzeichnis

Eine ganze Weile saßen Sven und Birgit Hand in Hand und wussten nicht so recht, wie es nun weiter gehen sollte. Schließlich nahm Sven seinen Mut zusammen und strich Birgit sanft über das schöne Haar, das er immer schon hatte berühren wollen. Als er fühlte, wie sie den Kopf gegen seine Hand schmiegte, wuchs sein Mut und er streichelte auch ihre Stirn, ihre Wangen, die Nase und schließlich den Mund. Da öffnete sie die Lippen und fing seinen Mittelfinger ein. Überrascht spürte Sven, wie ihre Zunge mit seiner Fingerspitze spielte. Er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Stirn, dann auf die Nasenspitze und die Wangen. Dabei spürte er wieder den leichten Rosenduft, der von ihr ausging. Birgits Zunge spielte immer noch mit seinem Finger. So konnte er sie nicht auf den Mund küssen, was er so gern getan hätte.

Birgit genoss dieses Spiel eine Weile. Sie war schon lange nicht mehr so zärtlich gestreichelt und geküsst worden. Aber sie wollte diesmal den Bogen noch nicht zu weit spannen, denn sie wusste, dass man alles verlieren kann, wenn man alles auf einmal will. So öffnete sie den Mund und ließ seinen Finger frei. Auch sie strich ihm nun mit der Hand über die Haare. „Du bist ein lieber Kerl und ich mag dich sehr. Du hast uns einen wunderbaren Tag bereitet, wie ich ihn schon lange nicht erlebt habe. Die Erinnerung daran und die Freude auf den nächsten Samstag mit dir werden mir die Zeit in Russland verkürzen.“ Dann nahm sie seinen Kopf und zog ihn an ihren Mund heran. Schnell begriff Sven, was sie wollte und drückte seine Lippen auf diesen weichen Mund. „Leider muss ich morgen sehr früh los“, fuhr sie fort, „und ich habe noch einiges für die Reise zu packen. Deshalb wäre ich dir jetzt dankbar, wenn du mir ein Taxi rufst, damit ich nach Hause fahren kann.“ ---

Sven rief ein Taxi und sie verabredeten, dass er sie am nächsten Samstag gegen 18:00 Uhr von ihrer Wohnung abholen sollte. „Denk mal zwischendurch an mich!“, rief Birgit aus dem offenen Fenster, als der Wagen anfuhr. „Das werde ich die ganze Zeit tun!“, rief er ihr nach und hoffte, dass sie ihn noch gehört hatt

Aus Kapitel 11 "Tanz"           

Das Tanzlokal, das Sven ausgesucht hatte, lag etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt. Die beiden fanden einen freien Tisch auf der geöffneten Veranda und bestellten ein leichtes Abendessen. Beim Getränk überlegte Sven kurz und schaute seine Begleiterin fragend an. Als er sie in ihrer Schönheit vor sich sitzen sah, wurde ihm klar, dass an einem solchen Abend nur ein einziges Getränk in Frage kommen konnte: Champagner! Birgit blickte erstaunt auf, als sie seine Bestellung hörte. „Ich bin nicht übergeschnappt“, sagte Sven lächelnd, „und normalerweise trinke ich auch lieber einen guten Wein. Aber heute habe ich ein ganz besonderes Gefühl. Du hast dich für mich so schön gemacht, wie ich es noch von keiner Frau erlebt habe. Mir ist einfach nach Feiern zumute, weil ich dich gefunden habe.

Birgit tanzte ausgezeichnet, sie war federleicht zu führen. Als die Musiker nach einer Weile „Charmaine“ spielten, einen alten English Waltz, konnte Sven sich nicht zurück halten: er küsste sie auf die Stirn. Birgit war ähnlich zumute. „Es ist ein Traum“, dachte sie, „ein Sommernachtstraum.“ Sven sah, wie sie auf seine Lippen blickte und tat gern, was sie von ihm wünschte – er küsste sie auf offener Tanzfläche und vor allen Leuten.  Sie verzogen sich von der Tanzfläche in den nahen Park, wo sie sich ungestört ihren Küssen hingeben konnten. Sven merkte schnell, dass Birgit etwas vom Küssen verstand und dass es ihr Spaß machte. Da schob er die Hand in ihren Ausschnitt und liebkoste ihre nackte Brust, bis die Spitze unter seinen Fingern fest wurde. Birgit verwehrte es ihm nicht, sondern schmiegte sich ganz eng an ihn und ihre Zunge spielte noch heftiger in seinem Mund.

Schließlich sagte sie außer Atem: „Wir sind ja toll, lass uns erst mal weiter tanzen.“ Sie tanzten jetzt noch enger als vorher und fühlten ihre Körper aneinander. Sven dachte wieder an ihre leidenschaftlichen Küsse und ihre weiche Brust und spürte eine starke Erregung in sich aufsteigen, er genierte sich und bog seinen Unterkörper nach hinten. Natürlich fühlte Birgit, was in ihm vorging, sie wollte ihm zeigen, dass sie ihn so akzeptierte wie er war, und drückte mit den Händen sein Gesäß eng an sich heran, bis sie durch die Kleidung hindurch seinen Phallus an ihrem Bauch spürte. Dabei sah sie Sven tief in die Augen. Auch in ihr wurde jetzt die Erregung übermächtig.

