Ernst-Günther Tietze: "Chinesische Heilkunst", Leseproben 

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                                                Prolog                Literaturverzeichnis

TCM, die traditionelle Chinesische Medizin ist ein Jahrtausende alter Wissensschatz, der bisher von der westlichen Medizin belächelt und vernachlässigt wurde. Natürlich kann mit dieser Medizin kein Beinbruch geheilt werden, aber die allgemeinen Heilungschancen lassen sich auch in diesem Fall mit der Chinesischen Medizin wesentlich verbessern. So bietet die Pflanzenheilkunde ein wertvolles Gegengewicht zur ausschließlich chemiebasierten Heilkunde des Westens mit ihren oft unverantwortlichen Nebenwirkungen und die Akupunktur wird inzwischen weltweit angewandt. Doch die wertvollen weiteren Erkenntnisse der chinesischen Medizin sind in unseren Breiten weitgehend unbekannt.

In diesem Roman werden zwei junge Ärzte beauftragt, Lehrstühle für die Traditionelle Chinesische Medizin an ihren medizinischen Fakultäten aufzubauen. Die Ärztin ist eine chinesisch-stämmige Amerikanerin und der Arzt ein Deutscher aus Leipzig. Bei einem Symposium mit chinesischen Fachärzten in San Francisco lernen sie sich kennen und finden persönlich zueinander. In einem sechswöchigen Studium an der Universität für Chinesische Heilkunde in Peking werden sie mit den wissenschaftlichen Grundlagen dieser Medizin vertraut.

Die zwischen ihnen entstandene Bindung erleichtert ihnen danach den Aufbau ihrer weitgehend identischen Lehrstühle, Doch als sie ihre Aufgabe weitgehend erfüllt haben, verhindert der Ausbruch des Corona-Virus den Beginn des Lehrbetriebes. Darauf entschließen sie sich, zu heiraten und die TCM vorläufig in einem eigenen Institut zu praktizieren.

 

                                        Aus Kapitel 1 "Auftrag"     

Um 9 Uhr stand eine junge Asiatin an meinem Tisch und reichte mir freundlich die Hand. Sie stellte sich als Dr. Li-Ming Ziyang vor und wollte mich zur Besichtigung der Fakultät abholen. Ich war froh, dass ich gut Englisch konnte und dadurch im Gespräch mit ihr keine Probleme hatte. Die Frau gefiel mir, sie hatte ein hübsch geschnittenes fröhliches Gesicht, war groß und schlank mit kleinen Brüsten und bei näherem Hinschauen nicht so jung, wie ich sie zunächst eingeschätzt hatte, sondern wohl nur etwas jünger als ich. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie links in einem Zopf gebündelt, bekleidet war sie mit einem roten Hosenanzug, dessen Oberteil eine vorn hochgeschlossene Bluse bildete, und gleichfarbigen Slippern. Am rechten Ohr trug sie einen langen goldenen Hänger mit einem großen Stein, der wie ein Rubin aussah und auf dem linken Ringfinger einen breiten Goldring mit chinesischen Schriftzeichen. Sie setzte sich mit an den Tisch und bestellte sich auch eine Tasse Kaffee.

Ich fragte sie, ob sie sich schon mit der chinesischen Medizin beschäftigt habe. Lachend antwortete sie: „Ich bin eine geborene Chinesin und meine Eltern praktizieren dort beide in der medizinischen Lehre. Dadurch habe ich diese Art von Medizin schon mit der Muttermilch aufgesogen und mich ständig damit beschäftigt. Leider hält man hier im Westen nicht viel von dieser heilbringenden Fachrichtung, im Studium habe ich hier in San Francisco nicht die Bohne davon gehört. Zum Glück konnte ich Dr. Saurach dafür interessieren und wir haben gemeinsam das Symposium in die Wege geleitet. Ich bin gespannt, wie das bei meinen Kollegen ankommt und freue mich, dass Sie dazu eingeladen wurden.“

Dienstag saß ich noch beim Frühstück, als Frau Dr. Ziyang sich zu mir setzte und eine Tasse Kaffee bestellte, sie freue sich, mich zu sehen, sagte sie und wollte wissen, ob ich gut geschlafen hätte. Als ich das bejahte und ihr dieselbe Frage stellte, sagte sie plötzlich: „Mein Vorname ist Li-Ming, das bedeutet ‚Die Strahlende‘ und ich denke, wir kennen uns inzwischen gut genug, dass wir die förmliche Anrede lassen können.“ Da es in Amerika üblich ist, sich mit dem Vornamen zu siezen, wusste ich immer noch nicht, wie persönlich diese Worte gemeint waren, doch brav nannte ich meinen Vornamen Reinhard und buchstabierte ihn. Da spürte ich plötzlich ihre Zunge auf meinen Lippen.

Nach der Begrüßung der Teilnehmer und einem Dank, dass sie sich für dieses Symposium Zeit genommen hätten, stellte Dr. Saurach die beiden chinesischen Wissenschaftler als bekannte Professoren der TCM-Universität in Peking und ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der weltweit bekannten chinesischen Heilkunde vor. „Als Ärzte und Medizinwissenschaftler haben wir die Plicht, unseren Patienten die besten Möglichkeiten zur Heilung ihrer Leiden zu bieten und dürfen kein Teilgebiet nur deshalb ignorieren, weil unsere Ausbildung es uns nicht nahegebracht hat oder es aus einem anderen Erdteil kommt. Deshalb habe ich diese beiden Herren gebeten, uns einen Einblick in ihr Fachgebiet zu geben.

Danach übergab er das Wort an einen der beiden Gäste. Dieser schon etwas ältere Herr hatte auf einem Tisch vor dem Katheder eine Anzahl verschiedene Pflanzenteile ausgebreitet, dazu gehörten Wurzeln, Rindenstücke, Blüten, Stängel und Blätter. Dann begann er in ausgezeichnetem Englisch zu sprechen:

„Die mehrere tausend Jahre alte chinesische Heilkunst beruht auf mehreren Fachrichtungen:

1.    Kräuterheilkunde,
2.   
Akupunktur,
3.   
Tuina-Massage,
4.   
Qi Gong,
5.   
Nährmittelkunde.

Wir bräuchten viele Jahre, um uns mit allen Gebieten zu beschäftigen, deshalb zeigen wir Ihnen an diesen drei Tagen nur die Kräuterheilkunde, auch Arzneimitteltherapie genannt, als wichtigste Säule unserer Heilkunst. Die Akupunktur ist zwar auch eine wesentliche Säule, aber bei Ihnen schon gut bekannt und fundiert. Dagegen ist die Kräuterheilkunde noch weitgehend unbekannt und wir haben mit Dr. Saurach vereinbart, das Symposium dieser Wissenschaft zu widmen. Seit zweitausend Jahren erweisen Pflanzenteile wie Wurzeln, Rinden, Blüten, Stängel und Blätter ihre heilende Wirkung, was wir Ihnen an diesen Tagen vorführen wollen.

Eine Rezeptur in der Kräuterheilkunde besteht aus einer Mischung mehrerer Arzneimittel und wird nach intensiver Diagnose durch den Arzt individuell auf den Patienten und seine Krankheitssituation abgestimmt, dabei ergänzen und unterstützen die kombinierten Arzneimittel sich in ihrer Wirkung. Behandelbar mit chinesischer Medizin sind außer Knochenbrüchen nahezu alle Krankheiten, wobei auch bei ihnen Kräuter die Heilung beschleunigen können.

In der zweiten Unterrichtseinheit erläuterte der Redner seine übrigen Präparate und immer wieder gab es erstaunte Rückfragen aus dem Auditorium, weil viele nur die pharmazeutische Chemie gewohnten Ärzte sich nicht vorstellen konnten, welche Heilwirkungen mit einfachen Pflanzen zu erreichen sind. Nach dem Ende der Vorlesung um 18 Uhr verließ Dr. Saurach mit den Vortragenden den Saal, aber viele Zuhörer diskutierten noch untereinander das Gehörte. Dabei zeigte sich, dass die Zahl der Ablehnenden sichtbar zurückging.

Ich schlief unruhig und war noch ziemlich durcheinander, als der Wecker um 7 Uhr klingelte. Wie an den beiden letzten Tagen kam Li-Ming an meinen Tisch, aber bevor sie sich setzte und eine Tasse Kaffee bestellte, gab sie mir einen leichten Lippenkuss. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen“, meinte sie lächelnd, worauf ich erwiderte, dass ich nach dem aufregenden Abend eine Weile gebraucht hätte, um einzuschlafen, denn ich hatte lange an sie denken müssen. „Das ist mir genauso gegangen“, gab sie zu, „aber jetzt müssen wir los.“ Wir fuhren ein Stück, bis sie an einer einsamen Stelle den Wagen anhielt und sich zu mir beugte, endlich konnten wir uns richtig küssen und taten es ausgiebig. Erst nach einer Weile startete sie den Wagen wieder und fuhr uns zum Vorlesungsgebäude, wo Dr. Saurach und die beiden Chinesen schon beim Pult saßen und die Zuhörer allmählich eintrudelten.

Der zweite der beiden chinesischen Wissenschaftler begann sein Referat mit den Eindrücken, die der Arzt zunächst vom Patienten und seiner Krankheit gewinnen muss, um die richtige Mischung der Heilmittel zusammen zu stellen. Dafür nutzt er:

      1.    Sehen,
2.    Hören,
3.   
Fühlen,
4.   
Riechen.

An Beispielen erklärte er, wie der Arzt aus diesen Eindrücken das spezifische Leiden erkennen und die richtige Rezeptur herausfinden kann. Natürlich könne man keine gebrochenen Beine oder andere Verletzungen mit den beschriebenen Planzenteilen heilen, aber sehr wohl die Heilung beschleunigen, sagte er.

Im großen Saal waren die Tische festlich gedeckt und die Speisekarte versprach ein vorzügliches Menü mit Vor-, Haupt- und Nachspeise und guten Weinen nach Wahl. Anschließend spielte eine kleine Kapelle zum Tanz. Da zum Auditorium auch viele weibliche Zuhörer gehörten, war die Tanzgesellschaft gut gemischt und die Beine wurden kräftig geschwungen. Nachdem Dr. Saurach den ersten Tanz mit Li-Ming absolviert hatte, durfte ich sie in die Arme nehmen und musste sie nur gelegentlich an andere Tänzer abtreten. Sie tanzte wie eine Feder, wir kamen immer enger zusammen und meine rechte Hand drückte ihre Pobacken, dann streichelte ich vorsichtig ihre kleinen Brüste durch die Bluse. Li-Ming atmete immer heftiger, schließlich zog sie mich in eine etwas dunklere Ecke, drückte ihre Lippen auf meinen Mund und ich antwortete sofort, so dass unsere Zungen einen wilden Tanz aufführten. „Du bist verrückt“, sagte sie, als wir wieder zu Atem kamen. Ich hatte durch die Küsse und Streichelei eine Erektion bekommen, die Li-Ming grinsend zur Kenntnis nahm. „Ganz schön high“, lachte sie und fuhr mit der Hand über meinen Ständer, „aber das müssen wir uns noch eine Weile aufbewahren. Jetzt tanzen wir erst mal weiter.“ Beim weiteren Tanzen ließ sie sich gerne mein Streicheln von Po und Brust gefallen, aber ich sah mich vor, nicht weiter erregt zu werden.

Mitten in der Nacht fühlte ich einen warmen Körper eng an mir. Ich war noch gar nicht richtig wach, als mein schnell steif gewordener Penis in ihre warme Höhle glitt. Unwillkürlich bewegte ich mich, bis es mir kam und Li-Mings Körper an mir bebte, wobei ich einen leichten Schrei hörte. Dann geschah nichts mehr, ich vernahm nur ruhige Atemzüge und schlief nach einer Weile auch wieder ein.

Li-Mings Wohnzimmer war mit Teppichen und Sitzkissen im chinesischen Stil sehr gemütlich eingerichtet. Zwei Bilder an den Wänden begeisterten mich, eines zeigte eine rote Blüte, das andere eine größere Blume mit Blättern, beides in vollendeter Schönheit und es waren keine Drucke, sondern echte Aquarelle. Mit einer Handbewegung lud Li-Ming mich ein, auf einem Sitzpolster an einem niedrigen Tisch Platz zu nehmen. „Jetzt brauche ich erst mal einen Cognac“, sagte sie und schenkte zwei Schwenker voll. Beim Anstoßen blickten wir uns innig in die Augen und nachdem wir ausgetrunken hatten, führte sie mich mit den Worten: „Und nun komm, wir müssen unser Zusammensein jetzt zum ersten Mal ganz bewusst feiern, letzte Nacht haben wir es ja nur geträumt“, ins Schlafzimmer

Am nächsten Tag weiter kamen wir in der Stadt an einer großen Kirche mit zwei Türmen vorbei, die mich interessierte. „Das ist die Grace Cathedral der Bischofsdiözese von Kalifornien“, klärte meine Stadtführerin mich auf und ich bat sie, mit mir hineinzugehen.  Da hatte ich das Bedürfnis, hier Gott für die Frau neben mir zu danken, ich setzte mich in eine Bank und faltete die Hände. Bewegt setzte sich diese wundervolle Frau neben mich und als ich die Hände wieder öffnete, fragte sie leise: „Bist du ein gläubiger Christ?“ Ich antwortete: „Ich bin zwar protestantisch getauft und konfirmiert worden, doch habe ich Christus nie als Gott gesehen, sondern als begnadeten Prediger der Liebe zu den Menschen. Die Kirche mit ihren rituellen Gottesdiensten gibt mir nichts und Gott ist für mich nicht ein alter Herr im Schlafrock, aber ich sehe ihn als ein unbegreifliches überirdisches Wesen, das die menschlichen Schicksale nicht aktiv bestimmt, sondern uns nur Chancen bietet, die wir ergreifen oder vernachlässigen können. Ich habe das immer wieder in meinem Leben erfahren und die Chancen gerne wahrgenommen. Die letzte Chance bisher ist die Liebe zu dir, die ich sofort ergriffen habe.“

Da umarmte mich die Geliebte und küsste mich herzlich trotz der heiligen Umgebung. Dann sagte sie stockend: „So intensiv habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht, ich habe nur das Leben so genommen, wie es kam. In meiner Heimat ist ja jegliche Religion verpönt, trotzdem haben meine Eltern mich mit den Grundlagen des Buddhismus vertraut gemacht, der ja auch eine Religion der Liebe zu den Menschen ist. Den Glauben an ein höheres Wesen gibt es in unterschiedlichster Weise auf der ganzen Welt, auch ich bin überzeugt, dass es dieses Wesen gibt, habe aber noch nie zu ihm gebetet. Deine Theorie mit den Chancen finde ich gut, und wenn ich mein Leben betrachte, wurden auch mir immer wieder solche Chancen geboten. Hätte ich sie nicht ergriffen, wäre ich jetzt nicht hier und mit dir zusammen. Ich bin dir dankbar, dass du mir einen wichtigen Teil deiner Seele offenbart hast, wir sollten noch öfter über dies Thema sprechen.