Nach diesem Tanz bat Birgit, dass sie nach Hause führen, ihr war klar geworden, dass dieser Tanz das Schönste gewesen war, was sie heute miteinander erleben konnten. Sie war ihm dankbar, dass er nur kurz in seine Wohnung ging, um das Taxi zu rufen, während sie im Hausflur wartete. Dann winkte er noch, als er der Wagen längst nicht mehr zu sehen war. Er ärgerte sich, dass er die Betriebsanalyse in Brasilien selbst übernommen hatte. Gerade jetzt, wo Birgit und er einander so nahe gekommen waren, musste er zwölf Tage nach São Paulo. Und wenn die Liebe in Paris noch so stark wäre, wie sie sie jetzt fühlten, dann würden sie ineinander aufgehen mit Leib und Seele, das war gewiss!

Dass seine Schwester und ihr Verlobter zur selben Zeit in Kanada das Abschiedsfest ihrer Liebe feierten, konnte er nicht wissen.

 

Aus Kapitel 12 "Apokalypse"        

In diesem hier nicht gezeigten Kapitel wird im Zukunftsroman „The Pitiful Women“ dargestellt, wie grausam sich der Frauenmangel 20 Jahre später auswirken würde.

 

Aus Kapitel 13 "Aktivitäten"           

Erschüttert und mit Tränen in den Augen legte Anke Baumeister das Buch aus der Hand, das François ihr für den Rückflug mitgegeben hatte. Die ganze Nacht durch hatte sie es immer wieder lesen müssen, um die grausigen und doch so realen Visionen über die Auswirkungen des Frauenmangels nach zwanzig Jahren zu begreifen. Bisher hatte sie das „Problem“ lediglich als biologische Bedrohung für den Bestand der Menschheit gesehen. Dass damit auch immense soziale Verwerfungen auf die Menschen zukommen würden, war ihr gar nicht klar gewesen. Und ganz sicher würden die Frauen als winzige Minderheit die Hauptleidtragenden in einer fast nur von Männern dominierten Gesellschaft sein. Umso mehr war sie jetzt davon überzeugt, dass die von ihr entdeckte Geschwisterzeugung vorerst die einzige Lösung war, nicht nur den biologischen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenbruch der Menschheit zu verhindern.

Die Hochzeit wollte Anke in ihrem Elternhaus hinter dem Deich auf Norderney feiern. Die beiden waren ganz aus dem Häuschen, als Anke ihnen ihre Heiratspläne verkündete. Sie hatte Bilder von François und seinen Eltern dabei, die die Eltern sofort für ihn einnahmen, denn sie spürten seine Liebe zu ihrer Tochter. Bei den Behördengängen musste stellte sich heraus, dass François sofort mit seinen Papieren nach Deutschland kommen musste. Anke rief ihn sofort an. In zwei Tagen konnte er sich frei machen und würde Samstag in Berlin eintreffen. Als er hörte, dass er ein Ehefähigkeits-Zeugnis mitbringen musste, lachte er verschmitzt: „Habe ich dir meine Ehefähigkeit nicht schon genügend bewiesen?“ Anke musste auch lachen, als sie an die schönen Stunden in seinen Armen dachte. Doch dann erklärte sie ihm, dass dieses Zeugnis nur seinen unverheirateten Personenstand bestätigen sollte. Seine Zeitung hatte sich entschlossen, ihn bis auf weiteres zu ihrem westeuropäischen Korrespondenten mit Sitz in Berlin zu machen.

In Tegel musste Anke eine halbe Stunde warten, denn der Flieger aus New York war verspätet. Ein Flug aus München wurde aufgerufen und plötzlich stutzte sie. Die rotblonde Frau, die da auf sie zukam, sah aus wie ihr Spiegelbild. Das musste Svens Freundin sein. Sie sprang auf und ging auf die Frau zu. Auch diese war überrascht, hatte sich aber schnell wieder gefasst. „Ich wette, Sie sind Anke Baumeister“, sagte die Fremde fröhlich. „Ich bin Birgit Döhringer. Wenn Sven gewusst hätte, dass wir uns hier treffen, hätte er mir sicherlich Grüße an Sie aufgetragen.“ Anke war sofort angetan von ihrer natürlichen Herzlichkeit. Sie fragte Birgit, ob sie für einen Spaß zu haben sei und erzählte ihr kurz von François und ihrer geplanten Hochzeit. Sie verabredeten, dass Anke sich verstecken und Birgit François erwarten solle. Als François durch die Sperre kam, ging er zunächst mit strahlendem Gesicht auf Birgit zu. Doch als er sie fast erreicht hatte, stockte er und sah sie irritiert an. Dann blickte er sich in der Runde um und schließlich fasste er sich ein Herz und sprach sie auf Englisch an: „Verzeihen Sie, Sie sind sicher Ankes Zwillingsschwester. Ich bin François Yuconda und eigentlich hier mit ihr verabredet. Ist sie verhindert?“ Hinter dem nächsten Pfeiler hatte Anke alles mit angehört. Jetzt konnte sie sich nicht mehr halten vor Lachen, außerdem tat François ihr leid. „Du hast die Probe glänzend bestanden!“, rief sie und flog in seine Arme.

Der Nachmittag in Bonn beim „Parlamentarischen Arbeitskreis Mädchengeburten“ war mehr ein Gespräch unter Frauen als ein Hearing. --- „Haben Sie denn den Eindringvorgang genau untersucht“, fragte eine Ärztin. „Möglicherweise sind ja unterschiedliche Rezeptoren für die männlich und weiblich orientierten Spermien zuständig..“ Anke antwortete nicht gleich. Die Frau hatte ja Recht! Vielleicht gab es ja spezielle Rezeptoren für die feminogenen Spermien und die waren geschädigt. „Ich verstehe genug von der Materie, um zu erkennen, dass Sie uns keinen auch nur annähernd wahrscheinlichen Endtermin nennen können“, ergriff die Ärztin wieder das Wort.. „Aber ich würde es begrüßen, wenn Sie uns den frühesten Termin nennen könnten, an dem Sie eine Lösung überhaupt für möglich halten.“ Anke überlegte fieberhaft. Der Hinweis, den die Ärztin eben unbewusst gegeben hatte, würde sie auf jeden Fall weiter bringen. „Ich nehme an, dass mindestens fünf Jahre notwendig sein werden“, sagte sie mit fester Stimme. „Das deckt sich mit meinen Überlegungen“, schloss die Staatssekretärin das Thema ab.

Schließlich fragte die Präsidentin ganz direkt und sehr ernst: „Stellen Sie sich doch bitte einmal vor, Sie wären wie wir eine von den Mitbürgern gewählte Abgeordnete. Wie würden Sie aus ihrem Wissen und der auf Ihnen lastenden Verantwortung – sowohl für das Weiterbestehen des Volkes als auch für die Achtung der ethischen Grundlagen – entscheiden?“ Anke antwortete ebenso ernst: „Frau Präsidentin, ich danke Ihnen, denn diese Frage beantworten zu dürfen, stellt eine hohe Ehre für mich dar. Bevor ich Ihnen darauf antworte, möchte ich aber noch ein Argument nennen, das ich als außerordentlich ernst zu nehmende Bedrohung für den inneren Frieden unseres Landes ansehe, es wird aber bisher nur in der Literatur bewegt: Keiner Frau ist das männliche Verlangen nach geschlechtlicher Betätigung fremd. Es ist ein natürlicher Trieb und in ähnlicher Weise auch in uns angelegt. Können Sie sich die Verhältnisse vorstellen, wenn in etwa sechzehn Jahren für viele Jahrzehnte auf jede Frau hundert Männer kommen? In manchen Ländern wird man sie zwingen, laufend Kinder zu gebären. Vergewaltigt und geraubt werden sie sein. Mord und Totschlag wird es ihretwegen geben und sie werden ihr furchtbares Leben verfluchen. Sie haben mich nach meinem Votum gefragt, wenn ich in Ihrer Verantwortung zu entscheiden hätte. Nun, es lautet eindeutig ja! Ich empfehle Ihnen an dieser Stelle, und ich bin mir durchaus meiner wissenschaftlichen Verantwortung bewusst, wegen der weit überwiegenden Gefahren durch die ausbleibenden Mädchengeburten die Ehe zwischen Geschwistern nicht nur zeitlich unbegrenzt zu legitimieren, sondern die Bürger dazu ausdrücklich aufzurufen.“

Aus Kapitel 14 "Paris"                   Seitenanfang                   Literaturverzeichnis

Sven kannte ein kleines gemütliches Hotel auf der Ile de la Cité. Birgit war noch nicht da, so legte er sich aufs Bett und war bald eingeschlafen. Durch ein Klopfen wurde er wach. Auf sein „Entrez!“ öffnete sich die Tür: Birgit stand im Zimmer. „Bonjour, Monsieur“, sagte sie schelmisch und führte einen formvollendeten Knicks aus, „je suis votre femme de chambre. Vous avez besoin de moi?“ „Und ob ich dich brauche, aber keinesfalls als Zimmermädchen!“, rief Sven lachend, als er aufsprang, die Tür hinter ihr zu stieß und sie in die Arme nahm. --- Und dann spürten sie, wonach sie beide sich schon so lange gesehnt hatten, die Wärme ihrer Körper aneinander und ineinander. „Wenn es doch nie aufhören würde!“, war alles, was Birgit denken konnte. Es hörte viel zu schnell auf, denn Sven war so erregt, dass er sich nicht lange zurück halten konnte.

Birgit schlug vor, erst einmal etwas zu essen. Eng umschlungen schlenderten die beiden danach durch die ruhiger werdenden Straßen, und auf der Pont Neuf kaufte Sven seiner Braut drei lange rote Rosen. „Paris ist eine zauberhafte, eine verzaubernde Stadt“, sagte Birgit leise, „komm, lass uns unsere Liebe finden.“ Überwältigt schaute Sven zu, wie sich seine Geliebte für ihn entkleidete. Vorhin in seiner Geilheit hatte er gar keinen Blick für sie gehabt. Im warmen Licht der gedämpften Lampen bewunderte er ihren schönen Körper, zuerst mit den Augen, dann auch mit den Händen und dem Mund. Seine Finger strichen durch ihr rotgoldenes Haar und seine Zunge liebkoste ihr Ohrläppchen und ihren Hals. Seine Hände zogen zärtlich die makellose Linie ihrer Brüste nach, seine Lippen schmeckten die Himbeeren der Spitzen. Dann spielten seine Finger mit den goldenen Locken ihrer Scham und fühlten die überquellende Spalte, die sich darunter verbarg. Schließlich fühlte sie einen gewaltigen Sturm in sich aufkommen. Tiefgrün leuchteten ihre Augen, als sie die Arme zu ihm ausstreckte und leise sagte: „Komm, mein Geliebter.“ Es ist immer wieder ein Wunder, wenn zwei Menschen alle Grenzen hinter sich lassen und ihre Körper zum ersten Mal ineinander verschmelzen. Kein Dichter hat das so großartig ausgedrückt wie Christus: „und sie werden sein ein Fleisch.“