Ich hatte mich ja über den Auftrag gefreut, an dem Symposium teilzunehmen, aber die mögliche Zukunft nicht so klar gesehen wie meine Freundin. „Ich muss sehen, was an meiner Universität aus der Reise gemacht wird“, antwortete ich nachdenklich. „Wenn du Recht hast, sollten wir auf jeden Fall so viel wie möglich gemeinsam unternehmen. Für unsere Liebe wäre das bestimmt sehr positiv. Sobald ich Näheres weiß, gebe ich dir Bescheid und wir können dann weiter planen.“ Li-Ming hatte sich schon eine Strategie zurechtgelegt, wie sie vorgehen wollte und ich fand sie gut. Nach einigen Vorbereitungen hier wollte sie in spätestens vier Wochen für eine Weile nach China reisen und würde sich freuen, wenn ich sie begleiten könnte. „Das könnte für mich etwas zu schnell sein“, wand ich ein, „aber ich werde gleich übermorgen versuchen, Klarheit zu bekommen.“ „Das sollte erst mal genügen“, meinte meine Strahlende, „ich werde dich jetzt zum Flughafen bringen. Dort können wir ein vorerst letztes Mal gemeinsam essen und dann werde ich dich am Gate abgeben.“ Wir hatten ein gutes Menü und küssten uns danach am Gate voller Leidenschaft, dann waren wir getrennt.

Aus Kapitel 2 "Konzept"

 Im Flieger dachte ich über diese aufregende Woche nach. Ich hatte nicht nur viel über die chinesische Medizin gelernt, sondern, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte, eine liebevolle kluge Frau gefunden, die ich mir innig als Gefährtin für mein weiteres Leben wünsche. Beruflich haben wir dieselben Interessen, sie ist zwar eine geborene Chinesin, aber voll in der westlichen Kultur angekommen und hat eine interessante Aufgabe. Ich kann mir eine intensive Zusammenarbeit mit ihr vorstellen, wenn ich meinen Chef überzeugen kann, auch bei uns eine Abteilung für chinesische Medizin aufbauen zu lassen, hoffentlich unter meiner Leitung. Um die Zeit im Flieger für den Bericht zu nutzen, nahm ich mir mein Tablet vor und hatte bis Frankfurt ein brauchbares Konzept für den Bericht zusammengestellt, das ich nur noch mit Einzelheiten erweitern muss. „Wie schön wäre es, wenn ich mit Li-Ming in China weiter forschen könnte“, dachte ich, als der Flieger an die Rampe rollte, „heute Nachmittag mache ich den Bericht fertig und morgen lege ich ihn Professor Baumann vor.“

„Wie meinen Sie denn, können wir Ihre Erfahrungen bei uns nutzen?“, wollte Professor Baumann wissen. Das war Wasser auf meine Mühle. „Ich habe ja nur einen kleinen Einblick in ein Teilgebiet der chinesischen Medizin gewonnen“, sagte ich bescheiden, „aber ich halte diese Medizin für so wertvoll, dass wir sie bei uns aufnehmen sollten. Ihr Freund in San Francisco hat nach dem Symposium schon eine Mitarbeiterin mit dem Aufbau eines solchen Lehrstuhls beauftragt. Sie ist eine chinesisch-stämmige Amerikanerin, die mich an diesen Tagen betreut hat, und als nächstes in China die Grundlagen für eine solche Abteilung eruieren will.“ „Interessant“, meinte er, „verfolgen Sie doch bitte diese Idee weiter.“

Jetzt musste ich ein Konzept für die Einführung der chinesischen Medizin an unserer Fakultät entwerfen und fand fünf Punkte:

      1.    Was,
2.   
Wie,
3.   
Wann,
4.   
Wo,
5.   
Warum

Beim „Was“ entschied ich mich zunächst für die beiden verständlichsten Teilgebiete, die Kräuterheilkunde und die Akupunktur und nahm mir zur Begründung das „Warum“ vor. Die Kräuterheilkunde begründete ich damit, dass die Pharmaindustrie inzwischen in großem Umfang nach natürlichen Heilmitteln sucht, um sie in ihre Produktpalette aufzunehmen. Die Akupunktur wird in Europa bereits vielfach und erfolgreich praktiziert, aber das geschieht weitgehend intuitiv, die wissenschaftliche Grundlage aus der genauen Kenntnis der Körpermeridiane fehlt. Diese Kenntnis ist nur durch intensives Studium bei chinesischen Ärzten zu gewinnen. Für das „Wie“ schlug ich ganz klar einen neuen Lehrstuhl für chinesische Heilkunst vor, für den wir unter Umständen zu Beginn chinesische Fachleute gewinnen müssten. Verbunden sollte dieser Lehrstuhl, wie bei uns üblich, mit der praktischen Anwendung im Klinikum sein, womit auch das „Wo“ geklärt war. Für das „Wann“ war ich mir darüber klar, dass eine Menge Vorbereitungen nötig waren. Ein Lehrplan musste entwickelt, geeignete Vortragende gefunden und Unterrichtsmaterial beschafft werden und das Ganze war in den Rahmen der Fakultät einzubinden einschließlich der Finanzierung. 

Ich ließ das Schriftstück durch ein Übersetzungsprogramm ins Englische bringen, korrigierte die schlimmsten Fehler und schickte es als Mailanhang zu Li-Ming mit der Bitte, es kritisch durchzusehen. Schon nach zehn Minuten hatte ich die Antwort: Abgesehen von ein paar kleinen Änderungen fand sie das Konzept gut und hoffte, mein Chef würde darauf anspringen. Sie würde sich sehr freuen, wenn ich mich auch mit der chinesischen Medizin beschäftigen müsse und mich natürlich gerne nach China mitnehmen. Sie reise frühestens in vier Wochen, da sie dort die notwendigen Kontakte öffnen müsse.

 Mit den Worten: „Da haben Sie ja gleich ein ganzes Programm vorgeschlagen“, eröffnete Professor Baumann lächelnd das Gespräch. „Aber ich bin voll Ihrer Meinung, schließlich habe ich Sie ja nach San Francisco geschickt, weil ich die Fakultät in dieser Richtung weiter entwickeln will. Ich werde Ihre Vorschläge im Fakultätsrat vorlegen und hoffe, dass die Kollegen zustimmen. Wann fährt denn Ihre Amerikanerin nach China?“ „In etwa vier Wochen“, antwortete ich voller Hoffnung, bald wieder meine Geliebte treffen zu können. „Das könnten Sie vielleicht schaffen“, meinte mein Chef gut gelaunt, „und bis dahin sammeln Sie alles zu diesem Thema, dessen Sie habhaft werden können.“ Froh verließ ich das Büro und mailte Li-Ming gleich einen kurzen Bericht, auf den sie sofort antwortete, sie freue sich schon darauf, mir ihr Land zu zeigen.

Am Mittwoch nach Ostern ließ Professor Baumann mich wieder zu sich rufen. „Wir hatten im Fakultätsrat eine sehr erregte Debatte über Ihr Papier. Einige Vertreter der klassischen Medizin sahen Medizinmänner und Hexen bei uns einziehen, sie konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass es sich bei der chinesischen Medizin um eine Jahrtausende alte exakte Wissenschaft handelt. Doch ich konnte die Kollegen überzeugen, die chinesische Richtung auch bei uns aufzunehmen. Jedenfalls darf ich Sie beauftragen, alle notwendigen Informationen dafür zusammen zu stellen, wozu auch eine baldige Reise nach China gehört. Wenn Sie es noch zeitlich hinkriegen können, dürfen Sie Ihre amerikanisch-chinesische Kollegin begleiten. Wie lange wird diese Reise dauern?“ Li-Ming hat von einer Weile gesprochen, überlegte ich und sagte, „Ein Monat wird wohl mindestens nötig sein. Wenn Sie mir diese Zeit mit einer Option auf eventuelle Verlängerung und mögliche Wiederholung genehmigen, kann ich die Reise planen.“ „OK“, antwortete er lächelnd, „aber ich würde gerne noch wissen, wie Sie zu dieser Dame stehen. Aus Ihrer Begeisterung schätze ich, dass es sich nicht nur um ein fachliches Interesse handelt.“ Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und antwortete zögernd, dass ich schon ein gewisses Interesse an ihr hätte. „Solange ihre Forschung nicht darunter leidet, habe ich nichts dagegen“, meinte der Chef grinsend und ich erwiderte, vielleicht würde meine Forschung ja sogar von einer näheren Zusammenarbeit profitieren.

Als ich Li-Ming über das Gespräch berichtete, teilte sie meine Freude über den Auftrag: „Ich sende Dir nachher die Unterlagen, die ich bisher ermittelt habe, und freue mich schon jetzt darauf, Dich in vier Wochen in die Arme zu nehmen und mehr, denn ich liebe Dich über alles.“ Mein Herz schlug höher, als ich das las und frohgemut meldete ich die Reise im Sekretariat an. Im Internet fand ich Informationen über die Universität für Chinesische Medizin im Pekinger Stadtzentrum. Seit 1956 werden dort die fünf wichtigsten Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin gelehrt. Mit ihren 13 Fakultäten und vier angeschlossenen Kliniken ist die Uni eine der ältesten medizinischen Hochschulen der Volksrepublik China. Mehr als 22.000 Studenten aus 52 Ländern studieren dort und mehr als 1.500 Arzneimittel sind in den Räumen zu sehen. Da Bachelor- und Master-Studiengänge auch in Englisch gelehrt werden, werde ich mich vielleicht schneller einfinden, als wenn ich mir vieles von der Freundin übersetzen lassen muss.

Beim weiteren Suchen fand ich, dass  der  Begriff „Qi“ eine wesentliche Rolle in der einnimmt. Es bedeutet Energie, Atem oder Fluidum und steht auch für die Tätigkeit des neurohormonalen Systems. Die Vorstellung vom Qi ist die ideelle Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin und prägt bis heute das Weltverständnis vieler Menschen in Asien. Krankheit wird als Produkt der Unterbrechung dieses harmonischen Flusses angesehen. Das Qi im Körper wieder in seinen natürlichen, ausgeglichenen Zustand zu bringen, ist das Grundprinzip jeder traditionellen chinesischen Therapieform. Durch die Beschäftigung mit den traditionellen chinesischen Lehren hat sich das Qi-Konzept seit den 1970er Jahren auch zunehmend im westlichen Kulturkreis verbreitet.

Beim weiteren Suchen fand ich, dass der Begriff „Qi“ eine wesentliche Rolle in der chinesischen Heilkunst einnimmt. Es bedeutet Energie, Atem oder Fluidum und steht auch für die Tätigkeit des neurohormonalen Systems. Die Vorstellung vom Qi ist die ideelle Grundlage der traditionellen chinesischen Medizin und prägt bis heute das Weltverständnis vieler Menschen in Asien. Krankheit wird als Produkt der Unterbrechung dieses harmonischen Flusses angesehen. Das Qi im Körper wieder in seinen natürlichen, ausgeglichenen Zustand zu bringen, ist das Grundprinzip jeder traditionellen chinesischen Therapieform. Durch die Beschäftigung mit den traditionellen chinesischen Lehren hat sich das Qi-Konzept seit den 1970er Jahren auch zunehmend im westlichen Kulturkreis verbreitet.

Aus Kapitel 3 "Schulung"      Seitenanfang        Literaturverzeichnis    

Dann war es endlich soweit, nach fast zwölf Stunden Flug und einer nervenraubenden Kontrolle im Pekinger Flughafen fand ich mich am Sonntag um halb zwölf in den Armen meiner geliebten Li-Ming. Als ich sie küssen wollte, flüsterte sie: „Das ist hier in der Öffentlichkeit nicht üblich, warte, bis wir im Apartment sind.“ Doch nun wollte ich ihr zeigen, dass ich etwas von ihrer Muttersprache gelernt hatte und sagte stolz: „zǎo shàng hǎo péng yǒu, nǐ hǎo mā? (Guten Morgen meine Freundin, wie geht es dir?) Überrascht antwortete sie „wǒ hěn hǎo“ und freute sich, als ich zufrieden nickte, denn ich hatte verstanden, dass sie „Es geht mir gut“, antwortete. Sie führte mich zur U-Bahn und wollte wissen, wieviel ich von ihrer Sprache gelernt hatte. Stolz berichtete ich, dass ich in den letzten vier Wochen täglich zwei bis drei Stunden Chinesisch gebüffelt hatte und versuchte jetzt eine leichte Unterhaltung, in der ich ganz gut mit ihrer Sprache klarkam. „Ich bin stolz auf dich“, lobte sie mich.

Montag um 8 Uhr begann die Vorlesung, wir waren etwa 100 Hörer im Saal. Li-Ming hatte einen Bachelorkurs auf Englisch über pflanzliche Heilmittel ausgesucht, der einige Details von dem wiederholte, was ich schon in San Francisco gehört hatte, aber viel tiefer in die Materie ging. In einem Einführungsvortrag nannte der Dozent zunächst die fünf Fachrichtungen der Chinesischen Medizin, die in den folgenden Wochen behandelt werden, und die ich in San Francisco schon gehört hatte, und beschrieb die Grundlagen: „Das Gleichgewicht der Qi-Dynamik besteht in einem Ausgleich von Gegensätzen, die nach Mustern gebildet werden wie: männlich und weiblich, oben und unten, außen und innen, tätig und leidend etc. Der Form ihrer Gegensätzlichkeit nach werden sie unter das Begriffspaar Yin und Yang gebracht. Das eine findet seine Bestimmung nur in der Anerkennung und Förderung des anderen. Der Gedanke, dass allem Geschehen in der Natur und in der Gesellschaft eine Spannung nach Yin und Yang innewohnt, ist nicht nur in der chinesischen Medizin zu finden. Wenn ein Patient mit einem Leiden zu uns kommt, machen wir uns aus seinen Angaben zunächst ein möglichst genaues Bild über seine Krankheit. Dann führt der Arzt eine Diagnose mit vier Beobachtungen durch:

-     Sehen,
-     Hören,
-     Fühlen,
-     Riechen.