Am Morgen erwachte Sven davon, dass auf der Platane vor dem Fenster eine Amsel ihr Lied schmetterte. Neben sich hörte er Birgits gleichmäßige Atemzüge. Als er sich zu ihr hinwandte, war er überwältigt: Ihr langes rotblondes Haar floss zu beiden Seiten ihres Gesichts über das Kissen und glänzte in der Sonne wie Gold. Eine Brust schaute unter der Decke hervor. Er dachte über die vergangene wunderbare Nacht nach. Wie oft sie sich geliebt hatten, wusste er nicht, nur dass es sehr oft war, immer wieder unterbrochen von Phasen kurzen Schlafes. Aber wenn einer von ihnen wach wurde und den anderen zu liebkosen begann, war dieser nur zu gerne bereit, das Spiel wieder aufzunehmen. Der biblische Begriff vom „einander erkennen“ kam ihm in den Sinn. Ja, sie hatten sich erkannt in dieser Nacht.

Überwältigt von der Grenzenlosigkeit ihrer Liebe flüsterte Sven seiner Geliebten die wunderbaren Worte aus dem Hohelied Salomos ins Ohr:

„Siehe, meine Freundin, du bist schön!                   Siehe, schön bist du!
Deine Augen sind wie Taubenaugen,                      und dein Haar ist wie der Purpur des Königs.
Deine Lippen, meine Braut, sind wie Honigseim,    und Milch ist unter deiner Zunge.
Deine Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge,      die unter den Rosen weiden.
Dein Schoß ist wie ein runder Becher,                   dem nimmer Getränk mangelt.
Du bist allerdinge schön, meine Freundin,               und ist kein Flecken an dir.
Du hast mir das Herz genommen,                           meine Schwester, liebe Braut.
Wie schön ist deine Liebe, meine Braut,                 sie ist lieblicher denn Wein.
Wie schön und wie lieblich bist du,                         du Liebe voller Wonne!“

Beim Frühstück kam Sven eine Idee. „Was hältst du davon, wenn wir heute Abend in die Oper gehen?“, fragte er. „Grundsätzlich sehr viel, wenn es etwas gibt, was ich mag“, antwortete Birgit zweideutig. „Aber ich müsste mir noch etwas zum Anziehen besorgen. Das Kostüm ist mir zu streng und sonst habe ich nur noch ein leichtes Kleid dabei.“ „Das dürfte beides kein Problem sein“, meinte Sven leichthin, und als er angezogen war, suchte er den Patron auf und erfuhr, dass heute Abend „Hoffmanns Erzählungen“ auf dem Spielplan stünden. Bedenkenlos bestellte Sven die beiden noch verfügbaren Logenkarten. Als er Birgit von seinem leichtfertigen Kauf erzählte, jauchzte sie. „Ich liebe Offenbach und ganz besonders Hoffmanns Erzählungen.“

In den Galeries Lafayette fand Birgit schnell etwas passendes: ein schulterfreies Abendkleid in crème mit leichtem Goldbesatz. Beim Bezahlen erlebte Sven eine Überraschung. Noch ehe er die Brieftasche hervorgeholt hatte, war Birgits Kreditkarte schon durch den Leser gezogen worden. Doch Sven hatte auch seinen Stolz. Er verstand, dass sie ihre persönlichen Ausgaben – noch – selbst bestreiten wollte, trotzdem wollte er ihr eine Freude machen. Da sah er ihren nackten Hals wieder vor sich, als sie das Kleid anprobiert hatte. Das war es: da fehlte ein Schmuck. „Würdest du denn als Erinnerung an unsere erste gemeinsame Nacht von mir ein Schmuckstück annehmen?“, fragte er vorsichtig und dachte dabei: „Bitte, sag’ nicht ‚nein’.“ Irgendwie bestand schon diese wunderbare Gedankenbrücke zwischen ihnen, die Liebenden eigen ist, jedenfalls stimmte Birgit zu. Bei einem Juwelier erstanden sie einen großen, blaugrün leuchtenden Boulder-Opal an einer Goldkette, der wunderbar zu ihrem rotgoldenen Haar passte und genau ihre Augenfarbe widerspiegelte.

Der Abend in der Oper war ein Genuss. Obwohl beide leidlich französisch sprachen, verstanden sie kaum ein Wort von dem gesungenen Text, aber das war ja selbst bei deutschen Opern schwierig. Wichtig war vor allem die wunderschöne Musik. Als die Barkarole erklang, legte Birgit den Kopf an Svens Schulter und flüsterte: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie ich diese Melodie liebe. Hab Dank, mein Schatz, für den herrlichen Abend.“

Montag mussten sie beide früh aus den Federn. Jeder hatte seinen geschäftlichen Termin: Birgit im Centre Pompidou bei der Verwaltung der Kunstschätze, Sven bei der Europäischen Entwicklungsbank. Nachmittags trafen sie sich am Flughafen und flogen gemeinsam nach München. Am Marientor fiel ihnen der Abschied furchtbar schwer. Vor beiden lagen arbeitsreiche Tage. Aber sie wussten: Wenn es irgendwie ging, würden sie beieinander sein.

Aus Kapitel 15 "Norderney"                   

Als Trauspruch hatte Anke Salomos Liebesverse ausgewählt:

    „Denn die Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle.
    Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn, dass auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken.  
    Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gölte es alles nichts.“  
    Mit fester Stimme sprachen die beiden Brautleute ihr „ja“, auch François sagte es auf Deutsch.

Anke fand es an der Zeit, ihr Anliegen vorzubringen. Birgit, die noch gar nichts von dem persönlichen Experiment der beiden gewusst hatte, begriff schnell, dass es dabei um Sven ging. „Ich habe nicht das Geringste dagegen“, sagte sie frei heraus zu Anke, „wenn du ein Kind von ihm zur Welt bringst, das auch noch ein Mädchen sein soll. Ich muss sagen, je länger ich über dein Gelübde nachdenke, um so toller finde ich es und um so mehr steigst du in meiner Achtung.“ Anke war froh und erklärte Birgit, dass sie nur etwas Sperma von Ihrem Bruder brauche, aus dem der feminogene Teil selektiert und ihr eingespritzt würde. Birgit überlegte. „Ich möchte euch eine Freude machen“, sagte sie zögernd, denn sie war sich nicht ganz sicher, ob ihre Worte vielleicht zu freizügig waren. „Da ich meine, dass die Zeit der Selbstbedienung für Sven vorbei sein sollte, lasst mich ihm den Samen abnehmen. So wird es auch ein bisschen meine Tochter.“

Jetzt saßen Anke und François im Flugzeug nach Toronto. Anke war fest davon überzeugt, dass der von ihr genannte Termin für das auslösende Ereignis stimmte. Irgendwo musste da eine Verbindung sein. François sah sie an. Er ahnte, wo ihre Gedanken waren. „Schatz“, sagte er und legte die Hand auf ihr Knie, „lassen dich die kleinen Fliegen nicht los?“ Als Anke ihm von ihren Gedanken berichtete, wurde er nachdenklich. „Wir könnten unsere Ferien um einen halben Tag verschieben und vorher in der Redaktion das Archiv durchsuchen. Wenn du den Termin genau weißt, habe ich in einer Stunde alle Ereignisse dieses Tages zusammen, über die in irgendeinem an das Datensystem angeschlossenen Medium berichtet worden ist.“ --- Wie François versprochen hatte, konnten sie gleich nach der Ankunft in Toronto seitenweise Nachrichten aus Zeitungen und Funkmedien der ganzen Erde auf dem Bildschirm betrachten. „Das könnte es sein!“, rief François plötzlich und zeigte Anke die kurze Nachricht einer Presseagentur, die kaum eine Zeitung gedruckt hatte:

„Bagdad, 02. 04. 1992. Geheimes irakisches Chemielabor explodiert.

Zehn Minuten, bevor die Inspektoren der Vereinten Nationen gestern ein bisher nicht bekanntes Chemielabor bei Amorkam, 70 km südlich von Bagdad, besichtigen wollten, flog das gesamte Gebäude in die Luft. Die Inspektoren hatten eine Information erhalten, dass dort Versuche ausgeführt würden, ein in Deutschland neu entwickeltes, biologisches Schädlings-Bekämpfungsmittel in eine Giftwaffe umzuwandeln, und einen überraschenden Besuch geplant. Offenbar hat die irakische Regierung das noch rechtzeitig vor dem Besuch erfahren. Die Sprengung deutet darauf hin, dass hier um jeden Preis ein Geheimnis gewahrt werden sollte. Die Zerstörung war so gründlich, dass die Inspektoren keinerlei Anhaltspunkte, weder über die eingesetzten Ausgangsstoffe noch über das Zielprodukt finden konnten.“

Anke schluckte vor Aufregung: „Das ist es!“, rief sie. François hatte die Meldung schon auf den Drucker gelenkt und einen Moment später gab er ihr das Blatt in die Hand. „Weißt du, dass ich jetzt eigentlich unseren Urlaub absagen und an die Arbeit gehen müsste?“, wandte Anke sich traurig an ihren Mann. „Ich habe schon so etwas geahnt“, gab er schmunzelnd zurück, „und mir deshalb überlegt, wie wir beides miteinander vereinen können. Ich glaube, es wird auch dir gefallen:“ Anke sollte Jennifer die Nachricht per Fax schicken und er würde einen Kollegen auf die Sache ansetzen.