Aus diesen Erkenntnissen entsteht ein Bild über die Erkrankung, ihre Ursache, neuere Symptome, die Tiefe der Erkrankung und welche Meridiane und Organe betroffen sind. Daraus wird die Heilmethode festgelegt, ob eine Kräuterkur, die Akupunktur oder eine Massage oder mehrere dieser Anwendungen am besten geeignet sind.“ Dann nannte er als Grundsatz der Chinesischen Medizin die Erkenntnis, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Im Normalfall werden keine Einzelmittel genommen, sondern fast immer Rezepturen, die in der Zusammensetzung und Gewichtung der Bestandteile je nach den Beschwerden auf den einzelnen Patienten abgestimmt zubereitet werden. „Jedes Arzneimittel hat unverkennbare Charakteristika, die sich aus seiner Geschmacksrichtung, der Leitbahn, auf die es wirkt und seinem Temperaturverhalten zusammensetzen. Geschmacksrichtungen sind süß, scharf, salzig, sauer, bitter, neutral, aromatisch duftend. Jedes Arzneimittel hat mindestens eines dieser Geschmacksrichtungen, meist aber mehrere. Sie sind nicht nur sinnlich wahrnehmbar, sondern haben auch bekannte Wirkungen im Körper: Salziges trocknet; Scharfes öffnet die Oberfläche wie das verstärkte Schwitzen nach dem Genuss von Chili. Jedes Arzneimittel wirkt in bestimmten Leitbahnen, dadurch kann die Heilkraft gezielt lokal genutzt werden."

Bis zur Mittagspause wurden die heilenden Eigenschaften von 10 Kräutern bei verschiedenen Krankheiten besprochen, was ich fleißig notierte. Insgesamt sind mehr als 200 Kräuter medizinisch geeignet. Ich hatte nie gewusst, dass so viele der mir bekannten Kräuter wie Minze, Salbei, Knoblauch, Zimt und Nelken heilende Wirkungen besitzen, wenn man sie mit geeigneten anderen Kräutern kombiniert. Das gab mir Hoffnung, auch an meiner Uni die Kräuterheilkunde ohne größere Probleme einführen zu können. Die nächsten Tage verliefen ähnlich, doch wurden jetzt vor allem die Mischungen verschiedener Kräuter und ihre Anwendung bei Krankheiten besprochen.

Für die nächste Woche hatte meine Begleiterin das Thema Akupunktur vorgesehen, die einleitende Beschreibung gab der Dozent sogar auf Englisch: „Bei der Akupunktur wird eine therapeutische Wirkung durch Nadelstiche an bestimmten Punkten des Körpers erzielt. Sie wird schon seit dem zweiten Jahrhundert v. Chr. praktiziert und geht von der Lebensenergie Qi des Körpers aus, die auf definierten Meridianen zirkuliert und einen steuernden Einfluss auf alle Körperfunktionen hat. Ein gestörter Energiefluss kann Erkrankungen verursachen und durch Stiche in die auf den Meridianen liegende Akupunkturpunkte wird die Störung im Fluss des Qi wieder behoben. Dann wurden im Display auf dem riesigen Monitor die Körpermeridiane und die darauf befindlichen Akupunkturpunkte detailliert gezeigt und auf Chinesisch besprochen, Li-Ming übersetzte mir einen Teil der Lektion. Mit diesen Einleitungen verging der Vormittag und nach dem Essen in der Mensa ging es praktisch los. Auf einem Tisch lag eine Puppe und die Studenten mussten nacheinander die Nadeln an den vom Dozenten genannten Punkten setzen und beschreiben, was sie taten.

In der dritten Woche stand die Massagemethode Tuina-Anmo auf dem Programm. „Tuina ist eine medizinische Massage als selbständige Therapiemethode in der Chinesischen Medizin, sie lässt sich weit über 2.000 Jahre zurückverfolgen. Vor dieser manuellen Therapie erfolgt eine ganzheitliche Diagnose des gesamten Körpers mit Befragung des Patienten zu seinen Lebensumständen und körperlichem Befinden sowie die Auswertung technischer Diagnoseverfahren, wie Röntgen oder CT. Die betroffenen Körperpartien werden befühlt und untersucht, dazu kommt die Beschaffenheit von Haut und Gewebe. So werden nicht nur Beschwerden, sondern auch deren Ursachen diagnostiziert. Entsprechend dieser Diagnose und dem Zustand des Patienten wird ein Behandlungskonzept mit der Auswahl der Techniken, Punkte, Leitbahnen und Körperzonen erstellt. Dazu gehören Handtechniken wie Reiben oder Kneten, aber auch Wärme. Der Patient empfindet schon während und direkt nach der Massage eine Besserung. Tuina-Anmo lässt sich gut mit anderen Therapiemethoden kombinieren, die sich gegenseitig ergänzen, z.B. mit Akupunktur.“

Nach dem Referat gingen, ähnlich wie in der letzten Woche die praktischen Übungen los, doch diesmal nicht an einer Puppe, sondern an Studenten aus dem Auditorium. Jeweils zwei nebeneinandersitzende Studenten gleichen Geschlechts mussten sich nacheinander nach einer vorgegebenen Diagnose an den genannten Punkten massieren und beschreiben, was sie taten. Jedes Paar hatte eine Stunde Zeit und alle schauten interessiert zu und machten sich Notizen. Am Samstagnachmittag waren wir beide die letzten, die einander massieren durften und der Dozent lobte uns im Gegensatz zu mehreren anderen Studenten, die nicht die richtigen Stellen gefunden oder ihre Hände bei der Massage nicht richtig eingesetzt hatten. 

„Ich will dir etwas über das morgige Seminar sagen“, erklärte Li-Mingam Sonntagabend. „Für das Thema Qi Gong ist es günstig, schon vorher etwas darüber zu wissen. Du hast im ersten Seminar gehört, das Qi Gong einen Ausgleich von Gegensätzen sucht, die unter das Begriffspaar Yin und Yang gebracht werden und das eine findet seine Bestimmung nur in der Anerkennung und Förderung des anderen. Allem Geschehen in der Natur und in der Gesellschaft wohnt eine Spannung nach Yin und Yang inne. Qi Gong erzeugt mit langsamen Bewegungen eine bewusste Verbindung zu den Gedanken. Die Bilder leiten die Bewegungen an und es entsteht eine Verknüpfung von Vorstellung und Bewegung mit einem natürlichen Fluss der Energie. Der Übende entspannt sich, der Atem wird langsam und gleichmäßig, mit sanften, Bewegungen stellt Qi Gong den Menschen wieder in eine Verbindung mit den Rhythmen der Natur.“ „Wenn ich das richtig verstehe, ist Qi Gong eine Selbstmassage, bei der man sich etwas vorstellt, um Körper und Geist in Einklang zu bringen?“, fragte ich leicht irritiert. „Ja, so sehe ich es und bin gespannt, was wir in der nächsten Woche lernen werden“, beantwortete meine Freundin die Frage.

Gespannt saßen wir Montag früh wieder in der Vorlesung. „Qi-Gong wird erst dann wirkungsvoll, wenn sich wenigstens zwei von sieben Komponenten zu einer Einheit in der Übung verbinden:

-     Entspannung,
-     Ruhe,
-     Natürlichkeit,
-     Bewegung,
-     Atmung,
-     mentale Vorstellung,
-     Ton“,

begann der Professor und Li-Ming übersetzte mir leise seine Worte.Qi Gong hat die gleichen Grundlagen wie die anderen Richtungen der TCM, doch im Unterschied zu diesen an einen Therapeuten gebundenen ist es dem Patienten selbst vorbehalten. Um dieses Problem in der Vorlesung zu lösen, schlage ich vor, dass jeder von Ihnen 30 Minuten unter meiner Anleitung sich Abläufe vorstellt und sie mit seinem Körper in Verbindung bringt. Ich nenne Ihnen Beispiele für die Vorstellungsbilder:

-     Fliegen wir wie ein Kranich,
-     Stehen wie ein Baum,
-     Streichen die Oberfläche des Sees glatt.

Und mit den Worten: „Jetzt bitte ich Sie, sich als erste sich zur Verfügung zu stellen und uns Ihre Vorstellungen in Verbindung mit einer der genannten Komponenten zu beschreiben“ wandte er sich an Li-Ming. „Oh je“, flüsterte sie, machte sich dann aber brav auf den Weg zu der Liege unter der Kamera. „Ich stelle mir vor, meinen Freund zu umarmen und dass wir uns sachte streicheln“, sagte sie und ein Raunen ging durch das Auditorium. Ich wurde rot vor Verlegenheit, denn die Nachbarn in der Bank schauten mich interessiert an. Li-Ming breitete auf der Liege die Arme aus und schloss sie etwas über ihrem Körper, ich fühlte mich von ihr umarmt. Dabei atmete sie ruhig und merkbar ein und aus. Dann strich sie mit den Händen über meinem imaginären Körper auf und ab und machte dabei ein glückliches Gesicht. Schließlich streichelte sie sich selber vom Gesicht über die Brust und den Bauch bis zu den Füßen, dabei stieß sie leise Laute der Glücklichkeit aus. Da sie alles sehr langsam tat, dauerte das Ganze über eine Viertelstunde. Zuletzt setzte sie sich auf und sah den Dozenten fragend an. „Ich will mit Ihnen Englisch reden, damit ihr Freund auch etwas mitbekommt“, sagte der, „Sie haben fünf Komponenten benutzt, nämlich Natürlichkeit, Bewegung, Atmung, mentale Vorstellung und Ton. Vielleicht waren Sie sogar ziemlich entspannt bei ihrer Vorführung. Ich gratuliere Ihnen, das war ein perfektes Beispiel für gutes Qi Gong.“

Montag früh begann die letzte Woche unseres TCM-Seminars. Vorn im Hörsaal war ein Gasherd aufgebaut, mehrere Töpfe mit rundem Boden standen daneben auf einem Tisch bereit. „Das sind Woks, spezielle chinesische Kochtöpfe“, flüsterte Li-Ming mir ins Ohr. Auf einem anderen Tisch lagen allerlei Zutaten. Wieder hielt der Dozent ein einführendes Referat: „Die Nährmittelkunde ist die fünfte Säule der TCM, denn eine individuell abgestimmte Ernährung bildet die Grundlage für die Überwindung bestehender und Vermeidung künftiger Erkrankungen. Wichtig ist das regelmäßige Essen zu festgelegten Zeiten, in Ruhe und ohne Ablenkung. Als Zutaten eignen sich vor allem Obst, Gemüse und Meeresfrüchte. Fleisch wird zwar auch verarbeitet, aber es ist vielweniger gesund als die anderen Lebensmittel. Alle Zutaten werden in der Nährmittelkunde ähnlich den Arzneimitteln nach ihrer Wirkung im Körper klassifiziert:

      1.    Geschmack,
2.   
Geruch,
3.   
Temperaturverhalten,
4.   
Farbe,
5.   
Konsistenz.

Samstag drehte sich alles um das Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Ente und Huhn. Der Dozent kennzeichnete es als ungesündestes Nahrungsmittel, das man nur einmal in der Woche konsumieren sollte. Nachdem drei andere Gruppen ihre Fleischgerichte gekocht und alle gekostet hatten, waren wir beide die letzte Gruppe vor der Mittagspause am Wok. Aus einer umfangreichen Liste von 17 verschiedenen Zutaten, die vom Lammrücken über Gemüse, Reis und vor allem Gewürze reichte, sollten wir ein Gericht bereiten, Wir mussten die Lammrücken mit einer Gewürzmarinade bestreichen und im heißen Öl kräftig anbraten, dann die Kräuter dämpfen und mit Weißwein ablöschen. Zuletzt kam das Fleisch hinzu und musste eine Weile durchziehen. Das Gericht schmeckte vorzüglich und sowohl der Dozent als auch die anderen Studierenden waren des Lobes voll. Ich fragte Li-Ming, ob dieses Thema für die Veröffentlichung geeignet ist, die ich schreiben muss, und sie fand die Idee gut. „Gerade dieses Thema spielt in unserer westlichen Welt eine immer größere Rolle“. meinte sie.

Stolz und zufrieden fuhren wir nach Hause und feierten den Abschluss bei einem Fläschchen Champagner. Dann gab Li-Ming das Apartment an den Besitzer zurück, wir fuhren mit der U-Bahn zum Flughafen und gaben unser großes Gepäck in die Aufbewahrung.

Aus Kapitel 4 "Praktikum"         

Während wir auf den Abflug um 15 Uhr warteten, bereitete Li-Ming mich auf ihre Eltern vor: „Beide wurden in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre geboren und erlebten Maos verrückte Ideen als Kinder unmittelbar mit. Die Eltern meines Vaters wurden 1956 als bürgerliche Feinde des Staates zur „Umerziehung durch Arbeit“ verurteilt und mit anderen Wissenschaftlern und Intellektuellen in Arbeitslager in entlegene Landesteile geschickt. Mein Großvater starb dort bald an den Entbehrungen, während die Großmutter nach zehn Jahren völlig verstört zurückkehren durfte. Mein Vater wurde in eine Erziehungsbrigade gesteckt, wo er die durch Maos Reformen ausgelöste Hungersnot unmittelbar miterlebte und von seiner Mutter getrennt blieb. Als Maos „Großer Sprung“ begann, war er 16 und wurde als Jungfunktionär aufs Land geschickt, wo zur Erhöhung der Stahlproduktion überall kleine, einfache Hochöfen aufgebaut wurden. Für einen dieser Öfen war er verantwortlich und als die Stahlproduktion hinter den Vorgaben zurückblieb, wurde er bestraft und kam in ein Erziehungslager. Hier wurde er ausgebildet, um „Feinde des Volkes“ aufzuspüren, was er wohl ganz erfolgreich tat, denn mit 24 wurde er zum Studium der Medizin zugelassen und bekam dort allmählich seinen Kopf von Maos Ideen frei. Meine Mutter hat diese Zeit, abgesehen von der Hungersnot 1959 – 1961, einigermaßen gut überstanden, weil ihre Eltern in der Produktion arbeiteten, mein Großvater als Schlosser und die Großmutter als Näherin. Als Arbeiterkind wurde sie mit 20 zum Studium zugelassen und lernte dort meinen Vater kennen. 1983 waren die beiden fertig und heirateten, 1985 wurde ich geboren.

Später saßen wir bei einem Cognac mit den Eltern zusammen, die alles von mir wissen wollten, wo und wie ich aufgewachsen war, was ich gelernt und studiert hätte und was ich jetzt beruflich mache. Besonders interessiert waren sie an den Resten der DDR, die ich noch erlebt hatte, und den Veränderungen, die die Wende gebracht hatte. Schließlich bat Li-Ming ihre Eltern um Gnade für mich, aber anscheinend erntete ich Wohlwollen, besonders, als ich über meine Aufgabe berichtete, der chinesischen Medizin an meiner Hochschule den Boden zu bereiten. Schließlich schaute die Mutter mich an, dann sagte sie: „Fürs erste wissen wir genug über dich, denn wir wollen doch wissen, mit welchem Menschen unsere Tochter ihre Zukunft aufbauen will. Wir haben dich jetzt gut kennen gelernt und freuen uns, dass ihr beide euch gefunden habt. Wir glauben, dass ihr zu einer guten Gemeinschaft kommen könnt, wenn ihr auch in den entferntesten Teilen der Welt lebt.“ Dann küsste sie ihre Tochter und mich auf die Stirn und fuhr fort: „Ihr habt einen langen Tag hinter euch, deshalb solltet ihr jetzt schlafen.“

Am nächsten Morgen weckte Li-Mings Mutter uns schon um 6 Uhr, weil sie mit uns zur Klinik fahren wollte, in der sie die gynäkologische Station leitet. Ich war beeindruckt von der Großzügigkeit und Professionalität. Auf einem großen Bildschirm konnten wir direkt aus dem Kreißsaal eine Entbindung beobachten, die Bilddarstellung beeindruckte mich. In der Säuglingsstation sahen wir gerührt die neu geborenen Babys und begleiteten eins zur Mutter, die es an die Brust legte, wo das Kind gierig trank. Doch wir waren ja hier, um etwas zu lernen, des-halb erläuterte uns ein Arzt die Anwendung der Kräuterheilkunde::Jjeder Patient erhältnach einer eingehenden Diagnose ein individuell auf seine Krankheitssituation abgestimmtes Rezept . Dabei gilt: ‚Das ist Ganze mehr als die Summe seiner Teile.‘ Eine Rezeptur besteht aus einer Mischung mehrerer Arzneimittel, die sich ergänzen und in ihrer Wirkung unterstützen.

Anschließend führte luns der Arzt in einen Behandlungsraum, „Diese Patientin leidet an hochgradiger Migräne“, erklärte er, „aber die eingehende Untersuchung hat ergeben, dass die Ursache eine Magenschleimhautentzündung ist. Dafür haben wir die Magenmeridiane punktiert und sind überzeugt, dass bei mehrfacher Behandlung an den nächsten Tagen die Beschwerden verschwinden werden.. Er forderte Li-Ming auf, sich zunächst selbst eine Nadel in den Arm zu stechen, um die schmerzfreie Handhabung zu lernen, was ihr sehr schnell gelang. „Und nun massieren Sie bei der Patientin vor dem Einstich einer Nadel die Stelle und die unmittelbare Umgebung leicht, dann stechen Sie die Nadeln in die markierten Punkte in der Reihenfolge, die ich Ihnen nenne, ohne ihr Schmerzen zu bereiten“, verlangte er dann. Vorsichtig setzte meine Liebste die Nadeln und es gelang ihr wirklich, die vierzehn Nadeln zu setzen ohne dass die Patientin Schmerzen zu haben schien. „Sehr gut“, lobte der Arzt, „Sie haben das richtige Gefühl in den Fingern.“ Die Patientin hatte zunächst die Nadeln ängstlich betrachtet, doch als sie merkte, dass keine weiteren Nadeln gestochen wurden, streckte sie sich entspannt auf der Liege aus und sagte nach einer Weile, ihre Schmerzen seien viel besser geworden.

Zu Hause meinte Li-Ming, wir sollten mal unsere Aufzeichnungen aufarbeiten, die wir in den fünf Wochen in Peking gemacht hatten. Wir setzten uns mit Notebook und Tablet an den Tisch, verglichen die Notizen und ergänzten sie aus den Aufzeichnungen des anderen. Bei einigen Notizen wusste ich nicht mehr die Einzelheiten, obwohl wir jeden Abend das Gehörte durchgesprochen hatten, und Li-Ming ging es ähnlich, doch wir konnten uns gegenseitig aktualisieren. Bis zum Abend beschäftigten wir uns mit der Materie und hatten dann ein gutes Gefühl, die fünf Wochen gut genutzt zu haben.

Nach dem Abendessen schaltete der Vater im Fernsehen wieder die Nachrichten ein und versuchte danach, uns die Politik der Regierung zu erklären: „Unser Land hat 1,4 Milliarden Einwohner, die zum Teil kulturell noch weit zurückgeblieben sind und in unserer zweitausendjährigen Geschichte niemals eine funktionierende Demokratie erlebt haben. Von den Kaisern bis zu Mao Zedong waren sie immer gewöhnt, dass eine Person die Richtung befiehlt und sie gehorchen müssen. Deng Xiao Ping hat zwar die Wirtschaft befreit und damit einen ungeheuren Aufschwung eingeleitet, aber auch er konnte gar nicht anders als 1989 den Studentenaufstand auf dem Tiananmenplatz niederschlagen zu lassen, sonst wäre das Land im Chaos versunken.

Dienstag beim Frühstück fragte der Vater nach unseren Plänen. Zuerst berichtete meine Strahlende über die Seminare, die wir in den zurück liegenden fünf Wochen gehört hatten, und die praktischen Anwendungen hier in Wuhan, womit die Eltern sehr zufrieden waren. „Damit habt ihr eine gute Grundlage für eure künftigen Aufgaben gewonnen, wie wollt ihr denn weitermachen“, meinte der Vater. „Darüber haben wir bisher noch wenig nachgedacht, wir wissen nur, dass wir beide den Auftrag haben, an unseren Fakultäten einen Lehrstuhl für chinesische Medizin einzurichten“, antwortete Li-Ming. „Natürlich müssen wir über die Einzelheiten nachdenken, aber ich glaube, das braucht Zeit und wir beide sollten zunächst allein darüber beraten. Jetzt ist ohnehin keine Zeit für ein längeres Gespräch, aber ich denke, dass wir am Abend mit euch über unser Konzept reden können. Da haben wir eine Gesprächsgrundlage, die ihr dann aus euren Erfahrungen korrigieren könnt.“

Wir setzten uns mit Papier und Bleistift an den Tisch, unsere Rechner standen daneben. „Jeder sollten seine Gedanken zu zwei Punkten notieren, meinte meine Liebste:

       1.    -Wie soll unser künftiger Lehrstuhl aussehen?
2.   
-Was müssen wir dafür als Nächstes tun?“
Ich hatte noch einen weiteren Punkt:
3.   
„was wird das Ganze kosten?“

„Das ist allerdings sehr wichtig, denn weder dir noch mir stehen unbegrenzte Mittel zur Verfügung“, lobte mich meine Freundin. Jeder von uns dachte und schrieb, zwei Stunden lang, bis, wir die Ergebnisse verglichen, sie unterschieden sich nicht wesentlich. Jeder gab sie in seinen Rechner ein. Als wir den Eltern unsere gestrigen Überlegungen vorstellten, waren sie ganz angetan davon. „Eure Auswahl Kräuterheilkunde und Akupunktur ist auf jeden Fall richtig“, sagte der Vater, „und ich würde den Hörern anfangs auch nichts weiter zumuten. Qi Gong widerspricht dem westlichen Denken, wie ich es einschätze, das solltet ihr erst nach langer Eingewöhnung in die TCM aufnehmen. Bleiben die Tuina-Massage und die Nährmittelkunde, beide sind durchaus wertvolle Wissenschaften. Ich denke aber, die Massage macht noch eher einen medizinischen Eindruck. Die solltet ihr bringen, nachdem ihr die beiden ersten Fächer gut etabliert habt.“ Aber ich möchte noch etwas wissen“, fuhr die Mutter fort: „wenn ich es richtig sehe, wollt ihr beiden irgendwann eine Gemeinschaft bilden, das geht schlecht über eine Entfernung von 9.000 Kilometern. Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, wie ihr das hinkriegt?“ Ich hatte bisher nur ein wenig darüber nachgedacht und die Frage traf mich wie ein Schlag. Doch meine Strahlende wusste eine Antwort: „Ich denke schon seit San Francisco daran, als wir uns ineinander verliebt haben. Doch bisher hatten wir so viel um die Ohren, dass wir noch gar nicht dazu gekommen sind. Wir haben geplant, morgen zunächst untereinander und dann abends mit euch darüber zu sprechen, ich bin sicher, dass wir eine brauchbare Lösung finden werden.“

Li-Ming, fragte,ob ich Lust hätte, jetzt noch eine Stunde zu laufen und dabei über unsere persönliche Zukunft nachzudenken. Da ich mich rund und satt gegessen hatte, stimmte ich gerne zu. „Vorgestern haben wir Pläne für unsere berufliche Zukunft geschmiedet und dabei einen guten Grundstein gelegt, den meine Eltern gestern Abend gutgeheißen haben“, begann Li-Ming. „Aber wir haben bisher kaum darüber nachgedacht, was aus unserer persönlichen Zukunft wird. Gibt es denn überhaupt eine Möglichkeit, sie gemeinsam zu gestalten, wenn du in Deutschland tätig bist und ich in Frisco?“ „Ich weiß nur ganz sicher, dass ich mit dir in einer ständigen Gemeinschaft leben will“, stotterte ich, „aber du hast Recht, zwischen unseren künftigen Tätigkeitsbereichen, auf die wir uns ja beide freuen, liegen gut 9.000 km und 14 Stunden Flugzeit. Das ist für eine Lebensgemeinschaft nicht gerade förderlich. Uns bleiben drei Möglichkeiten:

      1.    Ich gehe zu dir nach San Francisco,
2.   
Du kommst nach Deutschland,
3.   
Aus unserer Lebensgemeinschaft wird nichts.“

„Das ist hart, aber du hast Recht“, antwortete meine Geliebte mit traurigem Gesicht, „lass‘ uns diese Möglichkeiten einzeln bewerten, wobei ich die dritte definitiv ausschließe. Sicherlich werden wir beide zunächst unsere Aufgabe wahrnehmen, einen chinesischen Lehrstuhl an unserer Fakultät aufzubauen, wofür wir mindestens ein halbes Jahr brauchen werden, in dieser Zeit leben wir 9.000 km getrennt und können uns nur ab und zu besuchen. Wichtig ist doch, wohin wir uns danach orientieren, du in die Staaten oder ich nach Deutschland. Was meinst du denn, was günstiger ist?“ „Nun ja, wenn ich das objektiv betrachte, ist es wohl günstiger, wenn ich nach Frisco komme, denn ich kann fließend Englisch, aber du nur wenig Deutsch.“, antwortete ich auf der Suche nach Argumenten. „Auf der anderen Seite weißt du viel mehr von der TCM als ich und könntest bei uns sofort als Dozentin und Fachärztin anfangen, wenn du genügend Deutsch kannst, während ich erst noch eine längere Ausbildung brauche. Dazu kommt, dass bei beiden Lösungen der oder die eine von uns der Chef des anderen wird, denn eine doppelte Lehrstuhlführung ist weder in San Francisco noch an meiner Uni üblich. Gibt es vielleicht doch noch eine dritte Möglichkeit, die wir bisher nicht gesehen haben?“

Ich quälte mein Gehirn mit den Überlegungen nach einer anderen Möglichkeit, bis meine Geliebte plötzlich stehen blieb und rief: „Ich hab’s! Wir denken viel zu eng, wenn wir uns nur auf die Universitäten beschränken. Überall auf der Welt wird das Interesse an der chinesischen Medizin immer größer. Was hältst du davon, wenn wir nach dem Aufbau der Lehrstühle die wissenschaftliche Laufbahn an den Nagel hängen und irgendwo eine Gemeinschaftspraxis für TCM aufmachen? Du bist Deutscher und ich Chinesin mit amerikanischem Pass. Wenn wir heiraten, wird der andere automatisch Staatsbürger des Landes, in dem wir uns niederlassen. Lass‘ uns diese Idee mal mit allen Konsequenzen weiterverfolgen.“ Ich umarmte und küsste meine Geliebte und als mein Mund wieder frei war, rief ich „That‘s it, du bist ein Engel!“,

Nach dem Abendessen schaute die Mutter mich lange an, dann sagte sie: „Wir haben dich an diesen Tagen gut kennen gelernt und freuen uns, dass ihr beide euch gefunden habt. Wir glauben, dass du unserer Tochter ein guter und liebevoller Partner sein wirst, wenn ihr zunächst auch in den entferntesten Teilen der Welt lebt.“ Dann küsste sie ihre Tochter und mich auf die Stirn. „Jetzt haben wir noch ein Geschenk für euch“, nahm der Vater wieder das Wort. „Ihr beiden habt ja deutlich klar gemacht, dass ihr heiraten wollt, das ist doch ein Eheversprechen wie eine Verlobung und das gibt auch bei uns. Damit ihr immer daran denkt, schenken wir euch Ringe, die der Außenwelt zeigen sollen, dass ihr zueinander gehört.“ Bei diesen Worten zog die Mutter ein Kästchen hervor und öffnete es: zwei hübsche geflochtene goldene Ringe kamen zum Vorschein, die sie Li-Ming und mir an die Ringfinger der linken Hand steckte. Überrascht dankten wir den beiden. Dann beendete der Vater den Abend mit den Worten: „Und jetzt nehmen wir noch einen Schlummertrunk, denn ihr müsst morgen früh aufstehen.“

Samstag schlug die Stunde der Trennung, zunächst von den Eltern. Da mein Flieger aus Peking schon um halb elf ging, mussten wir sehr früh aufstehen. Nach einem kurzen Frühstück und dem herzlichen Abschied von der Mutter fuhr der Vater uns zum Flughafen und verabschiedete sich auch herzlich von uns. In Peking holten wir unser großes Gepäck aus der Aufbewahrung und meine geliebte Strahlende begleitete mich zum Gate, ihr Flug ging etwas später und sie hatte einige Stunden Aufenthalt in Hongkong. Mit innigen Küssen verabschiedeten wir uns, wir wussten, wie tief unsere Liebe war. „Diese Trennung zerreißt mir das Herz“, flüsterte meine Geliebte zwischen den Küssen und zum ersten Mal sah ich Tränen in ihren Augen. Ich konnte nur dasselbe sagen und war grenzenlos traurig, weil ich mich für lange Zeit von dieser wundervollen Frau trennen musste, die ich über alles liebgewonnen hatte.

Aus Kapitel 5 "Fortschritt"   Seitenanfang          Literaturverzeichnis      

Im Flugzeug war ich noch erfüllt von den herrlichen Wochen mit meiner geliebten Li-Ming, aber auch von dem vielen Neuen, das ich über die Chinesische Medizin gelernt hatte. Wie beim Rückflug aus San Francisco vor elf Wochen nutzte ich die Zeit zum Arbeiten. Professor Baumann würde einen Bericht über meine Studien in Peking erwarten, aber auch wissen wollen, wie ich einen Lehrstuhl für Chinesische Medizin an dieser altehrwürdigen Universität aufbauen will. Dafür muss ich möglichst bald aus den Überlegungen mit Li-Ming ein ausführbares Konzept entwickeln, das ich ihm vorlegen kann. Außerdem muss ich eine Veröffentlichung zusammenschreiben, mit der ich meine wissenschaftliche Reputation begründen kann, damit ich zumindest als Dozent anerkannt werde.

Also schrieb aus den Notizen auf dem Tablet einen ausführlichen Bericht über die fünf Wochen Studium an der Pekinger Universität, der auch die Grundlage für die Veröffentlichung bilden kann. Für die drei Punkte, die Li-Ming und ich in Wuhan notiert hatten:

      1.    Wie soll unser künftiger Lehrstuhl aussehen?
2.   
Was müssen wir dafür als Nächstes tun?
3.   
Was wird das Ganze kosten?