Als die beiden nach den Tagen im Norden Jennifer besuchten, wusste diese schon mehr: François’ Kollege hatte einen der Inspektoren ausfindig gemacht, der vor anderthalb Jahren vor dem in die Luft gesprengten Labor gestanden hatte. Er berichtete, dass einer von ihnen Boden- und Baumaterialproben mitgenommen hatte. Es handelte sich um ein noch nicht zum Verkauf freigegebenes Produkt des deutschen Chemiemultis CHEMOTEC, das Brom in Verbindung mit Kohlenwasserstoff-Verbindungen enthält und die Fruchtbarkeit bestimmter Insekten reduzieren soll. Anke atmete tief auf, als sie den Bericht der Freundin hörte: Der Kreis hatte sich geschlossen, nicht zuletzt durch ihre Hartnäckigkeit. Wegen der bevorstehenden Abstimmung im Bundestag mussten sie noch am Nachmittag zurück fliegen.

                                Aus Kapitel 16 "Entscheidung"                                                                          

Für die entscheidende Abstimmung im Bundestag am 2. Juni hatte François seiner Frau einen Presseausweis besorgt. Zwischen Presseleuten und Fernsehkameras saß sie neben ihm und erlebte zum ersten Mal eine Bundestagssitzung live. Nun, sie hatte ja auch einen beträchtlichen Anteil an dem, was da verhandelt wurde. Der erste Paragraph des Gesetzes enthielt eine ersatzlose Streichung des § 173 im Strafgesetzbuch sowie die zunächst auf fünf Jahre begrenzte ausdrückliche Legitimation der Eheschließung und der künstlichen Befruchtung zwischen Geschwistern über 18 Jahren. Geschlossene Ehen sollten auch nach dieser Zeit unbegrenzt gültig bleiben. Im zweiten Paragraphen wurde die Verpflichtung zu regelmäßigen Untersuchungen und einem jährlichen Bericht der Regierung festgelegt, wie sie in der Präambel genannt waren. Bei der Abstimmung bekam die Gemeinschaftsvorlage der Frauen eine Mehrheit von fast 70 Prozent.

Da Anke zwei Tage nach der Sitzung ihren Eisprung erwartete, hatte sie im Institut in Berlin alles vorbereitet. Birgit und Sven waren aus München gekommen, sie erhielten einen Glasbecher und verschwanden im Nebenraum. Nach einer Weile kamen sie eng umschlungen mit dem Behälter voll weißlicher Flüssigkeit zurück. Fasziniert beobachteten Birgit und Sven die Keimzellen in vieltausendfacher Vergrößerung auf dem Monitor. Für Birgit war dieses Bild neu und überwältigend. „So sehen sie also aus, die immer wieder aus ihm heraus in meinen Leib strömen?“, dachte sie. Sven bemerkte ihre Rührung und strich ihr mit der Hand über die Wange. Als Anke fühlte, wie der Samen ihres Bruders eingespritzt wurden, lächelte sie François an, der ihre Hand hielt.

 „Was für eine Frau“, sagte Birgit anerkennend, sie hatte noch das Bild von Svens Spermien auf dem Monitor vor Augen. Und dabei fiel ihr ein, was sie während der Hektik der letzten Wochen gar nicht bemerkt hatte: Ihre Regel war seit einer Woche überfällig. Schon am nächsten Tag wusste sie Bescheid: Sie war schwanger! Die Welt stürzte über ihr zusammen, als der Teststreifen den Befund anzeigte. Sie wusste gar nicht, wie sie Sven die Nachricht beibringen sollte. Das Kind war von ihm, das war völlig klar, aber würde er das glauben? ---

Wie ein Häufchen Unglück saß sie Sonntag in seiner Wohnung vor der Bouillabaisse, die er gekocht hatte, und wusste nicht, wie sie beginnen sollte. Sven merkte, dass etwas nicht stimmte und drang in sie, es ihm zu sagen. „Willst du dich von mir trennen?“, fragte er schließlich voller Angst. „Nein, natürlich nicht“, antwortete sie erleichtert. Seine Frage hatte ihr Mut gemacht, und ängstigen wollte sie ihn nicht, dafür liebte sie ihn viel zu sehr. „Es ist nur, ... ich, ... nein wir bekommen ein Kind.“ Ein Schrecken durchfuhr Sven: Seine Freiheit war beendet! Erst allmählich fiel ihm wieder ein, wie er sich um Birgit bemüht hatte, mit welcher Behutsamkeit es ihm gelungen war, sie für sich zu gewinnen. Das hatte doch einen Grund gehabt! War er nicht bereit gewesen, sich ihr mit Haut und Haaren zu geben? Nun gut, sie hatten ein Kind gezeugt, zwar ungewollt, aber doch in tiefer Liebe. Mit einem Jubelruf sprang er auf und nahm sie in die Arme. „Das ist das Schönste, was du mir je erzählt hast!“, rief er und tanzte mit ihr durch das Zimmer.