Montag früh ließ ich mich bei Professor Baumann anmelden und übergab ihm den Bericht über meine Pekinger Studien. Er blickte kurz hinein und meinte anerkennend, ich hätte ja eine ganze Menge gelernt, das könne ich sicherlich für meine Aufgabe nutzen. Ich bestätigte das und berichtete, ich hätte schon damit begonnen, die Anforderungen an den Lehrstuhl für chinesische Medizin zusammen zu stellen. Dann fragte ich ihn, ob dieser Bericht eine Grundlage für eine Habilitationsschrift bilden könnte.„Hm“, war die Antwort, „dafür muss ich ihn noch gründlich durchlesen. Auf jeden Fall sollten sie aber bei jeder Therapie ausführlich den Nutzen bei einer Anwendung in der westlichen Welt herausarbeiten. Ihre Stelle dafür ist bewilligt und weil Sie gut zu tun haben, habe ich Sie vorläufig von Ihrer Tätigkeit in der Klinik entbunden und hier gleich nebenan ein Büro für Sie einrichten lassen, damit Sie sich ganz Ihrer Aufgabe widmen können.“   

Am nächsten Tag nahm ich mir den Punkt 1 meiner Liste wieder vor, wie der künftige Lehrstuhl aussehen sollte. Mir wurde klar, dass damit eine ganze Reihe von Fragen verbunden sind, die ich an den Anfang meines Konzeptes setzte:

Zeitplan:
-     Einwerben der Finanzen,
-     Anwerben und Ausbildung der Lehrkräfte,
-     Erstellen eines Lehrplans,
Einrichtungen für die Lehre:
-     Dozenten,
-     Lehrmittel,
-     Vorlesungsplan,
-     Auditorium,
Einrichtungen für die klinische Praxis:
-     Krankenzimmer,
-     Pflegepersonal,
-     Apotheke

Zunächst müsste ich mich um zwei geeignete Dozenten außer mir bemühen, einen für jedes der beiden Fächer, und sie müssen auch für den Dienst in der Klinik geeignet sein.

Donnerstag früh ließ Professor Baumann mich rufen, er hatte meine Vorschläge gelesen und fand sie brauchbar. „Die Inserate sollten wir möglichst bald schalten“, meinte er, „denn die Dozenten werden eine umfassende Ausbildung in China brauchen. Bei der Auswahl und Anmeldung kann Ihnen sicherlich Ihre chinesische Freundin helfen, denn sie hat ja wohl dasselbe Problem.“ Ich sagte ihm, dass wir uns inzwischen verlobt hätten und in absehbarer Zeit ein Treffen bräuchten, um unsere Arbeit abzustimmen und voneinander zu lernen. Lachend antwortete er: „Ich kann mir vorstellen, dass die Sehnsucht zwischen Ihnen groß ist, sehe aber auch, dass eine enge Kooperation der Sache nutzen kann. Weil ich die Dame kennenlernen möchte, laden Sie sie doch bald mal zu uns ein. Bis dahin arbeiten sie ihre Vorschläge detailliert aus, dann können wir vor einem größeren Gremium darüber sprechen. Ich verständige mich mit meinem Freund in Frisco über die Reise. Nur die Inserate bringen Sie jetzt schon auf den Weg.

 Um Li-Ming den Überblick zu erleichtern, ließ ich meine Ergebnisse durch ein Übersetzungsprogramm ins Englische bringen und kam auf OneDrive, das ich zum Datenverkehr mit meinem Handy benutze.  Dort legte ich zwei Hauptordner an, einen füllte ich mit meinen ins Englische übersetzten Daten und den anderen ließ ich für Li-Ming frei. Pünktlich um 20 Uhr rief sie an und wir wechselten auf Skype als Gesprächsbasis . Als wir uns darüber sehen und miteinander sprechen konnten, eröffnete ich ihr meine Idee für den Datenaustausch mit OneDrive, das sie noch nicht kannte. Über Skype leitete ich sie an, das Programm zu installieren und nannte ihr meinen Einwahlnamen und das Passwort, worauf sie begeistert meinen gefüllten Ordner und den für sie vorgesehenen fand. Schnell kopierte sie ihre Daten hinein und wir hatten jetzt jeder den kompletten Datenbestand des anderen vor Augen, den wir über Skype kommentieren konnten.

„Danke, davon kann ich vieles übernehmen und das erspart mir drei Tage Arbeit“, sagte sie erfreut und wollte wissen, wann sie denn nach Deutschland kommen solle. Ich nannte ihr die zwei Wochen, von denen mein Chef gesprochen hatte, und dass er ihren Chef wegen der Reise ansprechen wolle. Nach vier Stunden Arbeit hatten wir unsere Daten abgeglichen und jeder wusste beim anderen so guten Bescheid, dass wir die Arbeit mit einer Liebeserklärung beenden konnten.

Am Freitag meldete sich die Ärztin Dr. Johannsen aus Görlitz telefonisch auf die Stellenausschreibung. Sie war am Tag der Maueröffnung geboren und berichtete, sie habe neben ihrem Abschluss als Frauenärztin auch Vorlesungen in der TCM gehört, wie ich an der Humboldt-Universität. Der Chef lud sie zu einem Vorstellungsgespräch am Montag ein. Li-Ming und ich arbeiteten weiter eng zusammen und inspirierten uns gegenseitig. Ich arbeitete vormittags für den Lehrstuhl und schob meine ins Englische übersetzten Ergebnisse nach OneDrive, sie tat dasselbe, während ich schlief und abends tauschten wir uns per Skype aus. Das brachte uns beide viel schneller in unserer Aufgabe weiter, als wenn jeder allein gearbeitet hätte.

Aus Kapitel "Zweisamkeit"       Seitenanfang            Literaturverzeichnis

Dann war es endlich so weit, Donnerstagmittag konnte ich meine geliebte Li-Ming am Flughafen in die Arme schließen und herzlich küssen. Überraschend begrüßte sie mich auf Deutsch: „Guten Tag, mein Liebling, ich bin so froh, wieder bei dir zu sein“, und ich lobte sie sehr für ihre Sprachkenntnis. Als ich dann lachend sagte, im Gegensatz zu Peking könnten wir uns hier problemlos küssen, verstand sie das auch und antwortete auf Deutsch, sie habe diese Freiheit eben schon gerne genossen. In meiner Wohnung wiederholten wir das schöne alte Spiel, es war wunderschön wie beim ersten Mal, wir verstanden uns ohne Deutsch, Englisch oder Chinesisch, in der uralten Form der Kommunikation zwischen einer Frau und einem Mann.

Nach dem Frühstück mit grünem Tee, Brötchen und Ei fuhren wir zur Uni, wo ich Li-Ming meinem Chef vorstellte. Sie trug wieder ihren roten Hosenanzug und sah darin blendend aus. Der Professor wollte alles von ihr wissen, ihre Herkunft, ihr Studium, ihre bisherige Tätigkeit in San Francisco und wie sie jetzt an ihre Aufgabe heran gehe, einen TCM-Lehrstuhl einzurichten. Sie antwortete meist auf Deutsch, nur manche Begriffe artikulierte sie in Englisch. Erfreut stellte der Chef die vielen Gemeinsamkeiten zwischen ihrer und meiner Planung fest.Dann fragte er meine Braut nach dem persönlichen Verhältnis zwischen uns, worauf sie freimütig antwortete, sie sei in San Francisco zu meiner Begleitung eingeteilt worden und dabei habe es zwischen uns gefunkt. „Diese Liebe ist dann bei dem gemeinsamen Studium in Peking so fest geworden, dass wir uns ein Leben miteinander versprochen und meine Eltern die Verlobung vollzogen haben.“ „Ich freue mich, dass ich durch die Entsendung von Dr. Mangold die Romanze zwischen Ihnen initiiert habe, aber wissen Sie denn schon, wo sie zusammenleben wollen, in den Staaten oder hier in Sachsen?“ Ich schwieg, weil er Li-Ming gefragt hatte und sie antwortete völlig unbeirrt: „Nein, das wissen wir noch nicht, das hat ja auch Zeit, bis unsere Lehrstühle in Betrieb sind. Wir haben beschlossen, die Entscheidung bis dahin zu vertagen.“

Zu Hause nahmen wir uns meine Habilitationsschrift mit den Anmerkungen meines Professors vor, arbeiteten sie gründlich durch und kamen zu einer Fassung, die ich abgeben kann. Dann sprachen wir noch einmal meinen Artikel durch, an dem meine Braut einiges auszusetzen hatte, bis sie einer Veröffentlichung zustimmte. Nun stand noch der Vortrag vor mir, den ich schon in einer Woche halten muss. „Du willst über die chinesische Nährmittelkunde sprechen“, dachte sie laut nach, „da kannst du doch statt einer trockenen Vorlesung eine Kochvorführung wie in Peking moderieren, bei der ich die Küche übernehme.“ Sofort stand die Kochvorführung dort vor meinen Augen und ich lobte sie für die gute Idee. Wir nahmen uns die Aufzeichnungen aus Peking vor, um ein geeignetes Thema zu finden und waren uns schnell einig, dass die Gemüsezubereitung vom ersten Tag am besten geeignet ist.

Samstagvormittag führte ich Li-Ming zu den interessanten Stellen der Altstadt. Zuerst zeigte ich ihr die historischen Kirchen. In der einen hatte Johann Sebastian Bach lange Zeit als Organist gewirkt, die andere war der Ausgangspunkt der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989. Sehr interessiert hörte Li-Ming meine historischen Schilderungen, die ihr völlig neu waren. Vor allem die friedliche Revolution, die das pseudokommunistische Regime der DDR hinwegfegte, interessierte sie sehr. „Auf eine derartige Lösung müssen meine Landsleute wohl noch lange warten“, meinte sie traurig.

Um meine Braut auf den Besuch bei meine Eltern vorzubereiten, die uns zum Abend eingeladen hatten, erzählte ich ihr, dass auch sie beide Ärzte seien wie ihre Eltern. Sie hätten in der DDR in Kliniken gearbeitet und sich nach der Wende in einer gemeinsamen Praxis selbstständig gemacht, da sei ich gerade fünf Jahre alt gewesen. „Das ist in China kaum möglich“, klagte sie, „dort wird fast jede Behandlung in einem Krankenhaus absolviert. Freie Arztpraxen sind unerwünscht und auch nicht sehr einträglich.“Mit einem Blumenstrauß standen wir um 18 Uhr vor dem Haus und wurden mit einem Glas Sekt begeistert begrüßt. Meine Mutter hatte für jeden eine Schale scharf gewürzte Garnelen mit Fenchel, Chili, Knoblauch und Olivenöl bereitet, dazu reichte sie Baguette und Butter und zu trinken gab es eine trockene Meißner Scheurebe.

Den Freitag wollten Li-Ming und ich ruhig angehen lassen und vor meinem Vortrag nur die Arbeit der beiden neuen Mitarbeiter im Klinikum beobachten. Ich wollte mal wieder ganz normalen Dienst zu tun, wobei meine Gefährtin mich zu den Visiten begleiten und die einfacheren Behandlungen beobachten sollte, die ich mir nach der langen Pause noch zutraute. An Operationen wollte ich mich lieber nicht beteiligen. Doch noch beim Frühstück wurde ich angerufen, ob ich gleich kommen könne, der Stationsarzt sei wegen einer Grippe ausgefallen. Im Bewusstsein, dass sich das nun anders entwickelte, beendeten wir schnell das Frühstück und fuhren zur Klinik, wo ich schon erwartet wurde.

Nachdem der Patient durch die Narkose ruhiggestellt war, öffnete ich die Bauchdecke und fand den Verdacht bestätigt. Der Wurmfortsatz war aufgeplatzt, Eiter, Blut, Kot und Gewebereste hatten sich im ganzen Bauchraum verteilt. Ich kappte den Blinddarm so weit wie möglich und beauftragte Herrn Majewski, unter Anleitung der Assistentin den Bauchraum mit einer Desinfektionslösung zu spülen, dabei stellte er sich recht geschickt an. Nachdem wir vorsichtshalber noch eine Drainage gelegt hatten, um eventuelle weitere Flüssigkeit abzuleiten, fragte ich das Team, ob wir die Bauchdecke wieder schließen könnten, worauf sie das bestätigten. Nur Li-Ming erhob Einspruch: „Ich würde das Gedärm nochmal genauer anschauen, bei uns ist das üblich.“ Der Hinweis war wichtig und ich gab Herrn Majewski den Auftrag, die Därme anzuheben, wo wirklich beim Spülen ein Stück harter Kot übersehen worden war. „Danke für deine Aufmerksamkeit“, lobte ich meine Retterin und bat Frau Dr. Johannsen die Bauchdecke wieder zu schließen, was sie sehr professionell tat.

Für meinen Habilitationsvortrag hatten die Uni-Mitarbeiter einen Gasherd, einen Wok und die nötigen Zutaten bereitgestellt und der Hörsaal füllte sich langsam. Ich freute mich besonders, Professor Baumann zu treffen, der uns beide begrüßte und seine gespannte Aufmerksamkeit wegen der Kochgeräte nicht verbarg. Pünktlich begann ich den Vortrag mit den einleitenden Worten aus dem Pekinger Kolleg über eine abgestimmte Ernährung als Grundlage für die Gesundheit und die Wichtigkeit eines regelmäßigen Essens ohne Ablenkung. Dann nannte ich die Verdauungsorgane, die dafür sorgen, dass die nützlichen Bestandteile an ihren Bestimmungsort gelangen und alles Überflüssige aus dem Körper geleitet wird. Als nächstes kamen die Eigenschaften und Zubereitungsweisen der verschiedenen Lebensmittelarten dran, wobei ich besonders auf die gesunde Ernährung mit Gemüse und Obst und die Gesundheitsschädlichkeit von zu viel Fleisch hinwies. Jede Art von Meeresfrüchten sei viel gesünder und dem Fleisch vorzuziehen, ergänzte ich. Dann erläuterte ich den Wok, der ständig umgerührt werden muss und stellte die Köchin mit dem Hinweis vor, sie sei eine promovierte Ärztin und meine Verlobte, was großen Beifall hervorrief.

Als nächstes beschrieb ich das Gericht, wobei ich bedauerte, dass wir in der Kürze der Zeit keine originellen chinesischen Zutaten beschaffen konnten und deshalb auf ein französisches Gemüsegericht ausgewichen waren, dann nannte ich die Zutaten und beschrieb während der Zubereitung ihre gesundheitlichen Eigenschaften. Ich erläuterte jeden Arbeitsschritt von Li-Ming bei der Vorbereitung der Gemüse ausführlich, und kommentierte auch den Kochvorgang, das Rezept liege am Ausgang bereit. Nach einer guten halben Stunde war das Ratatouille fertig und ich bat die Hörer, am Kochtisch entlang zu promenieren und ein Probe des Gerichtes zu kosten. Allgemein wurde der gute Geschmack gelobt und zum Schluss gab es großen Beifall. Professor Baumann lobte uns für diese ungewöhnliche Vorlesung, die aber meine Idee eines speziellen chinesischen Lehrstuhls sehr gut demonstriert habe. Der Tag hatte Li-Ming und mich so ermüdet, dass wir nach dem Abendessen gleich ins Bett fielen.

Als nächstes beschrieb ich das Gericht, wobei ich bedauerte, dass wir in der Kürze der Zeit keine originellen chinesischen Zutaten beschaffen konnten und deshalb auf ein französisches Gemüsegericht ausgewichen waren, dann nannte ich die Zutaten und beschrieb während der Zubereitung ihre gesundheitlichen Eigenschaften. Ich erläuterte jeden Arbeitsschritt von Li-Ming bei der Vorbereitung der Gemüse ausführlich, und kommentierte auch den Kochvorgang, das Rezept liege am Ausgang bereit. Nach einer guten halben Stunde war das Ratatouille fertig und ich bat die Hörer, am Kochtisch entlang zu promenieren und ein Probe des Gerichtes zu kosten. Allgemein wurde der gute Geschmack gelobt und zum Schluss gab es großen Beifall. Professor Baumann lobte uns für diese ungewöhnliche Vorlesung, die aber meine Idee eines speziellen chinesischen Lehrstuhls sehr gut demonstriert habe. Der Tag hatte Li-Ming und mich so ermüdet, dass wir nach dem Abendessen gleich ins Bett fielen.

Für das Wochenende hatte ich mir vorgenommen, der Geliebten Weimar zu zeigen, eine der wichtigsten Städte der deutschen Geschichte. Da es dort viel zu sehen gibt, wollte ich mit ihr zwei Tage bleiben und hatte ein Zimmer im „Elefant“ gebucht.Im Café gegenüber stärkten wir uns von der Reise, wobei ich meiner Begleiterin einen kurzen Überblick über Deutschlands wichtigste Dichter gab, die in dieser Stadt gelebt haben. Sie hatte zwar die Namen gehört, wusste aber kaum etwas von ihren Werken und ihrem Leben. Sie staunte, als ich ihr von Goethes erfolgreichem Wirken nicht nur als Dichter, sondern auch als fürstlicher Beamter schilderte und erst recht, als ich seine Liebe mit Christiane Vulpius erzählte, mit der er die gesellschaftlichen Konventionen missachtete. In einer zweistündigen Führung zeigte uns dann eine Frau alle interessanten Ecken der Stadt, vor allem die Häuser von Goethe und Schiller. „Du hast mir an diesen beiden Tagen unwahrscheinlich viel gezeigt über die Geschichte und die herrliche Kultur deines Landes, hab herzlichen Dank dafür“, sagte die Geliebte und streichelte meine Wange. Nach einem Glas sächsischen Weißweins und ein paar Häppchen ließen wir den Abend bei einer Beethoven-CD liebevoll ausklingen.

Montag zog ich meinen guten Anzug und meine Braut ihren Hosenanzug an, dann fuhren wir zur Uni. Im großen Hörsaal versammelte sich allmählich fast der gesamte Lehrkörper und auf der Tribüne saß der Fakultätsrat mit Professor Baumann. Zwei Plätze waren für Li-Ming und mich frei gelassen. Pünktlich eröffnete der Chef die Sitzung, begrüßte mich und stellte Li-Ming als Abgesandte der Universität von San Francisco vor, die eine ähnliche Aufgabe habe, die Chinesische Medizin an der dortigen Uni einzuführen. Nach einigen Worten über die Notwendigkeit, sich mit dieser Medizin zu beschäftigen, übergab er mir das Wort. Ich hatte wesentliche Auszüge aus meinem Papier in einer PowerPoint-Präsentation hinterlegt, die ich jetzt ablaufen ließ und mit Einzelheiten kommentierte. Das dauerte eine knappe Stunde, dann gab es die Möglichkeit, aus dem Auditorium Fragen zu stellen, die die Anwesenden fleißig nutzten. Die teilweise arg unqualifizierten Fragen erinnerten mich lebhaft an die Präsentation der beiden Chinesen in San Francisco vor vier Monaten und es gelang mir meist recht gut, die Zweifel zu widerlegen. Als ich eine spezielle Frage nicht beantworten konnte, beugte sich Li-Ming zu Professor Baumann und bot sich an zu antworten. Er genehmigte das und meine Mitstreiterin konnte in klarem Deutsch die gewünschte Antwort geben, wofür lauter Beifall aufbrandete. Nach zwei Stunden schienen die Zweifel ausgeräumt und Professor Baumann beendete das Treffen, dann lud er uns mit dem Fakultätsrat zu einem Essen in der Gästekantine ein. Im Gespräch lobte er mich für die Präsentation und uns beide für die professionellen Antworten in der Diskussion, dann waren wir entlassen.

Am Nachmittag  nn fragte ich Li-Ming: „Wollen wir jetzt noch unsere Arbeiten abgleichen?“, aber sie meinte, heute hätten wir genug für die Wissenschaft getan, sie würde lieber an die frische Luft gehen. Also fuhren wir in die Elster-Lippe-Aue und wanderten zum Wallendorfer See. An einem Strand mit waldigem Hintergrund schlug ich meiner Begleiterin vor zu baden, worauf sie meinte, wir hätten doch keine Badesachen dabei. Ich beruhigte sie, nackt zu baden sei in Deutschland durchaus üblich. Nachdem wir eine Weile geschwommen waren, gingen wir aus dem Wasser, wo wir uns umarmten und wild küssten. Weil wir ganz allein waren und ich Sehnsucht nach ihr hatte, zog ich die Geliebte zu einer Stelle mit Grasbewuchs. „Wir können uns doch hier in der Öffentlichkeit nicht lieben“, meinte sie entsetzt, doch ich konnte sie überzeugen, dass auch das in diesem Lande möglich ist, wenn niemand in der Nähe ist. So hatten wir eine herrliche Begegnung unter freiem Himmel, danach fuhren wir zu mir nach Hause. Bei einem Glas Wein ließen wir den Tag Revue passieren. „Seit ich hier bin, habe ich unwahrscheinlich viel über die deutsche Lebensart gelernt, auch die Erotik wird viel freier gesehen als in den Staaten und erst recht in meiner Heimat“, schwärmte meine Braut begeistert, „ich war zuerst entsetzt, als du in der freien Natur mit mir schlafen wolltest, aber dann habe ich es genossen, den blauen Himmel über mir und die Natur um mich herum dabei zu fühlen.“

Wie vor vier Monaten war ich Dienstag um halb sieben am Flughafen, doch diesmal nicht allein, sondern zusammen mit meiner geliebten Li-Ming. Wir waren halb in der Nacht aufgestanden und um halb sieben am Flughafen, von wo wir problemlos nach Frankfurt kamen. Nach intensiven Prüfungen durch die Amerikaner ging es diesmal schnell und wir hatten neun Stunden bis San Francisco vor uns, die wir nutzen wollten. Jeder hatte seinen Laptop dabei, worauf wir mein Konzept ins Englische übersetzten, denn, abgesehen von dem klinischen Bereich und der Massage gab es keinerlei Unterschiede zwischen meinem und Li-Mings Lehrstuhl für chinesische Medizin.                                

                                                        Aus Kapitel "Fortschritte"

Als wir um 12:30 Uhr in San Francisco landeten, konnten wir Li-Mings Konzept als voll brauchbar abschließen. Diesmal war mir die Zeitdifferenz von neun Stunden bewusst und nachdem wir wieder auf Herz und Nieren gecheckt worden waren, fuhren wir zur Uni. Li-Ming gab der Sekretärin den Stick mit dem Konzept und bat sie, den Text auszudrucken und dem Chef vorzulegen. Kurz danach war auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht vom Sekretariat der Uni, dass Dr. Saurach uns beide so bald wie möglich sehen wolle. Li-Ming rief zurück, wir seien schon unterwegs und waren kurz nach 11 Uhr bei Li-Mings Chef, der uns herzlich begrüßte. Wir mussten über die Tage in Leipzig berichten, wobei er vor allem an den neuen Mitarbeitern und der Präsentation meines Konzeptes vor dem Auditorium interessiert war.

Am nächsten Morgen bewunderte ich meine Geliebte für ihre Ruhe, ich war vor meinem Vortrag aufgeregter gewesen. Nach der Begrüßung des Auditoriums begann meine Prinzessin ihren Vortrag mit einer Anekdote: „Ich möchte meine Präsentation mit einer Geschichte beginnen, die historisch nicht belegt ist, aber durchaus der Wahrheit entsprechen kann, weil sie in vielen alten Erzählungen meines Heimatlandes auftaucht: Der Kaiser von China litt unter starken Bauchschmerzen und die Ärzte versuchten alles, um ihn davon zu heilen. Weder warme noch eiskalte Umschläge nutzten etwas und auch eine vorsichtige Massage und die Blutabnahme brachten keine Besserung. Lediglich warmes Wasser nahm er zu sich und wurde immer schwächer. Der oberste Mandarin ließ dem Leibkoch den Kopf abschlagen lassen, weil er eine vergiftete Speise als Ursache vermutete, und warf die erfolglosen Ärzte ins Gefängnis, doch auch diese Maßnahmen halfen dem Herrscher in keiner Weise. Da versprach er in einer öffentlichen Bekanntmachung demjenigen große Reichtümer, der den Kaiser heilen könne. Doch das Schicksal des Leibkochs und der Ärzte schreckten alle von einer Bewerbung ab, die ihm vielleicht hätten helfen können.

Doch am Abend stand eine alte Frau vor dem Tor des Palastes und bot ihre Hilfe an. Die Wachen wollten sie nicht einlassen, bis die Frau sie beschuldigte, den baldigen Tod es Kaisers zu verantworten. Als sie schließlich in den großen Saal vorgelassen wurde, in dem das Bett des Kaisers stand, nahm sie aus ihrer Tasche eine in mehrere Tücher eingepackte Kanne mit einer warmen Flüssigkeit und empfahl dem Kaiser, sie zu trinken. Der war so verzweifelt, dass er ihren Rat befolgte. Er hatte die Flüssigkeit kaum geschluckt, als er nach dem Becken verlangte, mehrere Blähungen lautstark durch den Saal knallten, danach schied er eine gewaltige Menge übelriechenden Kot aus, in dem sich ein großer Wurm räkelte. Er strich sich über den Bauch und flüsterte: „Die Schmerzen sind weg und ich habe Hunger.“ „Vorsicht, Majestät!“, sagte die alte Frau, „Ihre Därme sind stark geschwächt, Sie dürfen jetzt nur ein wenig leichten Reisbrei essen und dann müssen Sie dringend schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen.“ Die Diener befolgten die Weisung und nachdem der Kaiser den Brei langsam gegessen hatte, fielen ihm die Augen zu.

Natürlich wollte der Mandarin wissen, welche Medizin die Frau dem Kaiser gegeben hatte. Da holte sie aus ihrer Tasche ein Bündel verschiedener Kräuter heraus und sagte lächelnd: „Diese reine Natur hat dem Kaiser geholfen, das Unreine in seinem Darm loszuwerden, und im Wald lässt sich noch viel mehr von dieser Medizin finden.“ Der Mandarin war ein kluger Mann und bat die alte Frau, ihr Wissen um diese Kräuter einem größeren Kreis von Wissenschaftlern mitzuteilen und verschaffte ihr eine festliche Bekleidung dafür.  Zu dem Vortrag brachte sie noch viele weitere Kräuter aus dem Wald mit, dann wurden Schriftkundige beauftragt, diese zu zeichnen und ihre Anwendung aufzuschreiben. Die weise alte Frau blieb hoch geachtet bis zu ihrem Tode am Hof. Das Wissen um die Kräuter wurde immer weiter vervollkommnet, so dass es heute die Wichtigste der fünf Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin bildet.

Als ich Samstag aufwachte, hatte Li-Ming schon das Frühstück fertig und verkündete mir eine Überraschung: „Dienstag empfange ich eine weitere Bewerberin für meinen Lehrstuhl und weil Montag nichts vorliegt, habe ich diesen Tag als Urlaub genommen. Was hältst du davon, wenn wir drei Tage campen gehen? Ich habe große Lust, mal wieder ganz primitiv zu leben und kenne einen schönen Platz in der San Francisco Bay nahe am Wasser. Wenn du mitmachst, können wir in einer Stunde fahren und sind nach einer weiteren Stunde dort. Die notwendige Ausrüstung habe ich im Keller, wir müssen sie nur im Wagen verstauen.“ Vom Camp führten mehrere Wege in den Wald, wir entschieden uns für den empfohlenen Turtle Back Hill Trail, einen einigermaßen gangbaren Weg, der den Sumpf in geringem Abstand umrundet, Hinweisschilder entlang des Weges liefern Einzelheiten. Der Turtle Back Hill ist kein Wald im zivilisierten Sinne, sondern eher ein wilder, in keiner Weise bearbeiteter oder gepflegter Busch. Schon beim Zelt hatten wir Vögel zwitschern gehört, das verstärkte sich jetzt, rötliche Enten und Graureiher flogen umher oder saßen im Wasser des Sumpfes. Eichhörnchen sprangen zwischen den Bäumen umher und Dachse, Flussotter und Waschbären zeigten sich, sogar ein Rudel Rehe graste in der Nähe. Wir begegneten keinem Menschen und ich staunte, wie wenig Scheu die Tiere uns gegenüber zeigten. „Das ist ein kategorisch geschützter Nationalpark“, klärte meine Begleiterin mich auf, „du darfst noch nicht einmal einen Grashalm ausreißen. Nur dadurch entsteht diese naturnahe Idylle.“

Zum Abend kauften wir Brot, Käse und Rotwein und genossen zu diesen Köstlichkeiten den Sonnen­untergang vor dem Zelt. Lange saßen wir und klönten über die Zeit, die wir schon miteinander erlebt hatten, bis meine Geliebte vorschlug, noch einmal baden zu fahren, was ich gerne annahm. Weil es stockdunkel war, fuhren wir nicht bis zum Badestrand, sondern hielten ein Stück vorher an einen Kiesstrand an. Da wir allein waren, gingen wir nackt ins Wasser. und beim Rauskommen hatten wir dieselbe Idee. Danach streichelten wir uns noch lange. „Ich hatte nicht geglaubt, dass das auch in diesem Land möglich ist“, schwärmte sie glücklich, bevor wir zum Camp zurückfuhren und in die Schlafsäcke krochen.

Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, kam ein jüngeres Paar zu uns und schaute uns an, dann fragte der Mann grinsend: „Hatten Sie einen schönen Abend gestern am Wasser?“ Mir schoss das Blut in den Kopf, anscheinend hatten die beiden unser Liebesspiel beobachtet, doch Li-Ming antwortete ganz ruhig: „Ja, es war einfach herrlich unter dem Mondschein in der freien Natur.“ „Da haben Sie ganz Recht“, fiel jetzt die Frau ein. „Wir badeten ein Stück weiter und konnten Sie bei Ihrer schönen Beschäftigung beobachten. Von uns aus hätten wir es nicht gewagt, aber von Ihrem Beispiel ließen wir uns gerne animieren, dasselbe zu tun und wie Sie sagen, war es herrlich unter dem Mondschein in der freien Natur. Wir sind uns einig, dieses schöne Erlebnis bei einer guten Gelegenheit zu wiederholen. Vielen Dank für Ihr mutiges Beispiel.“ Wir verabschiedeten uns lachend voneinander, dann meinte meine Geliebte lächelnd: „Ich bin richtig stolz, dass wir die beiden dazu verführt haben.“

Am Dienstag mussten wir früh aufstehen. bauten das Zelt ab, packten alles ins Auto und fuhren zurück. An einer kleinen Kaffeestube hielten wir an und tranken grünen Tee zu einem Stück Kuchen, dann trafen wir am späten Nachmittag in Li-Mings Wohnung ein. Ich war der Geliebten tief dankbar für dieses Wochenenderlebnis, doch sie meinte nur: „Es war doch auch für mich nur dadurch so schön, dass du dabei warst und alles mitgemacht hast.“

Da ich Sonntag zurückfliegen musste, hatte meine Braut für den Freitag Urlaub genommen, um mir zwei interessante Orte in der Nähe der Stadt zu zeigen. Nach dem Frühstück eröffnete sie mir ihren Plan: „Zuerst machen wir einen historischen Ausflug nach Sacramento, die Stadt entstand als Goldgräbersiedlung an der Mündung des American River in den Sacramento, wuchs dann zu einem Handelszentrum heran und ist seit 1854 die Hauptstadt des Bundesstaats Kalifornien. Dann fahren wir zu einem interessanten Orten weiter südlich, den wir morgen anschauen.“ Ich stimmte interessiert zu und wir trafen nach knapp zwei Stunden in der hübschen kleinen Stadt mit dem aus dem 19. Jahrhundert nachgebauten Zentrum „Old Town“ ein. Wir stellten den Wagen auf einem Parkplatz ab und gingen in die alte Stadt, die wirklich wie vor 100 Jahren aussah und richtig romantisch wirkte.

Danac fuhren wir zum weiter südlich gelegenen Küstenort Monterey, den wir nach drei Stunden Fahrt erreichten. abends gingen wir nach draußen, wo mich die Geliebte 3 Minuten am Wasser entlang zu einem großen Gebäude führte. „Das ist das Monterey Aquarium, eines der größten Schauaquarien der Welt, das wir morgen besuchen“, erklärte sie mir. Wieder ein paar Schritte weiter war das Fish Hopper Restaurant, wo meine Braut einen schönen Tisch direkt am Wasser reserviert hatte. Nach einem Pastis wählten wir von der reichhaltigen Karte als Vorspeise knusprig gebratene Calamari mit Tartar Sauce und Zitrone und als Hauptgericht gegrillten Wildlachs mit Gemüse, Risotto und Tomaten-Basilikum. Dazu tranken wir eine ganze Flasche Chardonnay. Da es nur alkoholische Desserts gab, schlug meine Braut vor, nach einem Verdauungsspaziergang in die Hotelbar umzuziehen. Wir liefen eine halbe Stunde am Ufer entlang, dann genossen wir in der Hotelbar Eiskugeln und Cognac.

Samstag gingen wir nach dem Frühstück in das berühmte Aquarium. Was hier geboten wurde, war wirklich beeindruckend. Durch ein Acrylfenster von 17 mal 5 Metern hatten wir einen fantastischen Blick in das riesige Becken. Es war lange Zeit das größte Fenster weltweit gewesen. Beeindruckt bewunderten wir Hammerhaie, Manta-Rochen, Thunfische, Mondfische, Schwertfische und sogar Delphine, dazu noch viele kleinere Fische, Krustentiere, Kraken und Quallen sowie Meeresschildkröten. Am Rand war ein Korallenriff nachgebildet, das von vielen bunten Fischen umschwärmt wurde. Den ganzen Vormittag ließen wir uns von diesen Eindrücken fesseln.

Wir wussten mit Bedauern, dass das jetzt unsre letzte gemeinsame Nacht für lange Zeit sein würde und nutzten sie weidlich, um uns unsere Liebe zu beweisen. Fünfmal gaben wir uns bis in den späten Vormittag einander hin, wir konnten gar nicht genug voneinander bekommen, mein Flug ging ja erst um 14:40. Nach einem späten Frühstück fuhr meine Braut mich zum Airport. In der Lounge tranken wir den letzten Kaffee, dann schlug am Gate die schwere Stunde der Trennung. Mit heißen Küssen versicherten wir uns unsere Liebe und ich sah sogar ein paar Tränen in den Augen der Frau, die ich über alles liebte. Schließlich mussten wir uns voneinander losreißen und winkten uns noch zu, solange wir uns sehen konnten. Im Flugzeug dankte ich Gott, dass er mir diese wundervolle Frau geschenkt hatte. Da ich diesmal nichts Dringendes zu arbeiten hatte, holte ich nach einem guten Menü den Schlaf nach, den ich in der Nacht einer schöneren Beschäftigung geopfert hatte. Aus Frankfurt schickte ich der Geliebten eine SMS und war um 14 Uhr zu Hause. Ich wartete noch zwei Stunden, dann rief ich sie an, die schon ausgeschlafen auf meinen Anruf gewartet hatte. Wir unterhielten uns eine ganze Stunde über Skype und ließen die herrlichen Tage in San Francisco noch einmal Revue passieren.

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Dienstag setzte ich die gewohnte Arbeit an der Uni fort, die ich für zwei Wochen unterbrochen hatte. Ich war noch keine Stunde im Büro und versuchte, den aktuellen Stand zu ermitteln, als Professor Baumann mich rufen ließ und alles über meinen Aufenthalt in San Francisco wissen wollte. Ich berichtete über die Fortschritte, die Li-Ming und ich dort gemeinsam erreicht hatten, und Ihre Präsentation, die mit ihrer Ernennung zur Professorin abschloss. Schmunzelnd teilte er mir mit, dass ich einen ähnlichen Stand erreicht hätte. Mein Nahrungsmittelkolleg und die Präsentation, sowie die Habilitationsschrift und die Veröffentlichung hätten die Gremien überzeugt, mir die Habilitation zu erteilen. „Sie dürfen sich jetzt Dr. habil. nennen“, fügte er hinzu, „und ich denke, bis zu einer ordentlichen Professur ist der Weg nicht mehr allzu weit.“ Als ich ihm herzlich dankte, wollte er lächelnd wissen, ob ich denn auch Zeit für meine Braut gehabt hätte, und ich bestätigte ihm gern, dass wir zwei wundervolle Wochenenden miteinander verbringen konnten. „Ich glaube, Ihre persönliche Verbindung ist für das Projekt auf beiden Seiten sehr wertvoll“, meinte er anerkennend,

Am nächsten Morgen ging ich zum Klinikum, um nach meinen beiden Mitarbeitern zu schauen. Frau Dr. Johannsen assistierte bei einer Magenoperation und Herr Majewski nahm an einer Visite teil. Nach der Operation ließ ich mir berichten, wie die beiden die zwei Wochen meiner Abwesenheit verbracht hatten. Beide lobten die gute Zusammenarbeit mit den anderen Ärzten und die Unterstützung durch die Schwestern, so dass sie sich schnell integrieren konnten. Als ich die junge hübsche Ärztin vor mir sah, überfiel mich wieder die Zuneigung, die ich schon bei der ersten Begegnung mit ihr gefühlt hatte. Ich war froh, dass sie mich über ihre Abreise nach Peking am 1. September informierte. Zwei Monate habe ich also keine Gelegenheit, sie zu sehen, das beruhigte mich. Nur die zehn Tage bis zu ihrer Abreise muss ich noch überstehen.

Weil Frau Dr. Johannsen Samstag früh nach Peking fliegen sollte, lud ich sie Freitagabend zu einem Abschiedsessen im Auerbachs Keller ein. Im Gespräch dankte sie mir, dass ich sie auf diesen hoffnungsvollen Posten eingestellt habe, von dem sie sich eine große Zukunft verspreche. Ich musste sie ständig anschauen, weil ich eine immer stärkere starke Zuneigung zu ihr fühlte. Ich war heilfroh, dass sie morgen für zwei Monate aus meinem Blickfeld verschwindet. Als ich nach dem Espresso einen Cognac bestellen wollte, lehnte sie ab, sie trinke grundsätzlich keine harten Getränke. Aber die größte Überraschung erlebte ich, als ich zahlen wollte und sie darauf bestand, für sich selbst zu zahlen. „Ich fand den Abend mit Ihnen angenehm“, sagte sie entschuldigend, „aber ich habe die feste Regel, mich nie von einem Mann einladen zu lassen, weil daraus unklare Verpflichtungen entstehen könnten. Bitte nehmen Sie mir das nicht übel, ich schätze Sie als Vorgesetzten sehr und hoffe auf eine weitere gute Zusammenarbeit.“ Zwei Stimmungen kämpften in mir: ein leichtes Bedauern, dass ich ihr nicht näherkommen konnte und eine große Erleichterung, dass ihre Standhaftigkeit jede Annäherung unmöglich gemacht hatte.

Die nächsten beiden Monate waren ausgefüllt mit der weiteren Arbeit an den Lehrplänen. In ständigem Kontakt miteinander entwickelten LI-Ming und ich brauchbare Konzepte für die einzelnen Unterrichtseinheiten. An den Wochenenden sprachen wir über persönliche Dinge und bedauerten, dass wir nicht zusammen waren. Als Frau Dr. Johannsen nach elf Wochen Studium aus Peking zurückkam, war sie voller Begeisterung über da Gehörte und hatte in Peking vieles schon in einem Lehrplan-Entwurf niedergelegt. Ich lobte sie für die gute Arbeit, hielt mich aber persönlich strikt zurück. Natürlich berichtete ich Li-Ming die Fortschritte der jungen Ärztin, worauf sie mich fragte, ob mein Interesse an ihr wirklich nur wissenschaftlich sei. Da überwand ich mich und schilderte ihr das Abendessen mit ihr und meinen Entschluss, jeden persönlichen Kontakt zu meiden, obwohl sie mich als Frau durchaus interessiert hätte. „Bleib‘ so, dann werde ich dich auch immer als Einzigen lieben“, rief sie lachend.

Nachdem wir beide bis Weihnachten die Konzepte für unsere Lehrstühle weitgehend fertiggestellt hatten, waren wir nach zehn Wochen Trennung endlich wieder zusammen. Meine Eltern hatten uns eingeladen, das Fest mit ihnen zu feiern, und Li-Ming konnte ihren Chef überzeugen, dass sie eine weitere intensive Beratung mit mir in Leipzig brauche. Der hatte ihr die Flüge und zwei Wochen vom 22. Dezember bis zum 5. Januar genehmigt und wir feierten in meiner Wohnung ein begeistertes Wiedersehen. Bei einem leichten Mahl berichtete sie dann eine Information ihres Vaters, dass seit Anfang Dezember in Wuhan eine seltsame Lungenentzündung stark zunimmt, auf die sich die Ärzte keinen Reim machen können. Zwei Wochen später identifizierte ein Arzt ein unbekanntes Virus und weil dort mehrere Infizierte arbeiteten, vermutete man den primären Infektionsort auf dem Wuhaner Großmarkt, wo auch Schlangen und Fledermäuse gehandelt werden. Da diese Krankheit sich anscheinend auf Wuhan beschränkt, sahen wir keine Gefahr für uns, doch Li-Ming fürchtete für ihre Eltern

Meine Braut hatte zwei hübsche Geschenke mit chinesischen Mustern für meine Eltern mitgebracht, ein Halstuch und eine Krawatte und ich zwei Bücher über die chinesische Kultur dazu besorgt. Wir hatten mit ihnen eine schöne Feier unter dem Weihnachtsbaum und bekamen gemeinsam einen Bildband über die Entwicklung der Kultur in der DDR geschenkt. Zur Mitternacht hörten wir die Mette in der Nikolaikirche, nachdem wir Li-Ming über die von hier ausgegangene friedliche Revolution vor dreißig Jahren informiert hatten, was sie tief beeindruckte. Doch auch den Gottesdienst nahm sie mit allen Sinnen wahr. „Allmählich begreife ich, was in eurem Glauben verborgen ist“, sagte sie leise. Am ersten Feiertag berichtete Li-Ming auch meinen Eltern die beunruhigenden Nachrichten über die totgeschwiegene Lungenkrankheit in Wuhan und die beiden horchten auf.

Am Sonntag schlug wieder einmal die Stunde der Trennung. Die anscheinend um sich greifende Epidemie in Wuhan hatte uns in einem Maße beschäftigt, dass wir nur wenig zum Abgleich unserer Lehrstühle gekommen waren. Immerhin konnte Li-Ming Frau Dr. Johannsen einige Tipps zu klareren Aussagen in ihrem Lehrplanentwurf geben, die sie dankbar akzeptierte. Auch für unsere Gemeinschaft hatten wir nicht viel Zeit gefunden, nur in der letzten Nacht vergaßen wir alles andere und gaben uns hin in die Grenzenlosigkeit der innigen Liebe. Als wir uns am Gate noch einmal küssten, wussten wir, dass uns nichts würde trennen können. Als die Geliebte mich nach neun Stunden aus San Francisco weckte, schlief ich beruhigt wieder ein. In einem tiefen Gebet dankte ich Gott, dass er sie gut behütet hatte und bat ihn, uns unsere Liebe zu bewahren.

Am 30.1. teilte meine Geliebte mir ganz verzweifelt mit, dass sie sich bei einer chinesischen Krankenschwester, die noch vor der Sperrung aus Wuhan zurückgekommen war, mit dem Virus angesteckt habe und jetzt unter Husten und Fieber leide. Eigentlich gebe es in den Staaten noch gar keine Tests auf Corona, weil der Präsident jede Gefahr leugne, zum Glück habe sich die Klinik vorsorglich eigedeckt. Sie sei in strenger Quarantäne und weil sie nicht wisse, wie sich die Krankheit entwickeln würde, habe sie einen Kollegen gebeten, mich weiter zu informieren. Ich war verzweifelt, weil ich ihr nicht helfen konnte. Freitag rief der Kollege mich an, Li-Ming sei ins Krankenhaus gebracht worden, weil sie Atemprobleme bekommen habe. In einem innigen Gebet bat ich Gott, mir diese Frau zu erhalten, die ich über alles liebe. Ich hätte gerne mit ihr persönlich gesprochen, hatte aber keinen Zugang, da sie ihr Handy in der Klinik abschalten musste. Am Samstag waren die Nachrichten nicht besser, sie habe auf der Intensivstation Atemprobleme und müsse leicht beatmet werden.