Auch Anke Yuconda wusste etwas später, dass die künstliche Befruchtung geklappt hatte und sie schwanger war. So bald wie möglich ließ sie eine Fruchtwasseruntersuchung vornehmen: In ihr wuchs ein Mädchen heran. Sie rief Sven an, um ihm die freudige Nachricht mitzuteilen, und wieder war er es, der eine ebenso freudige Nachricht für sie hatte. Auf ihre indiskrete Frage, ob sie das Kind geplant hätten, antwortete er: „Natürlich nicht! Aber ich freue mich wahnsinnig darüber.“

François’ Kollegen war es gelungen, den UN-Inspektor aufzufinden, der damals nach der Explosion die Proben genommen hatte und gegen eine reichliche „Spende“ aus dem Geheimfond der INGENETIC trat er die Hälfte davon an Jennifers Labor ab. Die deutsche Firma CHEMOTEC hatte das Produkt BCH345, eine Brom-Kohlenwasserstoff-Verbindung als befruchtungshemmendes Kontaktgift für Insekten entwickelt und war noch dabei, es zu testen, als die Iraker auftauchten und sofort tausend Kilogramm des Mittels orderten. Durch Zufall erfuhr die CHEMOTEC, dass das Material in ein Chemielabor bei Amorkam gebracht worden sei. Die Nachricht von der Explosion des Labors wenige Minuten vor der Inspektion war von der CHEMOTEC mit großer Besorgnis aufgenommen worden. Man ahnte, dass die Iraker das Mittel in eine Richtung verändert hatten, die nicht an die Öffentlichkeit dringen durfte. Als dann ein paar Wochen später das „Problem“ offenbar wurde, wusste die Führung der CHEMOTEC, was die Glocke geschlagen hatte und ging auf Tauchstation.

Anke berichtete Heinz von Gassner über den Fall und dass sie an dieser Stelle nicht weiter kämen. Am nächsten Tag rief er sie strahlend zu sich: „Ich habe den Vorstandsvorsitzenden der CHEMOTEC angerufen“, erzählte er schmunzelnd, „und ihm auf den Kopf zugesagt, dass sein Laden für das ,Problem’ verantwortlich sei und ihm gedroht, die Presse über ihre Beteiligung an der Angelegenheit zu informieren, wenn er nicht umgehend für Forschungszwecke die Zusammensetzung des Mittels heraus rückt. Gegen eine Zusage, Mitarbeiter der CHEMOTEC an den weiteren Aufklärungsarbeiten zu beteiligen, hat er dann die Formel für das Produkt ‚BCH345’ heraus gerückt.“ Das Ergebnis der Proben vom Explosionsort war für alle überraschend: Neben den bekannten Bestandteilen des BCH345 enthielten die Proben einen beachtlichen Anteil Arsen! Bei der genauen Mikrospektralanalyse zeigte sich, dass es in fußballförmigen sechzigatomigen Kohlenstoffmolekülen eingeschlossen war. Das Arsen mussten die Iraker wissentlich hinzugefügt haben, nur wusste keiner der Forscher, zu welchem Zweck.

Aus Kapitel 18 "Erfolg"                 

Drei Wochen zu früh setzten bei Anke die Wehen ein. Als das kleine Köpfchen sichtbar wurde, traute François seinen Augen nicht. Blauschwarze Haare zeigten ihm ganz klar: Das war sein Kind! Eine Welle der Dankbarkeit durchflutete ihn, aber dann dachte er an Anke. Wie enttäuscht würde sie sein, kein Mädchen geboren zu haben. Seine Sorge war unbegründet. Fünf Minuten später lag ihre gemeinsame Tochter in Ankes Armen. Beide konnten ihr Glück überhaupt nicht fassen. Sie hatten ein Kind miteinander und es war ein Mädchen! Anke rief Sven an, doch weder er noch Birgit waren erreichbar, denn auch die Münchener befanden sich in der Entbindungsklinik. Sven sah als erstes ein goldblondes Köpfchen und hörte einen Moment später einen überraschten Ruf der Hebamme. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte er besorgt. Doch die weise Frau beruhigte ihn, es sei sogar alles in bester Ordnung. Erst als sie das Baby abgenabelt hatte und es zeigte, erkannte er das Wunder. Feierlich sagte die Hebamme: „Ich gratuliere Ihnen beiden ganz herzlich. Sie haben ein Mädchen bekommen.“

Natürlich interessierte es Anke brennend, das Geheimnis ihrer Tochter zu ergründen. Sie dachte noch einmal nach, wo sie sich am Tag des auslösenden Ereignisses aufgehalten hatte. Am 1. April, ihrem 32. Geburtstag und dem Tag des Ereignisses war sie nach Berlin zurück geflogen. In einer künstlichen Atmosphäre, genau wie der zweite der normal fertil gebliebenen Fliegenstämme, hatte sie gar keine Möglichkeit gehabt, die zwar weltweit, aber offenbar nur kurzzeitig aufgetretene Einwirkung in sich aufzunehmen. Mit einem Mal war sie für die weiteren Lösungsversuche des „Problems“ interessant geworden. Die Forscher suchten ja immer noch nachweislich ungeschädigte Frauen. Sie würde also ihre nächsten nach der Entbindung normal gereifte Eizellen für zwei Dinge zur Verfügung stellen.

Die Versuche brachten genau die von ihr prognostizierten Ergebnisse. Durch den Vergleich mit Ankes ungeschädigten Eizellen war es jetzt möglich, die halogenierten Kohlenwasserstoffe in den Rezeptoren der anderen Frauen zu isolieren und genau zu analysieren: Wie die Proben des UN-Inspektors enthielten sie geringe Mengen Arsen. Die katastrophalen Auswirkungen, die sich auf der ganzen Erde als Sperre der Eizellen gegen feminogene Spermien niedergeschlagen hatten, mussten von dieser Arsenbeigabe herrühren. Nach vier Wochen intensiver Arbeit hatten Anke und Tom mit weiteren Mitarbeitern der INGENETIC eine Substanz gefunden, die den Makrophagen ihre ursprüngliche Fähigkeit wiedergab, nach der Aufnahme eines Fremdkörpers abzusterben und das Blut mit dem Stoffwechsel zu verlassen, so dass die Eizellen mit funktionsfähigen Rezeptoren reifen konnten.

Einen Monat nach der Geburt der ersten zehn Mädchen aus der Versuchsserie berief die INGENETIC zum 1. 4. 1995 eine internationale Pressekonferenz ein. Nach einer Begrüßung durch die Geschäftsführung nahm Jennifer das Wort und fasste die Forschungsaktivitäten Institut zusammen. Sie schloss mit den Worten: „Meine Damen und Herren, wir können Ihnen heute die freudige Mitteilung machen, dass zwei hervorragende Forscher an meinem Institut das ‚Problem’ der ausbleibenden Mädchengeburten drei Jahre nach seinem Entstehen gelöst haben.“

Dann erhielt Anke das Wort. Sie berichtete über ihre Arbeiten und Überlegungen, die vor zwei Jahren zum Vorschlag der Geschwisterzeugung geführt hatten. Dann erzählte sie von der Analyse des Störfaktors und wies der auf die zehn Mütter hin, die ihre Babys hochhielten: „Hier sehen Sie zehn lebende Beweise dafür, dass wir mit großer Wahrscheinlichkeit eines der gravierendsten Probleme der Menschheit gelöst haben. Mögen aus diesen zehn glücklichen Müttern in den nächsten Jahren Hunderte von Millionen auf der ganzen Erde werden.“ Tosender Beifall erfüllte den Saal. Nach einer Reihe von Fragen erhob sich François: „Frau Professor Yuconda, es gibt Gerüchte, dass Sie in den letzten Jahren mehrfach Ihren eigenen Körper für Experimente zur Erforschung des ,Problems’ zur Verfügung gestellt haben. Entsprechen diese Gerüchte den Tatsachen?“, sagte er schmunzelnd. Mit fester Stimme antwortete Anke sie: „Sie entsprechen den Tatsachen, Herr Chefredakteur Yuconda.“ „Ist Ihr persönlicher Einsatz für die Menschheit bisher in irgendeiner Weise anerkannt worden?“, fragte François weiter. „Nein und ja, Herr Chefredakteur Yuconda“, gab Anke zurück. „Von öffentlicher Seite habe ich bisher dafür keine Anerkennung erhalten. Dafür habe ich bei meinem Mann immer wieder die größte Anerkennung gefunden, die sich eine Frau nur wünschen kann. Ohne seinen Großmut bei meinem körperlichen Einsatz und seine stetige Anerkennung hätte ich diese Arbeit mit Sicherheit nicht so erfolgreich durchführen können.“

Ein Jahr später brachte Anke einen Jungen zur Welt, der rotblonde Haare hatte und ihrem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten war. Doch sie wusste genau, dass François sein Vater war. Trotzdem nannten sie ihn Sven. Die Zahl der Mädchengeburten verbesserte sich stetig, in Europa, Amerika und Nordasien auf 1 : 2, in Afrika und Indien auf 1 : 5.

Kurz darauf erhielt Anke die Nachricht, dass der diesjährige Nobelpreis für Medizin an sie und Tom Peters vergeben worden sei. Zur Preisverleihung in Stockholm war auch Heinz eingeladen worden. „Ich glaube, deine Entscheidung, in Kanada zu bleiben, war richtig. Mit dem Preis kannst du auch in zehn Jahren noch überall etwas werden“, sagte er stolz zu Anke. „Dasselbe hat François gesagt, als ich die Nachricht erhielt“, lachte Anke den väterlichen Freund an. Der verriet nicht, dass er sie für den Preis vorgeschlagen hatte. Ihm war ja erst vor kurzem klar geworden, dass er sie in der ganzen Zeit nicht nur als Studentin und Kollegin geachtet, sondern auch als Frau verehrt hatte, eine ganz einzigartige Frau zwar, aber eben genau so wie ein Mann eine Frau verehrt. Doch das würde nie jemand erfahren.

Epilog

Verherrlicht diese Geschichte den Inzest?
Die Geburt des Mädchens Nadjuri und der Ausgang der Geschichte beweisen das Gegenteil.

Der Inzest als das einzige noch weltweit gültige Tabu (das Tabu „Mord“ wird durch die Todesstrafe und jeden Krieg entwertet) wird lediglich als literarisches Mittel benutzt, die Gewissensqualen der Verantwortungsträger angesichts einer verzweifelten Situation darzustellen, in der das bisher Undenkbare die einzige Rettung zu sein scheint. Es ehrt diese Verantwortungsträger, derartige Gewissensqualen durchzustehen, für welche Lösung sie auch immer sich entscheiden.

Das unreflektierte Ablehnen einer fraglichen Lösung allein aus „ethischen“ Gründen ist eine bequeme Flucht vor der Verantwortung.

Seitenanfang                            Literaturverzeichnis