Am 3.Februar schaut Frau Dr. Johannsen mir ins Gesicht und sagte leise; „Sie haben Kummer.“ Da brach es aus mir heraus und mit Tränen in den Augen berichtete ich ihr von der schweren Erkrankung meiner Braut, die sie ja bei den Besuchen hier gut kennen gelernt hatte. Da tat diese junge Frau etwas ganz Außerordentliches: Sie strich mir zart über die Haare und sagte mit ruhiger Stimme: „Seien Sie beruhigt, es wird alles gut werden. Ihre Braut ist eine kräftige junge Frau, die solche Krankheit mit der natürlichen Kraft ihres Körpers überwinden wird.“ Für einen Moment hatte ich das Bedürfnis, sie zum Dank zu küssen, doch zum Glück konnte ich mich beherrschen, küsste nur ihre Hand und dankte ihr ganz herzlich für diesen Trost. Was für eine tolle Mitarbeiterin hatte ich mit dieser Frau gewonnen! Ich konnte nur dankbar sein, dass mich im letzten September ihre Zurückhaltung davor bewahrt hatte, ihr näher zu treten.

Und sie hatte Recht: Nach drei Tagen erfuhr ich, dass es meiner Geliebten besser gehe, sie nicht mehr beatmet würde und bald die Intensivstation verlassen könne. Nach weiteren drei Tagen rief sie mich aus dem normalen Krankenzimmer an, ihr gehe es schon recht gut, in zehn Tagen werde sie wohl aus der Klinik entlassen und wieder voll einsatzfähig sein. Ihre Kollegen hätten ja nicht das Geringste über dies neue Virus gewusst, berichtete sie, und sie einfach probeweise mit einem Medikament behandelt, das gegen Ebola entwickelt worden sei. Anscheinend habe das ihre schnelle Genesung bewirkt. Ich erzählte ihr von Frau Dr. Johannsens Vertrauen auf ihren gesunden Körper, mit dem sie mich beruhigt hatte. „Ja, da hast du eine ganz außerordentliche Mitarbeiterin gewonnen, ich habe das von Anfang an so gesehen“, freute sie sich mit mir. Die Erkrankung hatte inzwischen weltweit den Namen Covid-19 erhalten.

Am 23.3. informierte Li-Ming mich, dass die Stadtverwaltung von San Francisco, die schon Mitte Februar als erste Großstadt der USA den Notstand erklärt hatte, die restriktivste Ausgangssperre im ganzen Land verhängt hatte. Dadurch wurden die sozialen Kontakte frühzeitig reduziert und der Öffentlichkeit die Gefahr bewusst gemacht. San Francisco entwickelte sich zu der am wenigsten betroffenen Stadt im ganzen Land.

                                                 Aus Kapitel "Gemeinschaft"  

Am 30.4. berichtete Li-Ming ganz aufgeregt, ihr Chef habe ihr geraten, zu mir zu kommen und sich hier weiter in die Materie einzuarbeiten. Da inzwischen ein eingeschränkter Flugverkehr bestehe, könne sie wahrscheinlich schon in der nächsten Woche hier aufkreuzen. Am 10. Mai kam sie mittags in Leipzig an. Wir nahmen kurzzeitig die Masken ab und begrüßten uns mit heißen Küssen, aber sie war hundemüde und fiel in meiner Wohnung gleich ins Bett, um sofort einzuschlafen. Als sie gegen Abend munter wurde, zog sie mich zu sich und jetzt konnten wir mit allen Sinnen unsere innige Gemeinschaft feiern. Ich hatte genügend für ein gutes Abendessen besorgt, so dass wir nicht mehr aus dem Haus gehen mussten. Wir berichteten uns kurz, wie wir die Wochen der Pandemie überstanden hatten, dann setzten wir unsere ganz persönliche Wiedersehensfeier gern fort. Montag bekam ich in der Uni schnell einen Termin bei Professor Baumann. Mit 1,5 m Abstand und Masken vor dem Gesicht saßen wir bei ihm. Er freute sich, Li-Ming zu sehen, ließ sich ausführlich berichten, wie weit wir in der Planung unserer Lehrstühle vorangekommen waren, und begrüßte, dass sich unsere Konzepte kaum voneinander unterschieden.

Ich hatte meinen Eltern von Li-Mings Besuch berichtet und, sie hatten uns für Samstag zum Mittag eingeladen. Mit einem Blumenstrauß besuchten wir sie und wurden herzlich empfangen. Wir konnten ihnen direkt ansehen. wie sie sich freuten, meine Braut wieder zu sehen. Bei ausgedehnten Gesprächen über die Corona-Entwicklung hier und in den Staaten verging der Nachmittag, den meine Mutter mit Kaffee und selbst gebackener Torte ausfüllte. Dann meinte meine Mutter , Li-Mings Besuch sei doch eine gute Gelegenheit für uns, zu heiraten. Überrascht schauten wir uns an, daran hatten wir überhaupt noch nicht gedacht, aber uns beiden war sofort klar, dass das eine gute Idee sei. Eifrig erweiterten wir die Idee zu einem konkreten Plan und als wir den einigermaßen fertig hatten, war es Mitternacht.

In meiner Wohnung machten wir uns an die Planung der Einzelheiten. Im Internet fanden wir die Bedingungen für die Heirat einer Ausländerin mit einem Deutschen:

Gültiger Reisepass,
Geburtsurkunde nich älter als 6 Monate,
Ehefähigkeitszeugnis von der Botschaft,
Dokumente für eine Aufenthaltsgenehmigung.

Montag waren wir beim Standesamt. „Das habe ich noch nie gehabt“, lachte die Standesbeamtin, „eine chinesisch geborene und in den USA eingebürgerte Frau will hier einen geborenen Deutschen heiraten. Aber mit den notwendigen Dokumenten sollte das möglich sein.“ Dann machte sie Li-Ming darauf aufmerksam, dass sie für einen dauernden Aufenthalt eine Aufenthaltserlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragen müsse. Korrekt sei das erst nach der Heirat möglich, sie würde uns aber eine Kopie des Heiratsantrages mitgeben, womit das Verfahren jetzt schon eingeleitet werden könne. Ob wir schon einen Terminwunsch hätten, wollte sie noch wissen, worauf wir „so bald wie möglich“ antworteten. Wegen der notwendigen Dokumente schlug sie einen vorläufigen Termin in vier Wochen vor, den wir akzeptierten.

Jetzt ging es darum, die Zukunft zu planen. „Bei unserem Plan, uns nach einem Jahr Lehrtätigkeit gemeinsam selbstständig zu machen, bleiben wir doch?“, fragte meine Braut mich. Nachdenkich stimmte ich zu, während des Gesprächs war in mir eine Idee aufgekommen, wie wir vielleicht beides vereinen könnte. „Können wir nicht das eine mit dem anderen verbinden?“, spann ich den Faden offen aus. „Wir haben in der nächsten Zeit für unsere Aufgaben nichts Rechtes zu tun, aber wir sind zusammen. Was hältst du davon, wenn wir neben dem bisschen weiterer Vorbereitung unserer Lehrstühle schon jetzt beginnen, unser gemeinsames Institut aufzubauen. Natürlich müssten wir unseren Mentoren reinen Wein einschenken und ihnen versichern, dass unsere eigentliche Aufgabe in keiner Weise darunter leiden wird.“

„Lass‘ uns gleich nochmal mit deinen Eltern darüber sprechen.“ meinte LI-Ming langsam,  Nachdem wir bei ihnen ein leichtes Menü gegessen hatten, stellten wir unseren Plan der begrenzten Selbstständigkeit vor. Während meine Mutter Bedenken hatte, wie wir das neben unserer irgendwann wiederbeginnenden Lehrtätigkeit schaffen wollten, stimmte mein Vater teilweise zu, goss uns aber gleich eine Menge Wasser in den Wein: „Zwar kann man sich nur in einer selbstständigen Tätigkeit voll entwickeln“, rief er, „wir haben das gleich nach der Wende erlebt, als wir unsere eigen Praxis öffneten. Aber es gibt in unserer Stadt schon 21 TCM-Praxen, dagegen kommt ihr so schnell nicht an. Außerdem muss die Praxis als medizinisches Unternehmen genehmigt werde, das kann eine Weile dauern. Was hältst du denn davon“ wandte er sich an meine Mutter, wenn wir die beiden als TCM-Zweig in unsere Praxismit aufnehmen. Dafür brauchen wir keine Genehmigung und sie können schon morgen anfangen?“

Schnell einigten wir uns darauf, nur die beiden Praktiken anzubieten, die wir in unseren Lehrstühlen vorgesehen haben:

      1.    Kräuterheilkunde,
2.   
Akupunktur,

„Mit 1. können wir sofort anfangen“, meinte ich, „dafür brauchen wir eine Liste der möglichen Anwendungen, die ich von Frau Dr. Johannsen bekommen kann, und Auswahl der notwendigen Kräuter. Außerdem sind Teegeschirr und ein Wasserkocher nötig. Diese Heilkunst würde ich am liebsten übernehmen.“ „Den Punkt 2. traue ich mir zu, denn ich glaube, als Frau das bessere Gefühl dafür zu haben“, schloss Li-Ming sich an. „Ich möchte mich allerdings vorher in einem Fachbuch genau informieren, vor allem, um die richtigen Körpermeridiane zu finden. Als Hilfsmittel benötigen wir lediglich eine Menge Nadeln.“

Da schaute mein Vater uns lächelnd an und sagte: „Lasst uns das übernehmen. Mutti und ich haben seit eurer Idee beschlossen, nach eurem Weggang die chinesische Medizin in unserer Praxis weiter anzubieten. Es wäre doch schade, dann die Investitionen verloren zu geben. Und wenn ihr dann irgendwann Eure Lehrstühle ein Jahr lang betrieben habt und zusammenleben wollt, könnt ihr wiederkommen oder euch vielleicht in San Francisco selbstständig machen.“

Am 15. Juni holten meine Eltern uns um halb elf ab, meine Mutter bewunderte das Kleid meiner Braut. Wie damals in Frisco trug sie die Haare offen und als Schmuck neben den Ohrhängern und dem Fingerring auch den dazu passenden Armreif. „Du siehst hinreißend aus“, konnte mein Vater nur sagen. Als Gäste hatten wir neben den Eltern nur Professor Baumann und meine beiden Mitarbeiter eingeladen. Die Standesbeamtin wiederholte ihre Worte von der Anmeldung: „Das habe ich noch nie gehabt, eine chinesisch geborene und in den USA eingebürgerte Frau will hier einen geborenen Deutschen heiraten. Das zeigt doch, wie international unsere Stadt geworden ist.“ Dann erklärte sie alles genau und hielt eine akzeptable Rede. Mit fester Stimme sagten wir beide das „Ja“ zu unserer Gemeinschaft, dann tauschten wir die Ringe. Als wir uns küssen durften, küsste ich meine Frau sehr herzhaft, die Beamtin sagte: „Aber Herr Mangold!“ und alle lachten.

Meine Eltern hatten Professor Baumann gebeten, die Festrede zu halten. Als erstes drückte er seine Freude aus, dass zwei so talentierte und erfolgreiche Wissenschaftler auch persönlich zueinander gefunden haben. Er sei stolz, durch meine Entsendung nach San Francisco selbst den Grundstein dafür gelegt zu haben, wofür er mit Beifall der Runde belohnt wurde. Leider sei ja ein Lehrbetrieb wegen der Pandemie weder hier noch in San Francisco möglich, er wünsche uns aber, dass unser beider erfolgreiche Vorbereitungen im Wintersemester zur Eröffnung unserer Lehrstühle führen könnten. Und er begrüße ausdrücklich, dass wir bis zum Beginn des Lehrbetriebes in einer TCM-Praxis praktische Erfahrungen sammelten, die uns sicherlich nützlich sein könnten. In meiner Antwort dankte ich ihm für die Initiation unserer wundervollen Verbindung und dann auch für die ständige Unterstützung meiner Arbeit. Danach erhob sich Li-Ming und dankte ebenfalls meinem Chef, dass er ihr einen so wundervollen Lebensgefährten vermittelt und auch ihre Arbeit immer unterstützt habe.

Als meine Eltern uns nach Hause fahren wollten, sagte meine Frau, sie habe noch einen Weg in der Stadt mit mir vor. Sie führte mich die paar Schritte zur Thomaskirche und auf die erste Bank vor den Altar. „Ich bin zwar keine Christin“, begann sie langsam zu sprechen, „aber auch ich verehre auf meine Art eine höhere Macht, die man Gott nennen kann und die du an diesem Ort anbetest. Ihr will ich mit dir an diesem heiligen Ort danken, dass sie uns verbunden hat und dir versprechen, immer nur dich mit aller Kraft zu lieben und dir ewige Treue zu halten, bis der Tod uns irgendwann scheidet.“ Mit diesen Worten umarmte und küsste sie mich innig. Ich war erschüttert, nie hatte ich mit einer derartigen Offenbarung gerechnet, dann fasste ich mich und dankte ihr in bewegten Worten mit demselben Versprechen. Glücklich saßen wir noch eine Weile in dieser schönen alten Kirche, in der wir soeben einen göttlichen Hauch verspürt hatten. Schließlich rafften wir uns auf und fuhren mit einer Taxe nach Hause. Natürlich mussten wir unsere jetzt vollkommen legale Gemeinschaft entsprechend feiern und fanden nur zum Abendessen kurz an den Tisch.

Da es weiterhin keine Aussicht gab, dass der Vorlesungsbetrieb in San Francisco demnächst wieder aufgenommen würde, beschloss meine Frau, vorläufig in Leipzig zu bleiben und erhielt von ihrem Chef das Plazet dafür. Er begrüßte sogar, dass wir die Wartezeit für unsere Selbstständigkeit nutzten. Er habe von vornherein damit gerechnet, dass Li-Ming nicht dauernd in San Francisco bleiben werde, nach dem sie sich mit mir verbunden hatte, schrieb er und dankte ihr, dass sie den Vorlesungsbetrieb nach der irgendwann erfolgenden Wiedereröffnung noch ein Jahr betreiben wolle. Gemeinsam mit meinen Eltern warben wir intensiv für unsere TCM-Praxis und hatten bald die ersten Patienten, die wir erfolgreich behandeln konnten. Daneben genossen wir gern unser Ehegemeinschaft, Ohne die Pandemie würden wir jetzt 9.000 Kilometer voneinander entfernt Traditionelle Chinesische Medizin lehren.

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